Afghanistan und Pakistan: Krieg an der Linie, die keiner anerkennt
Afghanistan und Pakistan eskalieren ihren Grenzkonflikt erneut. Luftangriffe, Drohnen, Terrorvorwürfe und zivile Opfer zeigen, wie aus einem Sicherheitsproblem ein offener Krieg geworden ist.
Seit Ende Juni und Anfang Juli 2026 stehen Pakistan und Afghanistan wieder direkt gegeneinander. Pakistan griff Ziele in den afghanischen Provinzen Paktia, Paktika und Kunar an und erklärte, dort hätten sich militante Gruppen verschanzt. Die Taliban-Regierung in Kabul spricht dagegen von Angriffen auf Wohngebiete und vielen zivilen Opfern. Wenig später meldete Pakistan, afghanische Drohnen über Belutschistan abgeschossen zu haben.
Anstoß für die neue Eskalation waren Anschläge auf pakistanische Sicherheitskräfte. Die Verantwortung dafür übernahm Jamaat-ul-Ahrar, eine Abspaltung der Tehrik-e-Taliban Pakistan. Der Konflikt konzentriert sich auf die Durand-Linie, die Pakistan als Staatsgrenze behandelt, während Afghanistan sie bis heute nicht offiziell anerkennt. Gekämpft wird militärisch. Den Preis zahlt vor allem die Bevölkerung.
Luftangriffe, Drohnen und die nächste Eskalationsstufe
Am 29. Juni 2026 griff Pakistan erneut Ziele auf afghanischem Gebiet an. Nach Darstellung Islamabads richtete sich die Operation gegen Jamaat-ul-Ahrar und die TTP. Informationsminister Attaullah Tarar sprach von Verstecken und Rückzugsräumen militanter Gruppen. Es ist die vertraute Sprache moderner Militärpolitik: Getroffen werden angeblich keine Dörfer, sondern „Infrastruktur“.
Kabul widersprach dieser Darstellung. Laut The Guardian sagte Taliban-Sprecher Hamdullah Fitrat, pakistanische Streitkräfte hätten im Bezirk Chamkani in der Provinz Paktia zunächst ein Wohnhaus getroffen. Als Menschen aus der Umgebung zur Hilfe geeilt seien, sei das Gebiet erneut angegriffen worden. Nach afghanischen Angaben starben 36 Zivilisten, 163 weitere wurden verletzt. Commonspace.eu berichtete unter Berufung auf UNAMA von mindestens 28 getöteten Zivilisten und 49 Verletzten, darunter Frauen und Kinder.
Wenige Tage später verschob sich der Konflikt auf pakistanisches Gebiet. Am 1. Juli erklärte das pakistanische Militär, vier von afghanischen Taliban gestartete Drohnen über Belutschistan abgeschossen zu haben. Die Drohnen seien nach dem Grenzübertritt durch „ausgefeilte Gegenmaßnahmen“ neutralisiert worden. Pakistan wertete den Vorfall als Beleg für die „Patronage und Unterstützung terroristischer Gruppierungen“ durch die Taliban.
Kabul stellte die Lage anders dar. Die afghanische Seite erklärte, sie habe mutmaßliche ISIL-Zentren im Bezirk Pishin sowie in Teilen Khyber Pakhtunkhwas angegriffen. Unabhängig prüfen ließen sich beide Versionen nicht.
Damit hat der Konflikt eine neue Qualität erreicht. Pakistan bombardiert Afghanistan nicht mehr nur als Vergeltung für mutmaßliche TTP-Aktivitäten. Afghanistan antwortet nun ebenfalls mit militärischen Mitteln. Aus Grenzscharmützeln ist ein Muster geworden: Anschlag, Luftangriff, Drohne, Dementi.
Die alten Ursachen: Durand-Linie, TTP und Pakistans Fehleinschätzung
Die aktuelle Gewalt ist neu, ihre Wurzeln sind alt. Die Durand-Linie wurde 1893 zwischen Britisch-Indien und dem Emirat Afghanistan gezogen. Sie trennt paschtunische Siedlungsgebiete und wurde nach der Gründung Pakistans 1947 zur Staatsgrenze. Afghanistan hat sie nie offiziell anerkannt . Für Pakistan ist sie Grenze. Für Afghanistan steht sie für historisches Unrecht. Für bewaffnete Gruppen ist sie Gelände.
Im Mittelpunkt steht die Tehrik-e-Taliban Pakistan. Die TTP ist nicht dasselbe wie die afghanischen Taliban, steht ihnen aber ideologisch und geschichtlich nahe. Sie entstand nach der US-Invasion in Afghanistan 2001 aus pakistanischen Dschihadisten, die sich gegen den pakistanischen Staat wandten. Seit 2007 ist sie offiziell organisiert und gilt als größte militante Gruppe Pakistans.
