Dienstag, 16.06.2026 / 17:12 Uhr

Deal mit dem Iran: Trumps »Kultur des Spektakels«

Spektakel
Bild:
Thomas v. der Osten-Sacken

Am Wochenende habe ich aus Suleymaniah mit Florian Markl von Mena-Watch im Talk über Donald Trumps Auflösung der Politik in Events sowie die Gelassenheit der Menschen im kurdischen Nordirak gesprochen.

Aus der Ankündigung:

In der neuen Folge des Mena-Watch-Talks war Thomas von der Osten-Sacken wieder einmal aus Sulaimaniyya im Nordirak zugeschaltet, wo er mit der Hilfsorganisation Wadi e. V. bereits seit den 1990er-Jahren tätig ist. Bei den Menschen dort sei eine bemerkenswerte Gewöhnung an die Krise wahrzunehmen, erzählte er im Interview.

Als der amerikanisch-israelische Krieg gegen das iranische Regime Ende Februar begann, hätten viele Bewohner von Sulaimaniyya, das nur rund vierzig Kilometer von der iranischen Grenze entfernt liegt, eine Mischung aus Hoffnung und Angst verspürt. Auf den lange überfälligen Sturz des islamistischen Regimes in Teheran hätten nicht zuletzt die vielen iranischen Kurden gehofft, die im kurdischen Nordirak Zuflucht gefunden haben. Gleichzeitig hätten die iranischen Raketen und Drohnen, die auf dem Weg nach Israel buchstäblich über die Köpfe der Menschen in Sulaimaniyya hinweggeflogen sind, und die iranischen Angriffe auf Einrichtungen iranisch-kurdischer Parteien in der Region für große Angst gesorgt.

Drohnen und Raketen fliegen immer noch durch die Luft, zuletzt bei den erneuten iranischen Angriffen auf Israel Anfang letzter Woche. Aber die Hoffnung auf einen Regimewechsel sei mittlerweile genauso einer gewissen Ernüchterung gewichen, wie die Angst einer Art von Routine gewichen sei. Nicht mehr die Vorgänge der großen Politik bestimmten das Leben der Menschen, sondern die eher banalen Fragen des Alltags. Die Bedrohung durch den Krieg sei »inzwischen eher so zu einer der unliebsamen Realitäten des täglichen Lebens geworden, wie Hitze, nicht funktionierende Aircondition oder Staus auf den Straßen«, schildert von der Osten-Sacken. »Das ist vermutlich auch die beste Art und Weise des Umgangs mit diesem Irrsinn: ihn einfach nicht mehr ernst zu nehmen.«

Folgen des Klimawandels

Einer der erwähnten unliebsamen Realitäten des täglichen Lebens sei dieser Tage in Sulaimaniyya zu beobachten: Obwohl es erst Anfang Juni ist, steigen die Temperaturen selbst tagsüber bereits auf 36 Grad oder mehr. Im Hochsommer wird es noch einmal deutlich heißer werden. Vor zwanzig bis dreißig Jahren seien Höchsttemperaturen von 35 Grad noch die Ausnahme gewesen, erinnert sich von der Osten-Sacken. Heute müsse das schon als vergleichsweise moderat gelten. Selbst im bergigen Nordirak seien Temperaturen von jenseits der 40 Grad keine Seltenheit mehr.

Dabei sei diese Region von der Klimaerwärmung noch deutlich weniger betroffen als der südlichere Teil des Irak. In Bagdad und erst in Basra erreicht das Thermometer jetzt bereits 40 bis 45 Grad, und im Sommer hat es oft 50 Grad. Im Grunde sei ein normales Leben dort kaum mehr möglich.

Viele wohlhabendere Iraker aus dem Süden würden deshalb Wohnungen im Nordirak kaufen, um den dort vergleichsweise milderen Sommer zu überdauern, aber für die vielen armen Menschen sei das keine Option. Sie seien die Hauptleidtragenden des Klimawandels, zusammen mit den Hunderttausenden Binnenvertriebenen, die weiterhin in Containerlagern leben, die sich im Sommer extrem aufheizten.

