Kordofan - Wo selbst die Flucht nicht vor dem Hunger schützt
In Sudans Provinz Kordofan treiben Krieg, blockierte Handelswege und kollabierende Märkte Menschen aus ihren Häusern. Doch auf den Straßen, in El Obeid, den Nuba-Bergen und jenseits der sudanesischen Grenzen wartet nicht zuverlässig Sicherheit, sondern oft die nächste Form derselben Krise.
Asia verließ Kadugli erst, als das Bleiben nicht mehr möglich war. Ihr Haus war von Explosionen getroffen worden, ihr Mann war auf der Suche nach Lebensmitteln. Im Dezember 2025 nahm sie ihre vier kleinen Kinder und floh, darunter ein sieben Monate altes Baby. „Ich musste mein Baby im Arm tragen und mit meinen anderen Kindern um unser Leben rennen“, erzählte sie später dem Norwegian Refugee Council.
Sie erreichte das Thobo-Lager in den Nuba-Bergen. Von ihrem Mann hatte sie zum Zeitpunkt des Berichts noch nichts gehört. Um Lebensmittel kaufen zu können, sammelte sie Feuerholz und Stroh auf den Feldern und verkaufte beides. Trotzdem wollte sie bleiben, weil ihre Kinder dort eine NRC-Schule besuchen konnten.
Das ist eine Fluchtgeschichte, aber keine in der vertrauten Dramaturgie von Gefahr, Aufbruch und Rettung. In Kordofan ist diese Ordnung zerbrochen. Menschen fliehen vor Bombardierungen in Gebiete, in denen Lebensmittel fehlen; sie verlassen zusammengebrochene Märkte und gelangen in Lager, deren Versorgung nicht ausreicht. Wer weiterzieht, muss Straßen benutzen, auf denen Kämpfe, bewaffnete Kontrollpunkte, Überfälle und Ausbeutung selbst Teil der Gefahr sind.
Hunger steht dabei nicht einfach neben dem Krieg wie ein zweites Unglück. Er entsteht auch aus dessen materieller Ordnung: Wer Straßen kontrolliert, beeinflusst Warenströme. Wer Märkte und Verkehrswege angreift oder sperrt, verändert Preise. Wer humanitären Zugang behindert, entscheidet mit darüber, wo Lebensmittel verfügbar sind. Aus einer militärischen Front wird so eine ökonomische.
Wenn Hirse Luxus und Tierfutter Nahrung wird
Ende August warnte die Kordofan-Beobachtungsstelle vor Anzeichen einer drohenden Hungersnot in mehreren Teilen der Region. Familien in El Nahud, Wad Banda, El Khuwei und Muglad griffen demnach zunehmend auf Ambaz zurück – Rückstände der Erdnussölproduktion, die normalerweise als Tierfutter verwendet werden.
Eine Malwa Hirse kostete nach Angaben der Beobachtungsstelle 35.000 sudanesische Pfund und war damit für viele Haushalte unerschwinglich. Selbst Ambaz wurde durch die steigende Nachfrage knapp; eine Malwa kostete etwa 10.000 Pfund . OZ Arab Media berichtete einen Tag später unter Berufung auf dieselbe Beobachtungsstelle über dieselben Preisangaben und Entwicklungen.
Solche Zahlen sehen zunächst nach Inflation aus. Das wäre die beruhigendste Interpretation, denn Inflation klingt nach Ökonomie und Ökonomie nach einem Problem, das sich in Diagrammen unterbringen lässt. In Kordofan führt diese Betrachtung jedoch am Kern vorbei.
FEWS NET beschreibt eine Kombination aus Konflikt und Vertreibung, früh erschöpften Vorräten, steigenden Lebensmittel- und Treibstoffpreisen, schlechter makroökonomischer Lage sowie einem zunehmend eingeschränkten kommerziellen und humanitären Zugang. Im April lagen die Preise für Sorghum und Weizen 170 beziehungsweise 187 Prozent über dem Fünfjahresdurchschnitt, Hirse fast 134 Prozent darüber. Märkte funktionierten teilweise noch, doch ihre Widerstandsfähigkeit und die Bezahlbarkeit von Lebensmitteln waren vielerorts gering; Dilling in Süd-Kordofan und As-Sunut in West-Kordofan gehörten zu den besonders schlecht bewerteten Märkten.
