Houthis nehmen Mokha ein und rücken an das Tor zum Roten Meer vor
Die vom Iran unterstützten Huthis haben mit der Einnahme der wichtigen Hafenstadt Mokha und der Eroberung der Strategisch bedeutsamen Insel Dschabal Zaqrb die Kontrolle über einen wichtigsten Zugangspunkt zur Meerenge Bab al-Mandab am südlichen Ende des Roten Meeres erlangt.
Vier Jahre lang war der Krieg im Jemen nicht beendet, sondern nur leiser geworden. Der 2022 zwischen den Houthis und der international anerkannten jemenitischen Regierung vereinbarte Waffenstillstand hielt trotz ausbleibender politischer Lösung weitgehend. Dann wurde aus dem eingefrorenen Krieg wieder ein heißer – und aus einem jemenitischen Bürgerkrieg endgültig ein Schauplatz jener regionalen Auseinandersetzung, in der sich Iran, Saudi-Arabien, Israel und die Vereinigten Staaten gegenüberstehen.
Schon seit dem Gaza-Krieg hatte sich das Zentrum des Konflikts zunehmend vom jemenitischen Hinterland an die Küste des Roten Meeres verschoben. Seit Oktober 2023 griffen die Houthis, nach eigener Darstellung aus Solidarität mit den Palästinensern, Handelsschiffe mit Raketen und Drohnen an. Die Meerenge Bab al-Mandab, durch die das Rote Meer mit dem Golf von Aden und damit dem Indischen Ozean verbunden ist, wurde wieder zum Kriegsschauplatz. Die Vereinigten Staaten antworteten zunächst mit der multinationalen Operation »Prosperity Guardian«, später gemeinsam mit Großbritannien mit Luftangriffen auf Stellungen der Houthis. Im Frühjahr 2025 folgte eine größere amerikanische Angriffswelle.
Vom Waffenstillstand zur neuen Offensive am Bab al-Mandab
Der Waffenstillstand innerhalb des Jemen überstand zunächst selbst diese Internationalisierung des Krieges. Im Sommer 2026 zerbrach er. Der Iran hat im Juli diese Jahres Kommandeure der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC), Militärberater sowie Ausrüstung für Raketen und Drohnen nach Jemen geflogen. Am 16. Juli meldete Reuters, Iran habe die jemenitische Houthi-Bewegung aufgefordert, sich bereitzuhalten, die Ölroute im Roten Meer zu blockieren, in dessen Folge erklärten die Houthis am 23. Juli den Waffenstillstand mit der jemenitischen Regierung und Saudi-Arabien für beendet. Am 20. Juli verkündeten sie eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien und begannen anschließend, saudische Öltanker im Roten Meer anzugreifen. Saudi-Arabien griff daraufhin Houthi-Stellungen in Hodeidah an; die Houthis attackierten ihrerseits Ziele in Jizan und Yanbu. Anfang August kamen Raketen- und Drohnenangriffe gegen jemenitische Regierungstruppen hinzu.
Aus dem Waffenstillstand war binnen weniger Wochen wieder Krieg geworden.
Am 3. September eröffneten die Houthis schließlich eine großangelegte Bodenoffensive im Gouvernement Taiz. Ihr unmittelbares Ziel war die Straße zwischen Taiz und Mokha. Wer sie unterbrach, konnte Taiz weiter von der Küste abschneiden; wer darüber hinaus nach Süden und Westen vorstieß, näherte sich zugleich jenem Gebiet, in dem der lokale Frontverlauf unmittelbar strategische Bedeutung für den internationalen Schiffsverkehr gewinnt.
Die Regierungstruppen des Präsidialen Führungsrats (PLC) antworteten mit Gegenoffensiven. In Taiz wechselten Hügel, Dörfer und Militärstellungen den Besitzer, während Regierungstruppen gleichzeitig in Al-Jawf und Al-Bayda vorrückten. Noch am 6. September meldete der PLC die vollständige Einnahme des Distrikts Hays. Zwei Tage später erklärte er sogar, die Offensive solle letztlich bis in die von den Houthis kontrollierte Hauptstadt Sanaa führen. Zur selben Zeit griffen die Houthis Ziele in Saudi-Arabien mit Drohnen und Raketen an.
Die Erfolgsmeldungen hielten nicht lange.
Am 9. September eroberten die Houthis nach Gefechten in Taiz das strategisch gelegene Militärlager Khalid bin Walid. Einen Tag später brach die Stellung der Regierungstruppen an der Küste ein. Nach dem weiteren Vormarsch der Houthis räumten die PLC-Truppen Hays und Al-Khawkhah sowie schließlich Mokha. Sie zogen sich nach Süden in Richtung Dhubab zurück – und damit näher an die Meerenge Bab al-Mandab.
Damit hatte sich innerhalb einer Woche die Richtung des Krieges bemerkenswert verändert. Noch am 8. September hatte der PLC den Vormarsch auf Sanaa zum Ziel erklärt. Am 10. September musste er stattdessen eine der strategisch wichtigsten Hafenstädte an der Westküste aufgeben.
Die militärische Bedeutung dieses Vormarsches erschöpft sich deshalb nicht in der Zahl eroberter Distrikte. Die Houthis rückten entlang jener Küste vor, an deren südlichem Ende der Bab al-Mandab liegt: einer der entscheidenden Zugänge zum Roten Meer. Dort wird aus der Kontrolle über Straßen, Häfen und Inseln die Möglichkeit, Schifffahrtswege zu beobachten, zu bedrohen oder militärisch unter Druck zu setzen.
