Klassenkampf - Schule und Rassismus

Kartoffelbonus

Kolumne Von

Eine Bombe ungeahnter Sprengkraft explodierte mitten in der Sommerhitze und erschüttert das ohnehin schon dürregeplagte Deutschland: Es gibt Leute, die behaupten auf Twitter unter dem Hashtag #metwo, dass es in Deutschland auch jenseits von national befreiten Zonen, angezündeten Häusern und terroristischen Erschießungskommandos noch so etwas wie Rassismus gebe. Auch wenn diese Leute vermutlich alles Ausländer sind, ist das doch eine schockierende Nachricht, mit der wir uns auseinandersetzen sollten, bevor wir dann weiter über das Wetter sprechen. In vielen der Tweets berichten Menschen, gerade in der Schule – die ansonsten doch als Hort von Gleichheit, Fairness, Händchenhalten und Einhornstreicheln bekannt ist – Erfahrungen mit Rassismus gemacht zu haben. Julia Bernewasser verweist auf Zeit Online auf diverse Studien, die belegen, dass Schülerinnen und Schüler mit wenig kartoffelig klingenden Namen für gleiche Leistungen schlechtere Noten bekommen als andere.

Anzeige

Nun haben wir jenseits des Lehrkörpers nicht so viele Kartoffeln auf der Schule, aber ein paar gibt’s schon. Letztens saß ich in der Abiturprüfung eines Mädchens, das nicht Amelie hieß, aber auch einen Namen hatte, der einen ambitionierten akademischen Kartoffelhintergrund anzeigt. Sie war für eine Prüfung an meiner Schule ungewöhnlich gut vorbereitet, sie hatte nämlich nicht nur die zwei Bücher gelesen, die Gegenstand der Prüfung waren, sondern darüber hinaus noch zwei andere. Und dann, so etwas passiert, redete sie ausschließlich über Sachen, die wenig mit der Fragestellung der Prüfung zu tun hatten. Teilweise nichts. Auch die immer verzweifelter werdenen Ein­hilfen ihres Prüfers konnten sie nicht in die Spur bringen und so machte ich mich gegen Ende des Dramas darauf gefasst, gegen Prüfer und Prüfungs­vorsitzenden, beide als harte Hunde bekannt, um eine Drei zu kämpfen, weil sie doch vier Bücher gelesen und verstanden und darüber gesprochen hatte und immerhin.

Fünf Minuten später hatte die Schülerin eine Eins minus. Tragende Erwägung von Prüfer und Prüfungsvorsitzendem: Das sprachliche Niveau in der mündlichen Prüfung habe deutlich über dem gelegen, was sie normalerweise in Prüfungen hören, sie habe Fremdwörter und Passivsätze verwendet und richtig dekliniert. Auch wenn die Schülerin, dieser Logik folgend, in einer Prüfung über Wasserversorgung in Las Vegas für einen Vortrag über Verdauung bei Kühen immer noch eine Eins bekommen hätte, hätte ich sie nicht verhindert, Einsenverhindern ist nicht mein Job. Aber haben wir einen Kartoffelbonus? Hell, yes. Wir kommen jetzt wieder zum Wetter.