Mittwoch, 01.07.2026 / 18:36 Uhr

Homosexuelle im Iran: Die staatliche Ermordung der Unsichtbaren

Gastbeitrag von Kazem Moussavi
Iran schwul

Demonstration gegen das iranische Regime in Berlin im Oktober 2022

Bild:
C. Suthorn, Wikimedia Commons (Bildquelle)

Die Verfolgung und Ermordung Homosexueller ist kein Randaspekt des Teheraner Regimes, sondern zentraler Bestandteil der Ideologie und Herrschaftspraxis der Islamischen Republik Iran.

Die US-amerikanische Stadt Seattle erklärte das WM-Gruppenspiel zwischen dem Iran und Ägypten am 26. Juni 2026 zum sogenannten »Pride Match«. Der Termin fiel mit dem Pride-Wochenende der Stadt zusammen. Rund um das Spiel waren Veranstaltungen zur Unterstützung von LGBTQ-Rechten geplant. Das sportliche Ereignis wurde damit bewusst in einen politischen Kontext gestellt, der im direkten Gegensatz zur Ideologie der Islamischen Republik steht.

Die Fußballverbände der Islamischen Republik Iran und Ägyptens protestierten bei der FIFA gegen diese Entscheidung und lehnten Pride-Symbole im Stadion ab. Die FIFA stellte klar, dass die Fußball-Weltmeisterschaft ein inklusives Turnier sei und Regenbogenfahnen nach dem offiziellen Stadionkodex erlaubt bleiben. Der Konflikt verweist über den Sport hinaus auf den Gegensatz zwischen universellen Menschenrechten und einer religiös legitimierten autoritären Staatsdoktrin.

Homosexualität als Staatsverbrechen

Fast fünf Jahrzehnte nach der islamistischen Revolution gehört der Iran zu den wenigen Staaten weltweit, in denen einvernehmliche homosexuelle Beziehungen mit der Todesstrafe bedroht sind. Dies ist kein historisches Überbleibsel, sondern Ausdruck einer bis heute wirksamen Herrschaftsordnung, die auf religiösem Totalitarismus, Antisemitismus und der systematischen Kontrolle individueller Lebensführung basiert.

Die Feindschaft gegen Homosexuelle ist Teil einer Staatsideologie, die Israel als »zionistisches Gebilde« zum zentralen Feind erklärt und als Ursprung nahezu aller inneren und äußeren Konflikte konstruiert. Diese Feindbestimmung dient nicht nur der Außenpolitik, sondern strukturiert auch die innere Ordnung.

In dieser Logik werden auch Homosexualität, Feminismus, das Ablegen des Kopftuchs, die Baháʾī-Religion, Forderungen nach Minderheitenrechten, universelle Menschenrechte sowie die »Jin, Jiyan, Azadî«-Bewegung (»Frau, Leben, Freiheit«) als Ausdruck westlicher oder »zionistischer« Einflussnahme interpretiert. Damit wird politische und gesellschaftliche Opposition grundsätzlich delegitimiert und zur Sicherheitsbedrohung umgedeutet.

Homosexualität ist im Iran kein privates Verhalten, sondern ein strafrechtlich definierter Angriff auf die islamische Ordnung. Gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Männern (Lavat) und Frauen (Mosāheqeh) sind strafbar und können mit Auspeitschung, langen Haftstrafen und sogar der Todesstrafe geahndet werden.

Die Islamische Republik kriminalisiert Homosexualität jedoch nicht nur rechtlich, sondern auch symbolisch: Sie versucht, deren gesellschaftliche Existenz zu negieren. Der Satz des ehemaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad – »Im Iran haben wir keine Homosexuellen« – ist keine Randbemerkung, sondern eine staatspolitische Formel. Sichtbarkeit wird darin selbst zur Abweichung erklärt.

Das Ausmaß staatlicher Gewalt wird bewusst intransparent gehalten. Offizielle Statistiken existieren kaum. Ein durch WikiLeaks bekannt gewordenes britisches Diplomatenpapier aus dem Jahr sprach von 4.000 bis 6.000 Hinrichtungen homosexueller Menschen seit 1979. Diese Zahl ist nicht verifizierbar, verweist aber auf eine Dimension struktureller Gewalt.

Unabhängig davon ist dokumentiert, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Menschenrechtsorganisationen berichten regelmäßig über Hinrichtungen wegen angeblicher homosexueller Handlungen. International bekannt wurde die öffentliche Hinrichtung von Mahmoud Asgari und Ayaz Marhoni im Jahr 2005, deren rechtliche Grundlage bis heute umstritten ist – nicht jedoch die Tatsache der staatlichen Gewalt.

Terror gegen das Private

Die Todesstrafe steht am Ende eines Systems permanenter Kontrolle. Sicherheitsbehörden überwachen digitale Kommunikation, setzen Lockkontakte ein und führen gezielte Razzien in privaten Räumen durch. Verhaftungen gehen häufig mit Folter, psychischem Druck und erzwungenen Geständnissen einher. Rechtsstaatliche Verfahren sind in diesen Fällen faktisch nicht existent. Die Justiz dient der Durchsetzung moralischer und politischer Normen, nicht dem Schutz individueller Rechte.

Parallel wirkt gesellschaftliche Stigmatisierung. Staatliche Medien, religiöse Institutionen und das Bildungssystem reproduzieren über Jahrzehnte das Bild von Homosexualität als Krankheit oder westlicher Dekadenz. Dadurch wird Repression in den sozialen Raum verlängert: durch familiäre Gewalt, Ausgrenzung und erzwungene Unsichtbarkeit.

Der Umgang mit Transgeschlechtlichkeit zeigt die Funktionslogik des Systems besonders deutlich. Geschlechtsangleichende Operationen sind seit einer Fatwa Khomeinis unter bestimmten Bedingungen erlaubt und werden teilweise staatlich gefördert. International wurde dies häufig als Liberalisierung interpretiert. Tatsächlich berichten Betroffene jedoch von strukturellem Druck, Transitionen zu durchlaufen, um homosexuelle Identität in ein staatlich akzeptiertes binäres Geschlechtersystem zu überführen. Transgeschlechtlichkeit wird damit nicht als Selbstbestimmung anerkannt, sondern als Korrektur einer »Abweichung innerhalb der heteronormativen Ordnung behandelt.

Trotz massiver Risiken existiert Widerstand. Aktivistinnen und Aktivisten dokumentieren Menschenrechtsverletzungen, organisieren Fluchthilfe und machen Einzelfälle international sichtbar – oft unter Gefährdung ihrer Freiheit oder ihres Lebens. Die internationale Reaktion hingegen bleibt passiv. Resolutionen und Berichte haben die Rechtslage nicht verändert. Politische und wirtschaftliche Interessen bestimmen weiterhin den Umgang mit Teheran, während die Verfolgung sexueller Minderheiten weitgehend folgenlos bleibt.

Die systematische Verfolgung homosexueller Menschen ist kein Randaspekt der islamistischen Herrschaft im Iran, sondern ein zentraler Prüfstein der politischen Analyse der Islamischen Republik. Wer sie ausblendet, beschreibt das Regime unvollständig.