Die Kordofan-Beobachtungsstelle führt die jüngste Verschärfung zusätzlich auf Kämpfe um El Obeid und die militärische Aufrüstung beider Konfliktparteien zurück. Die Unsicherheit beeinträchtige den Handel und verhindere Warenlieferungen in Teile Kordofans; Bauern könnten ihre Felder schlechter erreichen. Die Beobachtungsstelle fordert deshalb sowohl die Behörden in Khartum und im Nordstaat als auch die Rapid Support Forces (RSF) auf, Beschränkungen beziehungsweise Kontrollpunkte abzubauen, die Warenbewegungen behindern und Preise erhöhen.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Nicht jede Ursache des Hungers in Kordofan ist eine militärische Entscheidung. Verspätete Regenfälle, Treibstoffpreise, Währungsverfall und eine zerstörte Wirtschaft gehören ebenfalls zum Bild. Aber der Krieg entscheidet darüber, wie zerstörerisch solche Faktoren werden. Ein hoher Hirsepreis ist eine wirtschaftliche Belastung. Ein hoher Hirsepreis in einem Gebiet, dessen Handelswege blockiert, dessen Felder schwer erreichbar und dessen Hilfslieferungen eingeschränkt sind, ist zugleich eine Machtfrage.
FEWS NET erwartet in Teilen Groß-Kordofans Ernährungslagen der IPC-Phase 4, „Notlage“; Teile der Bevölkerung könnten mit „Katastrophe“, IPC-Phase 5, konfrontiert sein. Für Dilling, die umliegenden westlichen Nuba-Berge und Kadugli besteht ein glaubwürdiges Hungersnotrisiko, falls Konflikte Handel und humanitären Zugang weiter unterbrechen, Bewegungsfreiheit verhindern und Haushalten den Zugang zu den ohnehin knappen Nahrungsmitteln nehmen.
In West-Kordofan wurden bereits während der Ernte- und Nacherntezeit hohe Raten akuter Mangelernährung gemessen: 20,5 Prozent in Meiram und 21,2 Prozent in Muglad. Beide Werte lagen über dem von FEWS NET genannten kritischen Schwellenwert von 15 Prozent globaler akuter Mangelernährung.
In einer solchen Lage verändert sich die Frage, die Familien beantworten müssen. Nicht mehr nur: Wie nah ist die Front? Sondern auch: Wie viele Mahlzeiten bleiben?
Hunger wird damit zum Fluchtgrund.
Die Straße ist Teil des Krieges
Seit der Eskalation der Gewalt in Kordofan im Oktober 2025 stieg die Zahl der neu Vertriebenen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration von mehr als 132.000 im Februar 2026 auf über 219.000 Ende Juni – ein Zuwachs von 65 Prozent. Fast eine Million Binnenvertriebene lebten nach den damals jüngsten verfügbaren Daten in Kordofan. Mehr als 100 Vorfälle hatten innerhalb von weniger als neun Monaten neue Vertreibungen ausgelöst, durchschnittlich also alle zwei bis drei Tage einen schwerwiegenden Vorfall .
„Familien haben keine sicheren Möglichkeiten mehr, sich zu schützen. Viele wurden bereits zuvor vertrieben und sind nun erneut gezwungen, ihre Häuser, ihre Existenzgrundlage und ihre sozialen Netzwerke zurückzulassen“, sagte IOM-Missionschef Mohammed Refaat.
Das Wort „Vertreibung“ suggeriert einen Ortswechsel. Tatsächlich beschreibt es für viele Menschen eine Wiederholung. Sie verlieren nicht einmal ihr Zuhause und beginnen danach irgendwo neu. Sie verlieren nacheinander Wohnort, Besitz, Einkommen, soziale Beziehungen und schließlich den Ort, an den sie beim vorherigen Mal geflohen waren.
Der NRC berichtet, dass Tausende Menschen aus Kordofan in kleinen Fluchtbewegungen unter anderem in die Nuba-Berge, nach White Nile, Gedaref oder in den Südsudan ziehen. Die Reisen dauern Tage oder Wochen; Hunger, Überfälle, Einschüchterungen und Missbrauch gehören zu den berichteten Gefahren. Manche Menschen müssen Frontlinien überqueren, um die Nuba-Berge zu erreichen.
