Sonntag, 12.07.2026 / 18:21 Uhr

Millionen oder Hunderttausende? Der Propagandakrieg um Khameneis Beerdigung

Gastbeitrag von Kazem Moussavi
khamenei

Trauerfeier für Khamenei in Teheran

Bild:
Mehr News, Wikimedia Commons (Bildquelle)

Das iranische Regime behauptet, Millionen hätten an den Trauerfeiern für Ali al-Khameneis teilgenommen. Doch diese Zahlen scheinen fraglich. Derweil fanden sich eine Vielzahl internationaler Unterstützer in Teheran ein.

Der Tod von Ali Khamenei markierte nicht nur das Ende einer jahrzehntelangen diktatorischen religiösen Herrschaft, sondern stellte die Islamische Republik vor die Herausforderung, ihre politische Kontinuität und Kontrolle zu inszenieren.

Ali Khamenei war über Jahrzehnte das Zentrum der Machtstruktur des Regimes. Seine Stellung beruhte auf der Verbindung von religiöser Autorität, politischer Kontrolle und der Führung zentraler Macht-, Sicherheits- und Repressionsapparate.

Sein Verlust ist für das Mullah-Regime nicht ersetzbar. Auch sein ernannter Nachfolger, sein Sohn Mojtaba Khamenei, besitzt keine vergleichbare religiöse und politische Autorität. Seine mögliche Rolle innerhalb des Systems kann nur durch bestehende Repressionsstrukturen und die Unterstützung durch die Revolutionsgarden abgesichert werden. 

Seine Abwesenheit während der gesamten Trauerzeremonien wurde offiziell mit Sicherheitsgründen begründet. Zugleich erklärte Hojatoleslam Mohsen Qomi, Mojtaba Khamenei führe weiterhin die Staatsgeschäfte und überwache zentrale politische Entscheidungen. 

Die symbolische Rolle des Imam Mahdi in der Nachfolgefrage

Eine solche bislang unsichtbare Rolle Mojtaba Khameneis im Hintergrund – er trat nach dem Tod seines Vaters und auch während der Beerdigungszeremonien nicht öffentlich in Erscheinung – wird teilweise mit der schiitischen Tradition des verborgenen zwölften Imams Mahdi verglichen. Diese religiöse Vorstellung dient der symbolischen Legitimation einer indirekten Führungsrolle. Nach schiitischem Glauben wird die Wiederkehr des Imam Mahdi erwartet, um Unterdrückung und Tyrannei in der Welt zu beenden. Nach der Ideologie der Velayat-e Faqih, wie sie von den herrschenden Teheraner Ayatollahs und den Islamischen Revolutionsgarden vertreten wird, nimmt der Vali-ye Faqih bis zur Wiederkehr des Imam Mahdi dessen religiöse und politische Führungsfunktion wahr. 

Diese religiöse Vorstellung dient der ideologischen Legitimation einer indirekten Führungsrolle und ermöglicht es dem System, politische Macht mit religiöser Symbolik zu verbinden.

Die Revolutionsgarden als Machtfaktor nach Khamenei

Nach Khameneis Tod gewinnt daher der Einfluss des Sicherheitsapparats, insbesondere der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), innerhalb der Machtstruktur des Systems weiter an Bedeutung. Die Revolutionsgarden sind nicht nur ein militärischer Akteur, sondern ein politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Machtfaktor. Sie spielen zudem eine zentrale Rolle bei den Raketenprogrammen der Islamischen Republik.

Die Beerdigung als Machtdemonstration

Während der Zeremonien wurden zudem Botschaften zur Unterstützung Mojtaba Khameneis und zur Fortsetzung des politischen Weges seines Vaters verbreitet. 

Mojtaba Khamenei erklärte in einer während der Beerdigungszeremonien veröffentlichten Botschaft, in Qom, Najaf, Kerbela und Maschhad hätten sich „Zehner von Millionen“ Menschen versammelt. Zugleich erklärte er, sein Vater werde mit dem Erscheinen des zwölften schiitischen Imams Mahdi zurückkehren. Damit verband das Regime die Nachfolgefrage erneut mit schiitischen Erlösungsvorstellungen.

Die staatlich organisierte Trauerzeremonie verband religiöse Symbolik mit politischer Machtdarstellung. Die Inszenierung sollte nach innen und außen den Eindruck von Kontinuität und Kontrolle vermitteln. 

Bereits Tage vor den zentralen Veranstaltungen verbreiteten staatliche Stellen Teilnehmerzahlen von 15 bis 25 Millionen. Diese Angaben waren ein zentraler Bestandteil der offiziellen Kommunikationsstrategie. Sie sollten im Iran und international den Eindruck vermitteln, dass die Islamische Republik weiterhin über breite gesellschaftliche Unterstützung und Kontrolle verfügt. 

Die Geografie der Machtinszenierung

Die Zeremonien erstreckten sich über mehrere symbolisch bedeutsame Orte: Teheran, Qom, Najaf, Kerbela und schließlich Maschhad. 

