ჯუნგლები - Literarischer Aufbruch der Frauen

Wirbelsturm im Birnenfeld

Die Autorinnen Nana Ekvtimishvili und Tamar Tandaschwili thematisieren in ihren literarischen Debüts Schicksale von Menschen mit Behinderung, Waisenkindern, Frauen und LGBT-Personen. Sie zeigen, dass es in der georgischen Gesellschaft viel aufzuarbeiten gibt und dass der Weg zu Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit noch lang ist.

Die Endstation der Metrolinie Gldani–Warketili in Tiflis scheint vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden zu sein. Im Vergleich zu den Bahnhöfen im Stadtzentrum wirkt diese Station frisch ausgepinselt. Die Rolltreppe hat ein feineres Profil und die Leuchtröhren strahlen deutlich heller. Doch das Bild wandelt sich, sobald man in das Tageslicht tritt. Hier auf dem Vorplatz des Metroeingangs wird alles Mögliche feilgeboten, von neonfarbenen Socken über diverse Lade­geräte bis zu goldschimmernden Heiligenbildern.

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Man befindet sich mitten in einem Wimmelbild, das sich vom Treiben auf der Straße in die Vertikale fortsetzt: Richtet man den Blick nach oben, bestimmen zusammengeflickte Wohnhäuser die weitläufige Plattenbauwüste, deren einzeln durchnummerierte Mikrodistrikte zu Fuß oder mit Minibussen zu erreichen sind. Hierher, nach ­Gldani, diesem umgangssprachlich als »Schlafsack« bezeichneten Stadtteil, kommen die Menschen in erster Linie, um sich auszuruhen; gelebt und gearbeitet wird im Zentrum.

Der Roman »Das Birnenfeld« macht deutlich, dass Andersartigkeit in der konservativen georgischen Gesellschaft lange Zeit nicht akzeptiert war und ihr mit diskriminierendem, teils rassistischem Verhalten begegnet wurde.

Wer hier allerdings doch lebt, sind die Kinder und Jugendlichen des Internats für kognitiv und physisch beeinträchtigte Menschen in der Kertsch-Straße. Es ist eine vorbildlich eingerichtete und gut ausgestattete Erziehungsanstalt, mit freundlichen Außenanlagen, Spielplätzen, Klassenzimmern, gemütlichen Schlaf- und Wohnbereichen, Bewegungsräumen und Therapiezimmern, in denen unter anderem Pflanzen gezüchtet und umgetopft werden. An diesen Ort, wenige hundert Meter von der Metrostation entfernt, führt das Buch »Das Birnenfeld« seine Leserinnen und Leser. Die Autorin Nana Ekvtimishvili ist selbst hier in der Kertsch-Straße in der Nähe des Internats aufgewachsen. Die »Debilen«, wie sie in der Nachbarschaft genannt wurden, gehörten zu ihren Spiel­kameraden. Damals wie heute ist das ein Schimpfwort; in den neunziger Jahren nahm jedoch niemand Rücksicht auf political correctness.

Ekvtimishvili, 1978 geboren, besuchte eine Schule mit einem Film- und Fernsehschwerpunkt. So kam es, dass sie mit etwa 15 Jahren zusam­men mit Klassenkameradinnen die Bewohner des Internats für einen Do­kumentarfilm über die Einrichtung interviewte. Die Autorin, heute eine preisgekrönte Filmemacherin (»Die langen hellen Tage«, 2014; »Meine glückliche Familie«, 2017), stellte damals den Film nicht fertig. Denn die Kinder gaben nicht nur witzige Geschichten zum Besten; die Dokumentation hätte auch Tabuthemen berührt. Im Rückblick, erzählt Nana Ekvtimishvili beim Gespräch im Garten des Veranstaltungszentrums Writer’s House in Tiflis, sei ihr klar geworden: »Den Film hätte damals wohl niemand gezeigt und vermutlich auch niemand sehen wollen.« Wer hätte den »Debilen« geglaubt? Und wer den jugendlichen Filmemacherinnen?

Seit vielen Jahren lebt die Autorin mit ihrer Familie in Berlin und Tiflis. Bei den Aufenthalten in Georgien denkt sie, inzwischen selbst Mutter einer Tochter, über ihre Vergangenheit und Herkunft nach. Die Erinnerungen an die oft schmerzhaften Schicksale der Internatskinder ließen ihr keine Ruhe, erzählt Ekvtimishvili. Erst über 20 Jahre später sei ihr die Zeit reif für die Geschichte erschienen. Sie schrieb den inzwischen mehrfach preisgekrönten Roman »Das Birnenfeld«, der 2015 im ge­orgischen Original erschienen ist. Ein Anlass dafür, die Arbeit an dem Roman aufzunehmen, sei gewesen, dass sie auf der Straße in Tiflis eine Frau, eines der ehemaligen Nachbarskinder aus dem Internat, wiedertraf – bettelnd an einer Ampel im Stadtzentrum. Auf die Frage Ekvtimishvilis, ob sie sie wiedererkenne, habe sie genickt und darauf hingewiesen, dass das Licht eben auf Grün gesprungen sei, Ekvtimishvili also weiterfahren könne. »Wenn man als Kind mit jemandem gespielt hat und 20 Jahre später sieht, welche Kluft zwischen den jeweiligen Lebens­realitäten liegt, ist das eine schmerzhafte Erkenntnis«, erläutert die Autorin.