Verbrechen im Sudan: El Fasher war eine Warnung — El Obeid könnte die Wiederholung werden!
Amnesty International beschuldigt die Rapid Support Forces, in El Fasher Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ethnische Säuberungen begangen zu haben. Er zeigt, wie Rassismus in al-Fashir zu einem Massenmord führte.
Die Vereinten Nationen sahen bereits im Februar Hinweise auf einen möglichen Völkermord. Nun rückt El Obeid in den Blick. Und wieder wirkt die internationale Gemeinschaft, als beherrsche sie vor allem eine Kunst: Warnungen nachträglich ernst zu nehmen.
Nach Darstellung von Amnesty töteten, folterten, vergewaltigten, entführten, hungerten und vertrieben die RSF zwischen Anfang 2024 und Oktober 2025 Zivilisten in und um El Fasher in Nord-Darfur. Der Bericht vom 1. Juli 2026 kommt zu dem Ergebnis, dass die RSF während der Belagerung und Einnahme der Stadt Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie ethnische Säuberungen verübten. Viele Opfer wurden angegriffen, weil sie nicht-arabischen Gemeinschaften angehörten, besonders den Zaghawa und den Fur.
Eine unabhängige UN-Untersuchungskommission hatte bereits im Februar festgestellt, die Gewalt in El Fasher trage die „Merkmale eines Völkermords“. Während solche Befunde in diplomatische Formeln übersetzt werden, steht El Obeid unter Druck. Dort sind laut Al Jazeera rund 500.000 Menschen eingeschlossen, darunter etwa 105.000 Binnenvertriebene. Der Unterschied zwischen El Fasher und El Obeid könnte weniger in der Methode liegen als im Zeitpunkt: Das eine ist dokumentiert. Das andere kündigt sich an.
Kein Nebel des Krieges, sondern ein Muster
Amnesty beschreibt die Gewalt in Nord-Darfur nicht als Folge chaotischer Kämpfe, sondern als Kampagne gegen Zivilisten. Die Organisation dokumentiert Mord, Vertreibung, Inhaftierung, Folter, Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, weitere sexualisierte Gewalt, Versklavung, Vernichtung und Verfolgung . Diese Liste klingt nüchtern. Gerade deshalb ist sie schwer zu entschärfen. Wer die Verbrechen einzeln benennt, lässt der bequemen Formel von „Exzessen“ wenig Raum.
Für den Bericht befragte Amnesty nach eigenen Angaben 247 Menschen, darunter 208 Überlebende, 169 Erwachsene und 39 Kinder. Hinzu kamen 89 ausgewertete Videos sowie Satellitenbilder aus Nord-Darfur . Zahlen ersetzen keine Wahrheit, aber sie erschweren ihr Verschwinden. Ein Staat kann leugnen, eine Miliz kann lügen, ein Video kann aus dem Zusammenhang gerissen werden. Doch wenn Interviews, Satellitenbilder, Tätervideos und übereinstimmende Aussagen dasselbe Muster zeigen, bleibt vom angeblichen Nebel des Krieges wenig übrig.
Die UN hatte dieses Muster bereits früher beschrieben. Im Bericht A/HRC/61/77 heißt es, die Massentötungen und damit verbundenen Gräueltaten der RSF in und um El Fasher wiesen Anzeichen für einen Völkermord auf. Genannt wird eine 18-monatige Belagerung, in der die RSF Lebensbedingungen geschaffen hätten, die auf die physische Vernichtung nicht-arabischer Gemeinschaften zielten, besonders der Zaghawa und der Fur . Das ist vorsichtige juristische Sprache. Sie schreit nicht. Sie zählt. Genau darin liegt ihre Anklage.
Amnesty stützt damit nicht nur die Erkenntnisse der UN. Die Organisation nimmt auch einer alten Ausrede den Boden: Man habe es nicht wissen können. Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International, sagte: „Die Welt wurde vor den Gräueltaten gewarnt, denen Zivilisten in El Fascher ausgesetzt waren, als die RSF die Stadt belagerte“7. Der Satz hält fest: Dieses Verbrechen kam nicht aus dem Nichts. Es hatte Vorlauf, Satellitenbilder, Hilferufe und diplomatische Termine.
Der Wall als militärische Linie und politische Metapher
El Fasher wurde nicht einfach erobert. Die Stadt wurde abgeschnürt. Nach Amnesty dauerte die Belagerung von Mai 2024 bis Oktober 2025. Die RSF beschränkten Lebensmittel und humanitäre Hilfe, beschossen die Stadt fast täglich und trugen so zu einer Hungersnot bei, in der Menschen Ambaz essen mussten, ein Nebenprodukt der Erdnussölproduktion, das normalerweise als Tierfutter dient . Hunger war hier kein Naturereignis. Er wurde zur Waffe.
