»Love and Ethnology«, eine Ausstellung über das Werk von Hubert Fichte

Poesie und Forschung

Dem Werk des Schriftstellers Hubert Fichte widmet sich derzeit ein Ausstellungsprojekt, deren Macher ihn als queeren und postkolonialen Vordenker begreifen. Diese Leseart aber verführt dazu, zentrale Momente der Literatur Fichtes zu übersehen.

Der Versuch, über Hubert Fichtes Literatur zu schreiben, verlangt Raum. Möchte man einen Satz aus einem seiner Bücher zitieren, stellt man fest, dass viele dieser Sätze durch einen Gedankenstrich eingeleitet und Figurenrede oder -gedanke sind. Viele Sätze, die die in verschiedenen ­Romanen des Autors wiederkehrende Figur Jäcki sagt, sind sehr präzise. Doch gehören sie immer in den Zusammenhang eines Gesprächs, zum Beispiel jenes zwischen Jäcki und Irma, in dem sich Irma über Jäckis Tiraden lustig macht und in dem ein Erzählerkommentar konstatiert, dass Jäckis Erklärungen nicht frei von Täuschung seien. Man kann den einen Satz eigentlich nicht zitieren, ohne den vorherigen oder den nächsten auch anzuführen.

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Das Verfahren, das bei dem Gespräch im Hotelzimmer in dem Roman »Forschungsbericht« (1989 posthum veröffentlicht) virtuos zur Anwendung kommt, hat Fichte ­bereits in seinem »Versuch über die Pubertät« von 1974 als poetisches Programm formuliert: »Allmählich entwickelt sich in mir die Freiheit, das Diskrepante zu schreiben; Sprünge, Widersprüche, das Unzusammenhängende nicht kitten, sondern Teile unverbunden nebeneinander bestehen lassen, mit zwei falschen, übertriebenen Aussagen die Tatsachen anpeilen.« Nicht zufällig trägt der Roman von 1974 den Begriff ­Versuch im Titel und spielt damit auf jene Gattung des Essays an, die Theodor W. Adorno in einem »unreinen« Grenzbereich zwischen Kunst und Wissenschaft lokalisierte. Da er sich der Zergliederung der Denk­systeme entziehe und seine eigenen Voraussetzungen nicht aus der Reflexion ausnehme, habe der Essay, so Adorno, als die »kritische Form par excellence« zu gelten.

Raumgreifend ist nicht nur das Schreiben über Fichte; raumgreifend zu sein, ist ein zentrales Charakteristikum von Fichtes Literatur. Sein Romanwerk beginnt mit einer Tet­ralogie und mündet in einen 17bändigen, unvollendeten roman-fleuve mit dem Titel »Die Geschichte der Empfindlichkeit«, dessen einzelne Bände seit 1987 posthum erschienen. Doch nicht allein der Raum, den der Fichte’sche Text einnimmt, ist weit, sondern auch die Reisen seiner Figuren sind es. In Hamburg und Bayern erforschen Detlev und Jäcki die eigene Biographie, in Brasilien und auf Haiti erkundet Jäcki die synkretistischen Religionen, in Westafrika die Kultur der Yoruba und die Psychia­trie; überall stößt Fichte auf die Geschichte der Homosexualität. »Nicht: Wissen ist Macht!« schreibt Fichte, »sondern: Reisen ist Wissen.«

Unter diesem Motto könnte ein großangelegtes Ausstellungsprojekt stehen, das unter dem Titel »Love and Ethnology«, kuratiert von Diedrich Diederichsen und Anselm Franke, zwischen 2017 und 2019 in Portugal, Brasilien, Chile, den USA, Senegal und 2019 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gezeigt werden soll. Im Rahmen der Ausstellung sind Übersetzungen geplant, die Fichtes Texte in jenen Ländern bekannt machen sollen, mit denen sie sich befassen. Das Projekt wird von einem mehrsprachigen Online-Journal (projectfichte.org) begleitet. Dort finden sich Ausschnitte aus Fichte-Texten, Ankündigungen zu den Ausstellungen, Wiederveröffentlichungen von Beiträgen aus der Forschung und neue Texte zu Fichte.

Die Konzeption des multilokalen und multilingualen Projekts ist auf den ersten Blick überzeugend. Das Internetjournal lädt zum schwei­fenden Lesen ein und scheint der komplexen und hybriden Poetik Fichtes formal angemessen zu sein. Was aber überrascht, ist der Fokus auf »Die Geschichte der Empfindlichkeit«, und hier auf diejenigen ­Romane, die hauptsächlich außerhalb der BRD spielen. Denn Fichte ­beginnt schon in seinem zweiten Roman, »Die Palette« von 1968, die bundesdeutsche Wirklichkeit zur derjenigen anderswo in Beziehung zu setzen; und er macht umgekehrt auch die deutsche Realität – und zwar schon in seinem ersten Roman, »Das Waisenhaus« von 1965 – als fremde Welt erfahrbar und mit quasiethnographischen Mitteln erforschbar. Diese Methode ist also keinesfalls eine, die erst in einer späteren Werkphase einsetzt.

