Von der Frankfurter Schule zur Teheraner Schule
Warum die iranische Freiheitsbewegung mehr braucht als den Sturz der Islamischen Republik.
„Schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“ – Max Horkheimer und Theodor W. Adorno
Die iranische Freiheitsbewegung braucht eine Teheraner Schule. Sie wäre keine Kopie der Frankfurter Schule, sondern ein Lernen von ihr unter eigenen historischen Bedingungen. Nur eine eigene kritische Tradition kann verhindern, dass Freiheit nach einem Umbruch wieder in neue Herrschaft umschlägt.
Der Sturz der Islamischen Republik ist eine notwendige Voraussetzung, genügt aber nicht. Es wäre bedauerlich, wenn der Iran mit seiner jahrtausendealten Geschichte und Zivilisation, seinem menschlichen Potenzial und seinen reichhaltigen Ressourcen unter autoritärer Herrschaft zerstört würde.
Der Iran braucht eine politische und intellektuelle Ordnung, die verhindert, dass autoritäre Macht unter einem anderen Namen zurückkehrt.
Die Frankfurter Schule entstand aus der Erfahrung von Faschismus, Antisemitismus und dem Scheitern der europäischen Aufklärung. Die Teheraner Schule müsste aus den Erfahrungen von Monarchie, Islamismus, Antisemitismus und gescheiterten Revolutionen im Iran entstehen. Ihr Ausgangspunkt wäre nicht die Übernahme europäischer Antworten, sondern die kritische Analyse der eigenen historischen Erfahrungen.
Gerade die Geschichte des Iran zeigt, wie Befreiung in neue Unterordnung umschlagen kann, wenn sie sich nicht selbst kritisch befragt.
Die politische Sackgasse
Der Iran steht seit Jahren unter der Brutalität eines islamistischen Herrschaftssystems. Verhaftungen, Folter, Hinrichtungen, die Verfolgung von Frauen, Arbeiter:innen, Studierenden, Umweltaktivist:innen, politischen Gefangenen und Angehörigen ethnischer, sexueller und religiöser Minderheiten haben eine Gesellschaft hervorgebracht, in der Millionen Menschen Freiheit, Demokratie und Menschenrechte fordern. Die Opposition ist bislang nicht in der Lage gewesen, den Widerstand zum Sturz des Regimes zu führen und daraus eine gemeinsame politische Perspektive für die Zeit nach der Islamischen Republik zu entwickeln.
Diese Kritik darf jedoch nicht als Geringschätzung der Opposition verstanden werden. Ihr mutiger Widerstand und die persönlichen Opfer vieler Menschen im Iran und in der Diaspora verdienen Anerkennung; die folgende Analyse richtet sich gegen politische Blockaden, nicht gegen den Freiheitswillen der Menschen.
Diese politische Sackgasse wurde besonders sichtbar während des Krieges zwischen Israel, den USA und der Islamischen Republik in 2025 und 2026. Die Hoffnung bestimmter Aktivist:innen und Oppositionsgruppen, das Regime werde durch militärischen Druck von außen oder durch den Tod des Obersten Führers Ali Khamenei zusammenbrechen, erwies sich als unrealistisch: Khamenei wurde am 28. Februar 2026 bei einem gemeinsamen Luftangriff der USA und Israels getötet. Doch bereits wenige Tage später bestimmte der Expertenrat seinen Sohn Mojtaba Khamenei zum neuen Obersten Führer, und das Regime, das jetzt von den Revolutionsgarden dominiert wird, blieb im Kern bestehen. Die Frage nach einer demokratischen Alternative blieb unbeantwortet.
Damit wird deutlich, dass nicht nur die Härte des Regimes das Problem ist, sondern auch die Schwäche und Unfähigkeit der Opposition, aus dem Widerstand eine politische Zukunft zu formen.
Reza Pahlavi steht in dieser Analyse nicht deshalb im Mittelpunkt, weil sich die Krise der Opposition auf ihn reduzieren ließe. Er erscheint vielmehr als die sichtbarste Projektionsfläche eines politischen Vakuums und damit als Beispiel für autoritäre Kontinuitäten, die weit über seine Person hinausreichen. An seiner politischen Rolle lassen sich exemplarisch die Gefahren von Personalisierung und Nationalismus innerhalb der Opposition untersuchen. Zugleich zeigen die bisherigen Erfahrungen, wie seine politische Rolle die Bildung eines breiten Bündnisses demokratischer Oppositionsgruppen spalten und blockieren kann.