Islamabad beschuldigt Kabul, der TTP Schutzräume zu bieten. Die Taliban-Regierung weist das zurück und wirft Pakistan vor, feindliche Gruppen zu beherbergen und Afghanistans Souveränität zu verletzen. Der Sicherheitsanalyst Rahim Nasari beschrieb diese Logik gegenüber Al Jazeera knapp: „Im Kern handelt es sich um gegenseitige Erpressung. Kabul wirft Pakistan vor, Taliban-Gegner zu beherbergen, und Islamabad wirft Kabul vor, die Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) zu unterstützen“.
Darin liegt eine bittere historische Wendung. Pakistan hatte über Jahrzehnte mit den afghanischen Taliban kooperiert, sie geduldet oder als strategisches Gegengewicht zu Indien betrachtet. Als die Taliban 2021 wieder die Macht übernahmen, hoffte Islamabad zunächst auf Einfluss in Kabul. Günther und Ivanovs nennen diese Erwartung eine „bittere Ironie“: Was Pakistan lange als strategischen Vorteil sah, wurde zu einem eigenen Sicherheitsrisiko .
Ende Februar 2026 spitzte sich die Lage stark zu. Nach Angriffen auf pakistanische Militärposten reagierte Pakistan mit Bombardierungen in afghanischen Grenzprovinzen und urbanen Gebieten. Verteidigungsminister Khawaja Asif sagte: „Unsere Geduld ist am Ende. Jetzt herrscht offener Krieg zwischen uns und euch“. Das ist weniger Analyse als Drohung. Der Nachbar wird darin zum Gegner, den man militärisch disziplinieren will.
Pakistan steht tatsächlich unter massivem Sicherheitsdruck. Das Pakistan Institute for Peace Studies zählte 2025 landesweit 699 terroristische Angriffe, 34 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Mindestens 1.034 Menschen kamen dabei ums Leben . Diese Zahlen erklären den Druck auf Islamabad. Sie belegen aber nicht, dass Luftangriffe auf afghanische Dörfer eine Lösung bieten.
Vermittlung ohne Frieden: China, Indien und die Region
Mehrere Staaten versuchten, den Konflikt einzudämmen. Katar und die Türkei vermittelten im Oktober 2025 einen Waffenstillstand, der bald wieder brach. Auch Saudi-Arabien, Russland und China boten sich als Vermittler an. Im April 2026 trafen Vertreter Afghanistans und Pakistans in Urumqi zusammen. Eine formelle Waffenruhe kam nicht zustande, doch alle Seiten sprachen von konstruktiven Gesprächen.
China spielt in diesem Gefüge die wichtigste Rolle. Peking hat Einfluss auf Pakistan, sucht Stabilität in Afghanistan und will verhindern, dass Terrorismus, Grenzunsicherheit und regionale Rivalitäten seine eigenen Interessen gefährden. Günther und Ivanovs schreiben daher, „der Schlüssel, um den Konflikt zumindest zu beruhigen, könnte in China liegen“ . Von mehr als Beruhigung ist bisher allerdings wenig zu sehen. Laut Al Jazeera gingen die pakistanischen Luftangriffe nach den Gesprächen zeitweise zurück. Die Ruhe hielt etwa zwei Monate .
Auch Indien ist Teil der Rechnung. Pakistan betrachtet jede Annäherung zwischen Kabul und Neu-Delhi mit Misstrauen. Der CFR-Bericht weist darauf hin, dass Indien seine Beziehungen zu den Taliban seit 2021 schrittweise verbessert hat und im Oktober 2025 eine Taliban-Delegation in Neu-Delhi empfing. Aus pakistanischer Sicht ist das nicht nur Diplomatie. Es berührt die alte Angst vor Einkreisung, nun in neuer Form.
Russland erkannte das Taliban-Regime im Juli 2025 formell an. Laut CFR war Russland bislang der einzige Staat, der diesen Schritt vollzog. Andere Länder haben Botschaften wieder geöffnet oder Taliban-Vertreter akzeptiert. Das bedeutet nicht zwingend Sympathie. Es ist Realpolitik. Wer Afghanistan ignoriert, überlässt es anderen. Wer mit den Taliban spricht, normalisiert sie nicht automatisch, hilft ihnen aber dabei, faktische Macht in diplomatische Gewöhnung zu verwandeln.
