Klassenkampf - Zusatzleistungen

Blumen der Erkenntnis

Kolumne Von

»Kinder sind wie Blumen. Man muss sich zu ihnen nieder­beugen, wenn man sie erkennen will«, soll F. W. Fröbel gesagt haben; das ist der, der mal die Kindergärten erfunden hat. Und ist das nicht ein ebenso schöner wie absolut wahrer Gedanke? Herablassend, sicher, aber ich führe ihn mir oft vor Augen, manchmal hilft das. Zum Beispiel wenn, wie alle Halbjahre wieder, sich das Oberstufensemester dem Ende zuneigt und auch in der Mittelstufe die Zeugnisse drohen und die Blumen mit hängenden Blättern vor mir stehen und, zu jedem anderen Zeitpunkt im Jahr kaum glaublich, unbedingt eine Leistung erbringen wollen. Und nicht etwa irgendeine: Eine Zusatzleistung soll es sein, eine also, die weit über das geforderte Maß hinausgeht, eine, die direkt in eine goldene Zukunft von Erkenntnis und Wahrheit führt und sicherlich auch irgendwas zum Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit beiträgt, oder zumindest die ins Haus stehende Fünf verhindert.

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Natürlich soll man sich nicht immer zu allem breitschlagen lassen, nur ist »sich breitschlagen lassen« praktisch so etwas wie mein zweiter Name. An meiner Wiege muss neben den zwölf guten Feen, die mich mit Schönheit, Weisheit und Reichtum überhäuften, noch eine dreizehnte, böse, gestanden haben, und deren Gabe an mich war nun eben die, sich immer und überall zu jedem Blödsinn breitschlagen zu lassen. Also vergebe ich, alle Halbjahre wieder, Zusatzreferate und ärgere mich, weil ich das ja am Ende alles anhören muss und es in der Welt spannendere Sachen gibt als Schülerreferate. Meistens wird es dann aber gar nicht so schlimm, weil die vortragenden Blumen am Tage des Referats in der Regel krank sind oder ihre Unterlagen in der U-Bahn gestohlen wurden oder sie den USB-Stick mit der Präsentation darauf verkaufen mussten, um Medikamente für ihre kranke Mutter bezahlen zu können.

Aber in etwa zwei von zehn Referaten muss ich dann doch bewerten. Da müssen wir dann alle durch, die anderen Blumen und ich, und das Referat über ­Irland anhören, das neben der Nachfrage, was noch mal ein county sei, im Wesentlichen, ihr ahnt es, aus der Aufzählung der counties der Republik besteht, und zwar aller 31. Und nachher muss ich einer sehr unglücklichen Blume erklären, dass das im Rahmen der Oberstufe nicht im eigentlichen Sinne des Wortes als »Leistung« verstanden werden kann, und dann weint sie, denn sie hat sich schon viel Mühe gegeben und ein schönes rotes Plakat gestaltet, auf dem mit schwarzem Edding und sehr gerade unterstrichen »Irland« steht und darunter in vielen Farben die 31 counties, und ich fühle mich schlecht und verfluche die Fee und lasse mich breitschlagen, beuge mich nieder und versuche zu erkennen. Irgendwas wird da schon sein.