Die Ursachen dieser Blockade reichen jedoch tiefer als die aktuellen Konflikte zwischen den Oppositionsgruppen. Die Brutalität des islamistischen Herrschaftssystems und die jahrzehntelange Appeasementpolitik westlicher Regierungen haben die Entwicklung demokratischer Alternativen massiv behindert. Hinzu kommen die nicht aufgearbeitete autoritäre Vergangenheit des Landes, die diktatorischen Strukturen der Pahlavi-Dynastie, religiöse und patriarchale Prägungen der Gesellschaft sowie die politischen, ideologischen und organisatorischen Schwächen großer Teile der heterogenen Opposition.
Auch die jahrzehntelange Propaganda der Islamischen Republik wirkt bis heute nach: Antisemitismus, Antizionismus, verschwörungsideologische Denkmuster und ein religiös aufgeladener persischer Nationalismus wurden systematisch in Politik, Bildung und gesellschaftlichen Beziehungen verankert. Das Regime mobilisiert diese Elemente gegen die USA, gegen Israel und gegen ethnische Minderheiten, während es seine Herrschaft zugleich ideologisch auf die Organisation und Mobilisierung der schiitischen Umma stützt.
Frankfurter Schule und Selbstkritik
Der Iran braucht eine kritische Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen autoritärer Herrschaft. Die Frage lautet auch, warum Freiheit im Iran immer wieder verloren ging.
Genau hier beginnt die Relevanz der Frankfurter Schule. Sie entstand aus der Erfahrung einer historischen Katastrophe und wollte verstehen, warum moderne Gesellschaften trotz Bildung, Wissenschaft, technischer Entwicklung und kulturellem Fortschritt in Barbarei, Massenverbrechen und Diktatur abrutschen konnten. Ihr entscheidender Gedanke ist nicht ein politisches Programm, sondern die Fähigkeit zur kritischen Selbstprüfung. Befreiung ist kein Endzustand. Auch eine Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, kann neue Machtstrukturen, neue Mythen und neue Formen der Unterordnung hervorbringen.
Adorno und Horkheimer schrieben in der „Dialektik der Aufklärung": „Schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“ Genau das ist für den Iran von unmittelbarer Bedeutung.
Die Teheraner Schule wäre in diesem Sinne keine Übertragung deutscher Theorie auf iranische Verhältnisse. Sie würde den methodischen Kern kritischer Theorie übernehmen: die Fähigkeit, die eigenen politischen Traditionen, Kultur, Gewissheiten und Befreiungsversprechen einer schonungslosen Selbstkritik zu unterziehen.
Kulturindustrie und innere Anpassung
Die Frankfurter Schule lehrt noch etwas, das für den Iran wichtig ist: Freiheit scheitert nicht nur am Staat, sondern auch an einer Kultur der Vereinfachung. Adorno und Horkheimer zeigten mit dem Begriff der Kulturindustrie, wie massenhaft produzierte Kultur Denken standardisiert, Kritik abschwächt und Zustimmung erzeugt.
Für den Iran heißt das: Herrschaft wirkt nicht nur durch Polizei und Gefängnis, sondern auch durch Bilder, Parolen, Influencer und Diaspora-Medien wie Iran International TV, Manoto und ähnliche Sender. Sie prägen einseitig Wahrnehmungen, verstärken Lagerdenken und fördern politische Personalisierung. Wenn solche Öffentlichkeiten die Sprache der Vereinfachung übernehmen, wird Freiheit äußerlich beschworen und innerlich entleert.
Autoritäre Denkweisen und Propaganda beschränken sich nicht auf das Regime und die Medien. Sie können in unterschiedlichen politischen Lagern auftreten und selbst innerhalb von Oppositionsbewegungen fortbestehen. Kritik endet dort oft nicht mit einer sachlichen Auseinandersetzung, sondern wird als Angriff, Verrat oder Spaltungsversuch „gegen die Einheit" verstanden. Loyalitätsforderungen treten an die Stelle politischer Debatten. Anstelle von Argumenten dominieren Identitäten, Lagerdenken und Konkurrenz um politische Legitimität.
Demokratie setzt voraus, dass Widerspruch ausgehalten wird und politische Gegner als legitimer Teil einer gemeinsamen Öffentlichkeit anerkannt werden.
