ჯუნგლები - Porträt der Autorin Keti Nischaradse

Am Anfang war der Ausbruch

Für Keti Nischaradse war das weibliche Schreiben sowohl Stil als auch literarisches Sujet. Ein Porträt einer vergessenen Autorin, der die junge feministische Literatur viel zu verdanken hat.

Keti Nischaradse hätte eine Kultfigur sein können. Sie ist aber – um ein Zitat von Allen Ginsberg abzuwandeln  – mit Lorbeer gekrönt in Vergessenheit geraten. Dabei hat sie die zeit­genössische georgische Literatur maßgeblich beeinflusst. Anders als ihren männlichen Kol­legen wird ihr heutzutage jedoch kaum mehr literarische Anerkennung zuteil. Selbst im ­feministischen Gedächtnis findet sie bislang keinen Platz. Ihr überschaubares Werk – zwei kurze Romane, ein Dutzend Erzählungen und Übersetzungen aus dem Französischen und Russischen – ist in Zeitungen und Zeitschriften in den achtziger und neunziger Jahren erschienen. 1999 erschien ein Text von ihr in einer Sammelpublikation zur städtischen Prosa.

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Nischaradse wurde 1955 geboren und beging im Jahr 2000 Suizid. Sie gehörte jener Gene­ration an, die der Schriftsteller Dato Turaschwili als »Jeans-Generation« bezeichnet hat. Diese Autoren begannen in den achtziger Jahren, kurz vor der Wende, zu schreiben und begründeten die neue georgische Prosa. Wenn die Prosa der Vorgängergeneration eine Literatur der Antworten war, war die der Jeans-Generation eine Literatur der Fragen. Diese jüngeren Autoren wollten sich mit dem maroden und verlogenen sowjetischen System nicht abfinden. Ihre Themen waren weniger politisch als gesellschaftlich, sie interessierten sich weniger für die Geschichte und Mythologie Georgiens, sondern entdeckten das Private und die Gegenwart. Es ging um die Lebensentwürfe der jungen Generation, die nicht mehr so leben wollte wie die konformistischen Eltern. Auch stilistisch unterschieden sie sich von den älteren Autoren. Sie verzichteten auf einen gehobenen literarischen Stil und machten die gesprochene Sprache und den Jugendslang salon­fähig. Der Alltag war in die Literatur zurückgekehrt, und Keti Nischaradse hat zu dieser Erneuerung entscheidend beigetragen.

Für sie war das weibliche Schreiben ein Stil, aber auch ein literarisches Sujet; sie dachte über die Selbstbestimmung der Frau in einer patriarchal dominierten Gesellschaft nach. In Hinblick auf die Themen Mutterschaft und Kreativität war sie Julia Kristeva näher als etwa Judith Butler.

Vor allem aber ist sie eine Pionierin der feministischen Literatur. 1987 erschien im Almanach »Satawe« (deutsch: der Ursprung) ihr erster Kurzroman »Autoporträt«. Die Hauptfigur Lana Usnadse erzählt in der Ich-Form ihr Leben. Eine Revolution! Sie ist die erste Ich-Erzählerin der georgischen Literatur. Zum ersten Mal übernahm eine Frau die narrative Macht.

Die Frauenfrage geht in Georgien auf die 1870er Jahre zurück. Seit 1918 durften Frauen in der kurzlebigen ersten georgischen Republik wählen. Auch die Sowjetunion strebte die Gleichberechtigung von Männern und Frauen an. Frauen durften arbeiten und hatten auch in Sowjetgeorgien erfolgreiche Berufskarrieren vorzuweisen. Die Tiefenstruktur der patriarchalen Gesellschaft wurde jedoch kaum berührt. Bis Ende des vergangenen Jahrhunderts existierten noch immer fest umrissene soziale Rollen, die Frauen ausfüllen sollten. Die wichtigste Rolle war und blieb die der Mutter. Frauen, die sich außerhalb dieser Zuschreibungen bewegten, rutschten schnell an den Rand der Gesellschaft und wurden geächtet.

Nischaradse fordert in ihren Romanen und Erzählungen die Gesellschaft heraus. Den Kampf um die Selbstbestimmung der Frau spielte sie in den Bereichen Beruf, Kunst, ­Liebe und Sexualität durch. In ihrem zweiten Kurzroman »Das Sonnenland« (1997) geht
es um die Abgründe des Ehe- und Famililen­lebens. Der Roman zeigt, wie aus einer zunächst gleichberechtigten Liebesbeziehung eine einengende Ehe wird, aus der die Prota­gonistin schließlich ausbricht. In diesem Roman machte Nischaradse die lesbische Liebe zum Thema und brach damit ein gesellschaftliches Tabu.

Ihre Pionierarbeit löste jedoch keinen Skandal aus, sondern wurde, schlimmer noch, ­totgeschwiegen. Noch 2005 war die Kritik der Ansicht, der Roman überfordere den Leser, für das Thema Homosexualität sei in der georgischen Literatur kein Platz.

Nischaradse schrieb in einer Zeit, als engagierte Literatur von Frauen in Georgien kaum bekannt und schwer zugänglich war. Gleichwohl besteht eine Verwandschaft mit Autorinnen wie Sylvia Plath, Julia Kristeva und Helene Cixous. Nischaradse praktizierte eine écriture féminine im doppelten Sinne. Für sie war das weibliche Schreiben ein Stil, aber auch ein literarisches Sujet; sie dachte über die Selbstbestimmung der Frau in einer patriarchal dominierten Gesellschaft nach. In Hinblick auf die Themen Mutterschaft und Kreativität war sie Julia Kristeva näher als etwa Judith Butler.

Als Instrument der Selbstbehauptung fungiert in ihrem Roman »Das Autoporträt« die Kunst. Die Protagonistin schreibt seit ihrem 13. Lebensjahr ein Tagebuch. Aus einem verträumten Teenager wird eine alleinerziehende, suizidale Mutter, die versucht, das Trauma einer Vergewaltigung mit Hilfe eines Psychiaters zu bewältigen. Das Tagebuchschreiben eröffnet ihr die Möglichkeit, sich ihrer selbst zu bemächtigen.

Auch für die Autorin war das Schreiben eine Form der Selbstbehauptung. Am Ende hat sie aufgegeben; das neue Jahrtausend hat Keti Nischaradse nicht mehr erlebt. Im Jahr 2000 nahm sie sich das Leben. Ihre Bedeutung für die Literatur der Gegenwart kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.