Lelya Troncoso Pérez, Sozialpsychologin, über die feministischen Proteste in Chile

»Das ist ohne Zweifel historisch«

Lelya Troncoso Pérez ist Sozialpsychologin und Dozentin für Soziale Arbeit an der Universidad de Chile. Sie ist Koordinatiorin des Netzwerks für kritische Diversitätsstudien und aktiv an den derzeitigen feministischen Protesten in Chile beteiligt.
Interview Von

Am 16. Mai gab es in der Hauptstadt Santiago de Chile eine feministische Demonstration mit über 170 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Vergangene Woche demonstrierten dort über 15 000 Menschen. Auch in anderen Städten Chiles gab es große Proteste. Was ging diesen voraus?
Der Mai 2018 wurde in Chile »feministischer Mai« genannt, wegen der Stärke, die die feministische Bewegung im Land gewonnen hat. Die Demons­tration am 16. Mai war nicht die erste  und nicht die einzige feministische Demonstration, aber sie stach wegen ihrer einzigartigen Größe heraus und hat die feministische Bewegung mit Macht in die Medien und ins öffentliche Bewusstsein ­gebracht.

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Die Proteste werden vor allem von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe sowie von Studierenden organisiert, um sexuelle Belästigung und Missbrauch in den Bildungseinrichtungen anzuprangern. Die Universidad Austral im Süden Chiles war die erste, die Mitte April im Rahmen eines feministischen Protests besetzt wurde. ­Später kamen Universitäten in Santiago hinzu und die Besetzungen und Streiks verbreiteten sich schnell an anderen Universitäten.

Im Fall der Universidad de Chile war es zuerst die Jurafakultät, wegen des Unmuts darüber, wie dort die Ermittlungen und die Lösung eines Falls ­abliefen, bei dem eine Studentin von einem prestigeträchtigen Professor ­sexuell belästigt worden war. Solche Fälle sorgen seit Jahren für Proteste. Aber erst dieses Jahr hat sich daraus eine Bewegung entwickelt, die ola ­feminista (feministische Welle), die landesweit eine größere Wirkung ­entfaltet.

Interessant ist, dass diese Proteste stattfinden, nachdem die Debatte über die Liberalisierung des Abtreibungsrechts vergangenes Jahr sehr an Fahrt aufgenommen hat. Andere wichtige Entwicklungen waren Fälle von Femizid, die große öffentliche Aufmerksamkeit erhielten, die Diskussion über Belästigung auf der Straße und große Demonstrationen im vergangenen Jahr unter dem Motto #niunamenos (Nicht eine weniger). Auch die #metoo-Kampagne beeinflusste Chile, ebenso wie die Fälle von sexuellem Missbrauch in der ­katholischen Kirche, die medial sehr präsent waren, so dass am Papst­besuch viel weniger Menschen teilnahmen als erwartet.

Weiterhin sind Dutzende Universitäten in Chile besetzt. Warum hat man sich für diese Form des Protests entschieden?
Die Besetzungen sollen Druck ausüben und die feministischen Forderungen deutlich sichtbar machen. In diesem Kontext bekommen die Besetzungen einen anderen Sinn als bei sonstigen studentischen Mobilisierungen, wo es darum geht, intern Druck aufzubauen auf die Fakultät oder die Abteilung, die besetzt wurde. Bei den jetzigen Mobilisierungen gibt es Forderungen, die sich an die Universitäten und Fakultäten richten, aber auch landesweite Forderungen – die wiederum mit globalen verknüpft sind –, da sich die Probleme nicht allein auf lokaler Ebene lösen ­lassen.

Was sind die zentralen Forderungen der Besetzerinnen?
Die Hauptforderung ist die nach einer »nicht sexistischen Bildung«, danach, alle Formen, von eher expliziten bis zu subtilen, zu beseitigen, in denen sich Sexismus, Machismo, Homo- und Transphobie in der Bildung reproduzieren. Die Parole für eine »nicht sexistische Bildung« kam in Chile zum ersten Mal im Jahr 2011 im Kontext der Schülerproteste für eine kostenlose und hochwertige Bildung auf. Sie speist sich aus einer tiefgreifenden Kritik an der warenförmigen, kapitalistischen und neo­liberalen Gesellschaft.

