Montag, 20.07.2026 / 10:21 Uhr

Krieg als „göttlicher Segen“ – Khomeinis Doktrin und der Eskalationskurs des Regimes in Khuzestan

Gastbeitrag von Kazem Moussavi
Khomenei

Wandbild von Khomenei in Teheran

Bild:
Adam Jones, Flickr (Bildquelle)

Die Doktrin, dass Politik „Krieg ist ein göttlicher Segen“ sei, geht auf die Ideologie von Ayatollah Ruhollah Khomeini, dem Gründer der Islamischen Republik, während des Iran-Irak-Krieges von 1980 bis 1988 zurück.

Khomeini und seine Anhänger betrachteten den Krieg nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Möglichkeit, die Revolution zu festigen: die Gesellschaft zu mobilisieren, Oppositionelle und Systemgegner zu unterdrücken, einen Geist der Opferbereitschaft zu schaffen und die Machtstrukturen des Regimes auszubauen.

Äußere Konflikte wurden genutzt, um das Regime als Opfer ausländischer Mächte darzustellen. Die antiamerikanische, antiisraelische und antizionistische Propaganda des Regimes diente dazu, Unterstützung zu gewinnen, Proteste zu unterdrücken und von der Unterdrückung im Inneren und der Verbreitung seines Terrorismus, Islamismus und Antisemitismus in der Region abzulenken.

Diese Denkweise wird bis heute von Teilen der politischen und militärischen Führung sowie von regimetreuen Propagandastrukturen im Iran und auch außerhalb des Landes fortgeführt. Für die Menschen im Iran bedeutet dieser Krieg jedoch Zerstörung, Angst und den Verlust ihrer Zukunft. 

Diese Doktrin diente nicht nur der ideologischen Mobilisierung, sondern auch der Sicherung der Kriegsökonomie: Durch die Kontrolle über Schmuggelnetzwerke, Schattenökonomien und militärische Budgets festigten die Revolutionsgarden (IRGC) ihre Macht und bauten Parallelstrukturen auf, die bis heute das System durchdringen. Krieg bedeutet für das Regime nicht nur Überleben, sondern auch Profit.

Iran-Krieg im Süden wegen der Straße von Hormus

Seit einer Woche dauert der erneute Krieg im Süden des Iran, insbesondere in der Provinz Khuzestan, an. Nach Angaben des US-Zentralkommandos (CENTCOM) richten sich die Angriffe gegen Überwachungszentren, militärische Logistikinfrastruktur, unterirdische Waffendepots und Marinekapazitäten des iranischen Regimes.

Gleichzeitig gibt es Berichte über mögliche Bodentruppen und die Stationierung amerikanischer Kräfte auf der Insel Kharg. Trotz ihrer Entfernung zur Straße von Hormus ist Kharg strategisch zentral: Über die Insel werden etwa 90 Prozent der iranischen Ölexporte abgewickelt. Damit ist sie eine wirtschaftliche Lebensader des Regimes und ein entscheidender Faktor für seine Einnahmen und außenpolitische Handlungsfähigkeit.

Nach bisherigen Berichten ist Israel an den direkten Angriffen im Süden des Iran nicht unmittelbar beteiligt.

Nach offiziellen Darstellungen der USA gehört die Wiederöffnung der Straße von Hormus für die internationale Schifffahrt zu den zentralen Zielen der Operation. Das Regime hatte diese strategisch wichtige Wasserstraße blockiert.

Die Leidtragenden dieser jahrzehntelangen Politik des Regimes und des daraus entstandenen Krieges um Hormus sind nicht die Machthaber in Teheran, sondern die Bevölkerung – besonders die Menschen im ölreichen Süden des Iran.

Das Regime beruft sich auf das jüngste Memorandum of Understanding in Islamabad, Pakistan, und behauptet daraus eine besondere Kontrolle über die Straße von Hormus ableiten zu können. Das Memorandum sieht jedoch keine alleinige Verwaltung oder Souveränität der Islamischen Republik über die Meerenge vor, sondern eine zeitlich begrenzte, gebührenfreie Durchfahrt sowie Gespräche und Kooperationen mit Oman und den Golfstaaten.

Die USA betrachten dieses Memorandum als Übergangslösung für eine sichere und freie Schifffahrt. Sie lehnen iranische Alleinansprüche auf Hormus ab und vertreten die Position, dass eine dauerhafte Regelung nur unter Beteiligung der Anrainerstaaten und auf Grundlage des internationalen Rechts möglich ist.

Die Leidtragenden dieser jahrzehntelangen Politik des Regimes und des daraus entstandenen Krieges um Hormus sind nicht die Machthaber in Teheran, sondern die Bevölkerung – besonders die Menschen im ölreichen Süden des Iran, darunter viele sunnitisch-arabische Bewohner Khuzestans, die während der Herrschaft der Islamischen Republik besonders unter rassistischer, politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unterdrückung sowie zunehmender Armut und unzugänglicher Lebensinfrastruktur massiv leiden.