Die Kosten tragen andere: Tote, Hunger und geschlossene Grenzen
Die militärische Bilanz bleibt umstritten. Die zivile Bilanz ist klarer und schwer. UNAMA meldete für die ersten drei Monate 2026 mindestens 372 getötete und 397 verletzte afghanische Zivilisten durch grenzüberschreitende Gewalt . Mehr als die Hälfte der Toten wird einem pakistanischen Luftangriff auf ein Drogenbehandlungszentrum in Kabul am 16. März zugerechnet. Nach UN-Angaben starben dabei mindestens 269 Menschen, 122 wurden verletzt. Die tatsächliche Zahl könne höher liegen, weil viele Leichen nicht identifiziert werden konnten .
Auch im Juni stiegen die Opferzahlen weiter. Am 10. Juni erklärte Pakistan, 26 Taliban-Kämpfer getötet zu haben. Die afghanische Regierung sprach dagegen von 13 getöteten Zivilisten, darunter elf Kinder, eine Frau und ein älterer Mann . Ende Juni meldeten afghanische Behörden erneut 36 tote Zivilisten und 163 Verletzte. Pakistan zählt Kämpfer. Kabul zählt Kinder. Internationale Organisationen versuchen, aus widersprüchlichen Angaben eine Mindestwahrheit zu sichern.
Die humanitäre Lage in Afghanistan verschärft sich weiter. Vor dem UN-Sicherheitsrat warnte Georgette Gagnon von UNAMA: „Was wir erleben, ist eine zunehmende Kontrolle durch die faktischen Machthaber ohne ein klares Endziel“. Edem Wosornu von OCHA sagte: „Afghanistan bleibt eine der größten und komplexesten humanitären Krisen weltweit“; fast die Hälfte des Landes sei auf Hilfe angewiesen . Für 2026 werden 21,9 Millionen Menschen als hilfsbedürftig beschrieben .
Der Hunger nimmt zu. Laut OCHA sind 4,7 Millionen Menschen von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, 50 Prozent mehr als im Vorjahr. 3,7 Millionen Kinder leiden an akuter Unterernährung . Gleichzeitig kehren Millionen Afghanen zurück. Seit 2023 seien fast 5,9 Millionen Menschen zurückgekehrt; 2026 könnten bis zu 2,8 Millionen weitere hinzukommen .
Besonders hart trifft die Taliban-Herrschaft Frauen und Mädchen. UNAMA schätzt, dass 3,8 Millionen Mädchen zwischen sieben und 18 Jahren keine Schule besuchen. Jedes Jahr würden etwa 250.000 weitere Mädchen dauerhaft vom Sekundarschulsystem ausgeschlossen. Dadurch gehe eine „Generation von Talenten und Potenzial“ verloren. Das ist keine bloße Begleiterscheinung des Krieges. Es ist Teil der Ordnung, in die dieser Krieg eingebettet ist.
Großer wirtschaftlicher Schaden
Auch wirtschaftlich richtet der Konflikt großen Schaden an. Geschlossene oder nur eingeschränkt nutzbare Grenzübergänge wie Torkham und Chaman treffen Handel, Versorgung und Preise. Für Afghanistan, das stark von Importen, Hilfsgeldern und informellen Netzwerken abhängt, wiegen solche Blockaden besonders schwer. Pakistan kann Grenzschließungen als Druckmittel einsetzen. Afghanistan kann sie kaum auffangen.
Dieser Konflikt lässt sich nicht auf eine umstrittene Linie auf der Landkarte reduzieren. Er verbindet koloniale Grenzziehung, pakistanische Sicherheitskrisen, Taliban-Herrschaft, regionale Rivalität, chinesische Vermittlung und humanitäre Not. Wer nur auf die TTP blickt, übersieht die Staaten. Wer nur die Staaten sieht, übersieht die Milizen. Wer nur die Milizen betrachtet, verliert die Menschen aus dem Blick.
Die jüngste Eskalation zeigt, dass die Gespräche in Urumqi keine Lösung brachten, sondern nur eine Pause. Frieden heißt hier oft: Die Waffen schweigen lange genug, damit Diplomaten ein Foto machen können. Danach beginnt der nächste Zyklus. Anschlag. Vergeltung. Opferzahlen. Dementi.
Relevant ist dieser Krieg weit über die Durand-Linie hinaus. Pakistan ist eine Atommacht. Afghanistan bleibt Rückzugs- und Durchgangsraum bewaffneter Gruppen. China, Indien, Russland, Iran, Saudi-Arabien, Katar und die Türkei verfolgen eigene Interessen. Europa kann wegsehen. Die Folgen verschwinden dadurch nicht: Migration, Terrorismus, humanitäre Hilfe und die Glaubwürdigkeit früherer Afghanistanpolitik bleiben Teil der Rechnung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Afghanistan und Pakistan wieder miteinander sprechen. Das müssen sie. Die Frage ist, wie viele Menschen vorher sterben müssen, damit die nächste Verhandlung schon wieder als Fortschritt gilt.