Montag, 13.07.2026 / 14:42 Uhr

Mehr als zwei Armeen: Sudans zersplitterter Krieg

Sudans Krieg wird meist als einer zwischen den Sudanesischen Streitkräften und den Rapid Support Forces beschrieben. Tatsächlich kämpfen jedoch wandelnde Bündnisse um Land, Gold, Handelsrouten und die politische Zukunft des Landes. Gleichzeitig übernehmen zivile Netzwerke staatliche Aufgaben an Orten, an denen Uniformen längst nicht mehr für öffentliche Ordnung, sondern vor allem für Herrschaft stehen.

Seit dem 15. April 2023 kämpfen die Sudanesischen Streitkräfte, kurz SAF, unter Abdel Fattah al-Burhan gegen die von Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, geführten Rapid Support Forces, kurz RSF. Die Fronten ziehen sich von Khartum über Kordofan bis nach Darfur. Doch keine der beiden Seiten ist eine geschlossene Armee. Hinter SAF und RSF stehen Bündnisse aus Milizen, Stammesverbänden, ehemaligen Rebellengruppen, ideologischen Brigaden, lokalen Befehlshabern und ausländischen Kämpfern.

Loyalität richtet sich dabei oft weniger nach politischen Zielen als nach dem Zugang zu Sold, Beute, Gold, Land und wichtigen Transitrouten. Einheiten wechseln deshalb die Seite, Allianzen zerfallen und Frontlinien verschieben sich. Selbst Waffenstillstände bleiben häufig Absprachen mit Akteuren, die ihre eigenen Kämpfer nur begrenzt kontrollieren.

Währenddessen sichern Notfallzentren, Widerstandskomitees, Berufsverbände, Gemeinderäte und traditionelle Vermittler vielerorts die Versorgung und organisieren den Alltag. Wer Frieden im Sudan auf eine Einigung zwischen zwei Generälen beschränkt, verhandelt über den Staat, ohne das Land zu verstehen.

Bündnisse unter Waffen

Die einfachste Erzählung dieses Krieges kennt zwei Lager: auf der einen Seite die reguläre Armee, auf der anderen die Paramilitärs. Dieses Bild funktioniert auf Landkarten, bei Pressekonferenzen und an Verhandlungstischen. Die Wirklichkeit lässt sich darin jedoch kaum abbilden.

Das Africa Center for Strategic Studies geht von rund 150 beteiligten Milizen aus. SAF und RSF beschreibt es nicht als einheitliche Organisationen, sondern als „wechselnde Koalitionen bewaffneter Gruppen“.

Die SAF verfügt weiterhin über klassische staatliche Sicherheitsorgane wie Heer, Luftwaffe, Marine, Militärgeheimdienst, Grenzschutz und Polizeikräfte. Zugleich ist sie auf zahlreiche Verbündete angewiesen. Dazu zählen die Sudanesischen Volkswiderstandskräfte, die Sudan Shield Forces, Darfur-Gruppen wie die Bewegung von Minni Minawi und Jibril Ibrahims seit 2012 gefürte Justice and Equality Movement sowie islamistische Formationen wie die al-Baraa-Bin-Malik-Brigade.

Der heutige Krieg ist daher mehr als der persönliche Machtkampf zweier Generäle. Er ist auch die Folge eines Sicherheitsapparats, dessen Fragmentierung lange politisch gewollt war.

Noch lockerer ist die RSF organisiert. Ihr Kern rekrutiert sich aus Rizeigat-Milizen, insbesondere aus den Mahriya- und Mahamid-Clans. Ergänzt wird dieses Geflecht durch arabische Gruppen aus Darfur und Kordofan, nichtarabische Abspaltungen ehemaliger Rebellenbewegungen, die SPLM-N-Fraktion unter Abdelaziz al-Hilu und Kämpfer aus dem Ausland. Berichtet wird unter anderem von kolumbianischen Söldnern sowie bewaffneten Gruppen aus Tschad, Südsudan, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik.

