Samstag, 06.06.2026 / 21:14 Uhr

Somalias Wahlkrise macht Mogadishu wieder zum Schlachtfeld

Gastbeitrag von Peter Laskowski
Mogadishu

Straße in Mogadishu nach einer Bombenexplosion

Bild:
AMISOM Public Information, Flickr (Bildquelle)

Die Verlängerung der Amtszeit von Präsident Hassan Sheikh Mohamud sollte den Weg zu Direktwahlen freiräumen. Herausgekommen ist: eine neue Legitimationskrise. Und wie so oft in Somalia melden sich die Bewaffneten zurück.

Mogadischu erlebt die schärfsten politischen Spannungen seit Jahren. Nach der oppositionelle Milizen Feuergefechte in der Hauptstadt. Die Regierung nennt es einen notwendigen Schritt Richtung Direktwahl. Die Opposition nennt es Verfassungsbruch. Dazwischen steht ein Staat, dessen Institutionen stabiler wirken sollen, als sie sind – kippt.

In der Nacht zum 4. Juni 2026 wurde aus Teilen Mogadischus ein Kampfgebiet. Regierungstruppen und Milizen, die sich der Opposition zurechnen lassen, schossen stundenlang aufeinander. Anwohner berichten von Schüssen, Explosionen und Mörsereinschlägen in mehreren Stadtteilen. Familien flohen, Fahrzeuge brannten aus, Wohnhäuser wurden beschädigt .

Reuters zitiert den Anwohner Ahmed Ismail: Eine Mörsergranate schlug im Haus meines Nachbarn ein und verletzte eine Mutter. Ein großes Haus in unserer Nähe steht ebenfalls in Flammen“ .

Die Polizei sprach von einer „großangelegten Sicherheitsoperation“ gegen schwer bewaffnete Milizen, die Mörserangriffe ausgeführt hätten. Die Opposition wiederum wirft der Regierung vor, unter dem Etikett „Sicherheit“ gezielt politische Gegner zu treffen.

Der frühere Premierminister Hassan Ali Khaire erklärte laut BBC: Die Verantwortung für alle Opfer und Schäden, die aus diesem Vorfall resultieren, liegt bei dem Präsidenten, dessen Amtszeit abgelaufen ist“.

Wie viele Opfer es gab, blieb zunächst unklar. Klar war nur dies: Wenn bewaffnete Verbände mitten in der Hauptstadt gegeneinander antreten, ist die Krise nicht mehr bloß ein Streit um Paragrafen.

Der Konflikt wird nicht länger nur mit juristischen Gutachten geführt. Er wird mit Waffen ausgetragen.

Der Streit um ein Jahr

Der unmittelbare Auslöser liegt in einer Verfassungsänderung, die das Parlament im März verabschiedete.

Nach Darstellung der Regierung soll sie den Übergang zu allgemeinen Direktwahlen möglich machen. Bislang funktioniert Somalias Wahlsystem überwiegend indirekt: Clanälteste bestimmen Delegierte, Delegierte bestimmen Abgeordnete, und diese wählen den Präsidenten. Dieses Modell entstand aus der Not eines Staates, dessen Institutionen nach Jahrzehnten Bürgerkrieg nur mühsam wieder zusammengesetzt wurden.

Präsident Hassan Sheikh Mohamud sagt: Somalia müsse diesen Übergang endlich hinter sich lassen. Die Reformen sollen Wahlen nach dem Prinzip „One Person, One Vote“ vorbereiten.

Der Gedanke hat Plausibilität. Wer Demokratie verlangt, muss erklären, warum Bürger auf Dauer nicht direkt über ihre politische Führung abstimmen sollen.

Nur: Die Opposition greift weniger das Ziel an als den Weg.

Ihre Kernbehauptung: Eine Verfassungsreform verliert an Legitimität, wenn sie ohne breiten politischen Konsens durchgedrückt wird – und zugleich die Amtszeit des amtierenden Präsidenten verlängert.

