Matthew Desmond begleitet das Leben US-amerikanischer Familien nach der Zwangsräumung

Endstation Trailerpark

Matthew Desmond zeigt in seiner aufrüttelnden Großreportage »Zwangsgeräumt«, wie die US-amerikanische Wohnungspolitik breite Bevölkerungsschichten in Armut stürzt.

Die Armut in den USA zu verstehen, sei der Antrieb seiner wissen­schaftlichen Tätigkeit, schreibt Matthew ­Des­mond zu Beginn seines Buchs »Zwangsgeräumt. Armut und Profit in der Stadt«. Als der Professor für Soziologie an der Univer­sität Harvard über den Zusammenhang von Armut und privatem Wohnungsmarkt forschte, stellte er fest, dass sich die US-amerikanische Soziologie mit ­diesem Problem bislang wenig beschäftigt hatte. Weil es kaum Daten und Forschungsergebnisse gab, beschloss er in bester Tradition der US-amerikanischen street corner sociology die Sache zu erkunden, und zog zunächst in ­einen Trailerpark in Milwaukee, Wisconsin. In der Stadt wohnen knapp 600 000 Menschen, in der Metropolregion kommt ungefähr eine wei­tere Million dazu. Knapp 30 Prozent davon leben unterhalb der Armutsgrenze. Zählt man alle Formen des unfreiwilligen Wohnungswechsels zusammen, schreibt Desmond, waren zwischen 2009 und 2011 mehr als ein Achtel aller Mieter von Milwaukee zu einem solchen gezwungen; das beinhaltet formelle und informelle Zwangsräumungen, Zwangsvollstreckungen und Sperrungen von Häusern.

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Die Situation in Milwaukee stellt keine Ausnahme dar, sondern ist mit der in zahlreichen anderen US-amerikanischen Städten vergleichbar. Für 2016 zählten Desmond und sein Team in den USA knapp eine Million gerichtlich angeordnete Zwangsräumungen, wobei nach Schätzungen der Forscher auf jede offizielle Zwangsräumung ungefähr zwei ­Räumungen kommen, die nicht gerichtlich angeordnet wurden, sondern dem Zwang der Verhältnisse geschuldet sind.

Desmond recherchierte für sein Buch die Geschichte von acht Familien am Rande der Gesellschaft und zeigt in seinem erzählerischen Meisterwerk die wachsende Ungleichheit in Amerika.

Ein Achtel aller Familien, schreibt Desmond, war 2013 nicht in der Lage, ihre Miete vollständig zu zahlen, und war damit vom Verlust des Wohnraums bedroht. Über ein Viertel aller Haushalte muss über 70 Prozent des Einkommens für die Miete verwenden.

Rücklagen gibt es zumeist keine. Schon eine Ver­zögerung bei der Überweisung der Sozialhilfe, eine Krankheit oder der Verlust des Arbeitsplatzes können den Vermieter zum Rausschmiss aus der Wohnung berechtigen. Auch ­Beschwerden über Ruhestörung können ein Grund sein, das Mietverhältnis zu beenden. Im Zuge der neoliberalen Privatisierung des Staats wurden zahlreiche polizeiliche Aufgaben auf die Vermieter übertragen, diese sind nun befugt, rechtswidriges Verhalten ihrer Mieter zu unterbinden.

Wenn etwa ein Vermieter die Polizei ruft, weil sich der Mieter nicht korrekt verhalten habe, kann diesem schnell gekündigt werden.
Wer dagegen als Mieter die Polizei ruft, ist unter Umständen selbst von Kündigung bedroht: Wenn beispielsweise Opfer häuslicher Gewalt den Notruf wählen, müssen sie befürchten, wegen asozialen Verhaltens zwangsgeräumt zu werden.

Zwangsräumungen sind ein eigener Geschäftszweig geworden, Sheriffbüros haben sich ebenso wie Speditionsfirmen darauf spezialisiert, Data-Mining-Firmen verkaufen Informationen über Mieter.

Die Angst vor Verlust des Wohnraums kommt den Eigentümern zugute, viele Mieter trauen sich nicht, Mängel in den Wohnungen zu reklamieren, weil sie befürchten, als Querulanten zu gelten. Oft werden Mieter auch mit Ausbesserungsarbeiten in den Häusern beauftragt, versprochen wird ein geringer Mietnachlass. Ob dieses Versprechen dann aber auch eingelöst wird, bleibt der Willkür des Vermieters überlassen.

Desmond hat auch in der North Side von Milwaukee gelebt, wo vor ­­allem die arme schwarze Bevölkerung der Stadt wohnt. Die Segregation ist stark ausgeprägt, noch immer kursiert in der Stadt der Witz, dass die 16th Street Bridge die längste Brücke der Welt sei – sie verbinde nämlich ­Polen und Afrika. Als 1967 schwarze Bürgerrechtler die Brücke über­queren wollten, wurden sie von einem weißen Mob verfolgt. Diskriminierung ist inzwischen gesetzlich untersagt. Der 1968 verabschiedeten Civil Rights Act und der Fair Housing Act sollen Rechts- und Chancengleichheit auch auf dem Wohnungsmarkt garantieren. »Doch in einer ungleichen Gesellschaft konnte gleiche Behandlung auch immer noch Ungleichheit hervorbringen«, schreibt Desmond. Denn alles hängt am Privateigentum. Durch den jahrhundertelangen systematischen Ausschluss der schwarzen Bevölkerung vom Landbesitz gibt es eine Benachteiligung, die in einer kapitalistischen Gesellschaft immer zu Ausschluss führt: besitzlos zu sein. Für Schwarze in Milwaukee ist es nahezu unmöglich, außerhalb von Armenvierteln wie der North Side eine Wohnung zu finden.

