Zwei Kundgebungen gegen Antisemitismus in Berlin

Keine Zäsur, nirgends

Unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ demonstrierten am Mittwoch über 2500 Menschen gegen Antisemitismus.

Als Reaktion auf den brutalen Übergriff auf zwei Kippa tragende Männer vor einer Woche im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg hatte die Jüdische Gemeinde am Mittwochabend zu einer Solidaritätsaktion in der Charlottenburger Fasanenstraße aufgerufen, der etwa 2500 Menschen, mehrheitlich Kippa tragend, folgten.

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Ein breites Bündnis aus Spitzenpolitikern fast aller Parteien, kirchlichen und Wohlfahrtsverbänden unterstützte die Aktion, die, wie der Moderator sagte, für die „Bürgerinnen und Bürger Berlins“ organisiert worden sei.

Auf der Bühne warnte man vor „französischen Verhältnissen“ (Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin), man wusste, dass es „ein Weiter-so (…) nicht geben“ dürfe (Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden), sicherte im Kampf gegen Antisemitismus größere finanzielle Mittel zu (Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin) und erinnerte daran, dass, wer Bürger „dieses Landes werden möchte“, sich „in die Staatsräson einreihen“ müsse (Cem Özdemir, Bündnis 90/Die Grünen). Neben diesen formelhaften Appellen wurde in vielen Reden besonders die Kritik am grassierenden Antisemitismus in den Schulen deutlich, der in der letzten Zeit vermehrt öffentlich geworden ist und gegen den es neue Antworten dringend braucht.

Neben den vom Schuldienst freigestellten selbsternannten „Volkslehrer“ Nikolai Nerling, der, wie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) auf ihrem Twitter-Account berichtete, von der Veranstaltung verwiesen wurde, wurde auch der Berliner AfD-Abgeordnete Marc Vallendar gesichtet. Das überraschte wenig, hatte doch bereits am Vortag der Berliner Landes- und Fraktionsvorsitzende der AfD, Georg Pazderski, seine Anhängerschaft zu der Veranstaltung zu mobilisieren versucht. Der Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), Dalia Grinfeld, kam das Verdienst zu, als einzige der zwölf Rednerinnen und Redner die „Fake-Judenfreundlichkeit“ der AfD explizit zu thematisieren, was ihr vom Publikum mit großem Beifall gedankt wurde. Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), die ihre Anhänger zum Tragen der muslimischen Gebetskappe Takke animierte und ebenfalls zur Veranstaltung lud, trat an diesem Abend nicht weiter in Erscheinung.

Als ob es noch eines weiteren Beweises für die Notwendigkeit der Solidaritätskundgebung in der Fasanenstraße bedurft hätte, kam es am Neuköllner Hermannplatz breits am Nachmittag zu einem bezeichnenden Vorfall, wie das „Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus“ (JFDA) berichtete. Eine von nur wenigen Personen angemeldete Solidaritätsdemonstration unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“, die über die Sonnenallee laufen wollten, wurde nach nur kurzer Zeit von umstehenden Personen angegriffen; eine Israel-Fahne wurde gestohlen, nach 15 Minuten wurde die Kundgebung abgebrochen.

Die entspannte Stimmung und die teils kämpferischen Reden vor dem Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße konnten letzten Endes nicht über die offene Frage hinwegtäuschen, wie eine Zäsur in der Bekämpfung des gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus organisiert werden kann, dessen aktueller Anlass nur als die Spitze des Eisbergs zu begreifen ist.