Der 57 Kilometer lange Erdwall um El Fasher steht in den Berichten wie ein Bauwerk aus Erde, Kontrolle und Absicht. Die NZZ schildert, wie Flüchtende dort von RSF-Kämpfern aufgehalten und nach Geschlechtern getrennt wurden. Männer und Jungen seien sofort erschossen worden; Frauen, die sich einer Vergewaltigung widersetzten, seien mit Schwertern getötet worden; schreiende Kinder ebenfalls. Das ist schwer zu lesen. Es soll schwer zu lesen sein. Wer solche Details glättet, verwechselt Rücksicht mit Verdrängung.
Die 15-jährige Zubeida überlebte laut NZZ nur, weil sie sich als Halbaraberin ausgab und behauptete, ihr Vater kämpfe für die RSF. „Ich bin die einzige Überlebende“, sagte sie nach Angaben von Amnesty über ein Massaker an etwa 25 Menschen am Wall. Ihre Aussage ist zentral, weil sie die Logik der Täter sichtbar macht: Wer als arabisch durchging, konnte leben. Wer als Zaghawa, Fur oder allgemein als nicht-arabisch markiert wurde, konnte sterben.
Auch Sprache wurde zum Werkzeug der Gewalt. Amnesty und andere Berichte dokumentieren den Gebrauch des Wortes „Falangay“, eines rassistischen Begriffs im Darfur-Arabischen, der Sklaverei oder Knechtschaft meint. Ein 13-jähriges Zaghawa-Mädchen berichtete, ihre Peiniger hätten gesagt: „Ihr Zaghawa, das Einzige, was ihr verdient, ist, verbrannt zu werden. Ihr Falangayat, Falangayat! ... Wir werden eure Samen verändern. Wir werden eure Gene verändern!“. Wer so spricht, beschreibt keinen Feind mehr. Er entwirft eine Welt ohne ihn.
Die UN-Untersuchungskommission zitiert ähnliche Aussagen. Überlebende berichteten von Sätzen wie: „Ist jemand Zaghawa unter euch? Wenn wir Zaghawa finden, werden wir sie alle töten“ und „Wir wollen alles Schwarze aus Darfur tilgen“. Das klingt nicht nach beiläufiger Grausamkeit im Gefecht. Es zeigt die ideologische Temperatur dieses Krieges. Die Gewalt muss sich nicht selbst erklären. Sie hat es bereits getan.
Orte als Beweise
Die Berichte über El Fasher haben eine klare Topografie: der Wall, die Universität, das Saudi-Entbindungskrankenhaus, die Haftanstalt Mina al-Bari, die Dörfer um Abu Zerega. Wer diese Orte nennt, verhindert, dass Gewalt zu einer abstrakten Wolke wird.
UN-Nachrichten berichteten im Februar, das Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen habe mehr als 6.000 Tötungen in den ersten drei Tagen der RSF-Offensive dokumentiert. Die tatsächliche Zahl liege „zweifellos deutlich höher“. An der Universität von El Fasher sollen am 26. Oktober etwa 500 Menschen getötet worden sein, als RSF-Kämpfer mit schweren Waffen auf rund 1.000 Schutzsuchende feuerten. Ein Zeuge beschrieb die Szene „wie in einem Horrorfilm“. Der Vergleich wirkt hilflos. Gerade deshalb trifft er. Wer nur noch Kino sagen kann, findet für die Wirklichkeit kein Wort mehr.
Amnesty stuft den Angriff auf das Saudi-Entbindungskrankenhaus als Kriegsverbrechen ein, weil Krankenhäuser nach internationalem Recht geschützt sind. 18 Menschen, darunter Personal, Patientinnen und Angehörige, berichteten von Tötungen durch die RSF. Ein Entbindungskrankenhaus ist ein Ort, an dem Krieg, sofern er überhaupt Grenzen kennt, nicht eindringen dürfte. In El Fasher drang er ein.
Auch die Haftanstalt Mina al-Bari erscheint in den Berichten nicht einfach als Gefängnis, sondern als Methode. Amnesty befragte neun Männer, die dort zwischen Mitte 2024 und Anfang 2026 bis zu fünf Monate festgehalten wurden. Sie berichteten von geschlossenen Schiffscontainern, Hitze, Luftmangel, Wassermangel und Folter. Ein Mann sagte: „Mein Körper trocknete völlig aus, andere und ich verloren das Bewusstsein. Die RSF dachten, wir seien tot, und warfen uns einfach aus dem Container. Nach einer Weile merkten sie, dass wir noch lebten. Sie folterten uns erneut und brachten uns wieder in den Container“. Bei solchen Aussagen wird ein Begriff wie „Haftbedingungen“ unbrauchbar. Er klingt nach Verwaltung. Gemeint ist ein Apparat, der Körper prüft, bis sie brechen.
