Die Gruppe »Ehrlos statt wehrlos« über homo- und transphobe Gewalt in Berlin-Neukölln

»In der Kultur der Ehre zählt das Individuum nicht«

»Auf dass Menschen in Neukölln wirklich ohne Angst verschieden sein können« – so fasst »Ehrlos statt wehrlos – Bündnis gegen Neuköllner Unzumutbarkeiten« sein Anliegen zusammen. Seine Arbeit richtet sich gegen homo-, transphobe und antisemitische Gewalt.
Interview Von

Das nördliche Neukölln gilt gemeinhin als schwer angesagtes Stadtviertel Berlins. Ihre Organisation spricht hingegen von »Neuköllner Unzumutbarkeiten«. Welche Zustände meinen Sie damit?
Im ersten Halbjahr 2018 häuften sich gewalttätige Übergriffe, insbesondere gegen LGBTs, in Neukölln, die wir in ­einer Chronik auf unserer Facebook-Seite dokumentiert haben. Diese vermeintlichen Einzelfälle und die subjektiv erlebte Zuspitzung der Verhältnisse, gerade rings um die Sonnenallee, haben uns zur Gründung unseres Bündnisses bewogen.

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Welches Ziel verfolgen Sie mit »Ehrlos statt wehrlos«?
Wir haben uns anlässlich der sich häufenden Berichte über homophobe und antisemitische Gewalt erstmals im Frühjahr 2018 getroffen, zunächst mit der Idee, eine Demonstration zu organisieren. Uns wurde dabei schnell klar, dass eine Demonstration angesichts des Ausmaßes an Tabuisierung des Themas auf der einen und der anwachsenden Gewalt auf der anderen Seite nur ein Anfang sein kann. Uns ist eine Solidarisierung und stärkere Zusammenarbeit mit Ex-Muslimen und säkularen Muslimen sehr wichtig.

Wir sind an einer weitergehenden Vernetzung von Betroffenen und Menschen interessiert, die sich gegen diese Gewalt engagieren wollen.

In welchem Zusammenhang steht diese Gewalt mit den Ehrvorstellungen, auf die Sie mit dem Namen ­Ihrer Gruppe anspielen?
Bei einer Auseinandersetzung mit den Ursachen der Gewalt auf den Straßen fällt bei aller Heterogenität der Opfer immer wieder auf, dass die Selbstverständlichkeit, mit der die Täter sie angreifen, von einer Ideologie gerecht­fertigt wird, die ein kollektivistisches Ideal der Ehre zur Grundlage hat. Das heißt, die Täter legitimieren ihren Hass damit, dass diese oder jene Person »schmutzig« und »ehrlos« sei und man sie deswegen erniedrigen dürfe, wenn nicht gar müsse. In dieser »Kultur der Ehre« zählt nicht das Individuum, sondern die Einzelnen müssen sich der Gemeinschaft unterordnen, um einem vermeintlich höheren Konzept zu ­dienen. Wenn man sich die Motivation und die Rechtfertigungsstrategien der Täter bei sogenannten Hassverbrechen anschaut, wird man immer wieder auf diesen Kollektivismus stoßen, bei dem das Individuum einem ideologischem Prinzip geopfert wird, um das Kollektiv »sauber« und »ehrbar« zu halten.

Warum ist gerade Neukölln zurzeit Schauplatz dieser auf Ehrvorstellungen fußenden Gewalt?
Die Zunahme von Gewalt im Namen islamischer Ehrvorstellungen tritt in einer Gegend wie Nord-Neukölln eher zutage als in anderen, da hier durch die Gentrifizierung vermehrt Menschen in den muslimisch geprägten Kiezen zugegen sind, die nach islamischer Vorstellung als sündhaft, als »haram« gelten: Schwule, Transsexuelle, selbstbewusste Frauen, androgyn auftretende Hipster und auch Israelis, die sich hier angesiedelt haben. Diese islamisch legitimierte Gewalt ist kein neues Phänomen, sie hat lediglich jahrzehntelang niemanden interessiert, solange es »nur« die Migrantenfamilien selbst betraf – und sie interessiert auch heutzutage kaum jemanden, sofern nur Menschen darunter leiden, die in muslimischen Familien aufwachsen. Die Politik hat wesentliche sozialarbeiterische und bildungspolitische Aufgaben in solchen Gegenden reaktionären Islamverbänden überlassen, die Konzepte von Ehre, Gewalt und Ungleichheit propagieren und dezidiert homo- und transphobe Ideologien verbreiten.

