Jemen: Wenn selbst die Flucht keinen sicheren Ort mehr kennt
Mehr als 130.000 Menschen sind im Jemen innerhalb weniger Wochen erneut auf die Flucht getrieben worden. Doch hinter der Front beginnt nicht Sicherheit, sondern oft nur die nächste Etappe der Vertreibung.
Als Asma Taleb ihr Haus im Bezirk Maqbanah verließ, blieb keine Zeit, das bisherige Leben einzupacken. Die Kämpfe waren näher gekommen, Nachbarn getötet oder verletzt worden. Taleb, eine Frau in ihren Fünfzigern, floh mit ihren beiden Söhnen und fünf Enkelkindern. Zurück blieb ein großes Haus. Am Ziel ihrer Flucht, in Al-Shimayateen im Gouvernement Taiz, suchte sie keine neue Wohnung. Sie suchte Plastikplanen und Holzpfähle.
„Dieser Krieg macht keinen Unterschied zwischen den Menschen. Ob reich oder arm, ob aus der Oberschicht oder der Unterschicht – wir alle sind am selben Tag aus unseren Häusern geflohen und kämpfen jetzt alle darum, eine Unterkunft zu finden“, sagte sie dem Guardian.
Der Krieg schafft seine eigene Form von Gleichheit. Ein Haus kann innerhalb weniger Stunden wertlos werden, wenn es hinter einer Frontlinie liegt. Doch ganz gleich macht die Flucht die Menschen nicht. Wer Geld für einen Bus hat, kommt weiter. Wer Verwandte in Aden oder Al-Mukalla hat, findet vielleicht ein Zimmer. Wer ein Boot besitzt, kann versuchen, Dschibuti zu erreichen. Wer nichts davon hat, bleibt womöglich dort, wo die Granaten einschlagen.
Seit Anfang September sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks mehr als 130.000 Menschen aus ihren Häusern geflohen. Mehr als 60 Prozent der neuen Vertreibungen entfallen auf Taiz. Schon zuvor lebten mehr als 5,2 Millionen Menschen als Binnenvertriebene im Jemen.
Die Zahlen schwanken je nach Quelle und Erhebungszeitpunkt. Die Internationale Organisation für Migration registrierte am 21. September 104.796 neu Binnenvertriebene, während das UNHCR einen Tag später bereits von mehr als 130.000 Menschen sprach. In einem Krieg, in dem Menschen nachts fliehen, Straßen gesperrt werden und Familien weiterziehen, bevor sie registriert sind, ist selbst die Statistik nur eine Momentaufnahme.
Fliehen, solange die Straße noch offen ist
Auf einer Karte sieht Flucht einfach aus: Man verlässt einen gefährlichen Ort und bewegt sich in Richtung eines weniger gefährlichen. Im Jemen funktioniert diese Logik nur noch bedingt.
Die Offensive der Huthi an der Westküste und die Kämpfe mit den von Saudi-Arabien unterstützten Regierungstruppen haben Verkehrsachsen erfasst, die eigentlich Fluchtwege sein müssten. Straßen zwischen Al Makha, Al Khukhah und Hays sowie Verbindungen Richtung Aden waren zeitweise unterbrochen. Treibstoffmangel, Beschuss und Bewegungseinschränkungen bestimmen, wie weit eine Familie überhaupt kommt.
Mehr als 90.000 neu Vertriebene suchten nach Angaben des UNHCR unter anderem in Aden, Lahj, Abyan, Al Dhale'e und Ma'rib Zuflucht. Andere blieben innerhalb von Taiz, weil Transportmittel, Treibstoff oder sichere Straßen fehlten.
Arwa kennt diese Logik der begrenzten Möglichkeiten. Vor neun Jahren floh sie aus Maqbanah nach Mocha. Im September 2026 musste sie erneut aufbrechen. Gemeinsam mit ihrem Mann und vier Kindern legte sie rund 200 Kilometer zurück, zunächst nach Al-Arah in Lahj, dann nach Aden. Ein Motorrad diente der Familie als Transportmittel.
„Wir konnten kein Transportmittel finden“, berichtete sie später. Die Familie habe draußen in der Kälte warten müssen, ohne warme Kleidung. Im Al-Farsi-Lager in Aden fand sie schließlich ein Zelt. „Wir sind erschöpft von der Hitze, dem Staub und der Demütigung“.
Für Arwa ist Vertreibung kein einzelnes Ereignis mehr. Sie ist zu einem Zustand geworden. Der Begriff „Fluchtziel“ wirkt unter solchen Bedingungen beinahe irreführend. Er suggeriert einen Endpunkt. Tatsächlich tauschen Familien häufig nur einen unsicheren Ort gegen einen etwas weniger unsicheren.
