Der jihadistische Attentäter von Straßburg kam aus einem kriminellen Milieu

Vom Überfall zum Attentat

Der Attentäter von Straßburg, Chérif Chekatt, war den französischen Behörden als Gefährder bekannt. Trotzdem rechneten sie nicht mit einem Anschlag. Er kam aus einem Milieu, in dem kriminelle und ­islamistische Szene fließend ineinander übergehen.

Chérif Chekatt war gerade einmal sieben Jahre alt, da wurde er erstmals auffällig, als er in der Schule nach einem Lehrer schlug. Mit 13 Jahren folgte seine erste Verurteilung, vier Jahre später attackierte er gemeinsam mit anderen auf einem Rastplatz einen Menschen und sperrte ihn in den Kofferraum von dessen Auto. Insgesamt 27 Urteile wegen verschiedener Straftaten ergingen gegen Chekatt, die meisten wegen Einbrüchen und Diebstählen in Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Mehrere Jahre verbrachte er im Gefängnis. Sein Strafregister las sich wie das eines typischen Kriminellen – jedenfalls bis zum 11. Dezember.

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An diesem Tag erschoss und erstach der 29jährige auf dem »Christkindelsmärik« in der französischen Stadt Straßburg, in der er zur Welt gekommen und aufgewachsen war, fünf Menschen und verletzte elf weitere, einige davon schwer. Patrouillierende Soldaten schossen auf ihn und trafen seinen linken Arm, doch Chekatt konnte entkommen. Er floh in einem Taxi in den Straß­burger Vorort Neudorf, in dem seine Mutter lebt. An der Fahndung nach ihm waren sämtliche französischen Sicherheitsbehörden inklusive der Antiterroreinheiten beteiligt. Zwei Tage nach dem Attentat spürte ihn eine Einheit der Polizei in Neudorf dank Hinweisen aus der Bevölkerung auf. Chekatt eröffnete das Feuer und wurde daraufhin erschossen.

Eine besonders einschneidende Erfahrung sei gerade für junge Männer der Aufenthalt im Gefängnis. Dieser führe häufig zu einer radikalen Neuausrichtung des Lebens.

Der »Islamische Staat« (IS) hatte den Anschlag umgehend für sich reklamiert. Chekatt, der Augenzeugen zufolge während des Attentats »Allahu Akbar« gerufen hatte, sei »ein Soldat« des IS gewesen, verlautbarte die Terror­organisation über ihren Propagandakanal Amaq. Er sei dem Aufruf gefolgt, Bürger aus Mitgliedstaaten der Koalition gegen den IS in Syrien und dem Irak anzugreifen. Sein Vater Abdelkrim Chekatt sagte dem französischen Fernsehsender France 2, sein Sohn sei in der Tat ein Anhänger der jihadistischen Vereinigung gewesen und habe die Ansicht geäußert, dass der IS »für eine gerechte Sache« kämpfe. Über Attentatspläne habe er jedoch nicht gesprochen.

Auch Laurent Nuñez, Staatssekretär im französischen Innenministerium, glaubt nicht, dass die Bluttat von Straßburg vorherzusehen war: »Wir hatten keinen Anhaltspunkt dafür, dass Chérif Chekatt einen Terroranschlag verüben würde.« Zwar wurde er seit Mai 2016 in der »Fiche S« geführt, der Datei der französischen Sicherheitsbehörden mit den Personalien jener Menschen, von denen nach Einschätzung des Inlandsgeheimdienstes DGSI eine besondere Gefahr für die Sicherheit des Staates ausgeht. Dennoch wurde Chekatt nach Nuñez’ Angaben »nie mit einem terroristischen Akt in Verbindung gebracht«.

Das heißt: Man hatte Chekatts islamistische Radikalisierung zwar registriert, ging aber nicht davon aus, dass er schon jetzt »zur Tat übergehen« könnte, wie es in der Behördensprache heißt. Bis zuletzt war Chekatt in der »Fiche S« in einer Kategorie eingeordnet, die für ein eher geringes Gefahrenpotential steht. Die Ermittler erwägen, dass er in einer Panikreaktion gehandelt haben könnte, nachdem die Polizei ihn wenige Stunden vor dem Attentat in seiner Wohnung wegen versuchter Tötung während eines Raubüberfalls im August festnehmen wollte, wo sie ihn jedoch offenbar nicht angetroffen hatte. Womöglich sei er aus Angst, wieder ins Gefängnis zu kommen, einfach durchgedreht.

