Montag, 14.09.2026 / 16:11 Uhr

Kontrolle über zwei Meerengen: Was der Vorstoß der Huthis am Roten Meer bedeutet

wrack

Schiffswrack im Roten Meer

Bild:
Pickpik.com (Bildquelle)

Wie die Huthi-Offensive im Jemen-Krieg Irans strategisches Gewicht erhöht, Saudi-Arabiens Ölstrategie unter Druck bringt und die Schwachstellen eines Energiesystems sichtbar macht, das seine Sicherheit immer wieder durch neue Ausweichrouten zu gewinnen versucht – mit Folgen für die erdölbasierte Weltwirtschaft. (Teil I)

Drei Entwicklungen, drei Schauplätze, ein gemeinsames strategisches Problem: Iran erhöht den Druck auf die Straße von Hormus. Die mit Teheran verbündeten Huthis (eine zaydische Erneuerungsbewegung und eine schiitisch-islamistische politische und militärische Organisation  im Jemen) sind, Berichten zufolge auf direkte Anforderung der Iranischen Führung und mit Unterstützung durch die iranische Revolutionsgarden, bis an den Bab al-Mandab vorgestoßen. Gleichzeitig ließ Saudi-Arabien nach Drohnenangriffen seine strategische Ost-West-Pipeline vorsorglich abschalten. Zusammengenommen entsteht der Eindruck einer Zange um einen der wichtigsten Energieräume der Welt.

Gerade dieses Bild ist jedoch zu einfach. Die Eskalation im Jemen zeigt weniger eine vollendete iranische Einkreisung Saudi-Arabiens als die Verwundbarkeit eines Systems, das für jeden bedrohten Transportweg einen Ersatz bereithalten muss. Ausgerechnet der Krieg, mit dem Saudi-Arabien, die USA und ihre Partner den iranischen Einfluss in der Region begrenzen wollten, könnte dessen strategischen Wert vergrößert haben.

Der erste Teil rekonstruiert deshalb zunächst die militärische Entwicklung: den Vormarsch der Huthis entlang der jemenitischen Westküste, die Einnahme von Mokha und Perim, die daraus entstehende Bedrohung am Bab al-Mandab, die Rolle iranischer Unterstützung und schließlich den Angriff auf Saudi-Arabiens wichtigste Alternative zur Straße von Hormus. Eine Einschränkung bleibt dabei zentral: Eine Meerenge militärisch bedrohen zu können, bedeutet noch lange nicht, sie dauerhaft zu kontrollieren.

Von Mokha bis Perim: Eine Offensive verschiebt die Landkarte

An der jemenitischen Westküste hat sich die militärische Lage innerhalb weniger Tage deutlich verändert. Am 10. September nahmen die Huthis Mokha ein, eine strategisch gelegene Hafenstadt am Roten Meer. Zwei jemenitische Beamte bestätigten die Einnahme gegenüber der New York Times. Die Zeitung überprüfte außerdem Videoaufnahmen, auf denen bewaffnete Männer und Fahrzeuge auf einer Hauptstraße der Stadt zu sehen waren. Auch BBC und Reuters meldeten, dass regierungsnahe Kräfte Mokha aufgegeben hätten.

Die internationale Aufmerksamkeit erklärt sich allerdings nicht allein durch den Fall der Stadt. Mokha liegt weniger als 80 Kilometer vom Bab al-Mandab (eine rund 27 Kilometer breite Meeresstraße, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet), entfernt. Schon während der vorausgehenden Kämpfe hatten Vertreter der jemenitischen Regierung davor gewarnt, dass die Huthis Nachschubwege in Richtung Hafen kappten und offenbar auf die Küste südlich von Taiz vorrückten. Die Huthi-Führung stellte die Kämpfe zunächst als begrenzte Zusammenstöße dar. Nur wenige Tage später ließ sich diese Darstellung kaum noch halten.

Nach der Einnahme Mokhas zogen die Huthis über Dhubab weiter in Richtung Meerenge. Reuters berichtete am 11. September unter Berufung auf jemenitische Regierungsquellen, Regierungstruppen hätten sich von der Insel Perim zurückgezogen und Ansar Allah habe die strategisch wichtige Insel erreicht oder bereits übernommen. Auch die BBC zitierte eine Quelle aus der international anerkannten Regierung, der zufolge Perim an die Huthis gefallen sei. Der Guardian berichtete von der Einnahme der Insel und einer damit verbundenen Verschiebung der militärischen Kräfteverhältnisse am südlichen Zugang zum Roten Meer.