»Erfahrungen islamisch legitimierter Gewalt müssen mitgeteilt werden können und dürfen nicht von vornherein als "rechtspopulistisch" denunziert werden. Was bei Opfern rechter Gewalt selbstverständlich ist, sollte auch hier selbstverständlich sein: Taten zu bezeugen, die stattgefunden ­haben.«

Wie verhandelt das LGBT-Milieu die von Ihnen beobachteten Probleme?
Wir nehmen die LGBT-Community als gespalten wahr. An uns selbst und ­unseren Gesprächspartnern fiel uns immer wieder auf, dass die Täter nicht benannt wurden. Gerade wenn man aus einem linken oder liberalen Umfeld kommt, besteht hier – selbst wenn einem die unmittelbare Erfahrung vor Augen führt, dass es vor ­allem junge Männer aus muslimischen Familien sind, die diese Taten begehen – eine immense Hemmung, darüber offen zu sprechen, weil man Angst hat, rassistische Einstellungen zu bedienen oder als »islamophob« stigmatisiert zu werden.

Dominierend ist im Allgemeinen ein vermeintlich antirassistisches Narrativ, das seine Impulse in den vergangenen Jahren vor allem aus dem Umfeld der Critical-Whiteness-Szene bezog, deren Ideologie als »Kritische Weißseinsforschung« auch an deutschen Universitäten gelehrt wird: Kritik am Islam wird pauschal als »antimuslimischer Rassismus« diffamiert, weißen Personen wird wegen ihres »Sprechorts« kein Recht zugestanden, sich überhaupt zu »anderen Kulturen« zu äußern, während arabischstämmige Muslime und Ex-Muslime, die sich in der Debatte kritisch zu Wort melden, gern als »Tokens« denunziert werden – gewis­sermaßen als Handpuppen, die von Weißen gesteuert würden. In dieser Sichtweise werden Menschen nicht als Individuen, sondern stets nur als Stellvertreter ethnisierter Kollektive wahrgenommen.

Aus dieser Richtung kommt heftige Kritik an Ihnen. Xart Splitta e.V, Gladt e.V, Inssan e.V. und weitere Gruppen haben »Ehrlos statt wehrlos« in einer Stellungnahme »Rechtspopulismus im queeren Gewand« vorgeworfen. Wie begegnen Sie den Anschuldigungen?
Der Text dieses Gegenbündnisses bietet kaum eine inhaltliche Kritik, die unsererseits zu entkräften wäre. Im Grunde handelt es sich lediglich um die Unterstellung, dass wir Rechtspopulisten seien. Wenn es für den Vorwurf des Rechtspopulismus ausreicht, dass man sich dagegen einsetzt, dass Menschen im Namen islamischer Ehrvorstellungen bedroht, geschlagen oder getötet werden, verliert dieser Begriff jeden Sinn. Das einzige Argument im Text dieses Gegenbündnisses ist, wir schilderten einen Zustand, der gar nicht existiere, wir brächten keine ­Beweise vor.

Lässt sich die von Ihnen beobachtete Häufung von Gewalt statistisch ­belegen?
Im Jahr 2016 verzeichnete die Berliner Polizei einen Anstieg der Zahl homo- und transfeindlicher Gewalttaten um etwa 30 Prozent auf ein Rekordhoch von 161 Straftaten. 2017 wurde ein ähnliches Niveau festgestellt. Das Beratungsprojekt Maneo verzeichnete sogar weiterhin ansteigende Zahlen für 2017. Für das Jahr 2018 liegen noch keine abschließenden Zahlen vor, allerdings ist ein weiterer Anstieg zu befürchten.