Die Auswahl dieser Orte verband drei Ebenen der Macht: die staatliche Führung in Teheran, die religiöse Legitimation der schiitischen Zentren und den regionalen Einfluss des Iran über schiitische Netzwerke und Verbündete.

Der zentrale Ort der Zeremonie lag in Teheran, im Mosalla-Komplex des Imam-Khomeini-Geländes.

Der Imam-Khomeini-Moscheekomplex umfasst im Kernbereich etwa 63 bis 65 Hektar, während das gesamte Areal rund 204 Hektar umfasst. Der Hauptsaal (Shabestan) bietet Platz für etwa 110.000 bis 150.000 Menschen.

Unter Einbeziehung der umliegenden Freiflächen können bei Großveranstaltungen deutlich mehr Menschen aufgenommen werden. Diese Kapazitäten stellen jedoch keine tatsächliche Teilnehmerzahl dar.

Die folgenden Trauerzeremonien in Qom sowie an den schiitischen Pilgerorten Najaf und Kerbela folgten derselben politischen Logik. Die abschließende Zeremonie und Beisetzung erfolgte am Freitag, dem 10.07.2026, in Maschhad im Gebäudekomplex des Mausoleums des achten schiitischen Imams Reza. Während drei Söhne Ali Khameneis anwesend waren, fehlte Mojtaba Khamenei.

Religiöse Mobilisierung und die Funktion der Madahan (sog. religiöse Lob- und Trauerredner)

Das Regime versucht, eine traditionelle schiitische Trauerkultur in ein Instrument politischer Mobilisierung umzuwandeln.

Die Teilnahme an solchen Zeremonien besitzt im Iran unterschiedliche politische und gesellschaftliche Bedeutungen. Menschen nehmen aus Treue zum Regime, aus religiösen und kulturellen Traditionen oder unter sozialem und politischem Druck innerhalb eines totalitären Systems teil.

Die organisierte Mobilisierung durch staatliche Institutionen, religiöse Netzwerke und Basij-nahe Strukturen im Iran sowie durch irakische Proxikräfte in Najaf und Kerbela wurde vom Regime als Ausdruck gesellschaftlicher Unterstützung dargestellt. Die sichtbare Präsenz von Revolutionsgarden, Basij und Sicherheitsapparaten unterstrich zusätzlich den staatlich kontrollierten Charakter der Veranstaltung. Die Inszenierung sollte auch den regionalen Verbündeten des Iran – insbesondere schiitischen Milizen und politischen Verbündeten – Kontinuität signalisieren. 

Eine besondere Rolle spielten die sogenannten Madahan – regimenahe Trauer- und Klagegruppen, die insbesondere im Monat Moharram bei Trauerveranstaltungen für die Familie der Ahl al-Bayt auftreten.

Diese Gruppen sind organisatorisch mit staatlichen und halbstaatlichen Strukturen verbunden und Teil der ideologischen Mobilisierung des Regimes. Ihre Netzwerke werden auch zur Kontrolle und Unterdrückung öffentlicher Proteste eingesetzt.

Während der Zeremonien verbreiteten sie religiöse Gesänge mit antiwestlichen und antiisraelischen Botschaften. Sie skandierten Blutrache- und Vergeltungsparolen gegen Donald Trump und Benjamin Netanjahu. Von Rednern wurden zudem direkte Drohungen gegen Trump verbreitet, die von Teilen der Menge unterstützt wurden.

Trump reagierte darauf mit massiven Drohungen gegen die Islamische Republik und kündigte im Falle eines Angriffs auf ihn oder die USA eine harte militärische Antwort an, wie Reuters berichtete.

Internationale Verstärkung der Inszenierung durch westliche Influencer 

Die Propagandakampagne blieb nicht auf den Iran beschränkt. Die Islamische Republik lud gezielt ausländische Medienvertreter:innen, Blogger:innen und Influencer:innen zur Beerdigung nach Teheran ein.

Nach Berichten von IranWire lud das Regime rund 400 ausländische Blogger, Influencer und Medienaktivisten ein. Mohammad Mehdi Imanipour, Leiter der Organisation für islamische Kultur und Beziehungen, bestätigte diese Zahl und erklärte, die eingeladenen ausländischen Stimmen sollten ein Bild der Zeremonie für das internationale Publikum vermitteln.

Unter den eingeladenen Teilnehmern befanden sich auch westliche und US-amerikanische Influencer sowie politische Aktivisten, die in der Vergangenheit durch proiranische und prorussische politische Positionen bekannt geworden waren. Dazu gehörten unter anderem:

Jackson Hinkle, ein US-amerikanischer politischer Kommentator und bekennender „MAGA-Kommunist“, der während der Zeremonien antiamerikanische und antiisraelische Parolen verbreitete.

Cella Walsh, eine US-amerikanische Aktivistin, die Khamenei wiederholt als antiimperialistischen Führer würdigte.

Christopher Helali, ein US-amerikanischer Lehrer und Mitbegründer der American Communist Party, der bereits zuvor seine Unterstützung für die Islamische Republik öffentlich zeigte.

Max Blumenthal, Gründer der US-amerikanischen Plattform The Grayzone.