Kulturkampf und blinde Flecken
Radikale Monarchisten, Pahlavisten und bestimmte politische Kräfte im Westen führen ihren Kulturkampf allgemein gegen den Islam und gegen „die Linke", ohne den entscheidenden Unterschied eindeutig zu benennen: Gemeint ist Islamismus, dessen staatspolitisches Zentrum die Islamische Republik im Iran ist. Berechtigte Kritik an diesem Islamismus wird dabei von kulturrelativistischer Seite oft pauschal als Rassismus instrumentalisiert und diffamiert — wodurch legitime Kritik mundtot gemacht und die Täterseite entlastet wird.
Dabei geht es nicht um die Linke insgesamt, sondern vor allem um antizionistische, antiisraelische und teils BDS- oder Hamas-nahe Strömungen, die autoritäre Politik verharmlosen oder decken. Säkulare Muslim:innen und progressive Linke, die für die Freiheit des Iran kämpfen und zu Hunderten im Gefängnis sitzen oder hingerichtet wurden, werden dabei unsichtbar gemacht. Genau das nützt am Ende dem religiös-rassistischen Regime und dessen Unterstützer:innen und Kulturrelativist:innen im Westen.
Dazu passt Adornos Warnung, dass „die rastlose Selbstzerstörung der Aufklärung“ das Denken dazu zwingt, „sich auch die letzte Arglosigkeit gegenüber den Gewohnheiten und Richtungen des Zeitgeistes zu verbieten“.
Dieser Gedanke ist hier wichtig, weil er daran erinnert, dass Kritik nur dann glaubwürdig bleibt, wenn sie sich nicht von modischen Lagern, moralischer Selbstgewissheit oder politischer Bequemlichkeit vereinnahmen lässt.
Öffentlichkeit und demokratische Zukunft
Eine freie Öffentlichkeit ist die Voraussetzung jeder demokratischen Zukunft. Jürgen Habermas hat die zentrale Rolle öffentlicher Debatten für demokratische Gesellschaften betont. Demokratie bedeutet nicht lediglich die Existenz von Wahlen oder Mehrheiten. Sie setzt die Fähigkeit voraus, gesellschaftliche Konflikte offen, friedlich und gleichberechtigt auszutragen.
Für den Iran wird diese Frage nach dem Ende der Islamischen Republik von grundlegender Bedeutung sein. Fast fünf Jahrzehnte lang wurden unabhängige Medien, freie Wissenschaft, Gewerkschaften, Frauenorganisationen und kritische Stimmen systematisch unterdrückt. Öffentliche Debatten wurden durch Repression und staatliche Kontrolle ersetzt. Eine demokratische Zukunft erfordert deshalb den Aufbau einer freien Öffentlichkeit.
Dazu gehören unabhängige Medien, freie Universitäten, autonome Gewerkschaften, wissenschaftliche Freiheit, zivilgesellschaftliche Organisationen und das Recht auf offene politische Diskussion.
Die Verantwortung der Öffentlichkeit
Eine solche Öffentlichkeit braucht jedoch nicht nur unabhängige Institutionen, sondern auch Intellektuelle, Journalist:innen und Schriftsteller:innen, die ihre eigene gesellschaftliche Verantwortung reflektieren. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, aus sicherer Distanz über die iranische Gesellschaft zu urteilen oder die Verantwortung autoritärer Herrschaft auf die Beherrschten zu verlagern. Die Menschen im Iran haben sowohl unter der Pahlavi-Herrschaft als auch unter der Islamischen Republik einen hohen Preis bezahlt. Wer ihre politischen Reaktionen, Hoffnungen und Irrtümer analysiert, darf deshalb niemals die Täter- und Opferrollen verwischen.
Kritische Gesellschaftsanalyse muss sichtbar machen, wer Gewalt ausübt, wer von ihr profitiert und welche Institutionen sie ermöglichten. Zugleich muss sie untersuchen, wie Repression, Propaganda, Trauma und politische Enttäuschung die gesellschaftliche Wahrnehmung prägen. Die Analyse autoritärer Einstellungen darf nicht zur Schuldzuweisung an die Opfer werden. Sie muss vielmehr erklären, wie autoritäre Herrschaft Menschen beschädigt und wie ihre Folgen auch in oppositionellen Bewegungen fortwirken können.
