Faschisierung und Kapitalismus

Die Geister des Faschismus

Angesichts der Krise der liberalen Demokratie und der Bedrohung durch einen neuen Faschismus hilft auf Dauer nur die Überwindung des Kapitalismus.

Europa wird von einer Regression mit faschistischen Dispositionen heim­gesucht. Sie fällt nicht zufällig zusammen mit dem Ausklingen der Dominanz des Westens, der starken Migration sowie den Niederlagen und Deformationen von Befreiungsvisionen, wegen derer das Korrektiv fehlt, welches Ressentiments und autoritäre Führungen aufhalten könnte. Medien und ­Parteien kolportieren die Migration, nicht etwa die Enthumanisierung ­Europas als Problem, im Netz nehmen antisemitische Kommentare überhand und bei Wahlen hat die schnelle Vertreibung von Menschen soziale Themen verdängt.

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In Deutschland wäre die Bundeskanzlerin wegen ihrer humanistischen ­Umtriebe fast gestürzt worden. In Italien grassiert der Mussolini-Kult, der Mit­begründer der Regierungspartei Fünf-Sterne-Bewegung, Guiseppe Grillo, setzt Fremde mit »TBC, Krätze, Aids und Cholera« gleich, Victór Orban will ­Ungarn von »artfremden Kulturen« säubern.

Andererseits zieht der Bürger den Verwaltungsakt einem Pogrom vor und es fehlt zu einem kompletten Faschismus an Führerkult und an einer Mehrheit, die Parlamente und Gewerkschaften beseitigen, kritische Intellektuelle verhaften, Ökonomie und Kultur nationalisieren und die Gesellschaft rassistisch säubern will. Aber die Kooperation mit den Massen, auf die der Faschismus angewiesen ist, ist weit fortgeschritten. Nationen schotten sich gegen die Interessen des Kapitals ab, das die Fesseln der Nationalstaaten sprengt und offene Grenzen benötigt. Die Zeit druckt einen Kommentar, der sich gegen die Seenotrettung ausspricht, weil sie die Flüchtlingskrise nur verschlimmere. 25 Prozent der Deutschen sind dafür, an Grenzen auch auf Kinder zu schießen.

Alexander Gauland (AfD): »Wir müssen (…) die grausamen Bilder ­aushalten, wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen.« Hier ­äußert sich ein psychischer Totalitarismus, der für Unschuldige die Höchststrafe vorsieht: den Tod.

Ein wichtiges Kriterium für den Quantensprung ist die Ersetzung materi­eller Bedürfnisse durch Parolen. Der Faschismus hat die delikate Aufgabe, praktisch denkende Menschen zu einem irrationalen Verhalten zu bewegen, zum Verzicht fürs Vaterland. Faschismus läuft stets auf die Senkung des Konsums hinaus. Anders funktioniert er nicht, weil die Profite des nationalen Kapitals, das Luxusleben der Führungen, Vettern und Begünstigten, die Militarisierung, die Kriege, Beamtenheere und Spitzelsysteme Unsummen verschlingen. Der NS-Staat war am Ende mit 500 Prozent des Sozialprodukts verschuldet. Dagegen ist der griechische Schuldenberg ein Witz.

 

Motivation

Die Führer lassen sich Villen überschreiben, für andere liegt die Attraktivität des Faschismus in dem Versprechen, mit Fremden tabularasa zu machen, im Mord ohne Schuldgefühl und in der völkischen Kameradschaft. Sie blenden aus, was sie der Ausplünderung des Südens und der Einwanderung zu verdanken haben, oder fürchten sich vor der Rechnung. Ohne Polen keine Stahlindustrie, ohne 13 Millionen Ost-Flüchtlinge kein Wirtschaftswunder, das dann von Millionen Südeuropäern und Türken (und nicht von Keynes) in Schwung gehalten wurde.

Bitter ist, dass Linke seit geraumer Zeit Kriege, Eroberungen und Krisen nicht mehr dem Kapitalismus und dem Mehrwertraub der Nationen zuschreiben, sondern fälschlich der Globalisierung und antisemitisch konnotierten Finanzen. Wenn der Kapitalismus durch das Globale und die Finanzen erst böse geworden sein soll, ist der nationale, »schaffende« Kapitalismus gut und die Sehnsucht nach Nation und Heimat mit ihren ethnischen, rassis­tischen und faschistischen Bindungen und Wahnvorstellungen wächst.
Eine andere Theorie geht von der Verderbtheit des Proletariats durch das Ende der Wertproduktion aus. Micha Brumlik schreibt: »Hier der Pöbel, dort exzessiver, dekadenter Reichtum: Das genau ist die Lage, in der sich westliche, postindustrielle Gesellschaften derzeit befinden (…) in derart zugespitzter Form, dass eine neue Form des ­Faschismus nicht mehr ausgeschlossen erscheint. Motor dieses Abgleitens (…) ist die durch Digitalisierung und Globalisierung ›objektiv‹ überflüssig werdende Arbeiterklasse.« (Blätter für Deutsche und internationale Politik 8/18). Das Abgleiten erfasst alle Gruppen. Die AfD bekommt 19 Prozent der Stimmen von Arbeitern – so groß ist deren Anteil an der Bevölkerung. In den USA haben das Proletariat im Rostgürtel, Bibel­treue, Nationalkeynesianer, Teaparty-Republikaner, der Ku-Klux-Klan und die Alt-Right-Bewegung gemeinsam Donald Trump zum Sieg verholfen.

Immer wieder wird das Ende der Wertproduktion verkündet. 1899 ­weissagte Rosa Luxemburg den Kollaps. Der SDS meinte 1967, dass »die Tota­lität des Maschinenwesens das Wertgesetz abgeschafft« habe. Heute soll das Kapital sich erneut »der wertbildenden Arbeit« beraubt haben. In Wahrheit ­erleben wir keine Postindustrie, sondern den größten Industrieschub aller ­Zeiten. Als Marx den Kapitalismus anhand der Daten von 1861 analysierte, gab es in der führenden Industrienation England 1,7 Millionen Industriearbeiter. Heute sind es in China 300 Millionen. In den führenden Industrieländern ist die Zahl der Industriearbeiter in 150 Jahren um 17 000 Prozent gestiegen – am stärksten in den vergangenen 20 Jahren. Die Annahme, dass diese Menschenmasse keinen Mehrwert produziere, also nicht ausgebeutet werde, ist ebenso esoterisch wie die Andeutung, dass der Mensch ohne Ausbeutung verrückt (pöbelig) werde.