Auch UNHCR beschreibt aus Darfur und Kordofan länger und gefährlicher werdende Fluchtwege. Menschen versuchten, bewaffnete Kontrollpunkte auf kürzeren Strecken zu umgehen. Unter denjenigen, die nach Ad Dabbah im Nordstaat gelangten, waren Menschen mehr als 1.000 Kilometer und bis zu 15 Tage unterwegs. Ankommende berichteten von Plünderungen; Transportunternehmen verlangten nach UNHCR-Angaben teils überhöhte Preise. Zudem gab es Berichte über Menschen, die auf der Flucht von bewaffneten Gruppen zur Rückkehr gezwungen wurden.
Damit entsteht ein perverser Kreislauf. Unsichere Straßen behindern den Handel und verteuern Lebensmittel; die dadurch verschärfte Not treibt Menschen wiederum auf diese unsicheren Straßen.
Die Fluchtroute ist nicht mehr der Raum zwischen Krise und Sicherheit. Sie ist selbst ein Schauplatz der Krise.
Wer Geld besitzt, kann unter Umständen für Transport bezahlen. Wer wenig besitzt, muss entscheiden, welcher Rest des Familienvermögens für die Reise geopfert wird. Wer nichts besitzt, hat entsprechend weniger Möglichkeiten, Distanz zwischen sich und die Gewalt zu bringen. Flucht ist unter solchen Bedingungen nicht nur eine geografische, sondern eine ökonomische Frage: Bewegungsfreiheit hat einen Preis.
Für Frauen und Mädchen kommt ein besonderes Risiko hinzu. UN News zitierte im April 2026 die UNHCR-Vertreterin im Sudan, Marie-Helene Verney, mit der Einschätzung, konfliktbedingte sexuelle Gewalt finde „oft dann statt, wenn sie versuchen, sich in Sicherheit zu bringen“. Auch aus El Obeid berichtete Plan International über sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen an abgelegenen Wasserstellen.
Der vermeintliche Weg in Sicherheit erzeugt also neue Verwundbarkeit. Und selbst wer sein Ziel erreicht, hat noch lange keinen sicheren Ort erreicht.
El Obeid, oder: die überforderte Zuflucht
El Obeid ist zu einem zentralen Ziel der Flucht innerhalb Kordofans geworden. Fast 39.000 Kinder kamen nach Angaben von Save the Children allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 in die Stadt. Im August lebten mehr als 605.000 Menschen in El Obeid und Sheikan, darunter viele, die dort Schutz vor Gewalt gesucht hatten.
Schutz braucht allerdings Infrastruktur. Er braucht Wasserleitungen, Kliniken, Lebensmittel, Unterkünfte und Menschen, die all das betreiben.
Genau daran mangelt es.
In von Save the Children unterstützten Gesundheitseinrichtungen in Sheikan wurden im April 426 Kinder wegen Mangelernährung behandelt; im März waren es 195 gewesen. Das entspricht einem Anstieg von 118 Prozent innerhalb eines Monats. Feldberichte aus Juni und Juli beschrieben gravierende Lebensmittelknappheit und reduzierte Nahrungsmittelhilfe in zwei Lagern; Kinder ließen Mahlzeiten aus oder gingen hungrig schlafen.
Auch Wasser ist knapp. Manche Familien verbringen laut Save the Children fast die Hälfte des Tages mit der Suche danach. Der individuelle Verbrauch war auf rund sieben Liter täglich gesunken – weniger als die Hälfte der von der Organisation angeführten WHO-Mindestmenge von 15 Litern pro Person und Tag in Krisensituationen. Drohnenangriffe auf Wasserinfrastruktur verschärften die Knappheit im Juni und Juli zusätzlich.
Mohamed, der mit seiner Familie in einem Lager für Binnenvertriebene in El Obeid lebt, beschrieb die Ankunft gegenüber Save the Children so: „Als wir in El Obeid ankamen, besaßen wir nichts außer den Kleidern, die wir trugen. Unsere größte Sorge war es, Essen, Wasser und einen sicheren Ort für unsere Kinder zu finden. Jeder Tag ist ein Kampf, aber wir versuchen, uns ein neues Leben aufzubauen“.
Parallel dazu verschärfte sich ein Choleraausbruch. Plan International berichtete Ende Juli von beschädigten Gesundheitszentren und sanitärer Infrastruktur, Regenfällen und mangelhaften Bedingungen in Unterkünften für Binnenvertriebene. Lebensmittel und sauberes Wasser seien knapp, während täglich weitere Menschen in überfüllten Lagern einträfen.