Kinder stehen in diesen Berichten nicht am Rand. Callamard sagte: „Kinder waren nicht nur Kollateralschäden dieser Gewalt – oft wurden sie gezielt angegriffen und haben immens gelitten. Sie wurden getötet, verletzt, vergewaltigt, entführt und in großem Umfang zwangsrekrutiert“. Laut Amnesty rekrutierte die RSF Jungen aus verbündeten arabischen Gruppen und entführte Jungen nicht-arabischer Gruppen bei Angriffen auf Dörfer und Flüchtlingslager. Sie mussten kämpfen, Informationen beschaffen oder Vieh hüten. Die Grausamkeit liegt nicht nur in der Zahl. Sie liegt in der Umkehrung aller Rollen: Kinder werden zu Kämpfern gemacht, Zeuginnen zu Beweisen, Überlebende zu Archiven.
Die Täter haben Namen, die Unterstützer Interessen
Amnesty International nennt mehrere RSF-Kommandeure, denen schwere Verstöße gegen das Völkerrecht zugeschrieben werden. Al-Fateh Abdullah Idris, bekannt als Abu Lulu, soll in verifizierten Videos bei der Hinrichtung von Gefangenen in Zivilkleidung zu sehen sein. Generalmajor Gedo Hamdan Ahmed Mohamed, genannt Abu Shouk, soll Verhöre geleitet und an Folterungen teilgenommen haben. Oberstleutnant Abbas Khater Bakhit soll Folter angeordnet und Zahlungen ermöglicht haben. Namen sind im Krieg mehr als Details. Sie durchbrechen die bequeme Passivform. Nicht: Es wurde gefoltert. Sondern: Jemand folterte. Nicht: Es kam zu Hinrichtungen. Sondern: Jemand schoss, befahl, filmte, teilte.
Doch die Verantwortungskette endet nicht bei den Männern am Wall oder an den Containern. Amnesty weist seit längerem auf Waffen hin, die aus dem Ausland in den Sudan gelangt sein sollen, unter anderem aus China, Russland, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch französische Waffensysteme seien auf dem sudanesischen Schlachtfeld eingesetzt worden . Die Vereinigten Arabischen Emirate werden in mehreren Berichten als wichtigster Unterstützer der RSF genannt, was Abu Dhabi bestreitet. Hier beginnt Diplomatie, aus einem Sachverhalt eine Sprachübung zu machen: bestreiten, prüfen, beobachten, besorgt sein.
Die Einführungsrede zur Amnesty-Berichtsvorstellung formuliert es schärfer. Dort heißt es, die internationale Gemeinschaft müsse über Erklärungen hinausgehen; El Fasher sei nicht nur ein Schandfleck, sondern Ausdruck moralischer Verkommenheit, weil Staaten einerseits humanitäre Hilfe kürzten und andererseits Waffen verkauften, die den Konflikt weiter anheizten. Man muss diesen Ton nicht vollständig teilen, um den Widerspruch zu sehen. Wer Feuerlöscher spart und Benzin liefert, sollte nicht als Brandschutzexperte auftreten.
Auch die UN fordert Rechenschaft. Der Hohe Kommissar für Menschenrechte, Volker Türk, warnte, anhaltende Straflosigkeit schüre einen fortwährenden Kreislauf der Gewalt. Er verlangte glaubwürdige Untersuchungen und Strafverfolgung. Das ist richtig. Aber es zeigt zugleich die Schwäche des internationalen Systems: Es benennt den Kreislauf, während es in ihm steht. Die Institutionen haben Worte für Prävention, Untersuchung und Verantwortung. Die Täter haben Fahrzeuge, Waffen, Nachschub und Zeit.
Hier zeigt sich ein politischer Stil. Die Staatengemeinschaft spricht in der Grammatik des Bedauerns, wenn die Grammatik der Verhinderung nötig wäre. Sie erkennt Muster oft erst dann, wenn diese so dicht mit Toten belegt sind, dass sie kaum noch zu übersehen sind. Sie verurteilt die Tat, verfolgt ihre Lieferketten aber nicht mit derselben Energie. In dieser Lücke wächst das nächste Massaker nicht wie ein Unfall. Es wächst wie eine Erwartung.