Bushra Sheikh, eine britisch-pakistanische Influencerin, die bereits zuvor an Iran-Reisen mit Nähe zur offiziellen iranischen Darstellung teilgenommen hatte.

Die Beiträge, Bilder und Aussagen dieser eingeladenen Personen wurden von iranischen Staatsmedien und regierungsnahen Plattformen aufgegriffen und verbreitet. Damit versuchte das Regime, internationale Stimmen zur Unterstützung seiner Darstellung einzusetzen und der kritischen Berichterstattung westlicher Medien ein alternatives Narrativ entgegenzustellen.

Der Kampf um die Zahlen

Der zentrale Propagandakampf konzentrierte sich auf die Teilnehmerzahlen.

Die staatlichen Medien der Islamischen Republik verbreiteten zunächst 15 bis 25 Millionen, später bis zu 30 Millionen Teilnehmer:innen. Auch Mojtaba Khamenei sprach von „Zehnern von Millionen“ versammelten Menschen. Diese Angaben wurden unabhängig nicht bestätigt.

Die Differenz lag in der Berechnung: Das Regime addierte Teilnehmer verschiedener Tage, Städte und Veranstaltungsphasen zu einer Gesamtsumme. Internationale Beobachtungen bewerteten dagegen sichtbare Menschenmengen an konkreten Orten und Zeitpunkten.

Offizielle Angaben und unabhängige Beobachtungen

Iranische Staatsnachrichtenagenturen behaupteten schließlich, dass 41 bis 43 Millionen Menschen an den Zeremonien im Iran und im Irak teilgenommen hätten.

Unabhängige Medien und iranische Oppositionskräfte bewerten diese Angaben als überhöht und schätzen die tatsächliche Teilnehmerzahl selbst an den besucherstärksten Tagen auf rund 400.000 Menschen.

Reuters, Associated Press (AP), Agence France-Presse (AFP) und weitere internationale Medien berichteten von großen Menschenmengen, bestätigten jedoch die offiziellen Millionenangaben nicht. Ihre Berichte stützten sich auf Beobachtungen vor Ort, Bildmaterial und Angaben ihrer Reporter:innen. Visuelle Analysen und räumliche Bewertungen sprechen dafür, dass die tatsächliche Teilnehmerzahl deutlich unter den offiziellen Angaben gelegen haben dürfte.

Die Auseinandersetzung um die Teilnehmerzahlen wurde damit selbst Teil der Propaganda- und Kontrollstrategie des Systems. 

Machtdemonstration und Legitimationskrise: Die Grenzen des Appeasements gegenüber der Islamischen Republik

Die Überhöhung der Teilnehmerzahlen, die Kontrolle der Bildverbreitung und die Einbindung ausländischer Stimmen zeigen den Versuch des Regimes, politische Legitimität durch demonstrierte Unterstützung darzustellen.

Das Regime versuchte, Stärke sichtbar zu produzieren, weil seine tatsächliche gesellschaftliche Akzeptanz umstritten ist. Die Darstellung von Massen, internationaler Unterstützung und ideologischer Geschlossenheit sollte Zweifel an der Stabilität des Systems nach innen und außen zurückdrängen.

Dies löste jedoch nicht die zunehmenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Probleme der Menschen im Iran. Auch die internationalen Konflikte des Regimes, insbesondere der Atomkonflikt, blieben ungelöst.

Diese Konflikte sind ideologisch verankert und können nicht durch propagandistische Großveranstaltungen gelöst werden.

Nach dem Tod Ali Khameneis wird das Regime versuchen, seine Machtbasis durch verstärkte Repression im Inneren, die Fortsetzung islamistischer Ideologie, antisemitische Vernichtungsrhetorik, die Unterstützung verbündeter Milizen in der Region gegen Israel sowie durch Raketen- und Drohnenprogramme zu sichern.

Der Westen darf die Beerdigungszeremonie Khameneis und die damit verbundene Propagandastrategie nicht als Ausdruck echter Stabilität des Regimes interpretieren. Eine Politik des Appeasements gegenüber der Islamischen Republik muss beendet werden.

Quellen

https://www.reuters.com/world/middle-east/irans-slain-leader-khamenei-laid-state-tehran-week-mass-funeral-events-2026-07-03/  

https://www.reuters.com/world/khamenei-funeral-live-irans-supreme-leader-mojtaba-absent-crowds-gather-mourn-2026-07-06/  

https://www.reuters.com/world/middle-east/iran-prepares-bury-slain-supreme-leader-with-week-mass-mourning-2026-07-02/  

https://iranwire.com/en/news/154549-iran-flies-in-400-foreign-influencers-for-khamenei-funeral-coverage/  

http://www.jpost.com/middle-east/iran-news/article-901719  

https://www.reuters.com/pictures/funeral-procession-ayatollah-ali-khamenei-crosses-border-into-iraq-2026-07-08/  

https://www.reuters.com/world/middle-east/iran-says-funeral-late-supreme-leader-khamenei-begin-july-4-burial-set-july-9-2026-06-/