Der Wahlsieg der Linkspartei in Berlin und die Lehren von 1979 aus dem Iran
Ein Teil der iranischen Linken hofierte 1979 die Mullahs als antiimperialistische Verbündete – und wurde dafür verfolgt, gefoltert, hingerichtet. Diese Geschichte betrifft die Berliner Linke nicht als Gleichsetzung, sondern als Mahnung: Wer mit islamistischen Milieus paktiert, riskiert denselben Fehler.
Die iranische Rechte macht daraus etwas anderes. Pahlavisten und AfD nutzen diese Lehre, um ihre eigene autoritäre, nationalistische Agenda als demokratische Alternative zu verkaufen. Und das Mullahregime tarnt sich, mitsamt seinen deutschen „linken" Stichwortgebern, unter der Flagge der Palästina-Solidarität als „Widerstand" – während dieselbe Achse, von Hisbollah bis Hamas und Huthis, Frauen, Minderheiten und Andersdenkende unterdrückt und hinrichtet, in Teheran wie in Gaza, und Jüdinnen und Juden auch hierzulande in Gefahr bringt.
Die historische Hypothek: Tudeh, 1979 und die Geburt des Islamo-Gauchismus
Was oben als Mahnung steht, hat einen Namen und eine Vorgeschichte. Der Begriff „Islamo-Gauchismus" selbst entstand erst später, geprägt von Pierre-André Taguieff für die Konvergenz linksradikaler und islamistischer Milieus während der zweiten Intifada. Sein Ausgangspunkt aber liegt 1979.
Ein Teil der iranischen Linken – voran die damalige moskautreue Tudeh-Partei, dazu einige Strömungen der Fedayiin und weitere – glaubte, den antiwestlichen Ayatollah Khomeini gegen Schah, Imperialismus und Zionismus instrumentalisieren zu können, um am Ende selbst die Macht zu übernehmen. Man half, den Druck auf den Schah zu erhöhen, und nach seinem Verlassen des Landes auch auf den liberalen Premierminister Shapour Bachtiar, in der Erwartung, danach am Tisch zu sitzen.
Gebraucht wurden sie nur bis zum Sturz der Monarchie. Was folgte, ist bekannt.
„Islamo-Gauchismus" meint genau das: die Bereitschaft eines Teils der vermeintlich demokratischen Linken, im Namen des Antiimperialismus über islamistische Gewalt und Judenhass hinwegzusehen oder sie sogar zu romantisieren.
Von der historischen Lehre zur heutigen Verantwortung
Der Verfasser hat diese Appeasement-Politik der Linken Partei bereits in einem Beitrag für die Jungle World - von Tunis nach Teheran, kritisiert: „Ideologische Netzwerke, Exil und Querfront: Die Tudeh-Partei, die Linke und die iranische Opposition" (September 2025).
Die Berliner Linke muss nach ihrem Wahlsieg ihre Kontakte zu islamistischen Milieus beenden. Hamas-Verherrlichung, Terror-Relativierung und antisemitische Feindbilder sind mit einer emanzipatorischen Linken nicht vereinbar. Kritik an der Netanyahu-Regierung rechtfertigt weder antisemitische Positionen noch die Unterstützung der Hamas, ihres Förderregimes im Iran oder die Teilnahme von Remmo-Oberhaupt und Ibrahim Ibrahim – der in der EU als terrorunterstützend eingestuften PFLP nahesteht – auf der Wahlparty.
Auch der Neuköllner Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak gehört in dieses Bild. Er chattete mit einem Mitglied der Familie Remmo, der ihn „Bruder" nannte. Er stand im Foto neben dem PFLP-nahen Ibrahim Ibrahim und Issa Remmo. Sein Kreisverband lud Jeremy Corbyn ein, der Hamas und Hisbollah öffentlich seine „Freunde" nannte und 2012 vor einer Hisbollah-Flagge beim antisemitischen Al-Quds-Marsch in London sprach.
Islam und Islamismus – dessen internationale Patin die atomare Islamische Republik ist – sind nicht dasselbe. Dies muss gesagt werden.
Den Schutz von Musliminnen und Muslimen vor Diskriminierung darf eine Linke nicht mit der Schonung islamistischer und antisemitischer Organisationen verwechseln. Dies wird auch von undemokratischen rechten Kräften instrumentalisiert.
Radio Zamaneh im Exil schrieb in einem persischen Beitrag, dass ein Teil der Pahlavi-Anhängerschaft in Deutschland gegen die Linke Partei und Elif Eralp agiert, sich migrationsfeindlichen Parteien anschließt und sogar fordert, Menschen aus islamischen Kulturen aus Deutschland auszuweisen. Das Radio nennt das Phänomen „Faschismus der Migranten“ der Pahlavisten.
Elif Eralps Wahlsieg
Am 20. September wurde Die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl. Ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp kündigte an, den Wohnungsmarkt stärker zu regulieren, große private Wohnungsbestände zu vergesellschaften und soziale Rechte auszubauen.