Damit ist der Widerspruch gesetzt, der die Debatte vergiftet. Die Regierung sagt, sie erweitere demokratische Rechte. Die Opposition hält dagegen: Rechte entstehen nicht aus Verfahren, die große Teile des politischen Spektrums zurückweisen.

Beide berufen sich auf Demokratie. Beide ziehen entgegengesetzte Schlüsse.

Opposition und das Projekt „Nationale Rettung“

Schon Wochen vor den jüngsten Kämpfen lag Eskalation in der Luft.

Am 20. April kündigten führende Oppositionspolitiker eine Plattform an, die sie „Nationale Rettung“ nennen.

Der ehemalige Premierminister Mohamed Hussein Roble sagte damals:

Wie Sie wissen, ist die Legislaturperiode des Parlaments beendet, und die Amtszeit des Präsidenten endet am 15. Mai“. Roble sprach von einer bevorstehenden „dunklen Phase“ und warnte vor einem Verfassungsvakuum.

Die Wortwahl ist nicht zufällig. Wer Regierungspolitik kritisiert, betreibt Opposition. Wer von „Rettung“ spricht, stellt eine Diagnose: Die Ordnung sei bereits beschädigt – und könne nur bewahrt werden, indem man sich ihr widersetzt.

Damit verschiebt sich die politische Logik. Die Opposition tritt nicht mehr als Konkurrentin der Regierung auf, sondern als Verteidigerin der Verfassung gegen die Regierung.

Die Regierung wiederum inszeniert sich als Verteidigerin der Demokratie gegen ein System, das Reformen blockiert.

Es geht deshalb nicht nur um Macht. Es geht um die Frage, wer überhaupt noch als legitimer Vertreter staatlicher Ordnung gelten darf.

Der Föderalismus schlägt zurück

Der Konflikt bleibt nicht in Mogadischu.

Besonders heikel ist die Haltung mehrerer föderaler Teilstaaten. Puntland und Jubaland lehnen zentrale Elemente der Verfassungsänderungen ab. Beide bestehen darauf, dass die Übergangsverfassung von 2012 weiterhin gilt – und dass die vorgesehenen Amtszeiten folglich schon ausgelaufen seien.

Darunter liegt ein Grundproblem Somalias: Formal ist der Staat föderal. In der Praxis wird die Balance zwischen Zentrum und Regionen fortwährend neu erkämpft.

Immer dieselbe Frage: Muss Somalia stärker zentralisiert werden, um handlungsfähiger zu sein? Oder ist gerade die Machtteilung die Voraussetzung für Stabilität?

Die aktuelle Krise zeigt, dass diese Frage bis heute offen ist.

Im März setzte die Bundesregierung Truppen in Baidoa ein, nachdem die Beziehungen zum Bundesstaat Südwest kollabiert waren. Die Regionalregierung zerbrach, Einwohner flohen, Hilfsorganisationen stellten ihre Arbeit zeitweise ein .

Wer die Kämpfe in Mogadischu verstehen will, darf also nicht am Stadtrand Halt machen. Der Konflikt handelt ebenso von der Verteilung politischer Macht zwischen Zentrum und Peripherie.

Die Schatten von 2021

In Somalia hat Erinnerung oft eine kurze Halbwertszeit. Krisen kommen im Paket, Sicherheitslagen kippen, der nächste Konflikt liegt schon bereit.

Trotzdem wird die Gegenwart immer wieder mit 2021 verglichen. Damals führte eine umstrittene Verlängerung politischer Mandate ebenfalls zu bewaffneten Spannungen in Mogadischu. Teile der Sicherheitskräfte zerfielen entlang politischer und clanbezogener Linien. Zehntausende Menschen flohen.

Der Vergleich drückt, weil die Ähnlichkeiten offenkundig sind: wieder Wahltermine, wieder Verfassungsdeutungen, wieder die Frage, ob Institutionen Regeln durchsetzen – oder Regeln den politischen Bedürfnissen anpassen.

