Über Politik und Ideologie von Ansar Allah (den Huthis)
Wie Ansar Allah im Nordjemen religiöse Vorstellungen mit politischer Macht in gesellschaftliche Ordnung übersetzt.
Wer verstehen will, was aus den Huthis geworden ist, sollte auf Bab al-Mandab schauen. Dort wird ihre Macht besonders deutlich. Nach Angaben des American Jewish Committee weitete Ansar Allah mit seiner Offensive im September 2026 die Kontrolle entlang der jemenitischen Küste und auf strategischen Inseln aus. Aus einer Bewegung, die einst in den Bergen von Saada entstand, ist ein Akteur geworden, dessen Entscheidungen weit über den Jemen hinausreichen.
Raketen und Drohnen ziehen allerdings so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass leicht aus dem Blick gerät, was in den von Ansar Allah beherrschten Gebieten geschieht. Seit der Einnahme Sanaas 2014 verfügt die Bewegung über etwas, das Aufständischen gewöhnlich fehlt: eigene Institutionen, Verwaltungsstrukturen und Millionen Menschen, an denen sich ihre Vorstellungen von legitimer Herrschaft praktisch beobachten lassen.
Einfache Kategorien helfen dabei wenig. Die Huthis sind weder eine jemenitische Kopie der iranischen Islamischen Republik noch bloß ein fernsteuerbarer Arm Teherans. Ihre Geschichte beginnt mit lokaler Marginalisierung, religiöser Konkurrenz und einem autoritären jemenitischen Staat. Ideologisch verbindet Ansar Allah zaiditische Traditionen mit revolutionärem Islamismus, Antiamerikanismus, Antisemitismus und jemenitischem Nationalismus. In ihrer heutigen Herrschaft zeigt sich, was geschehen kann, wenn aus dem Anspruch, eine bedrohte Gemeinschaft zu schützen, die Macht erwächst, eine Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen zu formen.
Vom religiösen Aufbruch zum politischen Führungsanspruch
Anfang der 1990er Jahre deutete noch wenig darauf hin, dass aus der Bewegung einmal eine Regierungsmacht werden würde. In Saada entstand die „Gläubige Jugend“, die über Schulclubs und Sommerlager eine zaiditische Erneuerung anstrebte. Der Zaidismus, ein vom iranischen Zwölfer-Schiismus deutlich verschiedener Zweig des schiitischen Islam, hatte den Nordjemen jahrhundertelang geprägt. Mit dem Sturz des Imamats 1962 verlor er jedoch seine politische Vorrangstellung.
Später gewannen salafistische Strömungen an Einfluss, teilweise mit saudischer Unterstützung. Dazu kamen wirtschaftliche Probleme, staatliche Vernachlässigung und bei Teilen der Bevölkerung das Gefühl, die eigene zaiditische Identität werde zurückgedrängt. In diesem Umfeld fand die neue Bewegung ihren Resonanzraum.
Dieser Hintergrund ist wichtig, weil die Geschichte der Huthis sonst leicht rückwärts erzählt wird. Dann erscheint es, als habe Iran irgendwo in den Bergen des Nordjemen eine Miliz geschaffen und ihr anschließend eine Ideologie geliefert. Tatsächlich entstand Ansar Allah aus innerjemenitischen Konflikten. Mohammed Abdulla Mohammed beschreibt ihren Aufstieg als Wiederbelebung eines politischen Zaidismus. Gordon und Parkinson zeigen zugleich, weshalb es irreführend sein kann, die Huthis einfach als „Schiiten“ in einen regionalen sunnitisch-schiitischen Gegensatz einzuordnen.
Eine Schlüsselfigur war Hussein Badreddin al-Huthi. Seine später als Malazim verbreiteten Vorträge machten aus religiöser Erneuerung zunehmend ein politisches Weltbild. Besondere Bedeutung erhielt darin die Ahl al-Bayt, also die Familie und Nachkommenschaft des Propheten, der al-Huthi eine herausgehobene Rolle bei religiöser und politischer Führung zuschrieb.
Damit vertrat er Positionen, die auch unter zaiditischen Gelehrten umstritten waren. Ansar Allah ist deshalb nicht einfach der bewaffnete Ausdruck „des“ Zaidismus. Die Bewegung greift auf diese Tradition zurück, interpretiert sie jedoch auf eigene Weise politisch neu.
Eine schlichte Rückkehr zum 1962 gestürzten Imamat fordert sie dabei nicht. Republikanische Institutionen können bestehen bleiben, während politische Autorität zugleich religiös begründet wird. Ministerien, Feiertage und die Sprache politischer Repräsentation passen daher durchaus in dieses System. Über ihnen steht jedoch der Anspruch auf eine besondere religiöse Legitimität von Führung.