Eralp ist eine alevitische Frau und Tochter politischer Flüchtlinge aus der Türkei. Am Wahlabend tanzte sie mit Freundinnen und Parteimitgliederinnen zu kurdischer Musik, während die Parole „Jin, Jiyan, Azadî" gerufen wurde.
Die politische Situation im Iran unter der Mullah-Diktatur und in einer Demokratie in Deutschland sind nicht gleichzusetzen. Aber eine Tatsache bleibt: Die Frauen, die im Iran für „Jin, Jiyan, Azadî" auf die Straße gegangen sind, stehen sinnbildlich für diesen Kampf. Auch die Mehrheit der Berliner Links-Wähler:innen waren Frauen, die Elif Eralp unterstützten, während sich die Männer eher in konservativeren Parteien sammelten – eine Entwicklung, die den weltweiten Backlash der letzten Jahre dokumentiert.
Insofern ist es folgerichtig, dass diese Parole am Wahlabend zu hören war. Trotzdem gilt: „Jin, Jiyan, Azadî" darf kein Deckmantel für Hamas-Unterstützung unter dem Vorwand der Palästina-Solidarität sein – wie es in der Vergangenheit bereits antizionistische und antiisraelische iranische wie deutsche, sich selbst als „links" und „antifaschistisch" verstehende feministische Gruppen vorgemacht haben.
Eralp selbst hat sich vor der Presse für die Sicherheit von Jüdinnen und Juden und gegen Antisemitismus in ihrer Partei ausgesprochen. Diese Ansage ist ein Anfang. Ob sie trägt, entscheidet sich nicht an Worten, sondern daran, was die Linke jetzt aus ihr macht.
Radio Zamaneh: „Die Linke siegt in Deutschland, die iranische Rechte ist empört"
Ein Teil der Pahlavi-Anhängerschaft macht aus der berechtigten historischen Kritik etwas anderes: eine pauschale Feinderklärung gegen „die Linke" als solche, ohne Unterschied zwischen der Bündnispolitik von 1979 und einer Berliner Linken, die dieses Bündnis nie eingegangen ist. „Links" ist in diesem Milieu keine politische Position mehr, über die man streiten kann. Es ist der Sammelbegriff für alles, was der eigenen Vision entgegensteht: Nation, Ordnung, starker Mann, Javid Shah.
An der Reaktion auf Eralps Sieg zeigt sich das exemplarisch: Aus Berliner Wohnungs- und Sozialpolitik wird ein Kulturkampf über Palästina, Israel, Migration, Islamismus und Pahlavi. Eralp wird nicht als Politikerin mit bestimmten Positionen behandelt, sondern als Symbol für alles, was dieses Milieu bekämpft.
Wäre Elif nur ein einziges Mal Pahlavi-Unterstützerin, würde sie von der iranischen Rechten vermutlich toleriert. Die Verbindung von Frau, Migration und linker Politik macht sie zur Projektionsfläche – zumal sie bald Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden könnte.
Iranisches Radio Zamaneh hat die Reaktionen am 23. September in einem persischsprachigen Kommentar mit dem Titel „Die Linke siegt in Deutschland, die iranische Rechte ist empört" dokumentiert. Die politischen Bewertungen darin stammen vom Autor Saeed Saber; die angeführten Äußerungen iranischer Journalisten der Bild-Zeitung und von Iran International sind dennoch aufschlussreich.
Der Bild-Journalist (Iman Sefati), von Radio Zamaneh als entschiedener Unterstützer Reza Pahlavis beschrieben, kommentierte die Siegesfeier mit einem Hinweis auf Palästinensertücher, arabische Musik und die Familie Remmo.
In einem weiteren Beitrag verband er ein Foto Eralps mit der Aussage eines palästinensischen Demonstranten, Palästina werde erst frei sein, wenn Tel Aviv in palästinensischer Hand sei – eine Verknüpfung, die sich als Vorstellung einer Welt ohne Juden und Israel lesen konnte.
Bemerkenswert bleibt, mit welcher Konsequenz das Milieu jede dieser Stimmen auf ein Feindbild zuspitzt, das mit Berliner Wohnungspolitik kaum noch etwas zu tun hat.
Der Iran-International-Journalist (Ahmad Samadi) erklärte, Berlin sei nach zwei Jahrzehnten linker Regierung „schlampig", „zerstört" und „bettlerfreundlich" geworden; den Wahlerfolg führte er auf angebliche „ausländische Maßnahmen" und die Passivität der Wähler zurück.
Der Publizist Arash Sarkouhi widersprach mit Fakten: Die Linke war zwölf Jahre an Regierungskoalitionen beteiligt, stellte aber nie den Regierenden Bürgermeister; die Wahlbeteiligung ist gestiegen, nicht gesunken; für ausländische Einflussnahme gebe es keinen Beleg.
