ქვეყნის შიგნით - Eine Schutzeinrichtung in Tiflis hilft bedrohten Menschenrechtlern der Region

Sicherheit geht vor

Im Projekthaus »Tbilisi Shelter City« erholen sich Menschenrechtler aus der ehemaligen Sowjetunion von Dauerstress und Gewalterfahrung.

In der ruhigen Seitenstraße eines der beschaulichen Viertel von Tiflis dringt lautes Lachen durch ein geschlossenes Tor. Drinnen im Hof sind Menschen unterschiedlicher Muttersprache, der ­gemeinsamen Verständigung dient Russisch. Heute ist tadschikischer Tag und auf dem Tisch stehen Plow und andere zentralasiatische Leckereien. Darauf, dass sich hier kein Kulturzentrum oder Hostel befindet, weist eine Aufschrift an der von der Straße nicht einsehbaren Innenwand hin: »Tbilisi Shelter City«.

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Galym Ageleuow wohnt dort seit zwei Monaten im oberen Stockwerk. Der kasachische Journalist und Leiter der Menschenrechtsorganisation Liberty nimmt sich eine Auszeit. Für die vergangenen Jahre konstatiert er in Kasachstan ein härter werdendes staatliches Vorgehen, schwerwiegende Einschränkungen von Grundrechten wie der Rede- und Versammlungsfreiheit sowie die faktische Unterbindung gewerkschaftlicher Interessenvertretung. Unter anderem dokumentierte und ver­öffentlichte er die Erzählungen von Angehörigen der Opfer eines Massakers an den streikenden Ölarbeitern im Dezember 2011, bei dem in der Stadt Schangaösen, wie die russische Zeitung ­Nowaja Gaseta berichtete, Dutzende Menschen getötet und Hunderte verletzt wurden. Dadurch droht ihm selbst Verfolgung. »Jetzt sitze ich zwar hier an diesem beschaulichen Ort, aber wenn ich zurückkomme, kann es durchaus passieren, dass ich festgenommen ­werde.«

Eine der Grundvoraussetzungen zur Aufnahme im Shelter ist neben einer ausgewiesenen Laufbahn als Menschenrechtsaktivist und neben dem Herkunftsland – der Schwerpunkt liegt auf Zentralasien, Russland und Belarus – die Vereinbarung, im Anschluss an den dreimonatigen Aufenthalt ins Heimatland zurückzukehren.

Eine der Grundvoraussetzungen zur Aufnahme im Shelter ist neben einer ausgewiesenen Laufbahn als Menschenrechtsaktivist und neben dem Herkunftsland – der Schwerpunkt liegt auf Zentralasien, Russland und Belarus – die Vereinbarung, im Anschluss an den dreimonatigen Aufenthalt ins Heimatland zurückzukehren. Ziel ist es, jene zu unterstützen, die trotz bestehender Risiken weiter in ihrem Land tätig sein wollen. Eigentlich sollten nur fünf Personen pro Turnus an dem Programm teilnehmen, aber statt fünfzehn Menschen im Jahr nahm der Shelter über 40 auf. Immer wieder galt es, auf Anfragen prompt zu reagieren, wenn beispielsweise jemand nach einem Gefängnisaufenthalt buchstäblich erst wieder zu Kräften kommen musste.

»Vor etwa zwei Jahren kam bei uns die Idee auf, einen geschützten Rückzugsraum für Menschenrechtler zu schaffen, die einem großen Risiko ausgesetzt sind«, sagt Swetlana Valko.

Die auf den Umgang mit Konfliktfolgen spezialisierte Sozialarbeiterin leitet den Shelter, arbeitet gleichzeitig auch für die Organisation Truth Hounds weiterhin in Konfliktregionen wie dem Donbass, wo sie Verbrechen gegen die Menschheit dokumentiert. Für Georgien als Standort habe man sich entschieden, weil es zwar beispielsweise in den Niederlanden ähnliche Projekte gebe, die aber für Menschenrechtsaktivisten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken aufgrund der Visumspflicht, der Sprache und der Mentalitätsun­terschiede nur bedingt in Frage kämen. »Wenn ich in den Niederlanden unterwegs bin, komme ich mir wie auf dem Mars vor und weiß genau, dass bei mir nie solche Verhältnisse herrschen werden«, sagt Swetlana. Nach Georgien gibt es wesentlich mehr direkte Bezüge: In Zukunft in Georgien bereits realisierte Reformen im eigenen Herkunftsland durchzusetzen, ist für die Menschenrechtler, die sich eine Auszeit nehmen, leichter vorzustellen.

Aber entscheidend bei der Ortswahl war ein anderer Pluspunkt: Georgien gilt trotz Einschränkungen als das einzige sichere Land in der Region. Zumindest ließe sich bislang bei Leuten, die im Shelter unterkamen, kein einziges Mal eine ernsthafte Gefährdung ­ihrer Sicherheit feststellen, so Swetlana. Sicherheit steht dort generell an erster Stelle. Neben berufsbedingter Risiken, Stress, Traumata und Gewalterfah­rungen jeder Art sind Programmteilnehmer vom Burnout-Syndrom betroffen, weshalb Rehabilitierungsmaßnahmen bis hin zu therapeutischer ­Begleitung zum Angebot gehören. Manche, so Swetlana, hätten sich acht Jahre lang keinen Urlaub gegönnt. Andere betrachteten ihre Lebensumstände als so normal, dass sie mit der Zeit immer unvorsichtiger würden, ohne dies zu merken. Bei rechtzeitiger Diagnose ließen sich Prioritäten verschieben und das eigene Sicherheitsverhalten korrigieren, so Swetlana. Zwar zeichnet sich der Shelter durch seine individuelle Herangehensweise aus und bietet Networking und Weiterbildungen je nach Wunsch und Bedarf an. Auch wer weiterarbeiten will, kann dies tun. Zwingend für alle ist allerdings die Teil­nahme am Sicherheitstraining. Konsequenterweise umfassen die Trainingseinheiten sowohl digitalen Selbstschutz als auch Englischunterricht oder den Führerscheinerwerb.

Swetlana weist darauf hin, dass das Feedback der Teilnehmenden weitestgehend sehr positiv ausfalle. Doch die Menschenrechtssituation in den umliegenden Ländern verschlechtere sich immer mehr, was eine Anpassung der Programminhalte erfordere. Auf Sicherheitsfragen gibt es ohnehin keine pauschalen Antworten. Tschetschenen fühlten sich in Georgien oft unsicher und Anträge aus Aserbaidschan nimmt der Shelter gar nicht erst an. Im Mai 2017 wurde der oppositionelle aserbaidschanische Investigativjournalist ­Efgan Muchtarly im Zentrum von Tiflis entführt und nach Baku gebracht. Muchtarly vermutet dahinter Machenschaften hochgestellter georgischer ­Beamter.