Montag, 14.09.2026 / 16:00 Uhr

Aufruf zum Generalstreik in Iranisch-Kurdistan

Gastbeitrag von Kazem Moussavi
mina

Graffiti in Frankfurt/M

Bild:
Ostendfaxpost, Wikimedia Commons (Bildquelle)

Jin, Jiyan, Azadî – zum vierten Jahrestag der staatlichen Ermordung von Jina Mahsa Amini.

Jina Mahsa Amini wurde im September 2022 wegen eines angeblich „falsch“ getragenen Kopftuchs durch die Sittenpolizei der Islamischen Republik in Teheran festgenommen und starb kurz darauf im staatlichen Gewahrsam in einem Krankenhaus. Sie war Kurdin aus Saqqez. „Jina“ war ihr kurdischer Name, während „Mahsa“ der Name war, unter dem sie staatlich registriert wurde. Jina bedeutet auf Kurdisch „Leben“ – eine unmittelbare Verbindung zur Parole „Jin, Jiyan, Azadî – Frau, Leben, Freiheit“, persisch „Zan, Zendegi, Azadi“.

Ihr Tod löste im September 2022 einen landesweiten Aufstand aus und machte sie weltweit zum Symbol des Kampfes für Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung im Iran.

Die Koalition der politischen Kräfte des iranischen Kurdistan hat am 13. September 2026 einen landesweiten Generalstreik für Mittwoch, den 16. September, angekündigt.

Dem Bündnis, das am 22. Februar 2026 gegründet wurde, gehören folgende politische Parteien und Organisationen an:

Demokratische Partei Kurdistans Iran (KDPI/HDKA)

Partei der Freiheit Kurdistans (PAK)

Partei des freien Lebens Kurdistans (PJAK)

Komala der Arbeiter Kurdistans

Organisation Khabat Kurdistans Iran

Komala der revolutionären Arbeiter Kurdistans im Iran (Abdullah Mohtadi)

Bereits am 8. Januar 2026 hatten die kurdischen Parteien zu einem Streik aufgerufen. In mehr als 39 Städten und Ortschaften Kurdistans blieben Geschäfte und Basare geschlossen.

Bei den Protesten am 8. und 9. Januar wurden in Teheran und anderen Städten Tausende Demonstrant:innen ermordet und verhaftet. Darunter wurden bislang 30 Inhaftierte zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) berichtete am Sonntag: „Mindestens acht Frauen droht in iranischen Gefängnissen die Hinrichtung nach einem Todesurteil, darunter vier in Fällen, die mit den landesweiten Protesten im Januar 2026 in Verbindung stehen.“

Der Aufruf vom 13. September 2026 wird im Folgenden dokumentiert:

Liebe Landsleute!

Vier Jahre sind vergangen seit der Ermordung von Jina Amini durch die iranische Regierung und dem Beginn der „Jina – Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung. Jinas Ermordung markierte einen Wendepunkt im Kampf des kurdischen Volkes und aller Freiheitskämpfer. Sie erschütterte die Grundfesten des autoritären Regimes der Islamischen Republik und verschaffte der Stimme des kurdischen Volkes und aller Freiheitskämpfer im Iran weltweit Gehör.

Nun, da sich der Jahrestag dieses landesweiten Aufstands nähert, befinden sich die Lebensgrundlagen der Bevölkerung und die Frage der Freiheit in einer äußerst kritischen Lage. Insbesondere nach den regionalen Konflikten und Spannungen zwischen Iran, den Vereinigten Staaten und Israel haben sich die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krisen weiter verschärft. Um seine internen Schwächen und Versäumnisse zu verschleiern, hat das Regime den Sicherheits- und Wirtschaftsdruck auf das kurdische Volk und die iranische Bevölkerung massiv erhöht. Armut, hohe Preise, Arbeitslosigkeit und der Mangel an Freiheit und Sicherheit belasten den Alltag der Menschen schwer.

Trotz der wachsenden Unzufriedenheit und der Aktivitäten verschiedener Bewegungen setzt das Regime seine Politik der Tötung und Repression fort. Die Verhaftungswelle gegen politische und soziale Aktivisten, Frauenrechtlerinnen, Kultur- und Umweltaktivisten, Arbeiter und Lehrer hält an und verschärft sich täglich. Die Verhängung harter Strafen und die beispiellose Zunahme von Hinrichtungen spiegeln einerseits die Angst des Regimes vor dem Willen der Bevölkerung und andererseits sein Festhalten an Repression und Gewalt wider.