Darin liegt eine zentrale Spannung der Huthi-Herrschaft. Der Staat kann nach außen republikanisch aussehen, während die letzte Begründung politischer Autorität einer anderen Logik folgt.
Unter Hussein al-Huthi wurde zugleich der internationale Horizont wichtiger. Der amerikanische Einmarsch in den Irak 2003 verstärkte die antiamerikanische Mobilisierung. Bis heute sichtbar ist sie in der Sarkha: „Gott ist groß, Tod Amerika, Tod Israel, Fluch über die Juden, Sieg dem Islam“. Die Verwünschung der Juden ist dabei keine Interpretation von außen, sondern Bestandteil des von der Bewegung selbst verwendeten Slogans. Antisemitismus steht damit offen in ihrer politischen Symbolik.
2004 ging die Regierung Ali Abdullah Salehs gegen Hussein al-Huthi vor; er wurde getötet. Danach folgten sechs Kriegsrunden zwischen Zentralstaat und Bewegung. Der Versuch, die Huthis militärisch auszuschalten, trug zugleich zu ihrer weiteren Militarisierung bei. Abdul-Malik al-Huthi übernahm zunehmend die Führung.
Während der Proteste von 2011 stellte sich Ansar Allah als Gegner von Korruption und politischer Abhängigkeit dar. 2014 nahm die Bewegung Sanaa ein, ausgerechnet im Bündnis mit ihrem früheren Gegner Saleh. Drei Jahre später zerbrach die Allianz; Saleh wurde von Huthi-Kämpfern getötet .
Konsequente Ideologie war für diesen Aufstieg offenbar weniger entscheidend als politische Anpassungsfähigkeit.
Widerstand nach außen, Disziplin nach innen
Ansar Allah präsentiert sich als Bewegung nationaler Würde: gegen Korruption, amerikanische Dominanz, saudische Intervention und israelische Politik. Diese Erzählung hat reale Anknüpfungspunkte. Die von Saudi-Arabien geführte Militärintervention seit 2015 und die Einmischung ausländischer Mächte liefern den Huthis Material für ihr Selbstbild als Verteidiger eines angegriffenen Landes. Wer diesen Kontext ausblendet, versteht einen Teil ihrer Mobilisierung nicht.
Wer nur darauf schaut, versteht ihre Herrschaft allerdings ebenso wenig.
Freiheit meint in der politischen Sprache der Bewegung vor allem kollektive Unabhängigkeit: den Jemen gegen äußere Kontrolle, den Islam gegen westlichen Einfluss, Palästina gegen Israel. Individuelle Freiheit hat einen anderen Stellenwert. Besonders sichtbar wird das bei Frauen.
Human Rights Watch dokumentierte 2023 zunehmende Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit. Frauen mussten für Reisen immer häufiger einen Mahram, also einen nahen männlichen Verwandten oder Ehemann, mitführen oder die Erlaubnis eines männlichen Vormunds vorlegen. Bereits 2022 waren die Regeln weiter verschärft worden. Davon betroffen waren auch Mitarbeiterinnen humanitärer Organisationen, deren berufliche Bewegungsfreiheit dadurch eingeschränkt werden konnte.
Das Sana’a Center ordnet diese Entwicklung in eine breitere gesellschaftspolitische Agenda ein. Der Mahram ist mehr als eine Vorschrift darüber, wer eine Frau begleiten soll. Er verschiebt die Entscheidung über die Bewegungsfreiheit erwachsener Frauen vom Individuum zur Familie und über Kontrollpunkte, Genehmigungen und Behörden schließlich zum politischen System. Eine patriarchale Norm bekommt damit eine Verwaltung .
Trotzdem wäre es zu einfach, patriarchale Verhältnisse im Jemen allein den Huthis zuzuschreiben. Abeer Tajalsirs Untersuchung jemenitischer Aktivistinnen zeigt, dass familiäre und gesellschaftliche Hierarchien Bewegungsfreiheit, Bildung und Erwerbstätigkeit von Frauen auch unabhängig von Ansar Allah einschränken. Zugleich hat der Krieg diese Ordnung verändert. Frauen wurden häufiger zu Ernährerinnen, Aktivistinnen und öffentlichen Akteurinnen. Gerade diese größere Sichtbarkeit konnte wiederum Gegenreaktionen auslösen.