Fest steht, dass die französischen Behörden Chérif Chekatt falsch eingeschätzt haben. Und das, obwohl er nicht nur in der »Fiche S«, sondern auch im FSPRT gespeichert war, einem Verzeichnis von Personen, bei denen die Prävention einer weiteren Radikalisierung in Richtung Terrorismus als besonders dringlich gilt. Dort werden rund 20 000 Personen geführt, denen eine Nähe zum Jihadismus attestiert wird. Etwa zehn Prozent davon leben in Straßburg oder dem Umland. Sie bilden ein gefährliches islamistisches Milieu, aus dem beispielsweise einer der Attentäter stammte, die am 13. November 2015 einen Terroranschlag auf das Kulturzentrum Bataclan in Paris verübten und dort während eines Konzerts 90 Menschen töteten.

Auch die Festnahme von vier IS-Anhängern, die vor zwei Jahren laut Polizeiangaben mehrere Anschläge in der Vorweihnachtszeit in Paris geplant hatten, erfolgte in Straßburg. Bereits im Frühjahr 2003 waren vier Islamisten aus Algerien, die in Frankfurt am Main eine al-Qaida-Zelle gebildet hatten, zu langjährigen Haftstrafen ver­urteilt worden, weil sie zur Jahreswende 2000/2001 einen Bombenanschlag in Straßburg geplant hatten – aller Wahrscheinlichkeit nach auf den Weihnachtsmarkt. Die Polizei hatte diese Terrorattacke in letzter Minute ver­hindert.

Chekatt gehörte seit Jahren zu diesem Milieu, wobei er nach allem, was man weiß, keineswegs streng nach den Vorschriften des Islam gelebt hat. Darauf deuten nicht nur seine kriminellen Aktivitäten hin, sondern auch seine Vorliebe für westliche Musik und freizügige Frauen, aus der er in den ­sozialen Netzwerken keinen Hehl machte. Dem Terrorismusforscher Peter Neumann zufolge sind solche Widersprüche nicht ungewöhnlich: »Die ­islamistischen Terroristen, mit denen wir es heute zu tun haben, kommen oft aus der kriminellen Szene«, sagte er in einem Interview der FAZ. »Sie haben sich zwar radikalisiert, sind aber eigentlich gar nicht so religiös interessiert. Oftmals wissen sie nicht einmal genau Bescheid über die Inhalte, sondern sehen den IS eher als eine Art Gang – mit dem Versprechen obendrauf, ins Paradies zu kommen.«

Für die Sicherheitsbehörden werde es immer schwieriger, potentielle Täter im Blick zu behalten, »weil sie oft zwischen der kriminellen und der islamistischen Szene hin- und herwechseln«, so Neumann weiter. Das sei auch bei Anis Amri so gewesen, der am 19. Dezember 2016 den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz verübte. »Durch die Kontakte in die kriminelle Szene ist es für die Attentäter leicht, an Waffen zu kommen«, so Neumann. Eine besonders einschneidende Erfahrung sei gerade für junge Männer der Aufenthalt im Gefängnis. Dieser führe häufig zu einer radikalen Neuausrichtung des Lebens. Bei Chekatt war das offenbar auch so: Als er 2008 in Frankreich erstmals ins Gefängnis kam, hängte er in seiner Zelle ein Plakat mit dem Konterfei von Ussama bin Laden auf, wie die Boulevardzeitung Le Parisien unter Berufung auf französische Ermittler schrieb.

In Deutschland, wo er bis Februar 2017 wegen Einbrüchen in Haft saß, konnte man dem baden-württembergischen Justizministerium zufolge übrigens »keine radikalislamische Gesinnung« bei ihm feststellen. Wie der Spiegel berichtete, fiel er im Gefängnis vielmehr vor allem dadurch auf, dass er einen anderen Häftling verprügelte. Dieser sei ihm beim Tischfußball zu laut gewesen.

Am Montag wurde ein mutmaßlicher Komplize Chekatts angeklagt und in Untersuchungshaft genommen. Er soll dem Attentäter die Waffe beschafft haben. Zwei weitere Personen wurden deswegen ebenfalls am Montag verhaftet.