Mädchen in Afghanistan: 1.735 Tage ohne Klassenzimmer
Von der Schule ausgeschlossen, sehen sich afghanische Mädchen mit einer sich verschlechternden psychischen Gesundheit, einem starken Anstieg von Kinderheiraten und einem Gesundheitssystem konfrontiert, dem die Frauen fehlen, die es am Leben erhalten.
Eintausendsiebenhundertfünfunddreißig: Das ist die Anzahl der Tage, an denen afghanische Mädchen vom Unterricht ausgeschlossen sind. Und diese Zahl steigt jeden Morgen weiter an. Die Zählung begann im September 2021, als die Taliban die Schulen für Jungen wieder öffneten, die Tore für deren Schwestern aber weiterhin erschlossen ließen. Ein Mädchen, das in jenem Herbst elf Jahre alt war, hat nun ihre gesamte Sekundarschulbildung verloren. Das sind jene Jahre, die darüber entscheiden, ob aus einem Menschen eine Ärztin wird oder ob sie als Braut verscherbelt wird. Diese Jahre wird sie nie wieder zurückbekommen. Es gibt keine Nachholprüfung für eine gestohlene Kindheit.
Afghanistan hält einen Rekord, den kein Land haben möchte: Es ist der einzige Ort auf der Welt, an dem es Mädchen verboten ist, über die Grundschule hinaus zu lernen. Diese Entwicklung geschah nicht zufällig oder ungewollt. Seit 2021 haben die Taliban mehr als siebzig Dekrete unterzeichnet, die Frauen und Mädchen das Recht auf Bildung, Arbeit, Reisen und sogar das Recht, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, entziehen.
UNICEF schätzt mittlerweile, dass etwa 2,2 Millionen Mädchen im Teenageralter vom Unterricht ausgeschlossen sind. Und diese Zahl steigt mit jedem Jahr, in dem die Taliban-Politik in Kraft bleibt, weiter an. Was aus der Ferne wie ein kaputtes Schulsystem aussieht, ist aus der Nähe betrachtet ein absichtlich errichteter Käfig.
Bestürzende Statistik
Fragt man, was das mit einem Kind macht, erhält man als Antwort Zahlen, die schwer zu ertragen sind. Forscher in Herat, der Stadt, mit der mein eigenes Leben untrennbar verbunden ist, befragten Mädchen, denen der Zugang zu Bildung verwehrt ist, und veröffentlichten ihre Ergebnisse im Journal of Public Health: Fast 88 Prozent zeigten Anzeichen einer Depression, und nahezu die Hälfte gab an, schon einmal daran gedacht zu haben, sich das Leben zu nehmen.
Eine separate Studie von UN Women ergab, dass 68 Prozent der afghanischen Frauen ihre psychische Gesundheit als schlecht oder sehr schlecht bezeichneten und dass viele mindestens eine Frau oder ein Mädchen kannten, das einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Afghanistan gehört mittlerweile zu den wenigen Ländern, in denen Frauen häufiger durch Selbstmord sterben als Männer. Nimmt man einem Mädchen die Zukunft, dann schließt man nicht einfach nur eine Schule. Man beginnt, ihr die Gründe zu nehmen, weiterzuleben.
Das Verbot, Schulen zu besuchen, hat zu einem Anstieg der Hochzeiten junger Mädchen geführt. Zwanzig Jahre lang war die Schulbildung das stärkste Bollwerk des Landes gegen Kinderheirat. Die Taliban haben nur vier Jahre gebraucht, es zur Gänze einzureißen. Vor 2021 wurden etwa 28 Prozent der afghanischen Frauen vor ihrem achtzehnten Geburtstag verheiratet. Die UNO schätzt, dass allein das Bildungsverbot das Risiko von Kinderheirat um ein Viertel erhöht hat. Eine Umfrage aus dem Jahr 2023 ergab denn auch, dass die Quote auf 39 Prozent gestiegen war.
Die Logik in einer ruinierten Wirtschaft ist gnadenlos: Eine Tochter, die nicht zur Schule gehen darf, wird als Kostenfaktor betrachtet, den es auszugleichen gilt, und als Walwar-Zahlung (Brautpreis), die es einzutreiben gilt. Im Mai dieses Jahres machte das Regime dies offiziell und erließ ein Dekret, das die Kinderheirat gesetzlich verankert und das Schweigen eines Mädchens bei Erreichen der Pubertät als ihre Zustimmung wertet. Dieselben Männer, die ihr nicht erlauben, die siebte Klasse zu beenden, haben entschieden, dass sie alt genug ist, um ohne ihre Zustimmung verheiratet zu werden.