Auch zu Hanish, Zuqar und weiteren Inseln gibt es Meldungen über Rückzüge regierungsnaher Einheiten oder Vorstöße der Huthis. Dort ist die Quellenlage allerdings dünner als bei Mokha und Perim. Eine geschlossene Karte gesicherter Geländegewinne lässt sich daraus nicht zeichnen. Die Berichterstattung selbst zeigt, wie schnell sich Informationen während laufender Gefechte verändern: Was morgens noch als unbestätigt galt, wurde wenige Stunden später bereits als vollendete Tatsache gemeldet.

An der strategischen Richtung des Vormarschs ändert diese Unsicherheit wenig. Perim liegt mitten im Bab al-Mandab und teilt die Meerenge in zwei Passagen. Der Engpass verbindet den Golf von Aden mit dem Roten Meer und damit über den Suezkanal die Handelsräume Asiens und Europas. Wer diese Route meidet, muss Afrika über das Kap der Guten Hoffnung umrunden. Nach Angaben des Guardian laufen normalerweise etwa zwölf Prozent des Welthandels durch diese Verbindung.

Mit Perim haben die Huthis erstmals eine physische Position unmittelbar in einer Meerenge gewonnen, deren Bedeutung weit über den Jemen hinausreicht. Das erweitert ihre militärischen Optionen. Noch stärker verändert es jedoch die Wahrnehmung dessen, was sie tun könnten.

Seit Ende 2023 hatten Raketen, Drohnen und unbemannte Sprengboote der Huthis bereits gezeigt, dass eine vergleichsweise kleine bewaffnete Bewegung einen globalen Handelsweg beeinflussen kann, ohne ihn territorial zu beherrschen. Reedereien schickten Schiffe auf längere Routen, Versicherer erhöhten ihre Prämien, westliche Kriegsschiffe wurden in die Region verlegt. Mit dem Vormarsch auf Perim bekommt diese schon bestehende Drohfähigkeit nun einen festen geografischen Bezugspunkt direkt am Engpass.

Das erklärt, warum manche Berichte davon sprechen, Ansar Allah „kontrolliere“ die Meerenge. Doch zwischen Präsenz vor Ort, militärischer Reichweite und einer belastbaren, dauerhaften Kontrolle liegt ein großer Unterschied.

Bab al-Mandab: Stören ist leichter als sperren

Eine Meerenge ist kein Grenzübergang. Der Besitz einer Insel in ihrer Mitte erlaubt es niemandem, dort schlicht einen Schlagbaum zu schließen.

Nach den im Material zusammengetragenen Angaben verfügt Ansar Allah über Anti-Schiffs-Raketen, Drohnen und unbemannte Sprengboote. Stellungen auf Perim oder entlang der Küste bei Dhubab verkürzen die Distanz zu vorbeifahrenden Schiffen. Sie erleichtern die Beobachtung des Verkehrs und könnten Angriffe auf einzelne Ziele vereinfachen. Das schafft eine glaubwürdige Fähigkeit zur Störung.

Eine dauerhafte und vollständige Sperrung des Bab al-Mandab gegen den Willen großer Seemächte folgt daraus jedoch nicht.

Auch die Huthis selbst behandeln beides offenbar als unterschiedliche Kategorien. Militärsprecher Yahya Saree erklärte nach dem Vormarsch, die internationale Schifffahrt bleibe sicher. Ausgenommen seien saudische Schiffe und Tanker, gegen die ein Embargo gelte. Präsident Donald Trump sagte wiederum, die Huthis hätten Washington kontaktiert und erklärt, keinen Kampf mit den Vereinigten Staaten zu suchen. Die Gruppe lasse die meisten Schiffe passieren und habe vor allem ein Problem mit einem bestimmten Land, so Trump.

Solche Aussagen sind politische Interessenkommunikation, keine Sicherheitsgarantie. Trotzdem zeigen sie, dass Ansar Allah selbst offenbar zwischen einer gezielten Bedrohung und einer allgemeinen Blockade unterscheidet. Das ist politisch nachvollziehbar. Eine vollständige Sperrung würde nicht nur Saudi-Arabien treffen, sondern nahezu alle Staaten, deren Handel über das Rote Meer läuft. Ein selektives Embargo erlaubt den Huthis dagegen, Riad unter Druck zu setzen und zugleich zu behaupten, der globale Handel sei nicht ihr eigentliches Ziel.

