Vor 75 Jahren feierte der Film »Casablanca« Premiere

Schau mir in die Augen, Deutschland

»Casablanca« verknüpft eine große Liebesgeschichte mit dem Schicksal vor Nazis geflohener Exilanten.

»Casablanca« ist der beste US-amerikanische Liebesfilm aller Zeiten – das befand 2002 das American Film Institute. Dass der Film ein dauerhafter Publikumserfolg wurde, liegt nicht nur an der dramatischen Liebesgeschichte, die nach Enttäuschungen und viel Gefühl am Schluss eine unerwartete Wendung erfährt, sondern auch an ihrer Verknüpfung mit den Schicksalen von Exilanten, die vor den Nazis aus Europa über Französisch-Nordafrika in die USA fliehen wollten.

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Bemerkenswert ist auch die enge Kooperation der Filmproduktionsfirma Warner Bros. mit dem damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roose­velt. Zudem kam der Film genau zu dem Zeitpunkt ins Kino, als sich die zunächst ablehnende Haltung der US-amerikanischen Bevölkerung gegenüber der Kriegsbeteiligung der USA wandelte und die Niederlage der Deutschen in Stalingrad die Wende im Kriegsverlauf brachte.

In der berühmten Schlussszene auf dem Flughafen, in der zwei Verfolgten mit Transitvisa ausgestattet die Flucht gelingt, fällt die hochemotionale Entscheidung zwischen Liebe und Résistance. Rick Blaine, der Pro­tagonist sagt zu Ilsa Lund, die er liebt: »Ich bin nicht gut darin, nobel zu sein, aber es braucht nicht viel, um zu sehen, dass die Probleme dreier kleiner Menschen nicht viel bedeuten in dieser verrückten Welt.« Der ­Nebel wabert, die Flugzeugpropeller drehen sich schneller, Ilsa hat Tränen in den Augen, Rick schaut tieftraurig. Ilsa wird sich seiner edlen Ansicht anschließen und mit ihrem Mann, dem bekannten Widerstandskämpfer Victor Lázlo, ins Flugzeug steigen und nicht mit dem Geliebten Rick: Der Kampf gegen die Nazis geht vor. Als eine deutsche Patrouille auf das Rollfeld eilt, wo Blaine zuvor Gestapo-Major Strasser erschossen hat, gibt der bislang mit den Deutschen durchaus kollaborierende, zwielichtige französische Polizeichef Captain Louis Renault mit todernster Miene eine durchaus plausible Anweisung: »Major Strasser wurde eben erschossen! Verhaften sie die üblichen Verdächtigen!« Durch die Situationskomik dieser Szene ist so eine der bekanntesten Redewen­dungen der Filmgeschichte entstanden. Es ist nur eines von mehreren berühmten Filmzitaten, die aus »Casa­blanca« in den cineastischen Kanon eingegangen sind.

 

Premiere nach der Befreiung von Casablanca durch die alliierten Streitkräfte

»Casablanca« hatte drei Filmstarts: Zur Premiere am 26. November 1942 lief der hastig fertig montierte Film nur für einen Abend im New Yorker Hollywood Theatre. Nur wenige Tage zuvor war die marokkanische Stadt Casablanca von alliierten Streitkräften befreit worden. Die Warner Bros.-Studios wollten den Film zeitlich abgestimmt auf den Einsatz der amerikanischen Truppen im Kampf gegen Nazideutschland in die Kinos bringen. Nach der Premiere wurde der Film erst wieder am Silvesterabend im kleinen Kino des Weißen Hauses in Washington gezeigt. Am 23. Januar 1943 startete er dann regulär in in den USA.

Silvester 1942 hatten der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt und seine Frau Eleanor 21 handverlesene Gäste ins Weiße Haus einge­laden. Die Roosevelts wollten mit der Vorführung im kleinen Kreis für ein stärkeres Engagement der USA im Krieg gegen Nazideutschland werben. Der Film soll auf die Gäste nachhal­tigen Eindruck gemacht haben. Roosevelt war sich der Bedeutung von Kinofilmen für die Kriegspropaganda bewusst. Das lag vielleicht auch an seiner Bekanntschaft mit Harry und Jack Warner, denen die 1923 gegründete und schnell groß gewordene Filmgesellschaft Warner Bros. gehörte. Sie hatten Roosevelt bereits während seiner ersten Präsidentschaftskandidatur 1932 unterstützt.

Es scheint kein Zufall zu sein, dass »Casablanca« unmittelbar zum Ende der Casablanca-Konferenz seinen ­eigentlichen Kinostart hatte.

Die Konferenz wurde im Geheimen vorbereitet. Präsident Roosevelt beriet sich vom 14. bis 24. Januar mit dem britischen Premier Winston Churchill und den Oberbefehlshabern der alliierten Streitkräfte in der eben befreiten Stadt Casablanca. Der Staats- und Parteiführer der UdSSR, Josef Stalin, war ebenfalls eingeladen, kam aber nicht, weil er sich mit dem Erfolg der Roten Armee in Stalingrad schmücken wollte – angeblich war er als militärischer Leiter unabkömmlich. So traten nur zwei der drei Anführer der Anti-Hitler-Koalition am 24. Januar vor die Presse und verkündeten die offiziellen Kriegsziele: Die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches, Japans und Italiens. Am Tag zuvor war der Film »Casablanca« mit 300 Kopien in den USA landesweit angelaufen.

