Ist Russisch das neue Jiddisch?

Das Jiddisch von heute

Rund ein Viertel der Juden weltweit stammt aus den Ländern der ehemaligen Sowjetrepubliken. Ihre Sprache gibt ihnen eine gemeinsame jüdische Identität. Ist das Russische auf dem Weg, die neue Lingua franca der jüdischen Diaspora zu werden?
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Als ich im April nach über 10 Jahren endlich wieder einmal von Tel Aviv nach New York flog, war ich froh, die Stadt, in der ich ein Jahr meiner Studienzeit verbracht habe, wieder zu besuchen. Dieses Mal reiste ich mit meiner Ehefrau sowie unseren Freunden Roi und Swetlana Gutfreund*.

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Gleich nach unserer Ankunft nahmen wir ein Yellow Cab, das uns zu unserem Hotel bringen sollte. Der Taxifahrer war ein älterer Herr und mir war sein Gesicht sofort vertraut. »Das ist bestimmt eine jüdische Person«, sagte ich zu meiner Ehefrau. »Oder ein Italiener«, antwortete sie. Als der Fahrer das Radio einschal­tete, wurden wir mit russischer Musik überrascht. »Kommen Sie aus der ehemaligen UdSSR?« sprach ihn Swetlana auf Russisch an.

Sofort entwickelte sich ein Gespräch und beide redeten miteinander, als ob sie sich schon Jahre kennen würden. »Er ist ein Jude aus der ehemaligen Sowjetunion«, erklärte uns Swetlana, »und kommt aus Berdytschiw, einer kleinen Stadt in der Ukraine. Meine Großeltern stammten ebenfalls von dort.«

Das Interessante an dieser Konversation war, dass beide durch die russische Sprache eine Verbindung zu ihrer jüdischen Herkunft herstellten, eine Art vertrautes Gefühl. Persönlich erinnerte mich das ganz stark an früher, als Jiddisch noch die Lingua franca der jüdischen Diaspora war.

Dieses sogenannte Judendeutsch ist eine vor über 1000 Jahren aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene westgermanische Sprache mit hebräischen, aramäischen, romanischen, slawischen und weiteren Sprachelementen. Damit konnte eine jüdische Person ohne Pro­bleme auf der ganzen Welt zurechtkommen.
Für die Mehrheit der 18 Millionen Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg auf der ganzen Welt lebten, war Jiddisch die Muttersprache. Jiddisch war aber noch mehr: eine Lebensweise, verbunden mit Sprache, Kultur, Kochkunst, sowie eine emotionale Bindung und Identifikation mit dem Judentum.

»Russische Juden wollen mit ihren Kindern Russisch sprechen, weil sie dadurch Beziehungen zum Herkunftsland vermitteln wollen. Es ist eine Sprache, die sie mit ihrem Judentum verbinden.« David Shneer

Der Holocaust zerstörte einen Großteil dieser Kultur. Doch bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Jiddisch in der zionistischen Bewegung in Palästina verpönt und sollte durch das Hebräische als die einzige Sprache der Juden ersetzt werden, mit dem Ziel, eine einigende Identität zu schaffen. Jiddisch war mit den »schwachen« Juden aus den Gettos Europas assoziiert; Hebräisch dagegen sollte die Sprache des stolzen und wehrhaften »Muskeljuden« werden.
War Jiddisch noch in den USA, vor allem an der Lower East Side in New York, lebendig, so verschwand es vor allem im Zuge der Assimilation bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts nahezu vollständig. Auch in Israel ­verlor das Jiddische immer mehr an Bedeutung.

Bis auf einige ältere Menschen sprechen heute lediglich aschkena­sisch-orthodoxe Juden Jiddisch; sie betrachten Hebräisch als heilige Sprache, die für das Gebet und das religiöse Studium reserviert ist.