Die Grausamkeit dieser Maßnahme beschränkt sich nicht auf eine Generation. Sie reicht bis in die nächste hinein. Im Dezember 2024 schlossen die Taliban den letzten Korridor, der für Frauen noch offen geblieben war, indem sie ihnen die Ausbildung zur Hebamme und Krankenschwester untersagten. Afghanistan verliert bereits etwa alle zwei Stunden eine Frau durch Schwangerschaft oder Geburt. Damit weist das Land eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten weltweit auf.
Durch die Schließung der Ausbildungsstätten hat die Regierung schätzungsweise 36.000 angehende Hebammen und Tausende von Krankenschwestern von Frauen abgeschnitten, die zukünftig gebären müssen, ohne dass ihnen eine qualifizierte Fachkraft zur Seite steht. In einer Gesellschaft, in der viele Frauen sich nicht von einem männlichen Arzt behandeln lassen wollen oder können, wird der Ausschluss von Frauen aus der Medizin zu einem langsamen Todesurteil für Mütter und noch ungeborene Kinder.
Hinzu kommen finanzielle Kosten in einem Land, das sich diese am wenigsten leisten kann. UNICEF schätzt, dass das Schulverbot für Mädchen im Sekundarbereich der afghanischen Wirtschaft in einem einzigen Jahr mindestens eine halbe Milliarde Dollar entzogen hat. Allein die Möglichkeit für einen einzigen Jahrgang an Mädchen, die Schule abzuschließen, hätte dem Land 5,4 Milliarden Dollar einbringen können. Rechnet man das Verbot der Hochschulbildung bis ins Jahr 2066 hoch, steigt der prognostizierte Verlust auf rund 9,6 Milliarden Dollar. Wer die Hälfte der Talente einer Nation einsperrt, kann nicht hoffen, dass diese auf eigenen Beinen stehen kann. Die Taliban löschen nicht nur Mädchen aus; sie zerstören die Zukunft, die jedem Afghanen versprochen wurde.
Verrat an den Mädchen und Frauen
Und dennoch weist die Welt ihnen immer wieder einen Platz am Tisch zu. Bei den Doha-Gesprächen in diesem Frühjahr wiesen die Gesandten der Taliban die Frage der Schulbildung für Mädchen als unbefugte Einmischung in »interne Angelegenheiten« zurück. Zu viele Diplomaten ließen ihnen das unkommentiert durchgehen und wandten sich wieder dem Thema der eingefrorenen Vermögenswerte zu.
Deshalb werde ich noch einmal sagen, was ich seit Jahren sage: Diplomatie ohne Frauen ist Verrat. Jede Verhandlung, die die Geschlechterapartheid für später abheftet und als Fußnote betrachtet, die erst dann wieder aufgegriffen wird, wenn die ernsten Angelegenheiten erledigt sind, vermittelt den Mädchen in Herat, Kabul und Kandahar, dass ihr Verschwinden ein fairer Preis für den Frieden anderer ist. Das ist kein Frieden. Es ist Nachsicht gegenüber einem Verbrechen.
Die Uhr tickt weiter: 1.735 Tage – und es werden immer mehr. Wir sind längst über den Punkt hinaus, an dem wir uns auf Nichtwissen herausreden können: Die Beweise liegen offen zutage. Die einzige Frage, die noch offen ist, ist, ob die Welt dies als den Notfall behandeln wird, der es ist.
Geschlechterapartheid sollte benannt und gesetzlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verankert werden. Es sollte keine Anerkennung, keine freigegebenen Milliarden und keine normalen Beziehungen zu diesem Regime geben, bis sich die Schultore wieder öffnen. Jemand muss für den Untergrundunterricht aufkommen und die Frauen schützen, die dort unter Einsatz ihrer Freiheit unterrichten. Und der Rest von uns muss sich an jedem einzelnen Tag weigern, wegzuschauen. Hinter jeder hier erwähnten Statistik stehen afghanische Mädchen, die still die Jahre zusammenzählen, die ihnen geraubt werden. Sie sind immer noch da. Sie warten immer noch. Und was wir ihnen schulden, ist nicht noch ein weiterer Tag des Schweigens.
(Der Beitrag wurde auf Englisch bei Middle East Uncovered veröffentlicht. Übersetzung von Alexander Gruber von Mena-Watch.)