Mittwoch, 03.06.2026 / 16:58 Uhr

Iran International TV, geopolitische Interessen und die Marginalisierung von „Jin, Jiyan, Azadi“

Gastbeitrag von Kazem Moussavi
Iran Int

Studio von Iran International

Bild:
Iran International, Wikimedia Commons (Bildquelle)

Spätestens seit den Enthüllungen der Financial Times vom 28. Mai 2026 ist klar: Iran International TV ist weit mehr als ein Exil-Fernsehsender. Der Kanal agiert gemeinsam mit seinen direkt oder indirekt verbundenen Social-Media-Strukturen – tausende als „privat“ auftretende Accounts, die systematisch seine Inhalte verbreiten – als ein Instrument geopolitischer Einflussnahme. Er ist Teil eines internationalen Machtkonflikts um die Zukunft Irans, in dem regionale Mächte, westliche Interessen und bestimmte Exilströmungen um politische und mediale Deutungshoheit ringen.

In den vergangenen Jahren hat der Sender gezielt eine Astroturfing-Kampagne – also eine künstlich erzeugte scheinbare Graswurzelbewegung – zugunsten von Reza Pahlavi betrieben. Gleichzeitig wurden die Stimmen der Bewegung „Jin, Jiyan, Azadi" (Frau, Leben, Freiheit) sowie demokratischer Oppositionsgruppen im Exil systematisch marginalisiert und unsichtbar gemacht.

Iran International sowie die mit ihm verbundenen Plattformen – darunter auch das inzwischen geschlossene, offenkundig von Reza Pahlavi unterstützte „Man o To“ – fungieren faktisch als Sprachrohr der Pahlavi-Strömung. Unterstützt wird die Pahlavi-Strömung von bestimmten rechten und nationalistischen Kreisen im Westen sowie von autoritären Golfmonarchien. 

Die Enthüllungen der Financial Times: Eigentümer, Finanzierung und saudische Verstrickungen

Ein Bericht der Financial Times vom 28. Mai 2026 legt offen, was lange bestritten oder relativiert wurde: Die Muttergesellschaft von Iran International TV hat ihren Sitz auf den Kaimaninseln und ist eng mit saudischen Medien- und Investitionsnetzwerken verflochten.

Demnach gehört das Netzwerk dem in Großbritannien registrierten Unternehmen Volant. Eigentümer ist Adel Al-Abdulkarim, ein saudischer Staatsbürger. Volant wiederum ist eine Tochtergesellschaft von Infocast und wird von Saleh Al-Duais geleitet – ebenfalls Saudi und zugleich Direktor der Saudi Media and Studies Group, dem größten staatlich geprägten Medienkonzern Saudi-Arabiens. Die personellen und institutionellen Überschneidungen sind kein Zufall, sondern Ausdruck eines klaren politischen Zusammenhangs.

In den vergangenen fünf Jahren sind nahezu eine Milliarde US-Dollar in den Sender geflossen – trotz keiner Werbeeinnahmen und ohne ein tragfähiges Geschäftsmodell. Hinzu kommt ein Schuldenerlass beziehungsweise die Umwandlung von Schulden in Eigenkapital in Höhe von rund 825 Millionen US-Dollar (etwa 650 Millionen Pfund). Eine derart massive und kontinuierliche Finanzierung lässt sich ökonomisch nicht erklären. Sie ist politisch motiviert.

Diese Form der Finanzierung verweist auf eine strategische Einflussnahme auf die iranische Exilöffentlichkeit. Es geht nicht um Journalismus im klassischen Sinne, sondern um die Produktion von Narrativen, die Steuerung von Diskursen und die gezielte Verschiebung politischer Kräfteverhältnisse.

Die offengelegten Strukturen machen deutlich: Hier wird nicht nur berichtet, hier wird interveniert. Und es zeigt sich zugleich, dass auch westliche Machtzentren – bewusst oder opportunistisch – in Kommunikationsformen eingebunden sind, die den autoritären Logiken ähneln, die sie gegenüber der Islamischen Republik offiziell kritisieren.

Management von Iran International TV: Personalstruktur und politische Hintergründe

Auch ein Blick auf das Führungspersonal zeigt, dass es sich nicht um ein neutrales Medienprojekt handelt. Laut persischer Wikipedia war zunächst Rob Bynon, CEO von DMA Media, zeitweise für das Netzwerk verantwortlich. 

Seit Januar 2018 liegt die Leitung bei Mahmoud Enayat. Zu den zentralen Figuren zählen zudem Ali Asghar Ramezanpour als Nachrichtenverantwortlicher und Hossein Rassam als Programmdirektor.