El Obeid zeigt damit, wie unbrauchbar ein rein geografischer Begriff von Sicherheit geworden ist. Eine Stadt kann weiter von der Front entfernt sein und zugleich zu wenig Wasser, Nahrung und medizinische Kapazität für die Menschen haben, die dort Schutz suchen. Sicherheit ist dann kein Ort, sondern ein Bündel materieller Voraussetzungen. Fehlen sie, wird aus der Zuflucht eine Warteschleife der nächsten Katastrophe.
Das betrifft Kinder besonders sichtbar. UNICEF ging im April davon aus, dass 2026 mehr als vier Millionen Kinder unter fünf Jahren im Sudan akut mangelernährt sein würden, darunter mehr als 825.000 mit der schwersten, lebensgefährlichen Form. Insgesamt waren nach UNICEF-Angaben 21 Millionen Menschen von akutem Hunger betroffen.
Der Hunger verschwindet also nicht, wenn eine Familie ihre Adresse ändert. Er reist mit, solange das nächste Versorgungssystem ebenso überfordert ist wie das vorige.
Hilfe braucht eine Straße – und die Erlaubnis, sie zu benutzen
Auf dem Papier gibt es für fast jede Dimension der Krise eine humanitäre Zuständigkeit: Nahrungsmittelhilfe, medizinische Versorgung, Ernährungstherapie, Wasser, Unterkünfte, Schutz, Registrierung und Unterstützung bei Vertreibung. Das Problem beginnt dort, wo diese Leistungen physisch zu den Menschen gelangen müssen.
Im April 2026 erreichte das Welternährungsprogramm nach Angaben von FEWS NET 3,1 Millionen Menschen im Sudan mit Nahrungsmittel-, Bargeld- und Ernährungshilfen. Das entsprach weniger als 20 Prozent der von FEWS NET geschätzten hilfsbedürftigen Bevölkerung. In Groß-Kordofan wurden 387.000 Menschen erreicht. Begrenzte Finanzmittel, administrative Verzögerungen, Versorgungsunterbrechungen, Drohnenangriffe und Unsicherheit auf wichtigen Routen schränkten die Hilfe ein; mit der Regenzeit sollten schlechtere Straßenbedingungen den Zugang weiter erschweren .
Die IOM berichtete ebenfalls von gravierenden Finanzierungslücken und eingeschränktem Zugang. Mehr als 30 Millionen Menschen würden 2026 im Sudan voraussichtlich humanitäre Hilfe benötigen. Die Organisation hatte Haushalts- und Hygieneartikel sowie 600 Notzelte vorbereitet, um nach einer Wiederöffnung von Zugangswegen reagieren zu können.
Das ist die Bürokratie des Ausnahmezustands in einem Satz: Hilfe ist vorhanden, aber sie wartet auf Zugang.
Noch deutlicher wird das Problem bei den Menschen, die sie verteilen. Radio Dabanga berichtete, dass 2025 im Sudan 71 humanitäre Helfer getötet wurden. Lokale Jugendinitiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen betreiben seit Kriegsbeginn Gemeinschaftsküchen, sogenannte Takayas, und organisieren unter anderem Lebensmittel, Wasser, Gesundheitsversorgung, Kommunikation und Transporte. Internationale Organisationen greifen bei der Verteilung von Hilfe teilweise auf diese lokalen Strukturen zurück.
Der von Radio Dabanga zitierte humanitäre Experte Salah El Amin wirft den Konfliktparteien vor, Sicherheits- und Militärbedenken zur Einschränkung humanitärer Arbeit zu benutzen und Hilfsdienste zu Kriegsinstrumenten zu machen, indem Nahrungsmittel und Hilfsgüter die Zivilbevölkerung in Konfliktgebieten nicht erreichten. Zu den besonders betroffenen Gebieten zählt er Dilling, Kadugli und El Obeid.
Das ist zunächst seine Bewertung, keine neutrale Tatsachenfeststellung. Sie korrespondiert allerdings mit den dokumentierten Zugangsbeschränkungen von FEWS NET, IOM, NRC und anderen Organisationen.
Der Begriff „humanitärer Zugang“ klingt technisch. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine ziemlich einfache Frage: Darf ein Lastwagen mit Lebensmitteln eine Straße benutzen?
Denn der Lastwagen benötigt Treibstoff, eine befahrbare Route, Genehmigungen und die begründete Aussicht, nicht beschossen, geplündert oder aufgehalten zu werden. Damit ist humanitäre Hilfe von denselben Machtverhältnissen abhängig, die den Hunger mit hervorbringen. Die Organisation kann Lebensmittel besitzen; entscheidend ist, wer die Straße besitzt.