In seinem dieses Jahr zum Jubiläum des Films erschienenen Buch »Casa­blanca 1943 – Das geheime Treffen, der Film und die Wende des Krieges« ­beschreibt der Journalist Norbert F. Pötzl detailliert, wie die Debatte um den Krieg in den USA die Entstehung des Films beeinflusste – und wie der Film zu einer größeren Unterstützung für den Krieg der Alliierten beitrug. »Warner Bros. war lange Zeit das einzige der fünf großen Hollywood­studios, das gegen die deutschen Nazis Position bezog«, so Pötzl in einem Artikel. Warner Bros produzierte ­bereits 1939 den ersten in den USA gedrehten Antinazispielfilm »Ich war ein Nazispion«. Die anderen vier großen Filmgesellschaften gingen einer offenen Konfrontation mit den Nationalsozialisten aus dem Weg, um ihre Filme weiterhin im von Deutschland besetzten Europa in die Kinos bringen zu können.

 

1500 Antinazifilme werden nach 1941 produziert

Erst nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 infolge des Angriffs Japans auf Pearl Harbor und der Kriegserklärung durch Hitler und Mussolini änderte sich dies und es wurden bis zum Sieg etwa 1500 kurze und längere Antinazifilme produziert. Jack Warner und seine Brüder zogen aber bereits aus dem 1936 von einem SA-Schläger verübten Mord an dem deutschen Verkaufsleiter von Warner Bros., Philip Kauffman, in Berlin die Konsequenz, sich an der Propaganda gegen Nazideutschland zu beteiligen. Auch gaben sie Emigranten aus Deutschland Arbeit in ihren Film­studios. So konnten sie für »Casablanca« mühelos die Rollen der Nazis und ihrer Gegner und Opfer mit deutschsprachigen, meist vor der Judenverfolgung geflohenen Schauspielern besetzen, was dem Film bis in die Nebenrollen hinein leidenschaftliche, bewegende Darstellungen verschaffte, die wesentlich für seine Wirkung sind.

»Casablanca« spielt auch gegen den in den USA 1942 weit verbreiteten Isolationismus an – der Protagonist Rick Blaine, selbst US-Amerikaner, der in Casablanca das »Café Americain« betreibt, ist zu Beginn des Films ein von Humphrey Bogart überaus überzeugend gespielter desillusionierter Zyniker. »Ich halte für niemanden den Kopf hin«, sagt er eingangs, um sein Desinteresse am antifaschistischen Engagement zu begründen. Aber der Besitzer der Bar »Blue Parrot« entgegnet ihm: »Mein lieber Rick, wann wird Ihnen endlich klar, dass in der Welt von heute der Isolationismus keine zweckmäßige Politik mehr ist?« Die Drehbuchschreiber verfassten Dialoge und entwarfen Szenarien, die dicht dran ­waren an den politischen Debatten in den USA von 1942.

Während der Dreharbeiten im Sommer 1942 sah es militärisch nicht gut aus für die Alliierten: Die Wehrmacht war in der Sowjetunion und in Nordafrika noch auf dem Vormarsch, Frankreich war geschlagen, große Teile Europas von den Deutschen besetzt. Bis auf die mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann besetzten Hauptrollen waren fast alle der 75 an »Casablanca« mitwirkenden Schauspieler vor den Nazis aus Europa geflohen. Die meisten von ­ihnen waren als Juden verfolgt und diskriminiert worden, viele hatten Familienangehörige, die in Konzentrationslagern ermordet wurden. Der Regisseur Michael Curtiz, der in ­Budapest als Mihály Kertész Kamine geboren worden war, lebte zwar seit 1926 in den USA, hatte aber noch Familienangehörige in Ungarn, die in den Gaskammern von Auschwitz starben. Zahlreich sind in »Casablanca« die Szenen, die auf die Schicksale der Flüchtlinge und auf die brutale Herrschaft der Nazis anspielen. Die Shoah und die Judenverfolgung werden nicht explizit benannt, aber hinreichend angedeutet.

 

Der Film profitierte von den Erfolgen der Alliierten

»Casablanca« kam in die Kinos, als im Rahmen der »Operation Torch« wenige Wochen zuvor amerikanische und britische Truppen in Französisch-Nordafrika gelandet waren – am 10. November 1942 war die reale Stadt Casablanca nach heftigen Kämpfen befreit worden. Und die Wende im Krieg gelang durch die erfolgreiche Einkesselung der 6. deutschen Armee in Stalingrad am 22. November 1942.

So profitierte der Film von den Erfolgen der Alliierten, die er wiederum propagandistisch unterstützte. »Casablanca« war so erfolgreich, dass er 1952 auch in Westdeutschland in die Kinos kam. Der 102 Minuten lange Film wurde vom deutschen Verleih allerdings für das deutsche ­Publikum um 25 Minuten gekürzt – die Nazis verschwanden aus dieser Version. Aus dem Widerstandskämpfer Victor Lázlo wurde der Physiker Viktor Larsen: »Das war ein Physiker, der wegen irgendwelcher geheimnisvoller Deltastrahlen aus einem Gefängnis entkommen war und gejagt wurde«, so Buchautor Pötzl in einem Interview mit der Deutschen Welle. Außer in Deutschland lief ­»Casablanca« im Rest der Welt in der Originalversion. »Der westdeutsche Generalkonsul in Basel hat sich zum Beispiel fürchterlich darüber auf­geregt«, berichtet Pötzl, »dass es unmöglich sei, jetzt noch einen solch antideutschen Hetzfilm zu zeigen.« Erst 1975 wurde in Westdeutschland die vollständige Fassung mit korrekter Übersetzung im Fernsehen ­aus­gestrahlt und danach in den Programmkinos gezeigt, 1983 zog das Fernsehen der DDR nach.