Die israelische Gesellschaft lebt von der kulturellen und ethnischen Vielfalt

Das Gegenteil von Projektion

Was ist Israel? Die Identitätsfrage wird unablässig debattiert, eine klare Antwort gibt es nicht. Ein Bericht nach elf Jahren Leben im Land.

Ich lebe seit elf Jahren in Israel. Hier ist das Wetter extrem, die Bierpreise sind irre hoch und auf engstem Raum treffen westliche und orientalische Denk- und Verhaltensweisen, Religionen, Anschauungen und Kulturen aufeinander. Gleichzeitig verlaufende Desintegrations- und Integrationsprozesse zeichnen das Land. Die Identitätsfrage beschäftigt Israel mehr als jede an­dere.

Anzeige

Meine erste Wohnung in Yafo war in einem verwitterten Gebäude, in dem Muslime, Juden und Christen wohnten und in dessen Ladenzeile sich ein jüdischer Uhrmacher und eine Bäckerei im Besitz einer muslimischen Familie befanden. Von den Moscheen ertönte fünf Mal am Tag der Gebetsruf des Muezzin. In nächster Umgebung gab es ein jüdisch-bulgarisches Restaurant, das von einer arabischen Christin geführt wurde, die einen bulgarischen Gastarbeiter geheiratet hatte, um dem arabischen Patriarchat zu entkommen, außerdem einen Umzugsservice, bei dem Russisch sprechende Schränke arbeiteten, einen arabischer Supermarkt, der keinen Alkohol verkaufte, und einen arabisch-christlichen Kiosk, wo nicht nur Alkohol verkauft wurde. Bei Abu Hassan, dem Restaurant mit dem sagenhaften arabischen Hummus in Yafo, saßen kopftuchtragende Musliminnen neben den Soldaten, die beim Armeeradio nebenan dienten.

Im medizinischen Zentrum Reuth spiegelte sich die multireligiöse und multikulturelle israelische Gesellschaft wider. Auf der Station Beth arbeitete ich mit Infektions-, Unfall- und Terror­opfern. Die Station wurde von Chaim geleitet, einem kettenrauchenden Zyniker aus Marokko. Chaim liebte den Markt, französische Dokus und Pornos, marokkanische Pflegehelferinnen und arabische Pflegehelfer.

Bucharische Pflegehelfer hatten darunter zu leiden, dass er an ihnen seinen Frust über seine bucharische Ex-Frau ausließ. Die Station Aleph war so sehr von Einwanderern aus der ehemaligen ­Sowjetunion dominiert, dass morgens russisches Staatsfernsehen auf dem Stationsapparat lief und selbst die beduinischen Pflegehelfer sich auf Russisch verständigen konnten.
Im Seniorenheim bin ich den europäischen Juden aus den Geschichtsbüchern begegnet.

Robert wurde in Budapest vor den Augen von Adolf Eichmann ausgepeitscht und entkam seiner Deportation nach Auschwitz durch eine List. Miri überlebte die Zwillingsexperimente von Doktor Mengele. Israel entkam 1942 dem Untergang des Flüchtlingsschiffes »Struma«, das von einem sowjetischen U-Boot vor Istanbul versenkt wurde. Yehuda war Mitbegründer der ersten bewaffneten Widerstandsgruppe im besetzten Polen, überlebte 22 Monate in Auschwitz und entkam beim Todesmarsch. Yoshua war bei der Ré­sistance auf Korsika. Ze’ev kam 1940 nach Palästina, schloss sich der Jüdischen Brigade an und war Kommandant bei der illegalen Ausschleusung der Juden aus Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Yoske diente in der britischen Armee und bekämpfte später als Etzel-Kommandant die Briten. Alle kämpften im israelischen Unabhängigkeitskrieg.

Im Heim wird die Bedeutung von »Nie wieder« klar und dass Solidarität mit Israel als jüdischer Heimstätte unbedingte Solidarität mit den israelischen Streitkräften und jeder reagierenden wie präventiven Verteidigung des jüdischen Staates verlangt.

Ich kann jeden Menschen, der mir Israel stimmig erklären möchte, nur bedauern.

Meine Kolleginnen Pnina und Malka stammen aus der Region Gondar in Äthiopien. Malka floh 1984 zu Fuß in eines der Hungerlager in den Sudan, von wo sie bei der Operation Moshe nach Israel ausgeflogen wurde. Pnina kam 1992 als 16jährige Mutter im Zuge der Operation Salomon ins Land. ­Malka und Pnina zeigten vor drei Jahren volles Verständnis für die heftigen Proteste der äthiopischen Juden gegen Polizeigewalt und Diskriminierung. Fentahun, der sich für die Integration der äthiopischen Juden einsetzt, ver­sichert, dass die Diskriminierung heute auf Weisung der Regierung bekämpft werde.

Pnina und Malka waren im vergangenen Jahr in Äthiopien, um ihre Familiengeschichte neu zu entdecken. Zwei marokkanische Kolleginnen waren in Marokko. Israelische Juden osteuro­päischer Herkunft interessieren sich vermehrt für Jiddisch. Juden nord­afrikanischer und orientalischer Herkunft (Mizrahi) fordern die Revision von Bildungsplänen, die zu sehr auf aschkenasische Juden fokussiert sind.

Derzeit wohne ich am Stadtrand von Ramat Gan. Meine Nachbarn sind aus dem Jemen und aus dem Irak, es ist laut, herzlich und anstrengend; was ins Auge fällt, sind die starken Familienbindungen. Meine Nachbarin Victoria war zwölf Jahre alt, als sie 1951 mit ­ihren Eltern und sieben Geschwistern aus ihrer Heimatstadt Bagdad nach ­Israel floh, nachdem ihr Vater seine Anstellung als Fremdsprachenkorrespondent im Staatsdienst verloren hatte und der Verdacht der zionistischen ­Betätigung auf ihn gefallen war. Ihre Familie wurde im Irak enteignet, und als sie am Flughafen in Lod ankamen, wurden sie mit dem Insektizid DDT abgespritzt. Ihre ersten Jahre in Israel verbrachten Victoria und ihre Familie in einem Übergangslager und die darauffolgenden Jahrzehnte als erniedrigte Einwanderer. Wie viele der älteren Nachbarn in diesem Viertel hat sie den Aschkenasim die Herabsetzung nie verziehen.

Jahrzehnte aschkenasischer Dominanz sind hier ein traumatisch belegtes Thema, das immer wieder hochkocht und auf der anderen Seite zu einer trotzig-stolzen Affirmation der Mizrahi-Herkunft geführt hat. In der Populärkultur ist der Kulturkampf zugunsten der Mizrahi entschieden. Die Musik in Israel ist heute Mizrahi-Musik und wird von Jungen und Alten, Männern und Frauen gehört; sie ertönt auf den Hochzeiten aller Einwanderergruppen und nicht selten auch auf arabischen Hochzeiten in Yafo.
Ich kann jeden Menschen, der mir Israel stimmig erklären möchte, nur bedauern. Ich lebe seit elf Jahren in Israel und immer, wenn ich glaube, etwas verstanden zu haben, stehe ich vor neuen Rätseln.