Sicherheit liegt immer einen Ort weiter
Wer die unmittelbare Front hinter sich gelassen hat, wird in der Sprache der humanitären Verwaltung zum „Binnenvertriebenen“. Damit ist zunächst nur festgestellt, dass die Person keine Staatsgrenze überschritten hat. Über Sicherheit sagt der Begriff wenig.
Schon vor der Eskalation waren die Lager im Jemen überlastet. Im September mussten sogar Menschen, die bereits in solchen Einrichtungen lebten, erneut fliehen. Mindestens 908 Haushalte waren nach UN-Angaben von einer zweiten Vertreibung betroffen .
Der Norwegische Flüchtlingsrat berichtete, drei von vier neu vertriebenen Haushalten hätten keine angemessene Unterkunft. Menschen liefen teilweise bis zu 15 Kilometer, um den Kämpfen zu entkommen. Einige schliefen anschließend unter Bäumen. An manchen Orten teilten sich mehrere Familien ein einziges Zelt.
Der zwanzigjährige Ammar wurde bei der jüngsten Eskalation erneut vertrieben. „Ich bin nicht zum ersten Mal vertrieben worden, und ich fürchte, es wird nicht das letzte Mal sein“, sagte er dem Norwegischen Flüchtlingsrat. „Wir sind keine Nummern. Wir sind nicht einfach nur Vertriebene. Wir sind unschuldige Familien. Wir sind Menschen. Und wir sind es leid, ständig auf der Flucht vor unserem Leben zu sein“.
In Taiz schilderte der Entwicklungshelfer Mohammed Radman ähnliche Zustände. Manche Familien seien in Schulen untergekommen, andere bei Verwandten oder in bereits überfüllten Zelten. Vier oder fünf Familien lebten teilweise gemeinsam in Häusern mit zwei oder drei Zimmern. Viele seien mit kaum mehr als der Kleidung angekommen, die sie am Körper trugen.
Das ist die zweite Verschiebung, die der Krieg produziert. Zuerst verlieren Menschen ihr Zuhause. Danach verliert das Wort Unterkunft seinen gewöhnlichen Maßstab. Eine Plastikplane wird zum Dach, ein Klassenzimmer zum Schlafzimmer, ein Baum zum Sonnenschutz.
Angekommen im Provisorium
Die neue Vertreibung trifft nicht auf ein funktionierendes Land, das plötzlich eine Flüchtlingskrise bewältigen muss. Sie trifft auf ein Land, dessen Versorgungssysteme seit Jahren beschädigt sind. Rund 22 Millionen Menschen benötigen nach UN-Angaben humanitäre Hilfe .
Was das bedeutet, zeigt sich besonders in der medizinischen Versorgung. In Mokha schlossen während der Kämpfe zahlreiche Gesundheitseinrichtungen. Das Allgemeine Krankenhaus blieb geöffnet. Dort mussten sich die Mitarbeiter auf die dringendsten Fälle konzentrieren.
Sarah Ahmed von Ärzte ohne Grenzen beschrieb gegenüber NPR schwangere Frauen, die dringend medizinische Hilfe oder einen Kaiserschnitt benötigten, Kinder und andere Patienten, deren Behandlung nicht warten konnte. Gleichzeitig war die Verlegung von Patienten nach Aden kaum noch möglich, weil Straßen unter Beschuss standen.
Nach Schätzungen des UN-Bevölkerungsfonds befanden sich rund 2.000 schwangere Frauen auf der Flucht. Eine Frau brachte ihr Kind ohne medizinische Versorgung im Freien zur Welt. Eine andere, Aziza, floh mit ihren vier Töchtern aus Mocha und erlitt dabei Verbrennungen.
Hier zeigt sich, warum „Vertreibung“ ein erstaunlich nüchternes Wort ist. Es bezeichnet einen Ortswechsel und verdeckt leicht, was dieser körperlich bedeutet: Schwangerschaft auf der Straße, chronische Krankheiten ohne Medikamente, Verletzungen ohne Klinik, Kinder ohne regelmäßige Nahrung.
Dazu kommt der Verlust jener privaten Infrastruktur, die in keiner humanitären Statistik vollständig erscheint: Verwandte, Nachbarn, Vorräte, Einkommen, Küche, Brunnen. Wenn mehrere Familien in einem kleinen Haus unterkommen, gilt das zunächst als Alternative zum Lager. Tatsächlich werden damit die Kosten der Krise auf Haushalte verlagert, die häufig selbst kaum genug besitzen.