Und genau deshalb war Mokha womöglich nicht der wichtigste Gewinn dieses Tages.
Nach dem Fall von Mokha fiel auch die Insel Jebel Zaqr an die Houthis.
Nach dem Fall der jemenitischen Hafenstadt Mokha ist Berichten zufolge auch die Insel Jebel Zaqr unter die Kontrolle der Houthis geraten. Das eine wird als militärischer Erfolg gemeldet, das andere könnte sich als dessen wesentlich interessanterer Teil erweisen.
Mokha ist ein Hafen am Roten Meer. Jebel Zaqr liegt darin.
Dieser Unterschied ist für Leute, die Krieg auf Landkarten verfolgen, vielleicht einer der Farbe. Für Leute, die Waren transportieren, Öl verschiffen, Kriegsschiffe kommandieren oder die Freiheit der Meere vorzugsweise mit Flugzeugträgern verteidigen, ist er beträchtlich.
Nachdem sich die Truppen der international anerkannten jemenitischen Regierung aus Mokha zurückgezogen hatten und die Houthis die Stadt besetzten, sollen deren Kämpfer auch Jebel Zaqr unter ihre Kontrolle gebracht haben. Eine Insel, die außerhalb des Jemen bislang ungefähr so viel öffentliches Interesse erregte wie der Fahrplan eines Überlandbusses in Hadramaut, bekommt damit plötzlich Weltgeltung. Nicht weil dort etwas hergestellt würde, was die Welt braucht, sondern weil an ihr vorbeifährt, was die Welt braucht.
Jebel Zaqr liegt im Roten Meer, in der weiteren Umgebung des Bab al-Mandab. Durch diese Meerenge müssen Schiffe, deren Ladungen in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen als Warenströme erscheinen und deren Gefährdung dort unverzüglich zur Sorge um die Weltwirtschaft wird. Öltanker, Containerschiffe und alles andere, dessen freie Fahrt den Staaten, die sonst von Grenzen gar nicht genug bekommen können, heilig ist.
An einer Verkehrsader des Weltmarktes
Wer eine solche Insel militärisch kontrolliert, besitzt deshalb nicht bloß ein Stück Fels und Erde. Er besitzt einen Beobachtungsposten an einer Verkehrsader des Weltmarkts und, sofern Waffen, Aufklärung und Reichweite vorhanden sind, einen möglichen Ausgangspunkt zur Bedrohung eben dieses Verkehrs.
Das erklärt auch, weshalb der Besitz solcher Inseln regelmäßig zum Gegenstand jener Art von historischem Streit wird, bei der Staaten zunächst erklären, es gehe um uralte Rechte, nationale Würde und unveräußerliches Territorium, und anschließend auffällig häufig über Häfen, Fischereizonen, Seewege und strategische Positionen sprechen. Um Jebel Zaqr und andere Inseln im Roten Meer stritten in den neunziger Jahren Jemen und Eritrea. Die Geographie hatte beiden Seiten Argumente geliefert, die Geschichte den Rest.
Sollte sich die Einnahme Jebel Zaqrs bestätigen, haben die Houthis mit Mokha also nicht lediglich eine weitere Stadt und mit der Insel nicht lediglich weiteres Territorium gewonnen. Sie hätten ihre Stellung an jener Route verbessert, deren Bedeutung spätestens dann jedem Fernsehzuschauer erklärt wird, wenn ein Frachter brennt, Versicherungsprämien steigen und irgendein Minister in Washington, London oder Paris erklärt, die internationale Gemeinschaft könne eine Gefährdung der freien Schifffahrt nicht hinnehmen.
Die Houthis, vom Iran unterstützt und deshalb in westlichen Meldungen zuverlässig mit dieser Herkunftsbezeichnung versehen, verfügen damit über eine günstigere Position gegenüber dem Verkehr im Roten Meer. Dass Teheran daraus strategischen Nutzen ziehen kann, ist offensichtlich. Ebenso offensichtlich ist, dass Saudi-Arabien, die Golfstaaten, Israel, die Vereinigten Staaten und die europäischen Mächte den Seeweg nicht deshalb für strategisch halten, weil sie sich neuerdings für die Schönheit jemenitischer Küstenlandschaften interessieren.
Der Krieg im Jemen ist damit wieder dort angekommen, wo ein regionaler Krieg die Aufmerksamkeit der Weltmächte zuverlässig findet: beim Welthandel.
Hunderttausende Tote, Hunger, zerstörte Städte und eine Generation von Jemeniten, die gelernt hat, dass das Geräusch eines Flugzeugs eine politische Information sein kann, haben über Jahre nur begrenzte Aufmerksamkeit erzeugt. Eine bewaffnete Gruppe auf einer Insel neben der Route der Tanker dagegen besitzt einen Vorzug, den menschliches Elend nicht hat:
Sie ist systemrelevant.
So bekommt auch Jebel Zaqr seinen Platz in der Weltgeschichte. Nicht weil dort die Welt wohnt.
Sondern weil die Welt dort vorbeifahren muss.
Siehe auch: Der Iran entsendet Hunderte Revolutionsgarden-Offiziere in den Jemen