Comicautoren entdecken die Mythologie

Retrotopia im Comic

»Gilgamesh«, »Edda«, »Odysseus«: Junge Zeichner entdecken die Bildwelten der Mythologie. So gut das auch im Einzelnen gemacht ist, bestärken die Comics doch den Trend, sich an der Vergangenheit zu orientieren.

Die Geburt der Zivilisation durch den Bau einer Mauer: Uruks Wälle werden hochgezogen, die erste Stadt der Menschheit steckt ihr Hochkultur­areal in der Wildnis ab. Gilgamesh heißt der legendäre Herrscher der ­Sumerer, dem der Mythos diese Tat zuschreibt. Der gleichnamige Epos gilt als ältestes literarisches Werk der Menschheit, phantasievoll ist es ­allemal – und verräterisch. Denn mit Enkidu wird Gilgamesh ein sogenannter wilder Mann als Gefährte zur Seite gestellt. Dieser Urmensch soll den König an seine kreatürliche Seite erinnern. Damit wird der Mensch im »Gilgamesh«-Epos als ein Wesen dargestellt, das sowohl der Natur als auch der Kultur verhaftet ist.

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Für den Zeichner Jens Harder, der sich in seinen monumentalen ­Comics mit Evolution und Humangenese beschäftigt hat, ist die Über­lieferung der passende Stoff. In seiner Serie »Leviathan«, einer »Moby Dick«-Adaption mit mythologischen Elementen, ringt ein Wal mit verschiedenem Seegetier.

Menschen in Booten treten auf, ein Titanenkampf beginnt, der symbolisch steht für den Widerspruch von Natur und Technik. Harders »Gilgamesh« ist wie ein Mosaik aus Steintafeln gestaltet. Der in Fußleisten platzierte Text ­orientiert sich an drei Übersetzungen. Die Zeichnungen wirken wie eine modernisierte Form alter Reliefs. Zurückhaltende Schattierungen und sandfarbener Ton zitieren die mesopotamische Ästhetik, die typische Maskenhaftigkeit und Statik der Figurendarstellung halten an der antiken Anmutung fest. Harder hat eine phantastische Urerzählung ins ­Heute transportiert, ihren Charakter erhalten, nur den Staub abgeklopft.

Harder ist nicht der einzige Comicautor, der an den Urgrund des ­Mythischen rührt. Soeben haben auch Søren Glosimodt Mosdal und Andreas Kiener Bildgeschichten veröffentlicht, die den Blick weit zurück richten. Kieners eher humoristischer gehaltenes Bildalbum erzählt die Odyssee aus der Perspektive eines Dieners. Anders als bei Homer wird in dieser Geschichte die Idee mit dem hölzernen Pferd einem Sklaven zugeschrieben, während der Herrscher selbst eher den Rockzipfeln als den Schwertern zugeneigt erscheint.

Vielleicht kann man den Comics auch etwas Positives abgewinnen: Sie erinnern an die Mühen der Menschwerdung und daran, dass die Welt nicht ohne menschliches Zutun besser wird.

Düster dagegen geht es in Søren Glosimodt Mosdals Adaption zu. Der in Kopenhagen lebende Zeichner ­erzählt in der seinem Comic »Nastrand« (»Leichenstrand«) eine ­Geschichte aus der »Völuspá«, der in der »Edda« enthaltenen »Weis­sagung der Seherin«. Kantig zieht sich die Eisgebirgslandschaft über mehrere in Schwarzweiß gehaltenen Seiten dahin. Dann werden in der unwirtlichen Gegend zwei Personen sichtbar, die mit feinere Linien ­gezeichnet sind. Sie werden als die junge Deirdre und ihr Meister ­Thorkel vorgestellt. Harte, stark gesetzte Krakel umgeben die beiden, während sie den Strand der Toten entlanggehen. Eigentlich sollten ­beide in Walhalla, der Halle der Gefallenen, sitzen, saufen und sich schmutzige Witze erzählen. Doch nun sind sie im Zwischenreich gelandet, wo nur die Diebe und Betrüger eine zombiehafte Existenz fristen müssen. Was lief schief?

Mosdals hoffnungs­lose Protagonisten erklettern den Weltenbaum Yggdrasil, werden von der Unterweltherrscherin Hel und ihrem Höllenhund verfolgt. Man taucht ein in ein finsteres Mittelaltermärchen, dem alles Heroische fehlt, was gemeinhin mit den Wikingern verbunden wird.
Was aber macht die Mythologie für junge Comiczeichner so interessant? Das Comic-Universum kennt viele barbarisch-phantastische Erzählungen. Zumeist aber dienten sie der ­actionreichen Unterhaltung.

Die Hinwendung zu den Urstoffen der Menschheit ist da von anderer Qualität. Hier kommt ein Trend zum ­Ausdruck, angesichts der Verunsicherungen in der Gegenwart auf Über­liefertes zu vertrauen. »Retrotopisch« nannte der Soziologe Zygmunt ­Bauman diese Sichtweise, die die Antworten auf die

Herausforderungen der Zukunft in einer idealisierten Vergangenheit sucht. Imaginierte Gemeinschaften wie die Nation werden zum letzten Bollwerk erklärt, falls man nicht gleich wieder das Stammesfeuer der Sippe sucht. Leicht ­resigniert schließt der im vergangenen Jahr verstorbene Soziologe: »Es gibt keine Abkürzungen, die zu einer raschen und mühelosen Eindämmung der ›Zurück zu‹-Strömungen führen (...). Die vor uns liegende Aufgabe, die humane Integration auf der Ebene der gesamten Menschheit, wird sich vermutlich als beispiellos anstrengend, beschwerlich und problematisch erweisen (… ). Mehr als zu jeder anderen Zeit stehen wir, die menschlichen Bewohner des Planeten Erde, vor einem Entweder-Oder: Entweder wir reichen einander die Hände – oder wir schaufeln einander Gräber.«

Vielleicht kann man den mit ­mythologischen Stoffen befassten Comics auch etwas Positives abgewinnen: Sie erinnern an die Mühen der Menschwerdung und daran, dass die Welt nicht ohne menschliches Zutun besser wird.

 

Jens Harder: Gilgamesh. Carlsen-Verlag, Hamburg 2018, 144 S., 24,99 Euro

Søren Glosimodt Mosdal: Nastrand. Übersetzung aus dem Dänischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, Zürich 2018, 64 S., 18 Euro

Andreas Kiener: Odysseus. Edition Moderne, Zürich 2018, 112 Seiten, 24 Euro