Journalist:innen haben dabei die Aufgabe, politische Ansprüche zu überprüfen, statt sie lediglich weiterzuverbreiten. Sie müssen fragen, wer im Namen des Volkes spricht, welche Interessen und Netzwerke hinter einer Kampagne stehen und welche Stimmen unsichtbar gemacht werden. Schriftsteller:innen und Künstler:innen können zugleich die individuellen Erfahrungen von Angst, Gefängnis, Exil, Verlust und Widerstand bewahren und dadurch verhindern, dass konkrete Menschen hinter den abstrakten Begriffen Volk, Nation oder Bewegung verschwinden.
Auch der öffentliche Intellektuelle darf keine politische Sonderautorität beanspruchen. Seine Legitimation liegt nicht in einem Führungsanspruch, sondern in der Qualität seiner Argumente, in seiner Unabhängigkeit und in seiner Fähigkeit, unterdrückte Erfahrungen in eine öffentliche Debatte einzubringen. Eine demokratische Öffentlichkeit muss daher die Macht jeder politischen Seite kontrollieren - der herrschenden ebenso wie der oppositionellen.
Ihre erste Pflicht besteht darin, die Opfer sichtbar zu machen, die Täter klar zu benennen und dennoch die gesellschaftlichen Bedingungen zu untersuchen, unter denen autoritäre Ideologien fortbestehen können. Nur so lässt sich verhindern, dass die Kritik an der Islamischen Republik in eine neue politische Verklärung umschlägt und dass eine Befreiungsbewegung erneut die Stimmen derjenigen übergeht, in deren Namen sie zu handeln behauptet.
Eine solche Öffentlichkeit darf jedoch nicht nur den Bruch mit der Islamischen Republik organisieren. Sie muss auch die emanzipatorischen Erfahrungen und unerfüllten Hoffnungen der iranischen Gesellschaft bewahren und kritisch weiterentwickeln. Der demokratische Neubeginn darf weder in Restauration noch in einem politischen Schlussstrich bestehen.
Genau darin liegt die Bedeutung eines Satzes aus der Kritischen Theorie, der häufig Habermas zugeschrieben wird: „Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun.“
Nationalismus als Herrschaftstechnik
Nationalismus und Islamismus sind keine politischen Gegensätze, wenn sie zur Legitimation autoritärer Herrschaft eingesetzt werden. Sie können dieselbe Herrschaftslogik in unterschiedlichen Formen hervorbringen.
Schah wie Religionsführer entziehen sich demokratischer Kontrolle durch dieselbe Struktur: Ihre Macht ist nicht gewählt, sondern erblich beziehungsweise durch ein klerikales Gremium lebenslang bestimmt, und sie wird sakral überhöht — als Schah als ›Schatten Gottes‹ der eine, als Wali-e Faqih, als Stellvertreter des verborgenen schiitischen Imam Mahdi, der andere. Auf dieser Grundlage sichert sich jeder von beiden die alleinige Verfügung über die Bodenschätze des Landes und der Nation und unterstellt sich mit SAVAK beziehungsweise den Revolutionsgarden das zentrale Machtinstrument direkt. Beide lassen zudem nur regimetreue Kandidaten beziehungsweise eine Einheitspartei zu und stellen Kritik an ihrer Person unter Strafe. Sie setzen Verfassung und Recht der eigenen Macht unter, zensieren Presse und Bildung zur Loyalitätssicherung und verfolgen Oppositionelle mit Drohung, Verhaftung, Folter und Überwachung bis in die Diaspora hinein. So tritt Loyalität zum Schah und Religionsführer an die Stelle der Bindung an Verfassung und Gesetz, und beide Systeme reproduzieren sich selbst, ohne dass das Volk an der Übergabe der Macht beteiligt wird.
Die Nachfolge Ali Khameneis durch seinen Sohn Mojtaba im März 2026 illustriert dieses familiäre Muster exemplarisch: Selbst der gewaltsame Tod des Anführers änderte an der Struktur der Herrschaft nichts, weil ein kleines Gremium, nicht das Volk, über die Nachfolge entschied.
Auch Reza Pahlavi bezeichnet sich als „Vater der Nation“ und verweist auf seine Herkunft als Sohn des letzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi, auf den er und seine Familie nach eigenen Aussagen stolz sind.
