Der Krieg und die humanitäre Katastrophe im Jemen

Der Kampf um den Hafen

Im Jemen steht ein Angriff auf die Hafenstadt Hodeidah bevor. Er könnte dem Konflikt eine entscheidende Wende geben – und die bereits desaströse humanitäre Lage weiter verschlechtern.

Die Begleitmusik zum Krieg im Jemen, dem weithin verdrängten Großkonflikt im Süden der Arabischen Halbinsel, hört sich so an: Am 23. Juni durften Frauen in Saudi-Arabien zum ersten Mal Auto fahren. Am Tag danach ­berichteten Twitterer von Explosionen und Raketenschweifen über dem Diplomatenviertel von Riad. Bald darauf konnte man im Netz die Fotos vom Start einer Rakete in der jemenitischen Wüste bewundern, die der jemenitischen, mit dem Iran verbündeten Miliz der Houthis zufolge zur »Verteidigung« auf das saudische Verteidigungsministerium abgefeuert wurde. Der Vergeltungsschlag gegen die schiitischen Houthis ließ nicht lange auf sich warten. Bald kam die Meldung, bei saudischen Luftangriffen im Norden des Jemen seien am Montag mindestens neun Zivilisten getötet worden; ein Videofilm zeigte die Bergung eines toten Kleinkinds aus dem Schutt.

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Der Symbolik war Genüge getan – bis zum nächsten Schlagabtausch. Der Krieg im Jemen ist ähnlich wie der Konflikt in Syrien eine Katastrophe für die Zivilbevölkerung, nur dass sich für das Geschehen im – von Europa und Syrien aus gesehen – entferntesten Winkel des Nahen Ostens kaum jemand so recht interessieren mag. Dass der Jemen vermutlich in der nächsten Zeit ein paar Mal in den Nachrichten auftauchen wird, hängt mit der anstehenden Schlacht um den größten jemenitischen Hafen, Hodeidah, zusammen, die den weiteren Verlauf des Konflikts entscheidend beeinflussen könnte. Noch sind Stadt und Hafen in den Händen der Houthis, deren Stammland allerdings jenseits der Küstenebenen im Norden des bergigen Hochlands liegt. Ihnen gegenüber steht eine Koalition, die im Namen der international anerkannten jemenitischen Regierung agiert, aber de facto im Auftrag Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate handelt. Offiziere aus den Emiraten organisieren und befehligen nun den Vorstoß der Bodentruppen entlang der Küstenebene, während die Saudis mit ihrer Luftwaffe angreifen.

Der Hafen von Hodeidah ist entscheidend für die Versorgung des Nord­jemen und damit aller Gebiete unter Kontrolle der Houthis. Eine Unterbrechung der Hilfslieferungen hätte umgehend katastrophale Folgen, warnen die UN, die die huma­nitäre Krise im Jemen ohnehin schon als die schlimmste weltweit einstufen. Unicef schätzt, dass allein in der Region um Hodeidah rund ein Viertel aller Kinder unterernährt ist, im ganzen Land sollen zwei Milli­onen Kinder chronisch unterernährt und rund 400 000 von schwerer ­Mangelernährung betroffen sein. Hodeidah war zudem ein Zentrum der Choleraepidemie im vorigen Jahr, ein Ausfall der Wasserversorgung könnte verheerende Folgen haben. Das World Food Program hat angesichts der bevorstehenden Kämpfe Nahrungsmittel anlanden lassen, mit denen sechs Mil­lionen Menschen einen Monat lang versorgt werden können, offene Versorgungswege vorausgesetzt.

Die Houthis benutzen ebenso wie die Koalitionstruppen die Hilfslieferungen für ihre strategischen und taktischen Zwecke.

Wie sich der Kampf um die Hafenstadt entwickeln wird, ist völlig offen. Die Vereinigten Arabischen Emirate wissen längst, wie wichtig PR ist, und lassen ihren Botschafter in Berlin erklären, eines der Ziele der Offensive sei es ja gerade, »den Fluss der humanitären Hilfen über den Hafen von Hodeidah zu sichern«. Wobei die Koalition angesichts des Drängens der UN, den Vormarsch einzustellen, auch schon einmal behauptet hat, gar keine Kontrolle über die Truppen zu besitzen. Die Frage ist, ob diese Truppen die Stadt umgehen und den Hafen schnell ­erobern können, ohne ihn zu zerstören, oder ob es zu langwierigen zerstöre­rischen Kämpfen innerhalb der Stadt kommen wird.

Die Ausgangslage beider Seiten ist sehr verschieden. Die Houthis haben in Hodeidah einige Tausend eher schlecht ausgebildete Kämpfer, darunter auch frisch rekrutierte Kindersoldaten. Die Koalition kann nicht nur auf eine hochmoderne Luftwaffe bauen, ihre Bodentruppen bestehen aus sudanesischen Soldaten und diversen von den Emiraten trainierten und ausgerüsteten Milizen. Für die Logistik der Militäroperationen an der jemenitischen Küste haben die Emiratis in ­Eritrea einen Militärstützpunkt aufgebaut – ein weiterer Winkelzug im ­komplexen nahöstlichen Machtspiel, galt das eritreische Regime doch ­lange Zeit als Verbündeter des Iran, der die Houthis unterstützt.

Sympathisanten der Houthis posten nun stolz die ersten Bilder von er­oberten oder ausgebrannten Hightech-Kampfwagen der Koalitionstruppen, in Hodeidah sind städtische Hauptverkehrsadern mit Erdwällen, Containern und Lastwagen verbarrikadiert. Minen dürften ebenfalls gelegt worden sein, schließlich haben die entlang der Küste zurückweichenden Houthis in den vergangenen Wochen in großem Ausmaß Landminen eingesetzt, um den Vormarsch ihrer Gegner zu verlang­samen.

Derweil versucht der UN-Sondergesandte Martin Griffiths, in Gesprächen eine militärische Auseinandersetzung um Hodeidah in letzter Minute zu verhindern. Aber das dürfte kaum aussichtsreich sein, für die Golfstaaten und ihre jemenitischen Verbündeten bietet sich mit dem Angriff auf Hodeidah die Chance, die Offensive gegen die Houthis, die bisher nur langsam vorangekommen ist, entscheidend zu ­beschleunigen. Allen Beteiligten dürfte zwar klar sein, dass es letztlich keinen anderen Weg als die von den UN beschworene politische Verhandlungs­lösung im Jemen geben kann, aber die Ausgangslage ist eben entscheidend. Ein Verlust der Hafenstadt würde die Houthis von der Küste abschneiden, dies könnte die Moral der in die Defensive geratenen Kämpfer schwächen, die die Hauptstadt Sanaa und weite Teile des Nordens militärisch kon­trollieren.

Die Versorgung des Nordens ist jedoch vom Wohlwollen derjenigen abhängig, die Hodeidah und die maritimen Zufahrtswege kontrollieren. Die Houthis benutzen ebenso wie die Koalitionstruppen die Hilfslieferungen für ihre strategischen und taktischen Zwecke. Koalitionstruppen haben in der Vergangenheit den Hafen von See her zeitweise blockiert. Die Houthis, die über weniger Ressourcen verfügen, verdienen an den Hilfslieferungen und kanalisieren sie in ihrem Sinne, worauf Amnesty International gerade hingewiesen hat.