Und doch gibt es einen Unterschied. Die Regierung kann auf konkrete Reformschritte verweisen. Die Kommunalwahlen in Mogadischu nach dem Prinzip „One Person, One Vote“ gelten ihr als Beleg, dass Direktwahlen praktisch machbar sind.

Gerade darin liegt die Tragik: Eine Reform, die mehr Demokratie bringen soll, erzeugt eine Krise, weil sich wichtige politische Akteure vom Zustandekommen ausgeschlossen fühlen.

Die internationale Gemeinschaft und ihre bekannte Sprache

Während in Mogadischu geschossen wurde, reagierten internationale Akteure mit jener Sprache, die in Krisenregionen fast schon als Ritual gilt.

Die US-Botschaft nannte die Gewalt „rücksichtslos“ und erklärte: „Die somalischen Führer aller Seiten tragen die Verantwortung, die Stabilität zu wahren und Differenzen auf friedlichem Wege beizulegen“.

Auch Großbritannien forderte Zurückhaltung . IGAD verurteilte die Gewalt und drängte auf Dialog. Die Europäische Union verlangte Konsens über einen Wahlfahrplan. Schon wenige Tage zuvor hatten 17 internationale Partner ihre Sorge über die politische Sackgasse geäußert und eine Verhandlungslösung angemahnt.Diese Erklärungen folgen derselben Logik: Man behandelt die Krise als Verhandlungsproblem.

Nur wird die entscheidende Voraussetzung immer brüchiger: Dialog setzt voraus, dass beide Seiten einander als legitime Gesprächspartner anerkennen. Genau darum streiten sie inzwischen.

Der stille Dritte: Al-Shabaab

Während Regierung und Opposition über Verfassung, Mandate und Wahlgesetze ringen, profitiert ein anderer Akteur von jeder Ablenkung: Al-Shabaab.

Die mit Al-Qaida verbundene Organisation kontrolliert weiterhin Teile des Landes und bleibt Somalias größte sicherheitspolitische Bedrohung. Seit Jahren versucht die Regierung, die Gruppe militärisch zurückzudrängen. Jede politische Krise macht dieses Vorhaben schwerer.

Analysten weisen seit Langem darauf hin, dass interne Machtkämpfe Al-Shabaab strategische Chancen eröffnen können . Der Zusammenhang ist schlicht: Ein Staat kann nicht gleichzeitig seine politische Legitimität verteidigen, seine Sicherheitskräfte zusammenhalten und einen langjährigen Aufstand bekämpfen, ohne dass es knirscht.

Je länger sich die Eliten mit sich selbst beschäftigen, desto größer wird der Raum für jene Kräfte, die den Staat grundsätzlich ablehnen.

Mehr als ein Wahlstreit

Somalias Krise ist nicht bloß ein Streit über Wahltermine. Sie ist ein Test für die politische Architektur des Landes.

Die Regierung sagt: Demokratische Reformen brauchen Mut und Entschlossenheit. Die Opposition sagt: Reformen ohne Konsens verlieren ihre demokratische Grundlage.

Beide Argumente haben Gewicht.

Das Problem beginnt dort, wo Gegensätze nicht mehr als Streit über Regeln verhandelt werden, sondern als Streit darüber, wer überhaupt das Recht hat, Regeln festzulegen.

An diesem Punkt scheint Somalia angekommen zu sein.

Die Schüsse in Mogadischu waren deshalb nicht nur Ausdruck einer Sicherheitskrise. Sie waren Symptom einer tieferen Frage: Kann ein fragiler Staat seine demokratischen Verfahren erneuern, ohne dabei jene politische Zustimmung zu verlieren, auf die jede Demokratie angewiesen ist?

Die Antwort entscheidet nicht nur über die Zukunft von Präsident Hassan Sheikh Mohamud. Sie entscheidet darüber, ob Somalia einen weiteren Schritt Richtung institutioneller Konsolidierung macht – oder erneut erlebt, wie politische Konflikte militärische Formen annehmen.