Klassenkampf - Schreiben lernen mit Fu und Fibel oder nach Gehör

Schreiben lernen

Können Sie sich noch erinnern, wie Sie Lesen und Schreiben gelernt haben? Bei mir kam ein roter Strumpf mit ­aufgenähten Knopfaugen und Strubbelkopf zum Einsatz, der Fu hieß und uns in gezeichneter Form durch unsere Rechtschreibfibel leitete. Eine Tat­sache, die mich als Kind sehr faszinierte, war, dass dieser Strumpf uns über die Hand meiner Klassenlehrerin gestülpt auch durch den Schulalltag ­begleitete. Fu hatte eine Strumpffreundin und einen Strumpffreund, Ufa und Ufu, und war zudem mit zwei Menschenkindern, Ralf und Anna, befreundet. Offenbar mussten bedauernswerte Schulbuchautorinnen damals Texte erfinden, die aus höchstens zehn Buchstaben bestanden und uns ermöglichten, trotz unserer begrenzten Kenntnisse schon so etwas wie ­Geschichten zu lesen und zu schreiben: Fu ruft: »Uta!« Uta ruft: »Ball!« Uta ruft: »Lauf, Fu, lauf!« Es wurde sehr viel gerufen und nie geflüstert und die ­Geschichten drehten sich oft um Bälle, aber beides ist ja vielleicht altersgemäß.

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Trotzdem ist irgendwann Kritik an dieser sehr strukturierten und wenig flexiblen Methode aufgekommen, woraufhin die Methode »Lesen durch Schreiben« Verbreitung fand. Diese Methode, oft auch »Schreiben nach ­Gehör« genannt, möchte Kinder motivieren, indem sie ihnen zunächst die Auseinandersetzung mit der Orthographie erspart und sie auf diese Weise schnell in die Lage versetzt, geringfügig spannendere Geschichten als die oben genannte aufzuschreiben, wodurch zugleich auch das Lesen erlernt werden soll. Das steht im Einklang mit gängigen Sprachlerntheorien, nach denen wir hauptsächlich durch kommunikative Aktivität, also durch das Sprechen oder Schreiben lernen, und nicht durch das Pauken von Regeln oder reine ­Rezeption.

Die besagten Theorien gehen aber auch davon aus, dass zum Erlernen von regelgemäßer Sprache ein ebensolcher Input bereitgestellt werden muss. Wir greifen, wenn wir schreiben, auf unser Wortbildgedächtnis zurück, in dem wir speichern, wie bestimmte Lautkombinationen aufgeschrieben aussehen könnten. Wenn ich oft »bal« lese, speichere ich »bal«. Das wäre vielleicht egal, wenn alle Kinder in und nach der Schule statt Whatsapp-Nachrichten Bücher lesen würden, nur tun sie das halt nicht. Eine Studie zum Schreibenlernen hat jetzt herausgefunden, dass Kinder, die es mit der traditionellen Fibel gelernt haben, es mit Abstand am besten können, und Brandenburg hat daraufhin entschieden, viel Geld in die individuelle Lese- und Schreibförderung zu stecken – haha, drangekriegt, natürlich muss es »die Methode ›Lesen durch Schreiben‹ zu verbieten« heißen. Ich bin für jede Maßnahme, die verhindert, dass ich weiter Sachen lesen muss wie: »Di kursgeschichte hantelt um …« Und ich mochte Fu, aber er ist nicht Batman.

Vielleicht ist diese Aufgabe zu groß für ihn alleine.

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