Ansar Allah hat solche Strukturen also nicht geschaffen. Politisch entscheidend ist vielmehr, dass die Bewegung bestehende Normen mit staatlicher Macht verstärken kann. Aus sozialem Druck werden Regeln, aus familiärer Kontrolle wird Verwaltung. Eine konservative Gesellschaft und ein ideologischer Herrschaftsapparat sind nicht dasselbe. Sie können sich jedoch gegenseitig erheblich verstärken.
Behandlung von Minderheiten
Ähnlich zeigt sich das im Umgang mit religiösen Minderheiten. Der Bericht des US-Außenministeriums zur internationalen Religionsfreiheit dokumentiert Repression gegen nichtmuslimische Minderheiten sowie Eingriffe in sunnitische religiöse Praktiken in Huthi-Gebieten. Besonders betroffen waren Bahá’í und Angehörige der fast verschwundenen jüdischen Gemeinschaft.
Beim Umgang mit Juden berührt die Herrschaftspraxis einen ideologischen Kern der Bewegung. Ansar Allah versucht teilweise, zwischen Juden und Zionisten zu unterscheiden. Der Wortlaut der Sarkha macht diese Trennung jedoch schwer glaubhaft. Wer „Fluch über die Juden“ zur politischen Losung erhebt, spricht nicht nur über die israelische Regierung.
Berichte über die langjährige Inhaftierung des jemenitischen Juden Levi Salem Musa Marhabi verleihen dieser Rhetorik zudem eine konkrete gesellschaftliche Dimension .
Auch Bahá’í gerieten unter Druck. Angehörigen der Gemeinschaft wurden unter anderem Spionage und Apostasie vorgeworfen; Abdul-Malik al-Huthi griff sie öffentlich an . Dahinter zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Politischer Gegner, religiöser Abweichler und angeblicher Agent einer fremden Macht können in derselben Feindfigur zusammenfallen. Wo Politik religiös aufgeladen wird, gilt Opposition nicht mehr nur als falsch. Sie kann als moralisch illegitim erscheinen.
Die Gesellschaft als Front
Am deutlichsten wird das langfristige Projekt Ansar Allahs dort, wo es um die nächste Generation geht: in Schulen, Universitäten, Medien und Sommerlagern. Schon die „Gläubige Jugend“ verstand religiöse Bildung als Mittel gesellschaftlicher Erneuerung. Seit der Machtübernahme steht der Bewegung dafür allerdings nicht mehr nur ein Netzwerk von Aktivisten zur Verfügung, sondern ein Herrschaftsapparat.
Jonathan Franco beschreibt die Propaganda der Huthis als Versuch, über den engeren Zaidismus hinaus eine umfassendere islamische Identität zu schaffen. Die Bewegung spricht nicht nur zu Zaiditen, sondern zu „Muslimen“ insgesamt. Gleichzeitig können politische Gegner zu Gegnern des Islam erklärt werden. Damit löst Ansar Allah ein strategisches Problem: Eine Bewegung aus einem regional und konfessionell begrenzten Milieu kann schwerlich Anspruch auf den gesamten Jemen erheben, solange sie ausschließlich als Vertreterin dieses Milieus auftritt.
Die Bewegung rebellierte gegen Marginalisierung und schafft heute eigene Hierarchien. Sie bekämpfte einen autoritären Staat und entwickelte selbst Instrumente der Repression.
Bildung bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als offene Indoktrination. Sie beeinflusst, welche Vergangenheit erinnert wird, welche Autorität als legitim gilt und wie aktuelle Konflikte in eine religiöse Geschichte eingeordnet werden. Unterricht, religiöse Unterweisung, Sommerlager und Massenveranstaltungen sorgen für ständige Wiederholung. Was oft genug wiederholt wird, kann irgendwann selbstverständlich erscheinen.
Hinzu kommt ein eigener Kommunikationsapparat. Mit Al-Masirah verfügt Ansar Allah über einen Fernsehsender; dazu kommen Radio, Online-Medien und soziale Netzwerke. Auch Zawamil, eine traditionelle Form gesungener Stammespoesie, dienen der politischen Mobilisierung. Die Bewegung ersetzt Tradition also nicht. Sie kann sie politisch neu deuten und für ihre Zwecke nutzen.
Moderne Bewegung
Gerade darin wirkt Ansar Allah moderner, als es ihr religiöser Traditionalismus zunächst vermuten lässt. Prophetische Abstammung und soziale Medien, religiöse Autorität und Drohnenvideos passen für die Bewegung problemlos zusammen. Moderne Technik liefert die Mittel, mit denen eine religiös begründete politische Ordnung verbreitet werden kann.