Eine Wasserstraße muss nicht vollständig blockiert sein, um wirtschaftlich enger zu werden.

Die wirtschaftliche Wirkung kann trotzdem beträchtlich sein. Reedereien müssen nicht glauben, dass jedes Schiff angegriffen wird. Es reicht, wenn sie sich nicht sicher sein können, dass ihr eigenes unbehelligt bleibt. Versicherer kalkulieren ebenfalls nicht auf Grundlage politischer Versprechen, sondern anhand von Wahrscheinlichkeiten und möglichen Schadenssummen. Schon ein begrenztes Risiko kann deshalb genügen, um Routenentscheidungen zu verändern.

Macht an einem maritimen Engpass zeigt sich nicht erst in der Zahl tatsächlich versenkter Schiffe. Sie beginnt dort, wo Kapitäne aus Vorsicht einen anderen Kurs wählen.

Genau dieser Mechanismus war bereits vor dem jüngsten Vormarsch sichtbar. Die Huthi-Angriffe im Roten Meer hatten den Verkehr über die Suez-Route deutlich reduziert. Saudi-Arabien und andere Akteure passten ihre Transportwege lange vor der Einnahme Perims an. Deshalb muss der zusätzliche militärische Wert der Insel nicht eins zu eins in einen neuen wirtschaftlichen Schock übersetzt werden. Ein erheblicher Teil des Risikos war längst eingepreist.

Richard Meade von Lloyd’s List weist in dem von der Times of Israel ausgewerteten Material darauf hin, dass saudische Transporte die Gefahren im südlichen Roten Meer bereits weitgehend umgingen. Der jüngste Vormarsch müsse daher nicht automatisch jedes bestehende Risikomodell verändern. Entscheidend sei vielmehr, ob Ansar Allah künftig eine größere Bandbreite an Zielen angreife.

Die dramatische Frage, ob die Huthis den Bab al-Mandab „schließen“ können, greift deshalb möglicherweise zu kurz. Für Saudi-Arabien könnte schon etwas anderes genügen: die glaubhafte Aussicht, dass saudische Schiffe die Meerenge nicht mehr sicher passieren können.

Eine Wasserstraße muss nicht vollständig blockiert sein, um wirtschaftlich enger zu werden.

Irans lange Hand und die Grenzen der Fernsteuerung

Die zweite große Vereinfachung betrifft Iran. Teheran setzt Hormus unter Druck, während eine von Iran unterstützte Bewegung am Bab al-Mandab steht. Daraus entsteht schnell die Formel: Iran kontrolliere nun beide Meerengen.

Die vorliegenden Berichte liefern genug Material, um diese These ernst zu nehmen. Sie reichen aber nicht aus, um sie ohne Einschränkung als Tatsache zu behandeln.

Reuters berichtete unter Berufung auf zwei iranische Quellen, die Offensive an der jemenitischen Küste sei unter direkter Anleitung der iranischen Revolutionsgarden erfolgt. Demnach habe Iran Ansar Allah aufgefordert, den Druck auf Saudi-Arabien zu erhöhen, und zusätzliche Finanzmittel, Waffen sowie hochrangige Offiziere zugesagt. Weitere im Material enthaltene Berichte verweisen auf Einschätzungen aus den USA, wonach sich Hunderte Angehörige der Revolutionsgarden im Jemen aufhielten und Operationen der Huthis unterstützten oder koordinierten.

Sollten diese Angaben zutreffen, ginge die iranische Rolle deutlich über die bloße Lieferung von Waffen und Technologie hinaus. Ein koordinierter Vormarsch zu einem weltweit bedeutsamen maritimen Engpass würde die Annahme stützen, dass Teheran die militärischen Möglichkeiten verbündeter Gruppen bewusst in eine regionale Druckstrategie einbindet.

Reuters nennt jedoch auch die iranische Gegenposition. Teheran bezeichnet die Huthis als Verbündete, bestreitet aber, ihre militärischen Operationen zu kommandieren, und weist die Vorstellung zurück, Ansar Allah sei lediglich ein iranischer „Stellvertreter“.

Ein Dementi aus Teheran ist für sich genommen kein Beweis für Unabhängigkeit. Umgekehrt beweisen Berichte über Beratung und operative Anleitung noch keine vollständige Fernsteuerung.