Diese Abhängigkeit trifft auf schrumpfende Ressourcen. Ärzte ohne Grenzen beschreibt, wie reduzierte internationale Mittel andere Organisationen dazu zwingen, Dienste einzustellen; die entstehenden Lücken könnten nicht vollständig aufgefangen werden . Plan International verweist ebenfalls auf Kürzungen der Entwicklungshilfe bei gleichzeitig wachsendem Bedarf in El Obeid und im gesamten Sudan.
Die internationale Hilfe steht damit vor einem doppelten Engpass: Sie benötigt mehr Geld und mehr Zugang. Geld ohne Zugang lagert. Zugang ohne ausreichende Mittel verteilt Mangel.
Flucht über die Grenze verschiebt das Problem
Seit Beginn des Krieges im April 2023 wurden nach Angaben von UN News rund 14 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Im April 2026 waren etwa neun Millionen weiterhin innerhalb des Sudan vertrieben; 4,4 Millionen waren über die Grenzen geflohen, vor allem in den Tschad, den Südsudan und nach Ägypten.
Für Menschen aus Kordofan gehört insbesondere der Südsudan zu den erreichbaren Zielen; der NRC berichtet ausdrücklich von Fluchtbewegungen dorthin. Doch die Grenze trennt nicht zuverlässig Krise von Stabilität. UNHCR beschrieb bereits im Februar politische Instabilität und neue bewaffnete Auseinandersetzungen im Südsudan, während zugleich sudanesische Flüchtlinge und Rückkehrende dort Schutz suchten.
Das ist das strukturelle Dilemma dieser Flucht: Menschen verlassen ein überfordertes Versorgungssystem und gelangen häufig in ein anderes.
Der UNHCR-Appell für 2026 nennt neben dem Südsudan auch Tschad, Ägypten, die Zentralafrikanische Republik, Äthiopien, Libyen und Uganda als Aufnahmeländer für Flüchtlinge, Asylsuchende und Rückkehrende aus der Sudan-Krise. Bereits im November 2025 beschrieb UNHCR die Belastung des Tschad durch die Sudan-Krise und die dort erforderliche humanitäre Reaktion.
Die Grenze löst daher das Grundproblem nicht. Sie verändert Zuständigkeiten.
Aus Binnenvertriebenen können Flüchtlinge werden, aus einer sudanesischen Versorgungskrise wird eine regionale. Für die Familie selbst ist diese institutionelle Neuordnung zunächst zweitrangig. Sie braucht weiterhin Nahrung, Wasser, Unterkunft und medizinische Versorgung.
Gerade darin liegt die analytische Härte der Kordofan-Krise: Es gibt kein klares Außen. Die Not lässt sich geografisch verschieben, aber nicht einfach abschütteln.
Die Politik des Hungers
Es wäre zu einfach, jeden Hungernden in Kordofan als unmittelbares Opfer einer bewusst verhängten Hungerstrategie zu beschreiben. Das geben die Quellen in dieser Pauschalität nicht her. Sie zeigen ein komplizierteres – und gerade deshalb politisch brisanteres – Gefüge.
Konflikt und Vertreibung zerstören Einkommen und Produktion. Angriffe treffen Märkte, Verkehrswege sowie Wasser- und Gesundheitsinfrastruktur. Straßensperren und Kontrollpunkte behindern Warenbewegungen. Treibstoff wird teurer, die Währung verliert an Wert, Straßen werden durch Regen schlechter. Humanitäre Organisationen verfügen nicht über ausreichende Mittel und können zugleich manche Gebiete kaum erreichen.
Keine einzelne dieser Ursachen erklärt die Katastrophe. Zusammen bilden sie ein System, in dem militärische Kontrolle in Ernährungssicherheit übersetzt wird.
Deshalb ist es auch zu bequem, von einer Naturkatastrophe zu sprechen. Die Kordofan-Beobachtungsstelle fordert ausdrücklich beide Kriegsparteien auf, Nahrungsmittel und humanitäre Hilfe nicht als Druckmittel gegen die Bevölkerung einzusetzen und Handels- sowie humanitäre Routen zu öffnen. Der NRC bezeichnet die Situation in Süd-Kordofan als „menschengemachte Katastrophe“ und berichtet von unterbrochenen Versorgungswegen sowie zusammengebrochenen Märkten in Kadugli und Dilling.
Wer eine Straße sperrt, muss niemandem einen Teller aus der Hand schlagen. Es genügt, wenn der nächste Sack Getreide nicht mehr ankommt.