Diese strukturelle Nähe zeigt sich bis heute — besonders deutlich im persisch geprägten Nationalismus, der die demokratische Entwicklung des Landes seit Jahrzehnten behindert. Eine Teheraner Schule müsste deshalb auch die politische Funktion nationalistischer Mythen untersuchen. Dazu gehören Vorstellungen kollektiver Größe, historischer Demütigung und nationaler Sendung ebenso wie die Tendenz, gesellschaftliche Konflikte hinter einem vermeintlichen Interesse der Nation verschwinden zu lassen.
Unter dem Holocaustleugner, Ex-Präsident Ahmadinejad (2005–2013), verband sich diese Logik mit populistischer Sozialrhetorik, antiisraelischer Mobilisierung, vorislamischen nationalen Symbolen und dem Atomprogramm als Zeichen nationaler Größe und staatlicher Souveränität. So wurden gesellschaftliche Konflikte nach außen verlagert und innere Widersprüche ideologisch überdeckt. Nach außen spricht das Regime in der Sprache der Nation, nach innen in der Sprache religiöser Legitimation. Diese Entwicklung beschränkt sich jedoch nicht auf das Regime.
Auch innerhalb der Opposition, insbesondere bei Reza Pahlavi, gewinnt nationalistische Rhetorik an Bedeutung. Wo demokratische Programme, institutionelle Konzepte und gesellschaftliche Perspektiven fehlen, treten Vorstellungen von nationaler Wiedergeburt, historischer Größe und kollektiver Demütigung an ihre Stelle. Die politische Debatte verschiebt sich dann von Fragen der universellen Menschenrechte, Freiheit, Pluralismus und Gleichberechtigung auf Fragen nationaler Identität und territorialer Integrität. Damit entsteht die Gefahr, dass autoritäre Strukturen unter anderen Vorzeichen zurückkehren.
Reza Pahlavi als Projektionsfläche des politischen Vakuums
Reza Pahlavi ist ein Symptom eines politischen Vakuums, nicht dessen Lösung. Seine wachsende Zustimmung in Teilen der Diaspora ist weniger Ausdruck einer ausgearbeiteten demokratischen Perspektive als Ergebnis der tiefen Enttäuschung über eine handlungsunfähige Opposition. Viele Menschen konzentrieren sich verständlicherweise zunächst auf die Beseitigung der Islamischen Republik, während die Frage nach der politischen Ordnung danach offen bleibt. Genau dieses Vakuum begünstigt die Konzentration politischer Hoffnungen auf eine einzelne Person. Hinzu kommt die nostalgische Verklärung der Pahlavi-Zeit, in der autoritäre Strukturen, politische Repression und demokratische Defizite häufig ausgeblendet werden. Verstärkt wird diese Tendenz durch internationale Entwicklungen, vor allem durch den Aufstieg rechter und nationalkonservativer Bewegungen in vielen westlichen Ländern.
Mit Adorno lässt sich diese Pahlavi-zentrierte politische Mobilisierung als mögliche Form autoritärer Identifikation untersuchen: Eine überhöhte Führungsfigur bündelt nationale Hoffnungen, während Ambivalenz und Kritik innerhalb der Opposition als Illoyalität erscheinen. Kritik an Reza Pahlavi wird in solchen Milieus dann nicht mehr als notwendiger Bestandteil demokratischer Selbstprüfung verstanden, sondern als Angriff auf die Einheit der Opposition oder als Unterstützung der Islamischen Republik. Auf diese Weise kann politische Personalisierung die Entwicklung institutioneller, pluralistischer und rechenschaftspflichtiger Alternativen verdrängen.
Ob darüber hinaus tatsächlich rechtsautoritäre Ambitionen erkennbar sind oder koordinierte Astroturfing-Kampagnen vorliegen, muss jedoch anhand konkreter Aussagen, Organisationsstrukturen und überprüfbarer Kommunikationsdaten nachgewiesen werden. Die autoritäre Wirkung einer politischen Symbolik ist daher nicht automatisch mit einer nachgewiesenen autoritären Absicht Reza Pahlavis gleichzusetzen. Gerade diese Unterscheidung gehört zur kritischen Methode, die eine künftige Teheraner Schule entwickeln müsste.
