Valie Export in einer Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein

Körper in der Black Box

Valie Export gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnnen konzeptueller Medien-, Performance- und Filmkunst. Ihre Arbeiten aus fünf Jahrzehnten zeigt eine sehenswerte Ausstellung in Berlin.

Eine Frau in Schlaghosen und mit Riesenkragen, wummernder Ton. Man braucht einen Moment, bis man das Strukturprinzip des Schwarzweißfilms versteht: Immer wenn sich die Frau dem Betrachter nähert, beschleunigt der Beat und wird lauter; geht sie wieder auf Distanz zum Betrachter, verlangsamt sich das Tempo und der Ton wird leiser.

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Der eindrucksvolle Kurzfilm »Raumsehen und Raumhören« aus den frühen siebziger Jahren ist eine von zahlreichen Versuchsanordnungen Valie Exports, die das Ziel hat, den menschlichen Körper zu inszenieren und zu vermessen. Ihre Beschäftigung mit Kunstgeschichte und Feminismus beginnt in den sechziger Jahren; seitdem arbeitet sie in den Bereichen Performance, Experimentalfilm, Expanded Cinema und Fotografie und entwickelt dabei eine eigenständige, ästhetisch überzeugende Formsprache: reduziert, radikal, unsentimental.

Die aufgesetzte Sinnsuche oder das Pathos, das dem männlich dominierten »Wiener Aktionismus« eigen ist, ist der in der österreichischen Hauptstadt lebenden Künstlerin immer fremd geblieben, obgleich sie enge Verbindungen in die Szene pflegte. Valie Export (mit bürgerlichem Namen Waltraud Stockinger) wurde 1940 in Linz ge­boren. Ihren Künstlernamen gab sie sich 1967. Er sollte auf demonstra­tive Art Kritik an der Vermarktung vor allem der Frau üben.

Ermöglicht wird in der von Sabine Folie kuratierten Ausstellung der Blick auf weniger bekannte Werke sowie auf die Arbeitsweise der Künstlerin. Viele Dokumente aus dem Linzer Vorlass der Künstlerin werden hier erstmals zugänglich gemacht. So ­erfährt man, dass Valie Export als Kind leidenschaftlich Dinge gesammelt und geordnet hat, zum Beispiel Fotos von ihrem Vater, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist.

Bekannt wurde Valie Export mit ihren feministischen Provokationen wie dem »Tapp- und Tastkino« (1968): Die Künstlerin begab sich mit freiem Oberkörper in eine dunkle Box, die nackten Brüste nur von einem Vorhang verdeckt. Passanten wurden aufgefordert, ihren Busen hinter dem Vorhang zu betasten. Die verdutzten, aber oft zudringlichen Männer wurden dabei gefilmt. Wegen solcher und anderer Aktionen wurde die Künstlerin berühmt und berüchtigt. 1970 entzog ihr der österreichische Staat das Sorgerecht für ihre Tochter. Heute ist Valie Export als Künstlerin und Persönlichkeit anerkannt. 45 Jahre nach dem Sorgerechtsentzug erhielt sie den Österreichischen Frauen-Lebenswerk-Preis sowie das Große Goldene Ehrenzeichen der Stadt Linz für ihre Verdienste um die Kultur. Ein Jahr zuvor konnte sie gemeinsam mit Laurie Anderson und Marianne Faithfull den von Yoko Ono gestifteten Courage Award for the Arts entgegennehmen.

Mut hat die Künstlerin immer besessen, wobei sie ihn auf sehr verschiedene Weisen unter Beweis gestellt hat.

Dies dokumentiert auch die derzeit im Neuen Berliner Kunstverein gezeigte Ausstellung »Valie Export. Forschung – Archiv – Werk«. Ermöglicht wird in der von Sabine Folie kuratierten Ausstellung der Blick auf weniger bekannte Werke sowie auf die Arbeitsweise der Künstlerin. Viele Dokumente aus dem Linzer Vorlass der Künstlerin werden hier erstmals zugänglich gemacht. So ­erfährt man, dass Valie Export als Kind leidenschaftlich Dinge gesammelt und geordnet hat, zum Beispiel Fotos von ihrem Vater, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist. Aus diesen Fotos baute sie sich Altäre. »Es war ein Spiel, um ihn mehr kennenzulernen«, sagt die Künstlerin. Im Sammeln und Archivieren erkennt sie den Wunsch nach Neuordnung einer schmerzhaft erlebten Wirklichkeit und nach Sicherheit. »Je unsicherer die Zeiten, desto lücken­loser muss die Sicherheit in den Akten hergestellt werden«, zitiert sie den Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler. Auch ein Archiv ist nicht »objektiv«, sondern immer subjektiv geprägtes Ergebnis der bewertenden und sondierenden Gegenwart.

