Sonntag, 16.08.2026 / 22:30 Uhr

Antisemitismus ist die Wahnvorstellung, Opfer der Juden zu sein

taz
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Ein Blick auf einen Text der taz macht mich wieder einmal fassungslos. Darin schreibt der Autor Mohamed Ibrahim über seinen Vater, der 1945 in Palästina geboren und 1948 vertrieben worden sei. Die Folge dieser Vertreibung laut taz: "Durch die Vertreibung erhielt er die Impfung gegen Kinderlähmung nicht rechtzeitig. Er erkrankte, die Lähmung beeinträchtigte die Entwicklung seines rechten Beins, sodass er sein Leben lang humpelte."

Vom Wahn zurück in der Realität:

Im Jahr 1948 gab es nirgendwo auf diesem Planeten eine Impfung gegen Kinderlähmung. Ein kurzer Blick in die Wikipedia oder jede x-beliebige medizinische Fachseite hätte gereicht: Der erste wirksame Polio-Impfstoff wurde von Jonas Salk entwickelt (einem Juden, nebenbei bemerkt) und erst 1955 in den USA zugelassen. Erste Impfungen in Israel erfolgten 1957; im Libanon war der Impfstoff ab 1959 verfügbar. Da die Krankheit damals fast ausschließlich Kleinkinder unter fünf Jahren traf – weshalb sie den Namen Kinderlähmung trägt –, war es für den 1945 geborenen Vater beim Eintreffen der Impfstoffe in jedem denkbaren Szenario Jahre zu spät.

Wer als Autor schon beim ersten gegen die Juden bzw. Israel gerichteten Vorwurf im Text eine derart offenkundig abwegige antisemitische Verleumdung als authentisches Trauma der eigenen Familiengeschichte verkauft, ist – höflich formuliert – ein Hochstapler.

Dass die Familie des Autors diese Geschichte offenbar seit Jahrzehnten unhinterfragt von Generation zu Generation weiterreicht, ist schon pathologisch genug. Dass ein solch absurder Quatsch aber in der taz erscheint, zeigt: Wenn es um Juden und Israel geht, funktioniert bei vielen das Gehirn nicht mehr. Einfach gar nicht mehr. Es liegt eine Totalstörung des Denkens vor.

Antisemitismus ist die Wahnvorstellung, Opfer der Juden zu sein.

Um einen derartigen Text redaktionell durchzuwinken, muss man nicht dumm sein. Man muss dumm sein wollen. Wer da mitspielt, dem ist letztendlich alles zuzutrauen. Morgen eine Hexe verbrennen, übermorgen sich in einer Menschenmenge in die Luft sprengen: Welche Denk- und Kontroll-Instanz sollte Gewähr dafür bieten, derlei nicht zu tun? Solche Leute sind schlechterdings zu allem fähig.

Als Resümee schreibt der Autor wehleidig, er habe sich lange mit seiner neuen Heimat Berlin identifiziert, aber: "Jetzt nicht mehr." Übersetzt heißt das: Zwar tobt der Antisemitismus auch in Berlin jeden verdammten Tag, wie in allen (post-)christlichen Gesellschaften. Aber für diesen Autor und offenbar auch für das zuständige Ressort der taz ist Berlin einfach noch nicht antisemitisch genug.

Die taz wird den Artikel wahrscheinlich weder vom Netz nehmen noch korrigieren. Wozu auch? Es stört sich hierzulande eh nur eine kleine Minderheit an Antisemitismus. Und tatsächlich korrespondiert die absurde Behauptung beim Publikum mit jenem tiefsitzenden Muster von den mörderischen Juden, das dem kollektiven Gedächtnis auch in der Mitte der Gesellschaft eingeschrieben ist. Deshalb wirkt diese Verleumdung intuitiv plausibel, "gefühlt wahr" – ungetrübt von jeder faktischen Evidenz.