Sonntag, 07.06.2026 / 20:39 Uhr

Die FIFA als Autokratenverein

Infantino

Infantino und Bolsonaro 2021 in Katar

Bild:
Palácio do Planalto (Bildquelle)

Bekanntermaßen ist die FIFA unter Gianni Infantino so korrupt geworden, dass EX-Chef Sepp Blatter zum Boykott der WM aufrief. Und das soll was heißen.

Wie sehr Infantinos Tätigkeiten mit dem Golf zu tun haben - er residiert auch in Katar -, beschreibt James Montague, der über das Thema jüngst ein Buch veröffentlichte, in einem sehr erhellenden Interview mit der Frankfurter Rundschau:

"Saudi-Arabien lockt Stars wie Cristiano Ronaldo in die Liga, investiert in Newcastle United und zeigt sich als Bewerber von Sportevents. Was erhofft man sich dadurch?

Imagegewinn, Ablenkung und politischen Einfluss. MBS hat Saudi-Arabien wieder in die Schaltstellen der Macht zurückgebracht. Sportinvestitionen schaffen finanzielle Verbindungen, die politische Macht verleihen. Das funktioniert. Beim Golfturnier LIV Golf war Donald Trump involviert.

Und? Ist diese Strategie erfolgreich?

Schaut man sich an, wo Saudi-Arabien 2018 stand und wo heute, hat es sich auf jeden Fall gelohnt. MBS ist rehabilitiert und international integriert. Allerdings läuft nicht alles nach Plan: Einzelne Sportinvestitionen gehen zurück, die Asiatischen Winterspiele 2029 steigen nun doch in Kasachstan statt in Saudi-Arabien, und die Vision 2030 wurde angepasst – mit weniger Sport. (...)

Als ich 2008 erstmals nach Saudi-Arabien kam, war es einer der unfreiesten Orte, an denen ich je war: Frauen aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, keine Musik, keine Meinungsfreiheit, eine Religionspolizei. 2023 war ich erstaunt, wie viel sich verändert hatte: Frauen nehmen am öffentlichen Leben teil, dürfen Auto fahren und arbeiten, Kinos sind geöffnet. Das ist real. Aber gleichzeitig war es nie so gefährlich, seine Meinung zu sagen. (...)

Gianni Infantino ist der Chef der FIFA. Er lebte in Katar in Rufweite des Emirs, verlieh Trump einen Friedenspreis. Ist der Fußballweltverband noch ein Sportverband oder schon ein geopolitischer Akteur?

Die FIFA war schon immer politisch. Was sich verändert hat: Infantino ist der perfekte Handlanger der Autokraten. Wäre er kein FIFA-Chef, wäre er wahrscheinlich irgendwo in der Schweiz Banker und würde Steueroptimierungen für afrikanische Diktatoren durchführen. Er hat die kalkulierte Entscheidung getroffen, dass Autokraten die Welt regieren – und dass er sich mit Putin, MBS und Trump einschmeicheln muss, wenn er die FIFA wachsen lassen will. Dagegen zu gehen würde ihn zerstören.

Auch früher stand die FIFA in der Kritik, etwa aufgrund von Korruption. Ist Infantino hier wirklich eine andere Liga?

Ja, schon. Die Art von Korruption, die man unter Blatter sah – Rolex-Uhren, Kuverts voller Bargeld, Handlanger, die Schmiergelder lieferten –, dazu kommt es gar nicht mehr. Man muss sich nicht mehr bestechen, um eine WM zu gewinnen – das wird hinter den Kulissen auf höchster Ebene ausgehandelt. Saudi-Arabien war seit Beginn von Infantinos Amtszeit vor zehn Jahren absolut zentral für seine Ambitionen – ob beim Klub-WM-Turnier, bei der erweiterten WM, und jetzt mit der WM 2034. Saudi-Arabien ist das Fundament von Infantinos Amtszeit. Aber ich habe das Gefühl, dass die WM 2026 ihn und die FIFA vernichten könnte."