Der Kölner Facharzt Mohsen Bonabi, Aktivist der pahlavi-nahen Gruppe „Haft Aban" in Belgien, verglich Berlin mit New York und Eralp mit einer „deutschen Mamdani" – „eine Frau", wie er eigens betonte – und stellte den Wahlsieg in Zusammenhang mit Palästina, der Familie Remmo und angeblichen Verbindungen zu palästinensischen Terrororganisationen.
Der Berliner Arzt Masyar Rahmanzadeh, ebenfalls Pahlavi-Unterstützer, ging in der Berliner Zeitung noch weiter: Er nannte Die Linke „radikal-faschistisch" und islamistisch, warnte vor einem „islamischen Berlin" und kündigte an, die Stadt nach diesem Wahlsieg zu verlassen.
Das Bemerkenswerte daran ist nicht, dass iranische Journalisten eine deutsche Partei kritisieren – das ist legitim. Bemerkenswert bleibt, mit welcher Konsequenz das Milieu jede dieser Stimmen auf ein Feindbild zuspitzt, das mit Berliner Wohnungspolitik kaum noch etwas zu tun hat.
Schwächung der „Frau, Leben, Freiheit" und Behauptung, gegen Islamismus und Antisemitismus zu sein
Dass ausgerechnet diese Parole am Wahlabend fiel, trifft vermutlich einen wunden Punkt in der Pahlavi-Szene. Dieselbe Bewegung, die im Iran gegen ein System aus religiösem Herrschaftsanspruch, Antisemitismus und Islamismus, das Israel vernichten will, kämpft, wird von Pahlavisten aus dem Exil ignoriert, die jedoch hierzulande hartnäckig Islamismus und Antisemitismus in der Linken anprangern. Das ist politisch nicht schlüssig. So lässt sich weder der notwendige Druck aufbauen noch langfristig eine demokratische, menschenrechtsbasierte Perspektive stärken – gerade in einer Zeit, in der politische Brandmauern vielerorts und in Deutschland bröckeln.
Vereinnahmung statt Anerkennung
2022 galt „Jin, Jiyan, Azadî" bei Pahlavisten noch als „linke" Sache, die es möglichst zu ignorieren galt. Heute versuchen sie, sich die Bewegung anzueignen – bei gleichzeitiger Behauptung, sie sei 2026 längst durch „Javid Shah – Reza Pahlavi"-Rufe von Millionen im Iran abgelöst worden. Das stimmt faktisch nicht. Schon vorher hatten Pahlavisten der Parole „Frau, Leben, Freiheit" eine eigene Formel entgegengesetzt: „Mard, Mihan, Ābādi" – „Mann, Heimat, Wohlstand".
Die wissenschaftliche Forschung beschreibt diese Gegenüberstellung als patriarchal-nationalistischen Diskurs: Eine Studie der Universität Oxford bezeichnet die Formel als Gegenentwurf zum emanzipatorischen Kern von „Frau, Leben, Freiheit"; eine jüngere Untersuchung zum persischen Rechtsnationalismus beschreibt sie als Ausdruck androzentrischen, ethnonationalistischen Denkens.
„Tod den drei Verdorbenen"
Aus demselben Lager stammt die Parole „Tod den drei Verdorbenen": Mullahs, Linke und Mojahedin, inzwischen erweitert um sogenannte „Separatisten" – gemeint sind kurdische politische Kräfte. Dahinter steht eine Relativierung von Terror und Hinrichtungen gegen diese Oppositionsgruppen.
Berührungspunkte mit der europäischen Rechten
Auch zwischen Pahlavisten und der europäischen Rechten gibt es Schnittmengen: Nationalismus, Ablehnung linker Gesellschaftspolitik, Migration und Minderheiten als Fragen nationaler Ordnung.
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Andreas Bleck versuchte, Reza Pahlavi zu einem Fraktionsgespräch einzuladen; die Fraktionsführung um Weidel und Chrupalla lehnte ab – ein Streit um außenpolitische Linie, nicht um grundsätzliche Ablehnung Pahlavis.
Hilfe für „Jin, Jiyan, Azadî" – Taten statt Parolen
Elif Eralp und Die Linke stehen vor einer Bewährungsprobe. Solidarität mit der „Jin, Jiyan, Azadî"-Bewegung bedeutet nicht nur, eine Parole zu rufen. Wer sie ruft, muss auch danach handeln: politischen Druck auf die Bundesregierung ausüben, damit die Islamische Republik konsequent isoliert wird. Exil-Organisationen der iranischen Frauenbewegung gegen Islamismus und Antisemitismus sichtbar machen und vor Angriffen schützen. Und Vertretern des Regimes, seinen Verbündeten oder Appeasement-Betreibern keine Plattform mehr bieten.
Quellen
https://www.radiozamaneh.com/901223
https://iran-chronik.org/artikel/jina-bewegung-2022.en
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09589236.2026.2715734
https://journals.rudn.ru/world-history/article/view/38725/en_US
https://magazin.zenith.me/de/politik/aussenpolitik-und-rechtspopulismus
https://www.hrw.org/de/news/2022/09/22/iran-frau-stirbt-gewahrsam-der-sittenpolizei