Darin liegt die politische Bedeutung des Hungers: Er ist nicht bloß das, was nach dem Kampf übrig bleibt. Unter Bedingungen zerstörter Märkte und kontrollierter Verkehrswege wird Nahrung selbst von der militärischen Geografie abhängig.
Und diese Geografie bestimmt wiederum die Flucht.
Asia verließ Kadugli mit vier Kindern, nachdem ihr Haus getroffen worden war und ihr Mann Lebensmittel suchen gegangen war. Mohamed erreichte El Obeid mit nichts außer den Kleidern, die seine Familie trug. Andere Menschen umgehen bewaffnete Kontrollpunkte, zahlen überhöhte Transportpreise oder laufen tagelang. Wieder andere bleiben, weil ihnen Geld, Kraft oder eine erreichbare Alternative fehlen.
„Bleiben oder gehen“ klingt nach einer Entscheidung. In Kordofan bezeichnet es häufig nur die Wahl zwischen Risiken.
Wer bleibt, kann von Märkten abgeschnitten werden. Wer geht, kann an einem Checkpoint aufgehalten, beraubt oder misshandelt werden. Wer eine Stadt erreicht, kann dort vor überfüllten Kliniken und leeren Wasserspeichern stehen. Wer eine Grenze erreicht, gelangt womöglich in ein Land, dessen humanitäres System selbst unter enormem Druck steht.
So entsteht eine Krise in Bewegung: Der Krieg treibt Menschen aus ihren Häusern; die Unterbrechung von Handel und Versorgung verschärft den Hunger; der Hunger erhöht den Druck zur Flucht; die Flucht belastet die ohnehin fragilen Zufluchtsorte; und die Hilfe, die diesen Kreislauf unterbrechen könnte, wird durch Geldmangel, Unsicherheit und Zugangsbeschränkungen begrenzt.
Asia bleibt vorerst im Thobo-Lager. Sie sammelt Feuerholz und Stroh, um Lebensmittel zu kaufen. Ihre Kinder können dort zur Schule gehen.
Das ist keine Nebensache. Es ist ein Rest von Alltag in einer Umgebung, in der selbst Alltag zu einer Ressource geworden ist.
Vielleicht ist „Sicherheit“ in Kordofan deshalb inzwischen ein zu großes Wort. Für viele besteht sie aus kleineren Dingen: einer erreichbaren Wasserstelle, einem funktionierenden Ernährungszentrum, einer offenen Straße, einem Markt mit bezahlbarer Hirse, einer Schule, einer Nacht ohne Angriff.
Und manchmal nur aus der Hoffnung, dass der Ort, an den man geflohen ist, nicht der nächste Ort sein wird, aus dem man fliehen muss.
References
Ärzte ohne Grenzen. 2026. „Sudan – Humanitäre Krise und Flucht: Warum fliehen Menschen im Sudan?“ Januar 2026.
FEWS NET. 2026. „Notlage und Hungersnotrisiko bestehen in Nord-Darfur und Süd-Kordofan fort.“ Mai–September 2026.
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OZ Arab Media. 2026. „Nahrungsmittelkrise auf Kordofan schürt Hungersnotwarnung.“ 28. August 2026.
Radio Dabanga. 2026a. „Kämpfe und Straßensperrungen schüren die Angst vor einer drohenden Hungersnot in Sudans Kordofan.“ 27. August 2026.
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Save the Children International. 2026. „SUDAN: Fast 39.000 vertriebene Kinder erreichen El Obeid innerhalb von sechs Monaten; die Stadt steht kurz vor dem Zusammenbruch.“ 14. August 2026.
Siri, Suleiman. 2026. „Sudans Helfer geraten unter Beschuss, während Freiwillige die humanitäre Lebensader aufrechterhalten.“ Radio Dabanga, 21. August 2026.
UNHCR. 2025. „Tschads Reaktion auf die Sudan-Krise.“ 15. November 2025.
UNHCR. 2026. „UNHCR-Appell zur Lage im Sudan 2026.“ 19. Februar 2026.
UNICEF. 2026. „Die vergessene Krise: Hungerkatastrophe gefährdet Kinder im Sudan.“ 14. April 2026.
UN News. 2026. „Sudan: 14 Millionen Vertriebene; Hunger und Angriffe auf die Gesundheitsversorgung dauern an, während der Krieg ins vierte Jahr geht.“ 10. April 2026.