Die Filmsatire »The Death of Stalin«

Goodbye, Stalin

In der Filmsatire »The Death of Stalin« stellt sich das Politbüro der KPdSU mehr oder weniger heroisch der Herausforderung, einen Nachfolger für den Generalsekretär des ZK und Vorsitzenden des Ministerrats der Sowjetunion zu finden.

Beinahe heiter lässt Armando Iannucci seine Politsatire »The Death of Stalin« in einem Konzertsaal in Moskau mit einer Aufführung des 23. Klavierkonzerts in A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart beginnen. In einer Parallelhandlung betrinkt sich das Politbüro der Staatspartei KPdSU derweil im Kreml bei Gastgeber Stalin (Adrian McLough­lin). Keiner will etwas Falsches sagen, aber jeder mit den richtigen Sprüchen ganz vorne dabei sein. Als sich die weinselige Runde auflöst, lässt sich Lawrenti Berija, Innenminister und Chef des Geheimdienstes NKWD (­Simon Russell Beale) von Stalin eine Liste abzeichnen. Wer darauf steht, soll in der kommenden Nacht verhaftet und erschossen werden. Zum Abschied bemerkt Berija beiläufig zu Georgi ­Malenkow, Sekretär des ZK und Stell­ver­treter Stalins: »Du stehst auch auf der Liste.« Dann verteilt er das Papier an Geheimdienstleute, die mit laufendem Motor vor dem Kreml warten, und erteilt letzte Befehle. Über ein Ehepaar merkt er an: »Erschießt sie zuerst, aber so, dass er es sieht.«

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ZK-Sekretär Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) eilt unterdessen nach Hause und diktiert seiner Frau alle Sprüche und Witze, die er in Gegenwart Stalins gemacht hat. Und vermerkt, ob sie ihm gefallen haben. So will er vorbereitet sein, falls ihm eines Tages etwas vorgeworfen wird.

 

Angekündigt wird »The Death of Stalin« als Komödie, aber es ist eine Tragikomödie. Die Darstellung des stalinistischen Regimes mit seiner brutalen Willkür und dem übersteigerten Personenkult überzeugt, weil die allgegenwärtige Panik gezeigt wird.

 

Das Politbüro als Assessment-Center! Meinungsbildung unter Kommunisten findet in diesem Kreis jedenfalls nicht statt. »The Death of Stalin« zeigt eindrücklich, dass das Politbüro und die Kommunistische Partei ihres ursprünglich revolutionären Auftrags beraubt sind. Den Unterschied zur Vorstandssitzung eines westlichen Autokonzernes dürften der grobschlächtige Ton und der fehlende bürgerliche Klassendünkel machen.

Im Aufnahmeraum von Radio Moskau klingelt das Telefon. Der Tontechniker spricht mit Josef Stalin höchstpersönlich. Dieser verlangt, noch am selben Abend die Aufnahme des Mozart-Konzerts zu bekommen. Kreidebleich fragt der Tontechniker seinen Kollegen: »Haben wir eine Aufnahme gemacht?« – »Nein!« Panik breitet sich aus. Der Dirigent stolpert voller Angst und bricht sich das Genick. Alle müssen bleiben! Stalin will eine Aufnahme, also muss das Konzert wieder­holt werden. Alle zurück auf die Plätze.

Während die Autos der Einsatzgruppen des NKWD durch die nächtliche Stadt jagen, fährt ein Wagen los, um einen Ersatz für den verunglückten Dirigenten heranzukarren.

Als es an seiner Wohnungstür klingelt, glaubt der als Ersatz vorgesehene Konzertmeister, er solle verhaftet werden. Denn zur selben Stunde werden seine Nachbarn abgeführt. In einer grotesken Szene wirkt es so, als würden massenhaft Bewohner gerade dieses Hauses verhaftet werden. So werden Personenkult und Terror­regime Stalins in einer szenischen Anordnung verdichtet.
Die Angst des Dirigenten, der gar nicht verhaftet werden soll, der irrsinnige Aufwand, ein Konzert nur wegen einer Laune Stalins wiederholen zu müssen, während die Erschießungskommandos ihre Listen abarbeiten – all das wirkt gespentisch.

Angekündigt wird »The Death of Stalin« als Komödie, aber es ist eine Tragikomödie. Die Darstellung des stalinistischen Regimes mit seiner brutalen Willkür und dem übersteigerten Personenkult überzeugt, weil die allgegenwärtige Panik gezeigt wird.