US-Präsident Donald Trump hat erklärt, dass ein Regimewechsel nicht das Ziel seiner Politik sei. Doch gerade diese Ambivalenz – einerseits Militärschläge, andererseits Verhandlungen mit denselben Machtstrukturen – stärkt das Regime: Es inszeniert sich als unverzichtbarer Verhandlungspartner, während es im Inneren weiterhin Menschenrechtsverbrechen begeht.

Dieser Krieg ist daher keine Strategie zur Befreiung des Iran und ersetzt nicht den Kampf der iranischen Bevölkerung für einen demokratischen Wandel. Das Regime instrumentalisiert jedoch das Leid der Menschen im Iran für seine eigene politische Agenda.

Zwischen US-Angriffen und Regime-Eskalation

Auch das iranische Regime nutzt den US-Angriff im Süden zur Eskalation nach außen. Durch Raketenangriffe auf US-Militärstützpunkte und Ziele in Nachbarländern, Angriffe auf Handelsschiffe im Golf von Oman sowie die Mobilisierung von Stellvertretermilizen im Irak, Jemen, Libanon und in Gaza versucht die Islamische Republik, den Konflikt zu regionalisieren und die USA in einen Mehrfrontenkrieg zu verwickeln. Laut Meldungen wurden dabei unter anderem zwei US-Soldaten getötet und mehr als neun weitere verletzt.

Raketen gegen die kurdische Opposition: Krieg nach außen, Repression nach innen

Jüngst richtet die Islamische Republik ihre Gewalt auch gegen politische Gegner. Nach Berichten wurden am 17. Juli 2026 Raketen- und Drohnenangriffe auf Hauptquartiere und Lager iranisch-kurdischer Parteien in der Region Kurdistan im Irak durchgeführt. Dabei sollen mindestens neun Komala-Peschmerga getötet und mehrere weitere verletzt worden sein.

Diese Angriffe zeigen, dass die Repression des Regimes nicht an den Grenzen des Iran endet. Die Islamische Republik nutzt militärische Gewalt gegen oppositionelle Kräfte und gefährdet damit Menschenleben sowie die Sicherheit der Region Kurdistan und des Irak.

Der Schutz demokratischer und oppositioneller Kräfte ist eine Verantwortung der internationalen Gesellschaft und der in der Region präsenten Kräfte, einschließlich der USA.

Todesurteile gegen politische Gefangene während des Krieges

Während des Krieges im Süden des Landes hat das Regime vor zwei Tagen mindestens 13 politisch Inhaftierte im Zentralgefängnis von Isfahan (Dastgerd) in Schauprozessen zum Tode verurteilt – darunter Majid Kazemi, Saeed Yaqoubi und Saleh Mirhashmi.

Die Urteile basieren auf erzwungenen Geständnissen unter Folter und fehlerhaften Gerichtsverfahren. Der Oberste Gerichtshof hat zwar in einigen Fällen die Todesstrafe aufgehoben, doch bei anderen wurden die Revisionen abgelehnt. Die Betroffenen befinden sich in akuter Lebensgefahr.

Sängerin Parastoo Ahmadi zu 74 Peitschenhieben verurteilt

Während des Kriegs im Süden wurde außerdem die iranische Sängerin Parastoo Ahmadi von einem Gericht in der Provinz Qom zu 74 Peitschenhieben verurteilt – begründet mit einem viralen YouTube-Konzert aus dem Jahr 2024, bei dem sie ohne Kopftuch auftrat. Zusätzlich wurden sie und acht weitere Mitglieder ihres Produktionsteams für zwei Jahre mit einem Auftritts- und Reiseverbot belegt.

Krieg schafft keine Befreiung

Die Erfahrungen der Iran-Kriege 2025 und 2026 zeigen, dass Luftangriffe und militärische Eskalation allein keinen demokratischen Wandel schaffen und das Regime nicht stürzen konnten.

Die Zerstörung von Brücken, Wohnhäusern, Industrieanlagen sowie Wasser- und Stromversorgung trifft vor allem die Bevölkerung, intensiviert die Menschenrechtsverletzungspolitik und gefährdet ihre Existenz, nicht die Machtstrukturen des Regimes, mit dem der US-Präsident Gespräche und Abkommen sucht.

Wer Freiheit und Demokratie für den Iran will, darf militärische Eskalation nicht mit Befreiung verwechseln. Die Zukunft des Iran kann nur durch die Menschen im Iran selbst bestimmt werden – durch die konsequente Unterstützung der Jin-Jiyan-Azadi-/Frau-Leben-Freiheit-Bewegung und ihren Kampf für Frieden, Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Pluralismus, die Trennung von Religion und Staat und einen atomwaffenfreien Iran.

Die demokratische Alternative im Iran ist keine abstrakte Hoffnung: Sie wird getragen von der diversen demokratischen Oppositionsgruppen, von Gewerkschaften wie der Vereinigung der Busfahrer Teherans, von Frauenrechtsnetzwerken wie „Stop Child Executions“ und „Women for Life“, sowie von politischen Gefangenen, Studentenbewegungen und ethnischen Minderheiten – Kurden, Araber, Belutschen – die seit Jahrzehnten für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung kämpfen.