Kultur des Spektakels

Einigen Raum nahm im Gespräch selbstverständlich wieder das Gezerre um ein mögliches Abkommen zwischen dem iranischen Regime und den USA zur Beendigung des Krieges ein. Osten-Sacken verwies auf eine Zählung von CNN, der zufolge US-Präsident Donald Trump seit Beginn des Waffenstillstands bereits rund vierzig Mal verkündet habe, eine Einigung stehe unmittelbar bevor. Nichts davon ist jemals tatsächlich eingetreten.

Für Osten-Sacken nehmen Trumps Verlautbarungen zunehmend den Charakter einer Event-Inszenierung an. Die Beschäftigung mit der Realität sei einer »Kultur des Spektakels« gewichen. » Trump behandelt auch diesen Iran-Krieg, als sei er ein Show-Event.« Erst am Morgen des Gesprächs habe der Präsident einmal mehr ein »Ende des Krieges« verkündet. Normalerweise wäre ein solches Ereignis eine Spitzenmeldung, doch heute werde das nicht einmal mehr achselzuckend zur Kenntnis genommen, weil niemand mehr glaube, was Trump von sich gebe.

Das treffe nicht zuletzt auch auf die Führung in Teheran zu, die nicht gewillt sei, bei dieser Inszenierung den ihr zugedachten Part zu spielen. Die trumpschen Drohungen würden dort schlicht nicht mehr ernst genommen werden, und damit löse sich Trumps Strategie, wenn man sie denn so nennen möchte, in Luft auf.

Andere Vorgeschichte

Im Gespräch thematisierte von der Osten-Sacken interessante Berichte über die unmittelbare Vorgeschichte des Krieges. Während viele Medien, darunter die New York Times in einem vielzitierten Bericht, Israel als treibende Kraft dargestellt haben, verwies von der Osten-Sacken auf Berichte ehemaliger israelischer Geheimdienstmitarbeiter, die darauf hinwiesen, dass Israel ursprünglich viel langfristigere Planungen verfolgt habe, die klar auf einen Regimewechsel im Iran abgezielt hätten. In diesem Zeitplan sei ein Krieg gegen das iranische Regime frühestens im Sommer vorgesehen gewesen.

In Wahrheit sei es nicht Israel, sondern Washington gewesen, das auf einen raschen Kriegsbeginn gedrängt habe. Diese überstürzte Entscheidung habe zahlreiche israelische Vorbereitungen, in denen nicht zuletzt iranisch-kurdische Gruppen eine wichtige Rolle gespielt hätten, zunichtegemacht. Bereits an Tag zwei des Krieges habe Trump verkündet, die amerikanisch-israelischen Operationen wollten keinen Regime-Change erreichen – damit sei die ursprünglich verfolgte israelische Strategie de facto begraben worden.

Osten-Sacken hält diese Version der Vorgeschichte des Krieges für durchaus plausibel, da mit ihr einige Vorgänge zu Beginn der Militärschläge plötzlich Sinn ergeben, über die man sich damals nur gewundert habe.

Veränderungen

Zum Ende des Gesprächs wandte von der Osten-Sacken den Blick weg von der großen Politik hin zu den positiven Entwicklungen, die in der Region durchaus stattfänden.

Er berichtete von einem kürzlichen Besuch in Halabdscha, einer Stadt nahe der iranischen Grenze. Die Stadt wurde einst vom Regime von Saddam Hussein massiv mit Giftgas bombardiert. Später hatten sich dort radikale Islamisten breitgemacht. Damals habe man auf den Straßen kaum Frauen gesehen, und die wenigen, die zu sehen waren, seien verschleiert gewesen. Heute eröffnen dort Frauen Restaurants und Unternehmen. »Das hätten wir uns vor 20 Jahren nicht vorstellen können.« Für von der Osten-Sacken sind solche Entwicklungen Ausdruck langfristiger gesellschaftlicher Veränderungen, die von außen leider kaum wahrgenommen würden.

Statt über große Themen zu streiten, präge eine gewisse Gelassenheit das Leben im kurdischen Nordirak. Weniger Debatten über Krieg und Frieden beherrschten den Alltag als ganz praktische Fragen, etwa, ob der Flughafen morgen offen sei oder nicht. »Man freut sich, wenn etwas Positives passiert – und wenn etwas Negatives passiert, ist man nicht überrascht.«