Antisemitische Kampagnen gegen George Soros in aller Welt

George Soros ist an allem schuld

Marionettenspieler, Krake, Brunnenvergifter: Mit antisemistischen Stereotypen agitieren Rechte in aller Welt gegen George Soros und seine Stiftung.

 »Teuer finanzierte Stimmungsmache!« klagte Jörg Meuthen (AfD) vorige Woche auf einem speziell erstellten Facebook-Bildchen. Und beklagte weiter: »Sozis und Soros vereint im Kampf gegen unsere Bürgerpartei.« Was nach einer modernen Version der Mär von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung klingt, ist in seinen Augen wohl auch eine: Die unter anderem mit Themen wie digitaler Zukunft befasste »Stiftung Neue Verantwortung«, um die es im Posting geht, ist zwar ihren Statuten nach unabhängig, hat aber mit Michael Vassiliadis einen Vorsitzenden, der, wie Meuthen anmerkt, »seit 1981« SPD-Mitglied ist. Und im Jahr 2016 bekam die Stiftung von George Soros’ »Open Society Foundation« 80 535 Euro gespendet.

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Warum Meuthen ein derartiges Drama um diese Summe – gerade mal sieben Prozent der Gesamtspenden in Höhe von 1 122 226 Euro – macht, ergibt sich aus dem Begleittext, den er zum Bildchen verfasste. Darin geht es langatmig unter anderem darum, dass Soros 1992 am »Schwarzen Mittwoch« als Währungsspekulant viel Geld verdiente, mit dem er heutzutage seine Vorstellungen in reale Politik umzusetzen versuche. Dass für den sogenannten Black Wednesday eher die Vereinigung Deutschlands, die Bundesbank und Margaret Thatcher verantwortlich waren und Soros nur die sich ihm bietenden Möglichkeiten nutzte, erwähnte ­Meuthen nicht.
Der Black Wednesday ist allerdings nur ein nebensächlicher Grund, aus dem die ansonsten den Kapitalismus heiß und innig liebende internationale Rechte George Soros mit Inbrunst hasst. Der Hauptgrund ist ihnen zufolge seine Stiftung »Open Society Foundation«, die weltweit Projekte fördert, die sich für Demokratie, Menschen- und Bürgerrechte einsetzen.

Sieht man sich die Karikaturen und Memes an, die den 87jährigen zeigen sollen, fällt auf, dass darin haufenweise antisemitische Stereotype aus dem ­vorigen Jahrhundert recycelt werden: Soros wird als Marionettenspieler gezeigt, der die Fäden der Politik zieht, als Krake, als Brunnenvergifter – und ihm werden erfundene Zitate in den Mund gelegt wie das, wonach sein Lebensziel die Vernichtung der USA sei.
»Der Hass auf Soros ist eine globale Krankheit«, konstatierte die Financial Times bereits im Herbst 2017.

Seither hat sie sich, nicht zuletzt durch Soros’ Engagement für Flüchtlinge aus Syrien, ausgebreitet: In Ungarn macht mit Ministerpräsident Viktor Orbán ein ehemaliger Stipendiat der Soros-Stiftung derzeit Wahlkampf mit dem Thema Soros, in Polen behauptete ein Politiker der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Soros sei der »gefährlichste Mann der Welt«, der gegen das Christentum kämpfe, in den USA verbreiten Alt-Right-Blogs und -Websites wie Breitbart wahrheitswidrig über jede halbwegs linke Initiative, dass Soros sie finanziere. Und in Großbritannien stilisierte ihn die »Brexit«-Bewegung zum Feindbild, weil sich seine Stiftung gegen den EU-Ausstieg engagierte. Unzulässige ausländische Einmischung sei das, hieß es unter anderem – die Einmischung des rechten, am jüngst in die Schlagzeilen geratenen Unternehmen Cambridge Analytica beteiligten US-Milliardärs Robert Mercer auf Seiten der »Brexit«-Befürworter fand man dagegen ganz in Ordnung.

In Deutschland, so berichtete Alexander Rasumny von der Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) der Jungle Word, wurden 2017 »neun Vorfälle mit Verschwörungsmythen und Soros-Bezug registriert. Hauptsächlich handelt es sich um Verschickung von Propaganda oder um Schmierereien, in einem Fall aber auch um eine Bedrohung mit Vernichtungsphantasien, die an eine jüdische Organisation adressiert wurde.« Deren Verfasser schrieb in Großbuchstaben: »Wir werden euch Juden und vor allem eure Helfer (Merkel, Soros, Maas) nicht nur töten, wir werden die Welt von euch Psychopathen reinigen!«
Zum Hass gegen ihn hat sich der Milliardär nie weiter geäußert, obwohl ihn besonders eine perfide Fotomon­tage schmerzen dürfte. Sie zeigt ihn angeblich als 17jährigen SS-Mann. Unter anderen griff das Fox News rasch auf und beschuldigte Soros der Kollaboration mit den Nazis.

Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein: Soros stammt aus einer jüdisch-ungarischen Familie. Sie überlebte die Nazizeit versteckt, als Christen getarnt und aus Sicherheitsgründen getrennt voneinander lebend. Nur manchmal traf man sich wie ­zufällig und ging rasch wieder auseinander – Vater Tivadar Soros hatte dieses Überlebenskonzept auf der Basis der Erfahrung seiner Inhaftierung in Sibirien während des Ersten Weltkriegs entworfen.

1947, er war damals 17 Jahre alt, floh der damals noch György heißende George Soros vor dem Stalinismus nach England, wo er zu Beginn der fünf­ziger Jahre über Karl Popper promovierte, 1956 zog er in die USA.
»Ich denke gar nicht daran, mich rauszuhalten«, schrieb Soros kürzlich in einem Beitrag für die Daily Mail. Und führte trocken aus, warum das Konzept einer offenen Gesellschaft ­erstrebenswert sei. Die ersten Leserkommentare unter dem Text bestanden aus Verschwörungstheorien und Hass.