Nach Meinung eines großen Teils feministischer Strömungen stützt das Patriarchat sich auf miteinander verbundene Formen der Unterdrückung, daher wenden sie sich gegen jede Form sozialer Ungleichheit sowie gegen die verschiedenen Institutionen, ­Diskurse und Praktiken, die diese aufrechterhalten: die traditionelle Familie, die Kirche, den Staat und die Bildung als privilegierten Raum der Produktion und Reproduktion von Herrschaftslogik.

Ein zentraler Fokus war der schlechte Umgang der Universitäten mit Fällen sexueller Belästigung durch Professoren und Studierende. Aber mit der Forderung nach einer nicht sexistischen oder feministischen Bildung wurde dieser Fokus komplexer und breiter. Kritisiert werden der Mangel an Genderperspektiven und feministischen Studien an den Universitäten und der androzentrische Bias in den Fächern im Allgemeinen, so dass oft sexistische ­Inhalte verbreitet werden. Eine nicht sexistische Bildung versucht auch zu hinterfragen, wie Genderstereotype an den Universitäten entstehen, etwa dass Frauen in als »weiblich« konnotierten Fächern, wie Krankenpflege, ­sozialer Arbeit, Erziehung, weiterhin die Mehrheit bilden und Männer in ­Ingenieurswissenschaften, Jura etc.; und dass »männliche« Fächer mehr wert­geschätzt und besser entlohnt werden.

Dozentinnen und weibliche Angestellte der Universitäten beteiligen sich auch mit ihren Forderungen. Sie prangern schlechte Behandlung durch die Universitäten an, machistische Machtverhältnisse, Lohnungleichheit, Karriereeinbußen durch Mutterschaft, den Mangel an gleichwertiger Verantwortung bei der Kindererziehung und vieles mehr.

Wie hat die konservative Regierung unter Sebastián Piñera auf die Proteste reagiert?
Die amtierende rechte Regierung hat mit einer sehr konservativen Frauen­agenda geantwortet, in der Frauen nur als Mütter oder Festangestellte anerkannt werden. (In der Frauenagenda schlägt Piñera unter anderem einen Rentenbonus für Frauen vor. Davon würden vor allem Frauen mit einem festen Arbeitsvertrag profitieren, während die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts weitergeht und arme und prekär arbeitende Frauen weniger Rente ­bekommen, Anm. d. Red.)

Die Agenda legt zwar einen Fokus auf die Beseitigung von Gewalt, aber ohne auf weitergehende Forderungen, wie die nach einer nicht sexistischen Bildung, einzugehen. Die Rechte will die feministische Agenda nicht der Linken überlassen. Und obwohl die Rechte weiterhin feministische Forderungen zurückweist und nicht versteht, was ­Feminismus bedeutet, hat sich eine (im rechten Sinne) »politisch korrekte« Idee von Geschlechtergleichheit dadurch etabliert, dass sich viele rechte Frauen nun selbst als Feministinnen bezeichnen. Das stieß auf große Ablehnung bei jenen Feministinnen, für die Feminismus nicht rechts sein kann, da er notwendigerweise antikapitalistisch und antineoliberal ist.

Die Feministin Daniela López von der Autonomen Linken schrieb, die ­Tatsache, dass die Forderung nach einer nicht sexistischen Bildung von Piñera nicht aufgegriffen wurde, sei kein Zufall. 2011 machten ihm die Bildungsproteste in seiner ersten Amtszeit schwer zu schaffen und sorgten schließlich mit für seine Abwahl. Sich um eine nicht ­sexistische Bildung zu kümmern, würde bedeuten, die Bildungs­reform anzugehen, was erneut zu einer Niederlage der Regierung führen könnte, so López.