Ansar Allah ist eine jemenitische Bewegung mit eigener Geschichte, eigenen Herrschaftsstrukturen und eigenen Machtinteressen. Die Huthis eroberten Sanaa bereits 2014, Jahre vor der aktuellen Eskalation an den Meerengen. Ihr Kampf ist auch ein innerjemenitischer Machtkonflikt. Die politischen Ziele der Bewegung lassen sich deshalb nicht vollständig auf iranische Außenpolitik reduzieren.

Asymmetrische Allianz 

Mohammed al-Bukhaiti, ein Funktionär der Huthis, erklärte gegenüber der New York Times, man kämpfe für die Wiederherstellung jemenitischer „Souveränität und Unabhängigkeit“ und gegen den saudischen Gegner. Auch das ist eine interessengeleitete Selbstdarstellung. Sie macht dennoch auf einen wichtigen Punkt aufmerksam: Lokale Akteure hören nicht auf, eigene Interessen zu verfolgen, nur weil eine Regionalmacht sie unterstützt.

Treffender lässt sich das Verhältnis daher als asymmetrische Allianz beschreiben. Iran liefert Waffen, Know-how, Geld und möglicherweise operative Beratung. Die Huthis wiederum erzeugen strategischen Druck an einem Ort, an dem Teheran keine großen regulären Verbände stationieren muss. Beide können von denselben Aktionen profitieren, ohne dass jeder Angriff auf einen direkten Befehl aus Iran zurückgehen muss.

Für Teheran kann gerade diese Konstruktion attraktiver sein als eine klassische Befehlskette. Ein Verbündeter, der auch aus eigenen Motiven handelt, verursacht geringere unmittelbare politische Kosten als offen eingesetzte iranische Streitkräfte. Iran muss Perim nicht offiziell beherrschen, um von einer glaubwürdigen Huthi-Drohung gegen saudische Tanker zu profitieren.

Die sogenannte „Achse des Widerstands“ ähnelt deshalb weniger einer Armee mit zentralem Generalstab als einem Netzwerk sich überschneidender Interessen. Genau das erschwert die Zuschreibung von Verantwortung. Iran kann strategische Vorteile erzielen und zugleich operative Zuständigkeit bestreiten. Seine Partner können iranische Ressourcen nutzen und trotzdem auf ihrer politischen Eigenständigkeit bestehen.

Dass mehrere Ereignisse zeitlich zusammenfallen, macht Koordination plausibel. Ein Beweis ist diese Gleichzeitigkeit nicht.

Dasselbe gilt für den Angriff auf Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline.

Der Notausgang durch die Wüste wird selbst verwundbar

Die East-West-Pipeline, meist Petroline genannt, zählt zu Saudi-Arabiens strategisch wichtigster Energieinfrastruktur. Über etwa 1.200 Kilometer verbindet sie die Fördergebiete im Osten des Landes mit dem Rotmeerhafen Yanbu. Gebaut wurde sie genau für ein Szenario wie dieses: Wird die Straße von Hormus zu unsicher, lässt sich Rohöl quer durch die Arabische Halbinsel an die Westküste pumpen.

2026 bekam diese Funktion eine neue Dringlichkeit. Der Schiffsverkehr durch Hormus brach im Verlauf des Iran-Krieges stark ein. Das Material nennt einen Rückgang von durchschnittlich etwa 130 Schiffen pro Tag vor dem Krieg auf nur noch 19 im September. Für westliche und saudische Tanker war die Route damit als verlässlicher Normalweg weitgehend ausgefallen.

Riad reagierte mit einem weiteren Ausbau der Petroline. Nach Angaben der New York Times erklärte Saudi-Aramco-Vorsitzender Yasir O. Al-Rumayyan, die maximale Kapazität sei auf rund sieben Millionen Barrel täglich erhöht worden. Andere im Material angeführte Zahlen beziffern den tatsächlichen Durchsatz dagegen auf etwa vier bis fünf Millionen Barrel pro Tag.

Diese Differenz ist entscheidend. Sieben Millionen Barrel beschreiben die mögliche Höchstleistung des Systems. Sie sagen nicht, dass bei einer Abschaltung automatisch genau diese Menge zusätzlich vom Weltmarkt verschwindet. Das Ausgangsmaterial warnt ausdrücklich vor einer solchen Gleichsetzung.

Am 10. September trafen Drohnen die Pipeline. Saudische Angaben und ausgewertete Satellitenbilder deuteten auf Rauch und Brandschäden im Bereich einer Pumpstation hin. Saudi-Arabien erklärte, die Drohnen seien aus dem Irak gestartet. Bagdad verurteilte den Angriff, leitete Ermittlungen ein und meldete später den Fund von Drohnenwerfern nahe der iranischen Grenze.