Auch das Œuvre selbst – Werkkomplexe aus fünf Jahrzehnten – kommt in der Ausstellung nicht zu kurz. So sind frühe Fotos der Reihe »Körpersplitter« (1974) – Aktionen im öffentlichen Raum von großer formaler Strenge und künstlerischer Reife – zu sehen oder die Blätter mit Handschriftproben der Künstlerin: »Nach Diktat mit beiden Händen gleichzeitig blind geschrieben«. In einem Interview bekannte sie, dass ihr Aufenthalt in einer Klosterschule sowie die Restriktionen, denen man als junger Mensch im Nachkriegsösterreich unterlag, bei ihr den Wunsch nach einer umfassenden Beschäftigung mit dem Körper ausgelöst haben. Immer hat Valie Export den Körper auch als etwas Anarchisches verstanden. So schreibt sie über ihre Performance- und Fotoreihe »Zur Mythologie der zivilisatorischen Prozesse« (1980): »Der menschliche Körper (...) mit seinen konkreten individuellen Bedürfnissen ist der natürliche Gegner eines abstrahierenden gesellschaftlichen Systems, das den Menschen gerade durch den Körper in die soziale Mythologie und Struktur einpassen will, indem sie ihn mit Zugehörigkeitszeichen zu Geschlechtern, Klassen, Territorien, Stämmen versieht.« Das schrieb ­Valie Export Jahre vor dem Erscheinen von Judith Butlers Buch »Körper von Gewicht«. Die Künstlerin beschäftigt sich auch mit der Aneignung und Kulturalisierung von ­Natur wie in dem Film »Blutwärme« (1973), der eine noch archaisch anmutende Verwandlung zeigt.

Präsentiert wird auch der sehenswerte Experimentalfilm »Syntag­ma« (1983) mit Irmilin Hofer, die eine Denver-Clan-typische Lockenpracht zur Schau stellt. Die Kamera filmt die  unbekleidete Darstellerin und Fotografien ihres Körpers und verschränkt die beiden Bildebenen miteinander. Eine »echte« Hand greift nach einer fotografierten Hand: Valie Export spricht hier von  »ontologischen Sprüngen«. Viele dieser mehrdimensionalen Begegnungen besitzen eine beinahe klassische Ästhetik und verweisen doch auf einen Bruch, auf die Unmöglichkeit der Berührung. Das Thema der medialen Täuschung findet sich auch in manchen Fotografien wieder. 1970 machte sie ihren Körper für die Arbeit »Body Sign ­Action« zur Leinwand und ließ sich ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren.

In »Syntagma« wird der US-amerikanische Bildhauer und Land-Art-Protagonist Richard Long zitiert. Der Körper an sich befinde sich a priori in einem Zustand der Doppeldeutigkeit: Er markiert einerseits das Zentrum, den »Sitz« eines Individuums, und gleichzeitig dessen Berührungsfläche mit der äußeren Welt. Dieser Satz könnte über dem gesamten Werk von Valie Export stehen. In späteren Arbeiten scheint der Körper in seiner Unmittelbarkeit  zurückzutreten. Im digitalen Zeitalter beschäftigt sich die Künstlerin mit der Fragmentierung des Körpers oder mit seiner Absenz, etwa in der minimalistischen Arbeit »Empty Wind­shields« (1990), die aus sieben auf den Boden stehenden Windschutzscheiben besteht. Ihrer Funktion beraubt, wirken die Fensterscheiben fremd und abweisend. Interessant sind auch die Videosequenzen des bislang unrealisierten Drehbuchs »Der virtuelle Körper. Vom Prothesen- zum postbiologischen Körper« von 1999. Insgesamt ist dies eine sehr gelungene Ausstellung, an deren Konzeption die Künstlerin direkt beteiligt war.

 

Valie Export. Forschung – Archiv – Werk. Neuer Berliner Kunstverein. Bis 12. August