Die Hilfsorganisationen können diese Lücke nur teilweise schließen. Anfang September hatten Partner des Schnellreaktionsmechanismus 4.116 Haushalte überprüft und 2.723 unterstützt. Im Bereich Unterkünfte waren lediglich 147 Haushalte erreicht worden, obwohl Hilfe für 11.000 vorgesehen war. Auch bei der Nahrungsmittelhilfe blieben Tausende Haushalte ohne bestätigte Unterstützung.
Wer kann, nimmt das Meer
Für manche endet die Suche nach Sicherheit deshalb nicht innerhalb des Jemen. Sie fahren weiter, über Bab al-Mandab nach Dschibuti oder über den Golf von Aden Richtung Somaliland und Puntland.
Bis zum 18. September waren 3.601 Neuankömmlinge aus dem Jemen in Dschibuti registriert. Hunderte weitere erreichten Somalia. Das UNHCR rechnete mit mehr als 10.000 Ankünften in Dschibuti, insbesondere wenn bessere Seebedingungen weitere Überfahrten ermöglichen.
Der Fischer Ibrahim Issa hatte einen Vorteil, den viele andere nicht besitzen: ein eigenes Boot. Als die Kämpfe seine Heimatstadt Dhubab erreichten, brachte er seine Familie über die Meerenge nach Dschibuti.
Später saß er im Lager Markazi in Obock mit seiner Familie auf einer Plane in einem offenen Lagerhaus. „Wie hätte ich einfach nur dasitzen können, während meine Kinder vor Angst schreien und zittern?“, fragte er. „Als Eltern ist es unsere Verantwortung – was kann man in so einer Situation schon tun? Deshalb sind wir geflohen, um sie zu retten“.
Die Meerenge ist schmal genug, um auf einer Landkarte wie ein überschaubarer Übergang auszusehen. Für Menschen in kleinen oder überfüllten Booten ist sie eine weitere Gefahrenzone. Neuankömmlinge berichteten von Erschöpfung und knappen Vorräten. Dschibutis Küstenwache musste Boote mit Treibstoff versorgen oder in Sicherheit schleppen.
Auf der anderen Seite wartet immerhin eines: kein unmittelbarer Artilleriebeschuss. Doch auch Sicherheit benötigt Wasser, Unterkünfte, medizinische Versorgung und Nahrung. Genau daran fehlt es.
Die UNHCR-Operation in Dschibuti war nur zu 15 Prozent finanziert. Im Jemen selbst lag die Finanzierung bei rund 18 Prozent. Für die unmittelbare Versorgung von rund 231.000 Menschen veranschlagte das Hilfswerk zusätzlich etwa 25 Millionen Dollar.
Das Meer ist zudem kein Ausgang, der allen offensteht. Eine Überfahrt kostet Geld. Man braucht einen Platz auf einem Boot, muss die Küste erreichen und die Reise körperlich überstehen. Andere können Taiz nicht einmal verlassen, weil Straßen gesperrt sind oder Treibstoff fehlt. Fluchtrouten sind deshalb immer auch soziale Routen. Geld, Beziehungen und Transportmittel entscheiden mit darüber, wie weit ein Mensch vor einem Krieg davonlaufen kann.
Hilfe nach Kassenlage
Bab al-Mandab besitzt noch eine zweite Bedeutung. Die Meerenge gehört zu den strategisch wichtigen Schifffahrtswegen zwischen Rotem Meer und Golf von Aden. Die Kämpfe an der Westküste bedrohen deshalb nicht nur Menschenleben, sondern Handelsrouten, Öltransporte und Lieferketten.
Darin liegt ein bitterer Gegensatz. Dieselbe Meerenge, die für eine jemenitische Familie den Weg in ein Flüchtlingslager bedeutet, erscheint aus Sicht der Weltwirtschaft als Korridor für Energie und Waren. Unterbrochene Handelswege lassen sich unmittelbar in Preisen und Lieferzeiten ausdrücken. Unterbrochene Biografien schlechter.
Der BBC-Korrespondent Frank Gardner wies auf diese Asymmetrie hin: Während die Folgen gestörter saudischer Ölexporte internationale Aufmerksamkeit erzeugten, blieben die menschlichen Kosten des Konflikts leichter im Hintergrund .
Auch die Sprache des Krieges folgt einer anderen Maßeinheit als die seiner Opfer. Militärisch werden Gebiete erobert, Fronten verschoben und strategische Positionen gesichert. Der jemenitische Politologe Hisham Al-Omeisy formulierte den Gegensatz so: „Die Huthis mögen diese Offensive in gewonnenen Kilometern und erobertem Gebiet messen, aber die Jemeniten messen sie in verlassenen Häusern, auseinandergerissenen Familien und verlorenen Menschenleben“.