 

Wichtige Aspekte von Fichtes Werk gehen verloren

Natürlich musste aus der überbordenden Fülle der Literatur Fichtes eine Auswahl getroffen werden. Die für »Love and Ethnology« gewählten Arbeiten lassen sich auf eine bestimmte Perspektive auf Fichte zurückführen.

Fichte, so Diederichsen in einem im Online-Journal ver­öffentlichten Text, sei als ein Autor zu verstehen, »der sehr früh Methodologien und Perspektiven entwickelte, die man heute den Queer Studies und den postkolonialen Studien zuschreiben würde«. Fichte als Vor­reiter der poststrukturalistisch inspirierten Geisteswissenschaften von heute? Diese Ansicht wird in der Fichte-Forschung seit einigen Jahren vertreten und teilweise durchaus schlüssig belegt. Das gilt zumindest da, wo auf einige grundlegende Einsichten aus den frühen Queer und Postcolonial Studies Bezug genommen wird, wie auf den Umstand, dass Wissen perspektiviert ist, dass die Erforschung der Anderen implizit Aussagen über die Forschenden trifft oder dass hierarchische Strukturen der Binarität durch Verfahren der Hybridisierung auflösbar sind.

Leider verliert eine Interpretation, derzufolge Fichte ein Pionier der Queer und Postcolonial Studies ist, wichtige Aspekte des Werks aus dem Blick. Das wird deutlich, wenn man die Position von Fichtes »Forschungsliteratur« nicht mit der queeren und postkolonialen Theorie der achtziger und neunziger Jahre, sondern mit dem abgleicht, was derzeit unter diesen Bezeichnungen betrieben wird. Es ist gerade die Schnittmenge von Queer und Postcolonial Studies, in der vehement ein expansiver Kulturrelativismus betrieben wird, der ­­religiöse Praktiken und Ideologien »postsäkular« affirmiert und komplizenhaft die Barbarei verschweigt, die mit der Religion einhergeht. Eine oberflächliche Lektüre Fichtes mag zu dem Eindruck führen, seine Texte ließen sich als Stichwortgeber auch für eine Affirmation des Magischen und der Gewalt lesen. Doch dieser Eindruck trügt.

Im Gegensatz zu den beiden großen und großartigen Priestern des Brutalen in der schwulen Schriftstellergeneration vor ihm, zu Hans Henny Jahnn und Jean ­Genet, geht es Fichte nicht um eine Fetischisierung der Gewalt, sondern vielmehr um eine Perspektive der Kritik, die sich aus dem Sezieren auch des Magischen und der Gewalt ergibt. Anders als die geschichtslose Exotik Jahnns betrachtet Fichte die haitianischen Vaudou-Rituale im Bewusstsein der Brutalität des herrschenden Regimes des Diktators Jean-Claude Duvalier. Fichte tritt der Verdinglichung der anderen ent­gegen, indem er das Begehren nach Exotik selbst erforscht: »Das Exotische ist die auf die Welt projizierte Angst der Heimat, Patriotismus, der auf der Osterinsel dann Nürnberger Würstl sucht. Haiti und Salvador sind banal.«

 

Fichte und der Marxismus

In seinem Text im Online-Journal lenkt Diederichsen den Blick auf das Verhältnis Fichtes zum zeitgenös­sischen westdeutschen Marxismus: »Obwohl ein durchaus ökonomisch argumentierender Antikapitalismus eine häufige Denkfigur bei ihm ist, hat er sich nie mit irgendwelchen real existierenden Antikapitalisten verbünden wollen. Sicherheit vor Folter und staatlicher Freiheits­beraubung war ihm wichtiger als die Abschaffung der Warenform. Konsumkritik, die auf den westlichen Empfindlichkeiten basiert, könnte man zugespitzt Fichte sagen lassen, lenkt den Blick von der Kritik des ­Kolonialismus ab.« Die bislang unbeantwortete Frage nach dem Ver­hältnis Fichtes zu materialistischer Theorie wird hier vorschnell beantwortet. Weder »Antikapitalismus« noch »Konsumkritik«, beides Vokabeln, die auf eine trivialisierte Form Marx’scher Theorie verweisen, scheinen Fichtes Texten angemessen. Vielmehr wäre zu fragen, inwiefern ein Satz wie der von der »soziologischen Darstellung einer Gesellschaft mit den Mitteln dieser Gesellschaft selbst« einen Begriff von immanenter Kritik impliziert, wie er auch in der Kritischen Theorie zu finden ist.

Ausstellungsprojekt und Online-Journal versprechen, Fichtes Texte auf neuartige Weise zu verknüpfen und sie in bislang unbekannte Kontexte zu stellen. Das Projekt, die Texte dort zu präsentieren, wo sie entstanden sind, erscheint plausibel, wurde aber bislang noch kaum realisiert. Die Lesart Fichtes als Pionier der Queer und Postcolonial Studies, die die Ausstellung nahelegt, ist aber nur teilweise nachvollziehbar. Man darf gespannt sein, welcher Fichte 2019 im Haus der Kulturen der Welt zu sehen sein wird.