Ramezanpour ist keine unbeschriebene Figur. Er gehörte im Iran dem sogenannten reformorientierten Lager der Islamischen Republik an und arbeitete später beim persischsprachigen Dienst der BBC. Unter Präsident Mohammad Khatami sowie unter dem damaligen Ershad-Minister Ahmad Masjed-Jamei war er stellvertretender Kulturminister im Ministerium für Kultur und Islamische Führung – jener Institution, die für Zensur, Kontrolle und ideologische Steuerung des kulturellen Lebens verantwortlich ist. In dieser Funktion leitete er auch die Internationale Buchmesse in Teheran, ein zentrales Instrument zur Verbreitung der ideologischen, darunter auch antisemitischen, Publikationen des Regimes.

Drohungen gegen Iran International und dessen Reporter:innen

Das iranische Regime bezeichnete den Sender als „terroristisch“ und soll laut Angaben des Kanals Drohungen gegen Mitarbeiter unterstützt haben. Tatsächlich kam es in London zu mehreren Angriffen und Einschüchterungsversuchen gegen Journalistinnen und Journalisten des Senders, die strafrechtliche Ermittlungen und Prozesse nach sich zogen. Diese Vorgänge verdeutlichen den repressiven und transnationalen Charakter der Islamischen Republik.

Die ungleichen medialen Kräfteverhältnisse

Die iranischen Oppositionskräfte, insbesondere die Bewegung „Jin, Jiyan, Azadi“ („Frau, Leben, Freiheit“), verfügen – wenn überhaupt – nur über minimale finanzielle und mediale Mittel. Oppositionelle Medien im Exil arbeiten zersplittert, finanziell prekär, strukturell schwach und unter permanentem Druck.

Dem gegenüber steht ein Machtkomplex: Das Mullah-Regime operiert mit einem dichten Geflecht aus staatlichen Medien, religiösen Institutionen, Lobbystrukturen und Geheimdienstapparaten – im Inland wie im Ausland – und profitiert zugleich von den politischen Spielräumen einer fortgesetzten Appeasementpolitik.

In dieser Konstellation ist mediale Sichtbarkeit keine Frage von Relevanz, sondern von Macht. Wer über Ressourcen verfügt, bestimmt, was sichtbar wird – und was verschwindet.

Große Exilmedien wie Iran International TV, ebenso wie BBC Farsi, Voice of America Persian und Deutsche Welle Farsi, besetzen genau dieses Machtvakuum. Ihre Reichweite entsteht nicht nur aus der Nachfrage nach Informationen jenseits des Regimes, sondern auch aus der Fähigkeit, Diskurse zu filtern, zu gewichten und politisch zu rahmen. Was als Alternative erscheint, reproduziert in Teilen die Logik von Auswahl, Ausblendung und Priorisierung.

Kleinere Medien, Satellitensender, Online-Plattformen und Podcasts bleiben demgegenüber randständig. Sie erreichen nur begrenzte Teile der Bevölkerung und stehen zugleich unter Druck durch Cyberangriffe, Einschüchterung, Internetsperren sowie gezielte Propaganda- und Verleumdungskampagnen.

Dass Iran International TV überwiegend als Streamingdienst operiert und damit außerhalb klassischer medienrechtlicher Kontrolle agiert, verschärft dieses Problem. Es entstehen Grauzonen, in denen politische Einflussnahme als Berichterstattung erscheint – mit direkten Folgen für die Meinungsbildung in der Diaspora und im Iran selbst.

Die Verzerrung der Protestrealität durch bestimmte Medien

Die vorliegenden Untersuchungen sind eindeutig: Das Iran-International-Netzwerk hat die Parolen der Pahlavi-Strömung im Iran um rund 400 Prozent überhöht. Etwa 81 Prozent der Berichterstattung widmen sich diesen Inhalten – eine massive Verschiebung der Realität.

Auch BBC Persian zeigt ein ähnliches Muster. Mit einem Anteil von 34 bis 35 Prozent werden Pahlavi-Parolen mehr als doppelt so stark gewichtet wie in der tatsächlichen Protestdynamik.

Das Ergebnis ist keine Verzerrung am Rand, sondern eine Umdeutung im Kern: Die zentralen Parolen der Protestierenden – gegen die Islamische Republik, gegen Armut, gegen strukturelle Unterdrückung – werden verdrängt, während monarchistische Slogans wie „Javid Shah“ künstlich in den Vordergrund gerückt werden.

Mediale Steuerung und monarchistische Hegemonie im Exil durch Manoto und Iran International TV

Diese mediale Verzerrung fand nicht isoliert statt. Eine vergleichbare mediale Linie verfolgten sowohl Manoto als auch Iran International.

Der persischsprachige Fernsehsender Manoto verfolgte über Jahre hinweg eine politisch einseitige und polarisierende Linie. Der Sender wurde offenkundig von Reza Pahlavi propagiert und unterstützt. Besonders problematisch war die positive Darstellung der Pahlavi-Dynastie sowie die Verharmlosung der SAVAK, der Geheimdienstorganisation der Schah-Zeit, die laut Amnesty International bereits in den 1970er Jahren international für Folter, Hinrichtungen und systematische Repression bekannt war.