Für Hilfsorganisationen wiederum werden Menschen zu Haushalten, Bedarfsfällen und Finanzierungsposten. Das ist notwendig, weil Hilfe ohne Zahlen kaum organisiert werden kann. Doch die Zahlen offenbaren zugleich einen politischen Widerspruch.
Das Hilfssystem soll die Folgen eines Krieges auffangen, ist aber selbst chronisch unterfinanziert. Organisationen wissen, welche Hilfe benötigt wird, verfügen jedoch nicht über genügend Mittel, um sie bereitzustellen. Die Knappheit wird verwaltet. Es muss entschieden werden, wer zuerst Wasser, Bargeld, eine Plane oder einen Platz in einer Unterkunft erhält.
Für die Fortsetzung des Krieges stehen unterdessen Raketen, Flugzeuge, bewaffnete Verbände und militärische Logistik zur Verfügung. Für die Menschen, die vor diesen Mitteln fliehen, fehlen Matratzen und sauberes Wasser.
Die Knappheit ist also nicht überall dieselbe. Sie ist verteilt.
Wohin fliehen, wenn Sicherheit wandert?
Im Lager Markazi in Dschibuti sitzt der Fischer Qassim Abssy mit seiner Frau Aisha Abdulkadir Mohammed. Sie haben die Überfahrt geschafft. Vor ihnen liegt keine Frontlinie. Gemessen an dem, was sie verlassen haben, ist das viel.
„Wenn der Krieg weitergeht, gehen wir nicht zurück, denn hier haben wir Frieden“, sagt Abssy.
Seine Frau erklärt anschließend, was dieses große Wort für eine vertriebene Familie praktisch bedeutet: „Alles, was wir brauchen, ist Frieden, auch für die Zukunft unserer Kinder. Sie brauchen zuerst Sicherheit, dann Nahrung, Wasser und Bildung“.
Die Reihenfolge ist entscheidend. Sicherheit zuerst. Dann Nahrung, Wasser, Bildung.
Frieden ist in dieser Perspektive kein diplomatischer Zustand und keine Pause zwischen zwei Offensiven. Er ist eine Ordnung des Alltags. Ein Ort muss ermöglichen, dass ein Kind trinken, essen, schlafen und lernen kann, ohne dass daraus eine neue Krise entsteht.
Genau daran scheitert die Flucht im Jemen immer wieder. Menschen erreichen Gebiete, in denen Lager voll und Hilfsmittel knapp sind. Manche müssen weiterziehen. Andere schlafen unter Bäumen. Wer Dschibuti erreicht, entkommt dem unmittelbaren Krieg, trifft dort aber auf ein Aufnahmesystem, dessen Finanzierung weit hinter dem Bedarf zurückbleibt. Wer bei Verwandten unterkommt, verschwindet vielleicht aus der Statistik eines Lagers, nicht aber aus der Krise.
Die Frage, wohin die Menschen fliehen, lässt sich geografisch beantworten: nach Taiz, Lahj, Aden, Abyan, Al Dhale'e, Ma'rib und Hadramaut, über das Meer nach Dschibuti, Somaliland oder Puntland.
Die schwierigere Antwort lautet: Sie fliehen von einem gefährlichen Ort zu einem weniger gefährlichen. Manchmal von dort zum nächsten.
Asma Taleb, die ihr großes Haus in Maqbanah zurückließ, brauchte am Ende ihrer Flucht Plastikplanen und Holzpfähle. Abu Salem, der aus Khokha nach Al-Mukalla entkam, beschrieb seine neue Existenz anhand einer leeren Küche: kein Kochgas, kein Reis, kein Mehl, keine Bettwäsche. „Wir haben gar nichts. Wir brauchen Hilfe“.
Solche Sätze erzählen mehr über diesen Krieg als manche Frontkarte. Gestern war jemand Händler, Fischer, Schülerin, Mutter, Nachbar oder Hausbesitzer. Heute heißt dieselbe Person in den Berichten „Binnenvertriebener“, „Neuankömmling“ oder „Begünstigter“.
Und wenn ein Lager selbst geräumt werden muss, wenn eine Familie zum zweiten oder dritten Mal aufbricht und wenn ein sicherer Ort dadurch definiert wird, dass dort wenigstens heute nicht geschossen wird, ist die Flucht nicht beendet.
Sie hat nur ihre Form verändert.