In der jüngeren Geschichte Irans war die kurdische Nation stets eine Speerspitze des Freiheitskampfes und spielt auch in dieser historischen Phase eine entscheidende Rolle. Der Übergang zu einem Ende des Regimes ist nur mit der Einheit und dem Willen der Bevölkerung möglich. Der Einfluss zivilgesellschaftlicher und kollektiver Aktivitäten im Kampf gegen das Regime ist unerlässlich. Gleichzeitig sind Solidarität und der gemeinsame Wille aller Bevölkerungsgruppen von entscheidender Bedeutung.

Politische und soziale Proteste, insbesondere die landesweiten Streiks in Kurdistan seit der Machtübernahme der Islamischen Republik bis heute, haben deutlich gemacht, dass die Forderungen der freiheitsliebenden kurdischen Bevölkerung im Widerspruch zur Politik dieses Regimes stehen. In ihrer Geschichte des Kampfes hat sich unsere Nation durch landesweite und historische Streiks gegen Unterdrückung und Gewalt erhoben, auf ihren legitimen Rechten bestanden und die politische und zivile Botschaft ihres Kampfes in die Welt getragen.

Angesichts der aktuellen Lage ruft die Koalition der politischen Kräfte des iranischen Kurdistan alle Bürgerinnen und Bürger zu einem landesweiten Generalstreik am Mittwoch, dem 16. September, auf, dem vierten Jahrestag der Ermordung von Jina Amini durch die Regierung. Der Streik richtet sich gegen die Politik der Islamischen Republik Iran.

Dieser Streik gedenkt nicht nur der Menschen, die ihr Leben verloren haben, und der Werte der „Jin, Jiyan, Azadî – Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung. Er ist zugleich ein ziviler Kampf und eine kollektive Antwort auf die Sicherheits- und Wirtschaftskrise. Er sendet eine klare Botschaft über die Kraft zivilgesellschaftlicher Aktivitäten und den Widerstand des kurdischen Volkes.

Wir rufen alle kämpferischen und freiheitsliebenden Menschen auf, sich am Mittwoch, dem 16. September, diesem landesweiten Generalstreik anzuschließen, Geschäfte und Märkte zu schließen und die Arbeit niederzulegen. Lasst uns gemeinsam erneut unsere Einheit demonstrieren, jede Gelegenheit nutzen, unsere legitimen Rechte einzufordern und uns niemals der Unterdrückung zu beugen.

Dieser landesweite Generalstreik ist ein wichtiger Schritt und ein klares Signal auf dem Weg des Kampfes. Er ist Ausdruck des politischen Willens unserer Bevölkerung.

Wir rufen alle politischen und zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen auf, diesen landesweiten Generalstreik zu unterstützen, die Koordination unserer zivilgesellschaftlichen Aktivitäten zu stärken und deutlich zu machen, dass das Regime der Unterdrückung und Hinrichtung unseren Kampf in keiner Weise aufhalten kann.

Koalition der politischen Kräfte des iranischen Kurdistan

13. September 2026

Jin, Jiyan, Azadî – Solidarität mit dem kurdischen Aufruf

Dieser Aufruf wird sowohl im Iran, darunter auch von politischen Gefangenen, als auch von Dutzenden von politischen und Menschenrechtsorganisationen sowie Aktivist:innen im Exil unterstützt.

Der kurdische Aufruf zum Generalstreik ist zugleich ein Aufruf zur Unterstützung der Frauen sowie der ethnischen, religiösen und sexuellen Minderheiten im Iran. Er verdient deshalb auch im Westen die Unterstützung demokratischer Parteien, von Frauen und insbesondere Feministinnen, von LGBTIQ+-Organisationen und antifaschistischen Aktivist:innen.

Frauen und Kurd:innen im Iran kämpfen gegen ein antisemitisches atomares Regime, das den Iran und die gesamte Region derzeit in einen Krieg stürzt und eine globale Gefahr für Sicherheit und Frieden darstellt.

Als Sprecher der Green Party of Iran und in Deutschland als Vertreter der politischen Koalition „Breite Solidarität für Freiheit und Gleichheit im Iran“ solidarisiere ich mich mit dem kurdischen Aufruf zum Generalstreik am 16. September 2026 im Iran.