Seit dem Gaza-Krieg ist diese Mobilisierung noch enger mit regionalen Konflikten verbunden. Ansar Allah begründet seine Angriffe auf Israel und auf die Schifffahrt im Roten Meer mit Solidarität mit den Palästinensern . Zugleich ist die Bewegung Teil der iranisch geführten „Achse des Widerstands“. Iranische Unterstützung und die Beziehungen zur libanesischen Hisbollah haben für ihre militärische Entwicklung erhebliche Bedeutung.
Trotzdem erklärt die Bezeichnung „iranischer Stellvertreter“ zu wenig. Ansar Allah besitzt eine eigene jemenitische Geschichte, eine gesellschaftliche Basis und politische Interessen, die nicht in Teheran entstanden sind. Iran hat die Bewegung nicht geschaffen. Genauso wenig wäre es sinnvoll, die Unterstützung aus Teheran als nebensächlich abzutun.
Beides kann gleichzeitig wahr sein: lokale Verwurzelung und transnationales Bündnis. Ansar Allah kann nationale Souveränität beschwören und zugleich von einem regionalen Netzwerk profitieren.
Ambivalenzen
Damit treten die Widersprüche ihrer Herrschaft besonders klar hervor. Die Bewegung rebellierte gegen Marginalisierung und schafft heute eigene Hierarchien. Sie bekämpfte einen autoritären Staat und entwickelte selbst Instrumente der Repression. Sie spricht im Namen der Republik, während religiöse Abstammung besondere Autorität begründet. Sie wendet sich gegen ausländischen Einfluss und ist zugleich in ein regionales Bündnissystem eingebunden.
Das macht ihre ursprünglichen Beschwerden nicht nachträglich falsch. Die Vernachlässigung Saadas, der wachsende salafistische Einfluss und die Korruption unter Saleh waren reale Faktoren ihres Aufstiegs. Der Fehler liegt darin, aus der Berechtigung einer Klage automatisch die Legitimität der daraus entstandenen Herrschaft abzuleiten. Bewegungen können aus tatsächlicher Unterdrückung hervorgehen und später selbst andere unterdrücken.
Deshalb hilft auch die Frage nur begrenzt weiter, ob die Huthis nun Zaiditen, Islamisten, Nationalisten oder iranische Verbündete seien. Ansar Allah verbindet Elemente all dieser Kategorien. Ihr Verhältnis zueinander hat sich im Lauf der Zeit verändert. Krieg, Staatszerfall, praktische Herrschaft und regionale Bündnisse haben die Bewegung geprägt.
Ideologie ist dabei nicht nur ein festes Glaubenssystem. Sie dient auch dazu, politische Macht zu erklären, Bündnisse einzuordnen und Veränderungen als Kontinuität erscheinen zu lassen.
Ein Quasistaat
Der entscheidende Unterschied zu den frühen Jahren liegt darin, dass diese Ideologie inzwischen Institutionen besitzt. Sie wirkt in Reisebestimmungen und religiöser Kontrolle, in Schulen und Medien, im Umgang mit Minderheiten und in der politischen Sozialisation einer neuen Generation. Wer Bildung, Geschlechterrollen, Bewegungsfreiheit, Religion und Öffentlichkeit beeinflusst, regiert weit über militärische Fragen hinaus.
Darum reicht es nicht, Ansar Allah vor allem über Raketen und Angriffe im Roten Meer zu betrachten. Waffen zeigen, wie die Bewegung Gegner auf Distanz unter Druck setzen kann. Sie sagen wenig darüber aus, wie eine Generation geprägt wird, die unter ihrer Herrschaft aufwächst; was Einschränkungen der Bewegungsfreiheit für Frauen bedeuten; wie religiöse Minderheiten leben oder welchen Raum politische Opposition noch besitzt.
Die Huthis wollen offenbar mehr als nur überleben. Ihre Herrschaftspraxis weist auf ein umfassenderes Projekt: republikanische Formen, verbunden mit religiös begründeter Führung, Widerstandsnationalismus und gesellschaftlicher Disziplinierung. Wie dauerhaft dieses Modell sein wird, bleibt offen. Nach mehr als einem Jahrzehnt der Herrschaft lässt es sich jedoch kaum noch als bloße Begleiterscheinung des Krieges behandeln.
An Bab al-Mandab zeigt sich, welchen Druck Ansar Allah nach außen ausüben kann. Für den Jemen selbst ist möglicherweise etwas anderes wichtiger: welche Ordnung eine Bewegung schafft, sobald sie nicht mehr nur gegen einen Staat rebelliert, sondern selbst beginnt, Gesellschaft zu ordnen.