Ausgerechnet die Infrastruktur, die Saudi-Arabien vor einem Ausfall der Hormus-Route schützen sollte, ist selbst zu einem möglichen Angriffsziel geworden.

Wer den Angriff tatsächlich angeordnet hatte, war nach dem Stand der vorliegenden Berichte nicht geklärt. Keine Gruppe bekannte sich eindeutig dazu. Trump sagte, Iran stecke „wahrscheinlich“ dahinter, legte dafür jedoch keinen Nachweis vor. Gerade dieser Fall zeigt, wie schnell ein geografisches Indiz politisch zur Gewissheit erklärt werden kann.

Das saudische Energieministerium ließ die Petroline anschließend vorsorglich abschalten. Dieses Wort ist wichtig. Belegt sind eine Betriebsunterbrechung und Schäden an Infrastruktur. Nicht belegt ist, dass das gesamte 1.200 Kilometer lange System schwer zerstört oder für unbestimmte Zeit unbrauchbar geworden wäre.

Nach einem früheren Angriff im April hatte das Ministerium den vorübergehenden Kapazitätsverlust mit rund 700.000 Barrel pro Tag angegeben. Wenige Tage später war der volle Betrieb nach eigenen Angaben wiederhergestellt. Für den Angriff vom 10. September gab es zum Zeitpunkt der vorliegenden Berichte noch keine vergleichbare Schadensschätzung. Weder die betroffene Pumpkapazität noch die Dauer der Unterbrechung waren verlässlich bekannt.

Wer aus der Abschaltung sofort einen Verlust von sieben Millionen Barrel täglich ableitet, verwandelt eine maximale Kapazitätsangabe in eine Katastrophenzahl.

Der strategische Punkt liegt an anderer Stelle. Ausgerechnet die Infrastruktur, die Saudi-Arabien vor einem Ausfall der Hormus-Route schützen sollte, ist selbst zu einem möglichen Angriffsziel geworden.

Die Petroline war der Plan B des saudischen Ölexports. Seit Hormus unter Druck steht, ist sie längst mehr als eine Reserve. Sie trägt einen wichtigen Teil des laufenden Systems. Dadurch steigt ihr strategischer Wert. Und je wertvoller sie wird, desto attraktiver wird auch ihre Störung.

Hier treffen sich der Angriff in der saudischen Wüste und der Huthi-Vormarsch am Roten Meer. Es muss nicht nachgewiesen sein, dass beide Operationen aus einem einzigen iranischen Kommandozentrum gesteuert wurden. Ihre Folgen können sich auch ohne perfekte Zentralplanung gegenseitig verstärken.

Im Osten verliert der direkte Seeweg an Verlässlichkeit. Die Landroute nach Westen wird angegriffen. Am südlichen Ausgang des Roten Meeres gewinnt Ansar Allah militärischen Spielraum.

Keine dieser Entwicklungen für sich schließt Saudi-Arabien ein. Gemeinsam machen sie günstige, schnelle und verlässliche Ausweichbewegungen schwieriger.

Darin liegt der Unterschied zwischen einer Blockade und einer Falle. Eine Blockade sperrt einen Weg. Für eine Falle reicht es, wenn jeder mögliche Ausgang mit einem neuen Risiko verbunden ist.

Ausblick auf Teil zwei

Teil zwei richtet den Blick deshalb weniger auf die militärische Karte als auf das Energiesystem dahinter. Selbst wenn die Petroline rasch wieder in Betrieb geht, endet Saudi-Arabiens Problem nicht in Yanbu. Das dort ankommende Rohöl muss weitertransportiert werden: entweder nach Süden durch den vom Huthi-Vormarsch bedrohten Bab al-Mandab oder nach Norden über Suez und die ägyptische Sumed-Pipeline.

Aus einer vermeintlich einfachen Umgehungsroute wird damit eine Kette neuer Abhängigkeiten. Der zweite Teil untersucht, welche Exportmengen Saudi-Arabien bei gleichzeitig auftretenden Störungen noch bewegen könnte, warum sich der Weg nach Asien im Extremfall mehr als verdoppeln kann und was längere Routen für Frachtraten, Versicherungen, Ölpreise und Inflation bedeuten. Zugleich geht es um die politische Bilanz eines Krieges, der Ansar Allah seit 2015 schwächen sollte und an dessen Ende Riad Washington erneut um Unterstützung gegen denselben Gegner bittet.  

Teil II wird in morgen erscheinen