Außerdem kann man bei Des­mond nachlesen, wie die Wohnungskrise mit anderen Krisen zusammenhängt. So ist einer seiner Gesprächspartner ein ehemaliger Krankenpfleger, der Schmerzmittel verschrieben ­bekam – und kurz darauf opioidab­hängig war und seine Arbeit sowie seine Wohnung verlor. Oder Menschen, die im Zuge der Immobilienkrise ihr Haus und ihr Vermögen verloren haben. Desmond zeigt Armut als permanente Lebenskrise. In »Zwangsgeräumt« kommt man der unfassbaren Ungleichheit sehr nahe. Der Autor beschreibt bildhaft und detailreich das Elend, gegen das sich Menschen wehren, er zeigt aber auch die vielen, die resigniert haben. Menschen, die nach einer Zwangsräumung in Depressionen verfallen, Menschen, die einst als gute Nachbarn geschätzt waren, es in einer neuen Umgebung aber nicht schaffen, von vorn zu beginnen.

Mit der Sozialhilfereform Bill Clintons in den neunziger Jahren sind die Lebensbedingungen für Arme nochmals deutlich schlechter geworden. Zwangsräumungen sind ein ­eigener Geschäftszweig geworden, Sheriffbüros haben sich ebenso wie Speditionsfirmen darauf spezialisiert, Data-Mining-Firmen verkaufen Informationen über Mieter an Vermieter, Anwaltskanzleien profitieren.

Räumungsbescheide werden auf fünf oder 30 Tage ausgestellt. Die Betroffenen können es sich zumeist nicht leisten, die geräumte Einrichtung im Depot einlagern zu lassen, denn auch das kostet Miete, also werden die Habseligkeiten auf den Gehweg gestellt – und der Truck zieht weiter zur nächsten Zwangsräumung. Proteste gibt es, im Gegensatz zu den Zwangsräumungen im Zuge der Great Depression in den dreißiger Jahren, kaum mehr.

Der Staat greift nur in wenigen Härtefällen ein, etwa wenn es darum geht, Zwangsräumungen bei Minusgraden im Winter auszusetzen. Vom Wohnungsmarkt hat er sich zurückgezogen, Sozialwohnungen werden nicht mehr gebaut. Staatliche Zuschüsse, sogenannte housing vouchers, halten die Mieten hoch, sie ­lindern oder bekämpfen die Wohnungsnot nicht, sondern alimen­tieren private Eigentümer von Wohnraum.

Armut ist »ein Produkt gewinnorientierter Märkte«, schreibt Desmond. Diese bedrohen den Amerikanischen Traum, the pursuit of happiness. Mit dem Grundbedürfnis Wohnen lassen sich hohe Renditen erzielen, vor ­allem, wenn man die Ware verknappt. Dass eine Gesellschaft Millionen Menschen pro Jahr auf die Straße setzt, und das nur aus Profitgründen, kann man nicht anders als barbarisch nennen, das ist eine für die mensch­liche Zivilisation zutiefst beschämende Tatsache. Desmond zielt auch eher auf diesen sittlichen Skandal, eine fundierte politökonomische Analyse liefert er in seinem Buch nicht, auch wenn er in groben Zügen skizziert, wie mit den Armen viel Geld verdient wird, und den Begriff der Ausbeutung benutzt, um zu beschreiben, wie die Armut anderer profitabel gemacht wird.

Für »Zwangsgeräumt« hat Des­mond im vergangenen Jahr den ­Pulitzer-Preis erhalten. Der Trailerpark, in dem er anfangs wohnte, ist zu einem Symbol des Scheiterns geworden. Der Eigentümer des Parks überlässt die Trailer den »Mietern«, die eine horrende Stellgebühr zahlen, für die Instandhaltung der heruntergekommenen Wagen jedoch selbst aufkommen müssen. Weil die meisten Bewohner damit finanziell überfordert sind und der Trailerpark immer mehr verwahrlost, will die Stadt ihn schließen. Niemand will jedoch seine letze Bleibe verlieren, deshalb schließen sich die in ihren Trailern vereinsamten Bewohner ­zusammen. Gemeinsam wehren sie sich gegen die Stadt: der Besitzer, der im Jahr mehrere Millionen Dollar mit dem Trailerpark verdient, und die Überflüssigen und Drop-outs, die ihre letzten Dollars für die Standmiete hergeben, bevor auch das nicht mehr reicht und sie rausgeschmissen werden – kapitalistische Vergesellschaftung als glücksfeindlicher Zwangszusammenhang in einem Bild.

 

Matthew Desmond: Zwangsgeräumt. Armut und Profit in der Stadt. Aus dem amerikanischen Englischen von Volker Zimmermann. Ullstein-Verlag, Berlin 2018, 536 Seiten, 26 Euro