Homestory

Homestory #32

Die besten Nachrichten kommen immer kurz vor Redaktionsschluss, also bei der Jungle World irgendwann am Dienstagnachmittag. Nicht immer, natürlich. Aber gefühlt. Da geht eh schon alles ein bisschen drunter und drüber.: Hier muss noch etwas irgendwas »gefixt« oder geflickt werden. Dort fällt noch auf, dass irgendetwas wahnsinnig Wichtiges vergessen, übersehen oder fundamental missverstanden wurde.

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Und dann flattert eben noch per E-Mail eine Pressemitteilung von Herrn Dr. Rolf Gössner und der Internationalen Liga für Menschenrechte ins Postfach: »Verfassungsbeschwerde gegen Staatstrojaner beim Bundesverfassungsgericht eingereicht.« Das könne unmöglich noch irgendwo unterkommen, ächzt der Chef vom Dienst. Die Zeit drängt.

Rolf Gössner, Bürgerrechtler, seit Jahrzehnten bekannt für seine polizei- und justizkritischen Arbeiten und dafür, dass er ungefähr genauso lange Zeit vom Verfassungsschutz mutmaßlich wegen genau jener Arbeit überwacht wurde, reicht eine Beschwerde beim höchsten Gericht der Bundesrepublik ein. »Staatstrojaner«, schreibt Gössner in seiner E-Mail, »sind digitale Waffen, mit ­denen der Staat heimlich in Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte, in Informationelle Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit der Be­troffenen einbrechen kann.« Von schwersten Eingriffen in die Grund- und Menschenrechte ist da die Rede, von Schädigung der Allgemeinheit und digitaler Totalüberwachung. Das alles gehöre »dringend für null und nichtig erklärt«. Relevanz: offenbar hoch.

Eingereicht hat Rolf Gössner die Beschwerde aber nicht allein. Mit von der Partie ist ein Strafverteidiger mit sehr langem Titel (»Prof. Dr. jur. habil.«), Name niemandem in der Redaktion bekannt. Außerdem noch ein Jurist, Fachanwalt aus Köln, ohne langen Titel. Kennt auch niemand. Und Marc-Uwe Kling, Autor, »denn er wohnt mit einem kommunistischen Känguru in einer Wohngemeinschaft«, erfährt man als Begründung. »Was ist das?« fragt eine Kollegin leicht fassungslos. Eine nicht repräsentative Umfrage ergab, dass mehr als die Hälfte der Redaktion nicht genau angeben konnte, wer dieses ominöse Beuteltier ist und warum es offenbar der Grund ist, warum Herr Kling mit diesen ganzen Jura-Koryphäen eine Verfassungsbeschwerde eingereicht hat. »Ist irgendwie lustig, oder?« rätselt der Inlandsredakteur und runzelt die Stirn. »Pfff, Bildungslücke«, weist ihn die Layouterin empört zurecht.

Aber auch sie kann auf den hinteren Seiten keinen Platz mehr schaffen. Alles voll. Tier-Content ist in der Jungle World nämlich höchstens irgendwo auf den letzten Seiten erlaubt, ganz bestimmt nicht auf den seriösen weiter vorne. Ein Text mit Känguru ist dort so gut wie chancenlos. Nicht immer, natürlich. Aber gefühlt.

Und so kommt es, dass die besten Nachrichten am Dienstagnachmittag es gerade einmal in die Homestory Ihrer Lieblingszeitung schaffen. Nicht immer, natürlich. Aber gefühlt.