Small Talk mit Annalena Schmidt über ihr Blogprojekt »Wahlsaechsin.de«

»Für Demokraten nicht wählbar«

Die gebürtige Hessin Annalena Schmidt lebt seit gut drei Jahren in der sächsischen Stadt Bautzen. Regelmäßig berichtet die Historikerin via Twitter als @Schmanle über rechtsextreme Umtriebe in dem Ort mit 40 000 Einwohnern. Die Jungle World hat mit ihr über ihr Anfang Januar gestartetes Projekt »Wahlsaechsin.de« gesprochen.
Small Talk Von

Was ist die Idee hinter »Wahlsaechsin.de«?
Die Idee ist, dass ich über das Wahljahr 2019 in Sachsen regelmäßig schreiben wollte. Ich glaube, dass die drei in Sachsen anstehenden Wahlen – Europa- und Kommunalwahlen im Mai, Landtagswahl im September – zum einen richtungsweisend für das Bundesland sein werden. Zum anderen sind sie aber auch deshalb relevant, weil die AfD aus meiner Sicht testet, wie weit sie gehen kann und wie viel sie mit einem Wahlkampf, in den sie viel Geld reinsteckt, erreichen kann. Das ist für die AfD ein Versuch für ganz Deutschland. Das will ich, über diese drei Wahlen hinweg, bloggend begleiten. Dabei will ich der AfD gar nicht so viel Aufmerksamkeit widmen. Vielmehr will ich schauen, wie die anderen Parteien mit der Situation umgehen, dass beispielsweise die AfD bei der Bundestagswahl in Sachsen stärkste Partei geworden ist.

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Nachdem Sie über eine rechte Hetzjagd auf junge Geflüchtete in Bautzen im September 2016 berichteten, haben auch Sie selbst Drohungen bekommen. War Wegziehen da nie eine Option?
Gerade 2016 habe ich oft darüber nachgedacht. Es ist aber so, dass man bei all dem ganzen Mist, der in den drei Jahren, die ich nun hier lebe, in Bautzen und in Sachsen passiert ist, auch das Gute sehen muss: Ich habe in Bautzen, aber auch in Dresden, Leipzig, Chemnitz und Görlitz so unglaublich viele Menschen kennengelernt, die mittlerweile zu Freunden geworden sind. Wegzugehen wäre falsch, denn den Menschen, die drohen und wollen, dass ich gehe, würde ich damit einen Gefallen tun. Ich finde es besser hierzubleiben. Ich bin durch Zufall nach Sachsen gekommen, aber mittlerweile ist es ein Bundesland, in dem ich gerne lebe – auch wegen der Menschen.

Im September könnte die AfD die stärkste Partei im sächsischen Landtag werden. Was erwarten Sie in dem Fall?
Es gibt immer mal Diskussionen im Freundeskreis, bei denen man Fluchtpläne macht, weil man dann vielleicht doch wegziehen muss. Gerade auch im Hinblick darauf, dass in Sachsen – wie auch in vielen anderen Bundesländern – ein neues Polizeigesetz eingeführt wird und man sich gar nicht ausmalen mag, was das bedeuten würde, wenn die AfD an der Regierung beteiligt ist und etwa den Innenminister stellt. Aber im Moment versuche ich einfach noch, optimistisch zu sein. Vielleicht wird die Zivilgesellschaft in Sachsen durch die Kommunal- und Europawahlen, die vorher stattfinden, noch wach und es gehen mehr Menschen zur Wahl und ­regen vielleicht auch durch Diskussionen in ihrem Familien- oder Arbeitsumfeld darüber an, was die AfD eigentlich für eine Partei ist. Und dass diese Partei eigentlich nicht wählbar sein kann für Demokratinnen und Demokraten.

https://twitter.com/Schmanle