Gender-Backlash und autoritäre Männlichkeit
Der weltweite Backlash gegen die Kämpfe von Frauen, LGBT-Menschen und anderen marginalisierten Gruppen gegen Unterdrückung zeigt sich auch in der iranischen Zivilgesellschaft. Die innerfamiliäre Gewalt gegen Frauen hat dramatisch zugenommen, während die Renaissance traditioneller Familienwerte auf Kosten von Emanzipation in Russland, Ungarn, Iran und anderen Autokratien ebenso vorangetrieben wird wie in den USA und durch international vernetzte rechtsreligiöse und radikal konservative Interessengruppen. In Deutschland wird diese Entwicklung auch von Teilen der CDU/CSU und der AfD gestützt. Damit verschiebt sich der politische Horizont von Gleichberechtigung und Solidarität wieder hin zu Gehorsam, Hierarchie und restaurativen Geschlechterbildern.
Für eine Teheraner Schule wäre die Analyse solcher Entwicklungen keine Nebenfrage. Die Stabilität autoritärer Systeme beruht nicht nur auf politischen Institutionen, sondern auch auf gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlecht, Familie, Autorität und Gehorsam. Die Demokratisierung des Iran setzt deshalb auch die kritische Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen voraus.
Viele junge Männer, die den Aufstand der Frauen gegen das Genderapartheid-System zunächst unterstützt hatten, wenden sich inzwischen zunehmend einschlägigen Influencern wie Daryush Valizadeh (Roosh V), Jordan Peterson oder Andrew Tate zu. Diese Verschiebung zeigt sich auch in den „Mann, Vaterland, Wohlstand"-Rufen auf Demonstrationen der Pahlavi-Strömung. Aus der Spaltung der Geschlechter und der Aufkündigung der Solidarität mit dem Kampf von Frauen für Gleichberechtigung profitiert das Regime im Iran unmittelbar.
Theodor W. Adorno hilft, diese Entwicklung zu verstehen. In The Authoritarian Personality untersuchten er und seine Mitautoren die gesellschaftlichen und psychologischen Voraussetzungen autoritärer Einstellungen; im Zentrum standen Konformismus, Autoritätsgläubigkeit, Feindbilder und Vorurteile. Gerade diese Begriffe zeigen, wie sich aus Enttäuschung, Unsicherheit und dem Wunsch nach Zugehörigkeit eine neue Anfälligkeit für autoritäre Männlichkeitsbilder und Führerfiguren entwickeln kann.
Die monarchistischen Parolen zeigen diese Entwicklung besonders deutlich. Slogans wie „Javid Shah", „Reza Shah, roohat shaad", „Iran is ready, give the order, Prince", „This is the final battle, Pahlavi will return", „ta abad Javid Shah", „eine Flagge, eine Nation und ein Führer" und „mellate kabir" kreisen nicht um demokratischen Pluralismus. Sie kreisen um Führung, Erlösung und nationale Wiederherstellung. „Mellate kabir" meint hier nicht einfach „großes Volk", sondern eine erhabene, außergewöhnliche, selbstinszenierende Nation und damit einen nationalistischen Überlegenheitsgestus.
Diese Perspektive ist für den Iran wichtig, weil sie zeigt, wie Freiheit nicht nur durch offene Repression, sondern auch durch innere Bereitschaften zur Unterwerfung gefährdet wird. Viele Anhänger Reza Pahlavis sind Opfer der Islamischen Republik und kämpfen seit Jahren für Freiheit und Demokratie. Gerade deshalb ist die Frage nicht, ob sie „eigentlich autoritär" sind, sondern warum eine Bewegung, die Freiheit will, immer wieder auf die Figur eines starken Führers zurückfällt.
In dieser politischen Symbolik droht damit die Wiederkehr eines alten politischen Musters: Personalisierung statt Institutionen, Erlösungsversprechen statt politischer Organisation, nationale Symbolik statt demokratischer Selbstregierung.
Antisemitismus als Kern der Herrschaft
Das Mullah-Regime richtet seinen Hass gegen alles, was es als Ausdruck von Freiheit und Moderne betrachtet, darunter Israel und Zionismus, Frauen ohne Kopftuch, Feminismus, Homosexualität, die Bahai, universelle Menschenrechte und die Bewegung „Jin, Jiyan, Azadi". Oppositionelle werden unter dem Vorwurf der „Spionage für Israel" hingerichtet. Diesen Hass trägt das Regime seit fast fünf Jahrzehnten auch über die Grenzen des Iran hinaus. Sein Hauptfeind ist der jüdische Staat Israel.