Diese Zersplitterung ist historisch gewachsen. Sudanesische Regierungen delegierten Gewalt über Jahrzehnte hinweg an Milizen. Unter Omar al-Baschir setzte der Staat die Janjaweed in Darfur zur Aufstandsbekämpfung ein. Aus diesem Umfeld gingen später die RSF hervor.

Der heutige Krieg ist daher mehr als der persönliche Machtkampf zweier Generäle. Er ist auch die Folge eines Sicherheitsapparats, dessen Fragmentierung lange politisch gewollt war.

War WATCH unterscheidet mehrere nichtinternationale bewaffnete Konflikte: zwischen dem Sudan und der RSF, zwischen dem Sudan und der SPLM-N al-Hilu sowie zwischen RSF und SPLM-N al-Hilu.. Die Einordnung macht sichtbar, dass bewaffnete Gruppen je nach Region und Zeitpunkt als Verbündete oder Gegner auftreten können. Dokumentiert sind außerdem wahllose Angriffe auf zivile Orte, Folter, sexualisierte Gewalt, willkürliche Inhaftierungen und die Rekrutierung von Kindern.

Seitenwechsel als Teil der Kriegsführung

Wie instabil die Bündnisse sind, zeigt sich besonders an den zahlreichen Überläufen. Im Jahr 2026 wechselten die Kommandeure Ali Rizq-Allah, bekannt als Saffana, und al-Nour al-Goba von der RSF zur SAF. Beide stammen aus dem Mahamid-Zweig der Rizeigat und damit aus einem gesellschaftlichen Milieu, das zum Kern der RSF gehört.

ACLED wertet ihre Abkehr als Hinweis auf wachsende Spannungen innerhalb eines dezentralen Bündnisses, das vor allem über persönliche Absprachen und materielle Gegenleistungen zusammengehalten wird. Mit zunehmendem Ressourcenmangel gerät dieses Modell unter Druck.

Es trägt, solange Loyalität mit Sold, Beute und Zugang zu Handelswegen vergütet werden kann. Nach militärischen Gebietsverlusten wurden diese Mittel knapper. Gleichzeitig verschärften sich Konflikte zwischen Gruppen, die nominell auf derselben Seite standen. Im März 2026 kamen bei Kämpfen zwischen Nuer und Misseriya, die beide mit der RSF verbündet waren, 32 Menschen ums Leben.

Auch die RSF und die SPLM-N al-Hilu gerieten in Süd-Kordofan aneinander, obwohl sie eine gemeinsame politische Plattform unterhielten. Streit um Land, Bergbau und ethnische Zugehörigkeit erwies sich dort als stärker als die offiziell formulierten nationalen Ziele.

Die SAF versucht, solche Brüche gezielt zu nutzen. Dabei setzt sie auf Vermittler wie Musa Hilal und stellt Überläufern eine Rückkehr auf die Seite des Staates in Aussicht. Al-Burhan erklärte, wer die Kämpfe beende und zum Staat zurückkehre, könne seinen Fall überprüfen lassen. Politisch entspricht das der Aussicht auf Amnestie.

Wie widersprüchlich diese Strategie ist, zeigt Abu Aqla Keikal. Zunächst wechselte er von der SAF zur RSF und unterstützte deren Einnahme von al-Jazirah. Später kehrte er zur SAF zurück und wirkte an der Rückeroberung des Gebiets mit. Obwohl die Europäische Union und das Vereinigte Königreich ihn wegen Menschenrechtsverletzungen sanktionierten, blieb sein militärischer Nutzen offenbar ausschlaggebend. Verantwortlichkeit könne dadurch „zum Preis der Verhandlung“ werden, warnt Elhag.

Überläufe können die RSF militärisch schwächen. Ein Ende des Krieges folgt daraus jedoch nicht automatisch. Zerfallende Allianzen können neue bewaffnete Gruppen hervorbringen, lokale Auseinandersetzungen verschärfen und Gewalt über Staatsgrenzen hinweg verbreiten. Ehemalige Kommandeure könnten sich der SAF anschließen, eigene Machtzentren errichten oder als Söldner in Nachbarländern weiterkämpfen. Wenn eine Koalition zerbricht, sinkt die Zahl der bewaffneten Akteure deshalb nicht zwingend.