El Obeid: Die Warnung hat bereits eine Adresse
El Obeid ist keine Fußnote zu El Fasher. Die Stadt ist die Hauptstadt Nord-Kordofans und ein Verkehrsknoten zwischen Darfur und den von der Armee kontrollierten östlichen Regionen. Wer El Obeid kontrolliert, kontrolliert Zugänge für Waren, Menschen und Versorgungsgüter in den zentralen Sudan. Dort liegen außerdem eine Ölpipeline, ein Luftwaffenstützpunkt, die 5. Infanteriedivision der sudanesischen Armee und ein wichtiger Markt für Gummi arabicum . Strategische Bedeutung ist in diesem Krieg selten eine gute Nachricht für Zivilisten. Sie macht eine Stadt wertvoll, aber ihre Bewohner nicht sicherer. Ein Text auf Von Tunis nach Teheran über El Obeid formulierte die Lage schon vor der jüngsten Eskalation in einem Satz, der wie eine Diagnose klingt: „Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob sie droht. Sie lautet: Warum haben jene, die sie kommen sehen, ihr so wenig entgegenzusetzen?“ . Das ist keine Vorhersage. Es ist eine Zumutung an die Leser. Denn der Blick richtet sich nicht nur auf den Täter, sondern auch auf jene, die seine Methoden kennen und trotzdem vor allem ihre Besorgnis verwalten.
Laut Al Jazeera sind in El Obeid rund 500.000 Menschen eingeschlossen, darunter 105.000 Binnenvertriebene. Die Stadt sei seit Monaten durch Drohnenangriffe und die militärische Lage von der Außenwelt abgeschnitten. UN-Hochkommissar Türk sprach von „unaufhörlichen“ Drohnenangriffen vorrückender paramilitärischer Gruppen; Angriffe auf Kraftwerk und Infrastruktur hätten Strom, Wasserversorgung und Krankenhausbetrieb getroffen . Eine internationale Koalition warnte vor der akuten Gefahr von Gräueltaten und vorsätzlichen Tötungen. Zehn Tage Drohnenangriffe in El Obeid und Nord-Kordofan hätten mindestens 50 Zivilisten getötet.
Amnesty zieht selbst die Linie von El Fasher nach El Obeid. In der Rede zur Berichtsvorstellung heißt es, der Bericht beschreibe Taktiken, welche die RSF in El Obeid, Kadugli oder Dilling anwende oder anwenden werde, falls die internationale Gemeinschaft nicht handle. Die Zukunft erscheint hier nicht als Spekulation, sondern als Fortsetzung einer Methode. El Fasher wird zum Handbuch. El Obeid droht die nächste Auflage zu werden.
Naheliegende Forderungen
Die Frage ist nicht, ob die internationale Gemeinschaft später erklären wird, sie sei besorgt gewesen. Das wird sie. Die Frage ist, ob Besorgnis diesmal vor dem Ereignis eine Funktion bekommt. Amnesty fordert einen landesweiten Waffenstillstand, eine unabhängige und ausreichend ausgestattete internationale Schutztruppe, die Ausweitung des Waffenembargos auf den gesamten Sudan, ein Ende von Waffenlieferungen an Konfliktparteien und stärkere Unterstützung für Rechenschaftsmechanismen wie den Internationalen Strafgerichtshof. Das sind keine radikalen Forderungen. Radikal ist eher die Vorstellung, dieselben Warnzeichen könnten erneut folgenlos bleiben.
Am Ende bleibt kein Rätsel. El Fasher zeigt, was geschieht, wenn eine Miliz eine Stadt belagert, ethnisch markierte Zivilisten entmenschlicht, Hunger als Waffe nutzt und die Welt dies zwar registriert, aber nicht verhindert. El Obeid zeigt, dass diese Erkenntnis nicht historisch ist. Sie ist eine Frist. Wer jetzt nur debattiert, kann später wieder dokumentieren. Das ist die sauberste Form des Scheiterns: Man hat alles aufgeschrieben, nur nicht rechtzeitig gehandelt.
Die Bedeutung dieses Falls reicht über den Sudan hinaus. Er zeigt, wie moderner Krieg zugleich lokal und global ist. Die Täter sprechen die Sprache rassistischer Nähe; Waffen, Diplomatie und Schweigen sprechen international. Dazwischen steht die Zivilbevölkerung. In El Fasher wurde sie nicht geschützt. In El Obeid ist noch offen, ob aus Wissen Handlung wird. Man sollte nicht so tun, als sei das wenig. Es ist der ganze Unterschied zwischen einem Bericht und einem Nachruf.