Bekannt wurde Ianucci durch mehrere TV-Produktionen mit dem fiktiven Moderator Alan Partridge sowie als Erfinder der politischen Satire »The Thick of It«. 2009 kam die Politsatire »In the Loop« in die Kinos, die trotz eines kleinen Budgets in Großbritannien ein großer Erfolg und für einen Drehbuch-Oscar nominiert wurde. Iannuccis neuer Film »The Death of Stalin« beruht auf der in Frankreich erschienenen Graphic Novel von Fabien Nury und Thierry Robin, die im Original den Titel »La mort de Staline« trägt.

In einem Interview mit dem Rolling Stone anlässlich des Filmstartes in den USA verweist Ianucci auf das Groteske der Stalin-Ära, er habe kaum übertreiben können. »In der Realität war es so, dass für das Konzert drei Dirigenten benötigt wurden, weil der erste ohnmächtig wurde und ausschied. Sie holten mitten in der Nacht einen zweiten, aber der war betrunken. So mussten sie nochmal los und einen dritten holen«, erzählt er. »Wenn ich am Anfang gleich drei Dirigenten genommen hätte, hätte mir keiner geglaubt. So bin ich auf zwei runtergegangen.«

Auch bei der Darstellung der Entwicklungen im Politbüro setzt Iannucci nicht allein auf Situationskomik, sondern folgt den historischen Ereignissen, sofern diese als gesichert gelten dürfen. So ist bereits der Todeszeitpunkt Stalins nicht eindeutig geklärt, er liegt vermutlich zwischen dem 1. und dem 5. März 1953. Unstrittig ist, dass Stalin nach dem 1. März 1953 nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten ist. Im Film ist zu hören, wie jemand oder etwas in Stalins Salon umfällt. Kurzer Dialog der beiden vor der Tür stehenden Wachsoldaten: »Müssen wir nicht nachschauen?« – »Bist du verrückt? Willst du erschossen werden, weil du Stalin gestört hast?«

Auch die Politbüromitglieder reagieren verunsichert. Nur Geheimdienstchef Lawrent Berija behält die Nerven, nimmt Geheimdokumente an sich und flüstert dem tot auf seinem Bett liegenden Stalin ins Ohr: »Ich mache für dich weiter!«

Um die Nachfolge balgen sich Chruschtschow (Steve Buscemi), Berija (Simon Russell Beale), Stalins Stellvertreter Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) und Außenminister Wjatscheslaw Molotow (Michael Palin), wobei auch Stalins Kinder Swetlana (Andrea Riseborough) und Wassili (Rupert Friend) noch ein Wörtchen mitreden wollen. Das Intrigenspiel in der obersten Leitungsebene des Weltreiches Sowjetunion hat so gar nichts Ruhmreiches, der Umgangston ist derb. »Ich bin hier der Friedensstifter, wer sich mir in den Weg stellt, den mache ich platt«, erklärt Chruschtschow. Als sein unterlegener Gegenspieler Berija verhaftet werden soll, versichert ihm Marschall Georgi Schukow: »Ich habe die Deutschen besiegt, dann werde ich wohl auch noch mit diesem Fleischkloß fertig!«

Die Ideen der Oktoberrevolution und die politische Aufgabe der Partei der Bolschewiki spielen längst keine Rolle mehr. Es herrschen Willkür und Terror. Zu einer letzten großen »Säuberung« kommt es im Zuge der sogenannten »Ärzteverschwörung«, einem von Stalin gewähnten Komplott von Medizinern vor allem jüdischer Herkunft, die angeblich geplant hätten, ihn auszuschalten. Die brutale Kampagne liefert den Vorwand, um den Antisemitismus in der Bevölkerung zu mobilisieren. Verhaftungen und Erschießungen sind die Folge. Als der todkranke Stalin medizinische Hilfe benötigt, können seine Ärzte nicht mehr angefordert werden; sie wurden längst ermordet. Im Film sieht man Ärzte, die vor Uniformierten fliehen, weil sie wie der Dirigent in der Anfangsszene ­befürchten, verhaftet zu werden. Dabei will man sie doch nur an das Krankenbett des von einem Schlaganfall gezeichneten Stalin rufen.

Armando Iannucci ist mit dem von vielen guten Schauspielern getragene Film eine nicht zu tiefgründige, aber höchst unterhaltsame Auseinandersetzung mit der Stalinzeit gelungen. In den USA und Großbritannien ist »The Death of Stalin«, wo der Film bereits im vergangenen Jahr gelaufen ist, von der Kritik gefeiert worden. Das russische Kinopub­likum hat sich hingegen zu früh auf den Film gefreut. Ein bereits erteiltes Verleihzertifikat zog das Kultusministerium Anfang Januar wieder zurück.

 

The Death of Stalin (F/GB/Belgien 2017). Regie: Armando Iannucci, Darsteller: Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Jeffrey Tambor, Michael Palin, Paul Whitehouse, Jason Isaacs, Andrea Riseborough. Kinostart: 29. März