Der Staat als Kriegsbeute

Dieser Krieg vernichtet staatliche Strukturen nicht nur. Er zerlegt ihre Funktionen und verteilt sie unter neuen Akteuren.

In Khartum sind Registerwesen, Steuererhebung und kommunale Dienstleistungen weitgehend zusammengebrochen. Port Sudan dient inzwischen als Sitz einer von der SAF getragenen Verwaltung, deren tatsächlicher Einfluss regional begrenzt ist. In Gebieten unter Kontrolle der RSF entstanden eigene Verwaltungsbüros, Gerichte, Genehmigungsverfahren und Kontrollpunkte. Beide Kriegsparteien präsentieren territoriale Kontrolle als Beweis politischer Handlungsfähigkeit.

Parallel dazu erfüllen zivile Netzwerke Aufgaben, die früher staatliche Behörden übernahmen. Emergency Response Rooms und Widerstandskomitees betreiben Gemeinschaftsküchen, organisieren medizinische Versorgung, verteilen Wasser und ermöglichen Bildung sowie psychosoziale Unterstützung. Nach Schätzung des Africa Center engagieren sich in diesen Strukturen etwa 26.000 Menschen in allen 18 Bundesstaaten. Ihre Angebote sollen Millionen erreicht haben.

Eglal Hamid stellt deshalb eine zentrale Frage: Entscheidend sei nicht allein, wer den Staat kontrolliere, sondern auch, wer das tägliche Leben gestalte, wenn dieser Staat nicht mehr funktioniere.

In Darfur und Kordofan handeln traditionelle Autoritäten Zugangswege für Hilfskonvois aus, schlichten örtliche Konflikte und sorgen dafür, dass Märkte geöffnet bleiben. Auch Handelskammern, Gemeinderäte, Berufsverbände und Ältestenräte übernehmen praktische Verwaltungsaufgaben. Eine gemeinsame staatliche Ordnung bilden sie jedoch nicht.

Diese Strukturen sind keineswegs automatisch gerecht oder demokratisch. Lokale Autoritäten können Schutz gewährleisten, zugleich aber bestehende Hierarchien verfestigen. Kontrollpunkte, Transitgebühren, Goldschmuggel, Lösegeldforderungen und Plünderungen speisen eine Kriegsökonomie, in der die Kontrolle über Straßen unmittelbar politische Macht erzeugt.

Auch die zivilen Flügel von SAF und RSF ändern daran wenig. Beide Bündnisse stellen sich als legitime Alternative für die Regierung des Landes dar. Ihre zivilen Vertreter verfügen jedoch nur über begrenzten Einfluss und bleiben den militärischen Führungen untergeordnet. Eine politische Ordnung wird nicht allein deshalb zivil, weil einige ihrer Repräsentanten keine Uniform tragen.

Frieden entsteht nicht nur im Präsidentenpalast

Ein Waffenstillstand zwischen SAF und RSF ist unverzichtbar. Frieden wäre damit noch nicht erreicht.

Selbst eine Vereinbarung zwischen Burhan und Hemedti müsste von zahlreichen bewaffneten Verbänden mitgetragen werden, deren Interessen häufig lokal und wirtschaftlich bestimmt sind. Kommandeure, die mit Goldhandel, Kontrollpunkten oder grenzüberschreitenden Geschäften Geld verdienen, verlieren diese Einnahmen nicht freiwillig, nur weil ihre nominellen Anführer einen Vertrag unterschreiben.

Eine tragfähige Nachkriegsordnung muss Schutz von Erpressung unterscheiden, Vermittlung von Patronage und lokale Legitimität von bewaffneter Gebietsherrschaft.

Entwaffnung und Demobilisierung lassen sich deshalb kaum als landesweit einheitliches Verwaltungsprogramm durchsetzen. Solche Prozesse müssten regional organisiert, schrittweise umgesetzt und durch glaubwürdige Sicherheitsgarantien abgesichert werden.

