Der letzte linke Kleingärtner übt Religionskritik. Jenseits aller Kritik: das Wetter

Marx, Jesus und ich

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 38
Kolumne Von

Im Gedenken an den großartigen Paul Lafargue und seine Schrift »Das Recht auf Faulheit« sitze ich auf der Terrasse im Schaukelstuhl, lasse es mir gut gehen, eine gekühlte Flasche Bier in Reichweite, der weitere Biervorrat ebenso, und sinniere über die Arbeit, die getan wurde und noch zu tun ist. Ansonsten schweift mein Blick in den Garten, ich genieße das sonnendurchflutete Drumherum und gebe mich meiner kleingärtnerischen Zufriedenheit hin. Bei angenehmen 22 Grad passt diesmal alles zusammen.

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Und das will für einen Kleingärtner viel heißen, nicht zu warm, nicht zu kalt, genau richtig. Diesen Moment gilt es zu genießen, festzuhalten und nie mehr loszulassen. Möglich, dass er nie wiederkommt. Das Leben ist schön.

Irgendwie kommt mir dabei Karl Marx in den Sinn, der Mann mit dem zweihundertsten Geburtstag im Mai. Was muss der arme Kerl alles aushalten. Unfassbar, wer sich alles an ihn heranschleicht und mit devotem Gang um ihn herumdackelt. Allerhand Erklärungen, Verteidigungen, Ablehnungen, Bezugnahmen. Auf jeden Fall viele große Worte und ganz große Gefühle. Das hat er nicht verdient.

Ich hatte das mit seiner Religionskritik immer anders verstanden – oder wollte er das Kritisierte durch sich selbst ersetzen? Mich lässt der Gedanke nicht los, dass die, die ihm huldigen, und die anderen, die ihn verpönen, nie etwas Relevantes von ihm gelesen, geschweige denn verstanden haben und sich stattdessen zusammenhanglos aus der Zitatenschatulle bedienen. Gott sei Dank sind die Jubiläumsfeierlichkeiten bald vorbei und die Karawane der sozialdemokratischen Souvenirjäger aus Parteien, NGOs und sonstigen einschlägigen Kreisen zieht weiter zum nächsten Event, um dort ihre Projektzelte aufzuschlagen. Die ziehen noch jedem kritischen Geist durch stete Fürsorge den Zahn. Auf dem Bau könnte man diese Nivellierer vom Dienst mit ihrem Hang zum Pfusch gut gebrauchen.

Von der warmen Frühlingssonne geadelt, schweifen meine Gedanken weiter ab. Und schon bin ich bei dem anderen großen Knaben der Weltgeschichte. Der, der vor zweitausend Jahren die ganze geschäftige Lobhudelei mit einem Federstrich beendete und die kläffenden Souvenirjäger aus dem Tempel warf. Das müsste der Marx auch machen: Marx, Jesus, Kleingärtner – das sind drei, die sich gefunden haben und doch nicht immer etwas miteinander anfangen können. Aber gut, dass man sich ab und an trifft.

Der erfolglose Griff zur Flasche Bier lässt mich erschreckt auffahren. Das Bier ist alle, jetzt fehlt nur noch der Song »Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist« der Kassierer. Erschreckt fahre ich aus meinem Tagtraum hoch und stolpere die Gartenstufen hinab. Denn noch schlimmer ist, dass ich gar nicht auf der Terrasse sitze, weil ich zwar eine habe, die aber unaufgeräumt ist, was ich ungern zugebe, aber um mein Image als ehrlicher Makler und Kleingärtner zu wahren, nicht vermeiden kann zuzugeben. Nein, einen Schaukelstuhl habe ich nicht. Wohl aber die coole Faulheitsschrift vom ebenso coolen Paul Lafargue, der übrigens Schwiegersohn von Karl Marx war und mit seinem »Migrationshintergrund«, wie man das heutzutage nennen würde, durch die Weltgeschichte schlingerte.

Das mit dem Bier ist aber wahr. Nichts als die reine Wahrheit. Als Kleingärtner ist es ein grandioses Gefühl, nach der Plackerei, die im Dienste der Ernährung der Menschheit geschieht, eine Flasche kühlen Gerstensafts die Kehle hinuntergluckern zu lassen.

Mein Garten ist kein Tagtraum. Dort ist alles Relevante ausgesät und die vorgezogenen Pflanzen sind gesetzt. Besonders imposant sind um diese Jahreszeit die Zuckererbsen, die mächtig im Kommen sind und bereits beachtliche 40 Zentimeter Höhe erreicht haben.

Die Estrichmatten als Rankhilfen habe ich längst aufgestellt. Je nach Nährstoffgehalt des Bodens und bei genügend Wasserzugang wird das Erbsenkraut locker anderthalb bis zwei Meter hoch. Es sieht jetzt schon nach einer großartigen Ernte aus. Genau weiß man es nicht, aber als Kleingärtner ahnt man sowieso alles voraus. Wir dringen mit unseren Antennen in die Zukunft vor, die unseren Mitmenschen, unseren Nachbarn, aber auch den nervigen Verbrauchern nicht zugänglich ist.

Auch die kälteempfindlichen Stangen- und Buschbohnen sind unter Dach und Fach, also unter der Erde. Die »Bauernregel«, die Bohnen nicht vor dem 10. Mai zu legen, hat sich bewährt. Sie ist kein dummes Geschwätz, sondern eine in einfachen Worten verdichtete millionenfache Erfahrung. Es gibt halt im Mai noch ein paar kühlere Nächte Richtung null Grad oder knapp drüber. Diese tendenziell frostigen Temperaturen vertragen Bohnen nicht, sie geben dann die Lebensgeister auf. Man kann natürlich Glück haben mit Bohnen, die man schon im April gelegt hat, vor allem wenn man sie nach dem Keimen Nacht für Nacht zudeckt. Aber ein Kleingärtner mag keine unnütze Arbeit, da er mit seinen Pflanzen nicht meditierend durch das Frühjahr reist, sondern einen pragmatischen Umgang pflegt. Außerdem ist er kein Glücksritter, sondern ein seriöses Exemplar der Gattung Mensch.