Antisemitismus ist kein Randthema, sondern ein Kern der Herrschaft. Adorno bringt die Funktionsweise dieses Hasses auf den Punkt: „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.“ Er beruht nicht auf realer Erfahrung, sondern wird erzeugt und verbreitet — genau wie die Verschwörungserzählungen, mit denen das Regime seine Feindbilder konstruiert. Er ist ein politisches Instrument der Islamischen Republik: Er bündelt Ängste und Ressentiments, verschiebt Probleme nach außen und rechtfertigt Repression nach innen. Israel, die Vereinigten Staaten und angebliche internationale Netzwerke dienen dabei als ständige Feindbilder. Kritik lässt sich so als Verschwörung abwehren, Freiheit als Gefahr markieren.
Auch hier hilft Adornos Analyse der autoritären Persönlichkeit. Sie zeigt, wie Konformismus, Autoritätsgläubigkeit und Feindbilddenken ein geschlossenes Weltbild hervorbringen, in dem Abweichung nicht als Kritik, sondern als Bedrohung erscheint. Antisemitismus, Verschwörungsdenken, religiöser Fanatismus, aggressiver Nationalismus und Feindbildpolitik greifen dabei ineinander.
Der Bruch mit der Islamischen Republik muss deshalb auch ideologisch sein. Eine demokratische Zukunft setzt die kritische Aufarbeitung jener Muster voraus, mit denen das Regime fast fünf Jahrzehnte lang Politik betrieben hat. Wer Antisemitismus lediglich als außenpolitische Frage betrachtet, unterschätzt seine innenpolitische Funktion. Er gehört zu den zentralen Instrumenten, mit denen die Islamische Republik ihre Herrschaft stabilisiert hat.
Opposition, Israel und die Staatsräson
Die Opposition muss den Vernichtungsantisemitismus endlich klar verurteilen. Viele linke Organisationen und Teile der Opposition haben ihn nicht ernst genommen und damit die Mullah-Politik der Unterstützung von Hamas und Hisbollah unter dem Deckmantel der „Befreiung Palästinas" verharmlost.
Ein demokratischer Iran kann ein verlässlicher Partner Israels sein - politisch, gesellschaftlich, kulturell und wirtschaftlich. Die Anerkennung Israels darf dabei nicht der Aufwertung einzelner Exilfiguren dienen. Sie muss Teil einer demokratisch legitimierten iranischen Staatsräson werden, verfassungsrechtlich verankert und an den Interessen der Bevölkerung orientiert. Dazu gehören das Existenzrecht Israels, der Schutz jüdischen Lebens und die entschiedene Zurückweisung von Antisemitismus und Islamismus.
Jin, Jiyan, Azadi als Gegenmodell
Jin, Jiyan, Azadi / Frau, Leben, Freiheit steht für eine gesellschaftliche Kraft, die Freiheit, Gleichberechtigung und Würde gegen Führerkult und nationale Selbstinszenierung setzt. Die Bewegung ist nicht nur ein Protest gegen die Zwangsverschleierung. Frauen, Arbeiterinnen und Arbeiter, politische Gefangene, Studierende, Lehrerinnen und Lehrer, Rentnerinnen und Rentner, Umweltaktivist:innen, LGBTIQ-Menschen sowie Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten tragen den Kampf um Freiheit seit Jahren unter Bedingungen, die mit hohen persönlichen Risiken verbunden sind. Gerade diese Vielfalt gehört zu den größten Stärken der Bewegung und bildet eine wichtige Grundlage für eine Teheraner Schule.
Sie zeigt, dass der Kampf gegen die Islamische Republik weit über einzelne gesellschaftliche Gruppen hinausreicht. Der Ruf nach Leben, Freiheit und Würde verbindet unterschiedliche soziale Erfahrungen und politische Forderungen.
Jin, Jiyan, Azadi steht damit gegen den religiösen Totalitarismus der Islamischen Republik, aber auch gegen die Vorstellung, dass eine einzelne nationale Führungsfigur die politische Zukunft des Landes verkörpern könne. Die Bewegung verbindet Freiheit mit Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Selbstbestimmung. Gerade darin liegt ihr demokratisches Potential.
Aufgaben einer Teheraner Schule
Die Teheraner Schule ist die intellektuelle Form dieser gesellschaftlichen Selbstermächtigung. Sie wäre eine eigene kritische Denktradition, die die iranische Geschichte, die Erfahrungen von Revolution und Diktatur, die Rolle von Religion und Nationalismus und Antisemitismus und Sexismus sowie die Entstehung demokratischer Bewegungen aus sich selbst heraus untersucht.