Gleichzeitig darf die Eingliederung von Kämpfern nicht dazu führen, dass schwere Verbrechen ungeahndet bleiben. Sonst würde der rechtzeitige Seitenwechsel zum wirksamsten Schutz vor Strafverfolgung.

Auch der Wiederaufbau darf sich nicht auf Khartum konzentrieren. Fawzi Ahmed warnt, dass ein Waffenstillstand ohne Konzept für lokale zivile Behörden zersplitterte und räuberische Herrschaftsformen dauerhaft festigen könnte. Sein Argument trifft einen entscheidenden Punkt: Über Frieden wird nicht allein auf dem Schlachtfeld entschieden. Ebenso wichtig sind Gerichte, Finanzämter, Schulen sowie die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln.

Eine tragfähige Nachkriegsordnung muss Schutz von Erpressung unterscheiden, Vermittlung von Patronage und lokale Legitimität von bewaffneter Gebietsherrschaft. Zivile Netzwerke brauchen Unterstützung, traditionelle Autoritäten müssen einbezogen werden. Dabei dürfen weder neue Abhängigkeiten entstehen noch Privilegien dauerhaft an Herkunft oder Familienzugehörigkeit gebunden werden.

Internationale Vermittler arbeiten bevorzugt mit zwei Konfliktparteien. Zwei Unterschriften sind leichter zu organisieren als die Interessen von rund 150 bewaffneten Gruppen. Ein Abkommen, das lediglich SAF und RSF politische Machtanteile zuspricht, könnte die Kämpfe im Zentrum eindämmen und sie zugleich in den Regionen festschreiben.

Eine solche Lösung würde diejenigen belohnen, die den Staat mit Waffengewalt beanspruchen. Übergangen würden dagegen viele jener Akteure, die während des Krieges seine grundlegenden Aufgaben übernommen haben. Regionale Gruppen müssen daher frühzeitig an einem Friedensprozess beteiligt werden. Es reicht nicht, sie erst nach einer nationalen Einigung über deren Folgen zu informieren.

Zivile Akteure sind keine symbolische dritte Kraft. Nach Angaben des Africa Center vereint Somoud rund 300 Organisationen. Daneben bestehen Tausende Widerstandskomitees, Berufsverbände, Frauenbündnisse, Jugendgruppen und Notfallzentren.

Diese Gruppen bilden keinen geschlossenen Block und sind selbst von Konflikten geprägt. Gerade darin spiegeln sie die gesellschaftliche Vielfalt des Sudan jedoch besser wider als die beiden militärischen Lager.

Bei einzelnen Daten und Angaben zur Truppenstärke widersprechen sich die Quellen. Der Fall El Faschers wird beispielsweise teils auf Oktober, teils auf November 2025 datiert. Solche Abweichungen zeigen, wie schwierig eine verlässliche Berichterstattung unter Kriegsbedingungen ist. An der grundlegenden Diagnose ändern sie wenig.

Der Krieg im Sudan ist kein einfacher Zweikampf. Er besteht aus konkurrierenden Gewaltakteuren, lokalen Herrschaftssystemen und zivilen Strukturen, die den ausgefallenen Staat teilweise ersetzen.

Ein militärischer Erfolg der SAF könnte die RSF zurückdrängen, ohne das zugrunde liegende Milizsystem zu beseitigen. Ein Zerfall der RSF könnte ihre Führung schwächen und gleichzeitig neue bewaffnete Machtzentren entstehen lassen. Ein Vertrag zwischen beiden Seiten könnte die Zahl der Schüsse verringern, während die Ursachen des Krieges bestehen bleiben.

Stabilisierung beginnt deshalb weder erst nach dem Ende der Kämpfe noch ausschließlich im Präsidentenpalast. Sie beginnt überall dort, wo Menschen darüber entscheiden, wer Wasser verteilt, Märkte offen hält, Schulen schützt, Streit schlichtet und Täter zur Verantwortung zieht.

Praktische Handlungsfähigkeit allein genügt dabei nicht. Sie muss an Rechte, Rechenschaftspflicht und politische Teilhabe gebunden sein. Andernfalls trägt die nächste bewaffnete Ordnung nur eine andere Uniform.