Weder uns noch dieser Gegeninitiative liegen gesicherte empirische Studien zur Bedrohungslage in Neukölln vor. Was uns jedoch vorliegt, sind – wie bereits geschildert – zum einen Polizeiberichte und Pressemeldungen über antisemitische, homo- und transphobe Angriffe, zum anderen Gewaltstatistiken. Und es gibt eigene Erfahrungen: Wir alle mussten Aggressionen gegen weiblich auftretende Männer, Beleidigungen wie »Jude«, »schwul«, »Zigeuner«, »Hure«, abfällige Bemerkungen über freizügiges Auftreten, Steinwürfe oder Bedrohungen mit Messern entweder als Zeugen beobachten oder als Opfer erdulden. Wir kennen Juden, die im Selbstversuch mit Kippa in Neukölln herumliefen und letztlich vor Angreifern fliehen mussten, und Menschen, die sich nicht trauen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, wenn sie im »Fummel« unterwegs sind. Wir haben Kontakt zu Leuten, die im Kiez aufgrund ihrer Homosexualität körperlich massiv angegriffen wurden und denen die Polizei nahelegte, lieber in einen anderen Stadtteil zu ziehen, weil ihre Sicherheit in Neukölln nicht garantiert werden könne.

Erfahrungen islamisch legitimierter Gewalt müssen mitgeteilt werden können und dürfen nicht von vornherein als »rechtspopulistisch« denunziert werden. Was bei Opfern rechter Gewalt selbstverständlich ist, sollte auch hier selbstverständlich sein: Taten zu bezeugen, die stattgefunden ­haben.

In der erwähnten Stellungnahme wird Ihnen konkret vorgeworfen, Muslime seien nur dann bei Ihnen willkommen, »wenn sie aufhören, muslimisch zu sein«.
Ein Blick auf unsere Facebook-Seite genügt, um das Gegenteil zu beweisen: Eines unserer ersten Postings war ein Hinweis auf die Moschee von Seyran Ateş, deren Anliegen es ja gerade ist, den Islam zu reformieren. Dass für die Unterzeichner des Gegenbündnisses Menschen wie Ateş keine Muslime mehr sind, verwundert jedoch nicht, wenn man weiß, dass einer der Unterzeichner der Stellungnahme, Inssan e.V., mit der Muslimbruderschaft assoziiert ist. Für diese dürfte jede Form ­einer liberalen Auslegung des Islam »unmuslimisch« sein. Besonders absurd ist jedoch, dass hier eine Initiative wie Inssan e.V., die mit der Muslimbruderschaft verbunden ist, vorgibt, ihr sei an der Aufhebung der Unterdrückung Homosexueller gelegen.

In der gegen »Ehrlos statt wehrlos« gerichteten Stellungnahme werden Neuköllner Lokale dazu aufgefordert, Ihnen keine Räume mehr zur Verfügung zu stellen. Zeigt dieser Boykottaufruf Wirkung?
Diese kaum verhohlene Drohung bezieht sich insbesondere auf die queere Bar »Ludwig« in der Anzengruberstraße, wo Patsy L’Amour laLove regelmäßig ihren Salon veranstaltet, bei dem öffentlich debattiert wird – auch über unbequeme Themen. Im Gegensatz zu manch anderen Orten bietet das »Ludwig« einen Raum für eine tatsächlich offene Diskussion, die eine breite Palette unterschiedlicher Positionen zulässt und Personen mit konträren Ansichten miteinander ins Gespräch bringt. Wir sind optimistisch, dass das auch in Zukunft so bleibt – und sich auch andere nicht durch solche Drohungen einschüchtern lassen.