Der Sieg der irakischen Wahlallianz ist eine Niederlage für den Iran

Abnehmender Halbmond

Im Ergebnis der irakischen Parlamentswahlen zeichnet sich ein herber Rückschlag für die Islamische Republik Iran ab.

Kaum hatte die irakische Wahlkommission in der Nacht zum Montag erste Ergebnisse verkündet, strömten Tausende Einwohner Bagdads auf den Freiheitsplatz der Stadt und begannen zu feiern. Es handelte sich um Anhänger der Sayirun-Liste, jenes erstaunlichen Bündnisses zwischen Sadristen und Kommunisten, das in der Hauptstadt die meisten Stimmen auf sich vereinigen konnte. Rufe wie »Bagdad ist frei, Iran raus, raus, raus« wurden von der euphorischen Menge skandiert. Denn ausgerechnet Muqtada al-Sadr, der früher eng verbündet mit der Regierung in Teheran einen blutigen Krieg gegen US-Truppen, sogenannte Kollaborateure und sunnitische Araber angeführt hatte, hat in den vergangenen Jahren einen radikalen Sinneswandel durchlaufen.

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Nicht nur führte er 2016 die Massenproteste gegen Korruption und Misswirtschaft an, sondern verbündete sich Anfang dieses Jahres mit der Irakischen Kommunistischen Partei. Beide eint neben ihrer Kritik am politischen Establishment und an der endemischen Korruption im Land ein strikt irakisch-nationalistisches Wahlprogramm, das sich dezidiert gegen den Einfluss der Islamischen Republik Iran und ihrer Verbündeten im Irak richtet. Die Wahlen im Irak waren nämlich auch eine ­Abstimmung über die künftige Rolle des östlichen Nachbarn. Mit Millionen hatte der Iran ihm wohlgesonnene Listen unterstützt, ­neben der »State of Law«-Koalition des ehemaligen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki und der Liste der Volksmobilisierungsein­heiten (PMU) auch die kurdische Patriotische Union (PUK). Während der amtierende Ministerpräsident Haidar al-Abadi versuchte, eine delikate Balance zwischen den USA und dem Iran, seinen beiden wichtigsten und zugleich verfeindeten Verbündeten zu wahren, zeichnete sich der Wahlkampf von Sayirun durch eine klar antiiranische Stoßrichtung aus. Damit erreichte die Liste vor allem auch schiitische Iraker, die von der penetranten Einmischung des Iran in ihrem Land genug haben.

Dass Sadr und die Kommunisten in Bagdad die meisten Stimmen erhielten und eine neue Regierung im Irak ohne ihre Beteiligung kaum denkbar scheint, stellt eine Niederlage für den Iran dar. Seit Jahren regt sich zwischen Euphrat und Tigris Widerstand gegen den Versuch Teherans, das Land als Satellit in seinen »schiitischen Halbmond« zu integrieren, der vom Iran bis zum Libanon reicht. Dass ausgerechnet aus dem Herzen des schiitisch dominierten Südirak dem Regime in Teheran ein Widersacher erwächst, der sich ­einerseits selbst auf eine lange Tradition des »Widerstands« berufen kann, dessen Vater ein wichtiger Ayatollah war und dem irgend­welche Sympathien für den Westen niemand nachzusagen vermag, macht Sadr für die angeschlagene Regierung in Teheran umso ­gefährlicher. Die nämlich hat zurzeit genügend Probleme: Konfrontiert mit wachsendem Unmut im eigenen Land, kaum lösbaren ökonomischen Problemen, die sich unter anderem in einem anscheinend unaufhaltsamen Verfall der Währung manifestieren, ­gerät sie auch außenpolitisch immer mehr unter Druck. Ein schwacher Trost dürfte für die iranische Regierung sein, dass immerhin die Liste des ihr treu ergebenen Hadi al-Ameri, jenes gefürchteten Milizenführers der PMU, der seine Befehle aus Teheran erhält, ­offenbar die zweitmeisten Stimmen gewinnen konnte. Sollte es dem Iran nämlich diesmal nicht glücken, eine ihm ergebene ­Regierung in Bagdad installieren zu helfen, kann er immer noch versuchen, einen innerirakischen Bürgerkrieg vom Zaun zu ­brechen. Kampflos wird der Iran seinen Platz im Irak kaum räumen, jedenfalls nicht unter dem derzeit im Iran herrschenden Regime.