Ihre Aufgabe bestünde darin, den religiösen Totalitarismus der Islamischen Republik zu analysieren, die Revolution von 1979 kritisch zu untersuchen, neue Diktaturen zu verhindern, Freiheit mit Gleichberechtigung und sozialer Gerechtigkeit zu verbinden und die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Autoritarismus aufzuarbeiten. Dazu gehören die Beziehung zwischen Religion und Staat, die Stellung der Frau, die Situation ethnischer und religiöser Minderheiten, die politische Funktion des Nationalismus, die Verbreitung antisemitischer und verschwörungsideologischer Denkmuster sowie der Umgang mit Andersdenkenden.
Eine solche Teheraner Schule müsste interdisziplinär arbeiten und Politikwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Religionswissenschaft, Kulturkritik und Genderstudies miteinander verbinden. Sie müsste die iranische Gesellschaft selbst zum Ausgangspunkt ihrer Erkenntnis machen.
Adornos berühmteste pädagogisch-politische Forderung lässt sich hierher übertragen — nicht als Gleichsetzung der Verbrechen, sondern als Vorbild für den Gedanken, dass Erkenntnis aus der Katastrophe zur ersten Pflicht wird: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Für die Teheraner Schule hieße das analog: Die Forderung, dass sich Diktatur im Iran nicht wiederhole, ist die allererste an jede künftige Erziehung, Wissenschaft und Öffentlichkeit des Landes.
Die Bewährungsprobe nach dem Sturz
Der Sturz der Islamischen Republik ist notwendig, aber er genügt nicht. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt danach: Autoritäre Denkweisen, Feindbilder, Führerkulte, Nationalismus, Antisemitismus, Verschwörungsideologien und die Sehnsucht nach einfachen Lösungen können auch nach einem Machtwechsel fortbestehen. Deshalb darf die Zukunft des Iran nicht auf die Frage reduziert werden, ob Monarchie oder Republik die Macht übernimmt. Entscheidend - auch für mich als Republikaner - ist, wie Macht begrenzt, kontrolliert und demokratisch legitimiert wird.
Eine freie Gesellschaft entsteht nicht durch den Austausch politischer Eliten, sondern durch Institutionen, Rechte und gesellschaftliche Strukturen, die neue Machtkonzentration verhindern.
Adorno hat diesen Zusammenhang zwischen äußerer und innerer Befreiung so zugespitzt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Ein Regimewechsel, der Führerkult, Antisemitismus und autoritäre Strukturen nur durch andere ersetzt, bleibt in diesem Sinn ein falsches Leben — auch wenn die Islamische Republik gestürzt ist.
Von Frankfurt nach Teheran führt kein Weg der Nachahmung. Es geht nicht darum, deutsche Erfahrungen einfach zu übertragen, sondern aus kritischer Theorie zu lernen und sie auf die eigenen historischen Bedingungen anzuwenden.
Die „Teheraner Schule“ ist eine politische Forderung und ein methodisches Prinzip: Keine Befreiung ohne Selbstkritik, keine Demokratie ohne Institutionen und keine Zukunft ohne Aufarbeitung der eigenen autoritären Traditionen.
Quellen
Adorno, Theodor W., und Horkheimer, Max. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. 1947. Kapitel: „Kulturindustrie: Aufklärung als Massenbetrug“.
https://www.marxists.org/reference/archive/adorno/1944/culture-industry.htm
Adorno, Theodor W., Frenkel-Brunswik, Else, Levinson, Daniel J., und Sanford, R. Nevitt. The Authoritarian Personality. New York: Harper & Brothers, 1950.
https://archive.org/details/authoritarianper0000twad
Adorno, Theodor W. Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001 [1951].
Nachweis für das Zitat „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“:
https://www.idz-jena.de/wsddet/wsd8-10
Adorno, Theodor W. „Erziehung nach Auschwitz“ (1966). In: Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1970.
https://zfbeg.org/ojs/index.php/cjbk/article/download/1539/1338/4345
Horkheimer, Max, und Adorno, Theodor W. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Für das Zitat „Schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“.
https://www.marxists.org/reference/archive/adorno/1944/culture-industry.htm
Habermas, Jürgen. „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“. In: Kleine politische Schriften I–IV. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981, S. 444.riften I–IV. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981, S. 444.