Der bereits stillgelegte Sender verbreitete zudem verleumderische Narrative gegen nationale Minderheiten, insbesondere gegen kurdische Organisationen, die – in Anlehnung an die Positionen Reza Pahlavis – pauschal als „Separatisten“ dargestellt wurden, 

und verbreitete Propaganda gegen die Linke und die Mojahedin, indem er sie pauschal für die Machtübernahme der Islamischen Republik verantwortlich machte.

Zugleich wurden Aufnahmen kleiner monarchistischer Gruppen bei Protesten im Iran, die „Javid Shah“ riefen, medial so inszeniert, als repräsentiere diese Parole die gesamte Protestbewegung.

Ebenso gewann Iran International insbesondere während der Proteste nach der staatlichen Tötung von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 erheblichen Einfluss. Nach Einschätzung vieler Kritiker erhielten monarchistische Stimmen rund um Reza Pahlavi überproportional Raum und wurden zunehmend als zentrale politische Alternative zur Islamischen Republik inszeniert.

Diese Gewichtung war nicht neutral. Sie trug aktiv dazu bei, das politische Spektrum der iranischen Opposition zugunsten monarchistischer Narrative zu verengen. Durch selektive Auswahl, Gewichtung und permanente Wiederholung von Gästen, Themen, Bildern und Videos wurden politische Agenden gesetzt und verstärkt.

Diese Berichterstattung vertiefte die Spaltung der iranischen Opposition im Exil, schwächte die Jin Jiyan Azadi-Bewegung im Iran und verschärfte die politische Polarisierung der Protestbewegungen.

Iran International als Instrument monarchistischer Hegemonie im Exil – Die gezielte Entmündigung einer feministischen Bewegung

Iran International und ähnliche Medien schwächen nicht nur eine emanzipatorische Bewegung, sondern untergraben gleichzeitig die Möglichkeit einer pluralistischen, demokratischen Zukunft Irans – eine Zukunft, die von der Bewegung „Zan, Zendegie, Azadi" / „Woman, Life, Freedom" getragen wird.

Diese Bewegung entstand nicht als monarchistische Restaurationsbewegung, sondern als feministische, gesellschaftliche und antiautoritäre Revolte. Ihr Kern ist Demokratie und Gleichberechtigung in einem freien Iran: ohne Diktatur, ohne Atomraketen, ohne patriarchale Machtstrukturen.

Die Verdrängung dieser Bewegung aus der medialen Sichtbarkeit ist kein Nebeneffekt, sondern Teil eines politischen Konkurrenzkampfes, in dem finanzstarke Akteure gezielt Deutungshoheit herstellen. 

Zwischen der Brutalität der Islamischen Republik und den geopolitischen Interessen externer Mächte droht diese Bewegung – ebenso wie die demokratische und säkulare Opposition im Exil – zunehmend marginalisiert zu werden. Genau darin liegt die eigentliche Tragödie des heutigen Iran.

Lösungsvorschläge: Infrastruktur, unabhängige Medien und politische Solidarität

Um diese Marginalisierung zu durchbrechen, sind konkrete Schritte notwendig!

Sichere Internetinfrastruktur für den Iran: Der Zugang zu sicherem, unzensiertem Internet muss unabhängig von staatlichen Stellen gefördert werden. Satelliten-Internet-Initiativen (wie Starlink oder vergleichbare Technologien) sollten gezielt unterstützt werden, damit Aktivistinnen und Aktivisten im Iran frei kommunizieren, dokumentieren und sich vernetzen können. Die „Jin, Jiyan, Azadi"-Bewegung könnte davon direkt profitieren.

Finanzierung alternativer, unabhängiger Medien: Unabhängige, feministische und pluralistische Medien im Exil brauchen stabile, transparente Finanzierung – unabhängig von geopolitischen Akteuren oder monarchistischen Strömungen. Nur so kann eine Berichterstattung entstehen, die der Realität der Proteste gerecht wird.

Explizite politische Solidarität mit der Bewegung: Die demokratischen Oppositionsgruppen im Exil sollten sich klar auf die Prinzipien von „Jin, Jiyan, Azadi" ausrichten: Feminismus, Antiautoritarismus, Demokratie und Gleichberechtigung. Keine Partnerschaft mit Strömungen, die diese Bewegung instrumentalisieren oder marginalisieren.

Transparenz bei Medienfinanzierung und -eigentum: Medienorganisationen, die über den Iran berichten, müssen ihre Eigentümerstrukturen, Finanzquellen und politischen Verbindungen offenlegen. Nur so können Einflussnahmen und Astroturfing-Kampagnen erkennbar und hinterfragt werden.

Nur wenn ‚Jin, Jiyan, Azadi' wieder in ihrer eigenen Logik und mit ihrer eigenen Stimme hörbar wird, hat der Iran eine Chance auf eine wirklich demokratische, feministische und pluralistische Zukunft – und nicht auf eine Restauration alter autoritärer Strukturen in neuem Gewand.