Missbrauchskandal im afghanischen Fußball

Macht und Ohnmacht der afghanischen Fußballerinnen

Nationalspielerinnen und minderjährige Jungen wurden jahrelang misshandelt und vergewaltigt. Die afghanische Staatsanwaltschaft verspricht gründliche Aufklärung.

Anfang Dezember, der krisengeschüttelte afghanischen Fußballverband AFF gab eine Pressekonferenz: Dabei stritt er alle Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs an Nationalspielerinnen ab. Keramuddin Karim, der Verbandspräsident, bis vor kurzem noch gelobt wegen seines Engagements für den Frauenfußball in Afghanistan, ist einer der Beschuldigten in diesem Skandal. Er soll Nationalspielerinnen sexuell belästigt, missbraucht und geschlagen haben. »Die Geschichten der Frauen sind falsch«, sagte Karim mit souveränem Lächeln. Sexuelle Belästigung habe es nicht gegeben. Doch Glauben wurde solchen Erklärungen nicht mehr so recht geschenkt.

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Im Dezember ermittelte die Fifa. Auch im afghanischen Parlament wurden wenige Tage später Fragen gestellt. Nationale und internationale Medien berichteten. »Das ist ein Schock für alle Afghanen. Mangelnder Respekt gegenüber unseren jungen Athleten ist nicht hinnehmbar«, ließ sich Staatspräsident Ashraf Ghani zitieren. »Ich will, dass die Staatsanwaltschaft die Fälle genau untersucht.« Ob Ghani nichts wusste, ist aber fraglich; einige der mutmaßlichen Täter sollen beste Beziehungen zu höchsten Regierungskreisen haben.

2007 gründete Khalida Popal die erste Frauenfußballnationalmannschaft Afghanistans. Noch immer leisten konservative afghanische Gruppen heftigen Widerstand gegen den Frauenfußball. Nachdem die Morddrohungen gegen Popal und ihre Familie überhandgenommen hatten, flüchtete sie nach Dänemark. Dort gründete sie die »Girl Power Organisation«, die vor allem geflüchtete Frauen und Minderheiten unterstützen soll.

Am 9. Dezember reagierte der Fußballverband AFF. Fünf hohe Funktionäre wurden entlassen, darunter der Vizepräsident Yousef Kargar und der Generalsekretär Sayed Ali Reza Sadat. Verbandspräsident Karim wurde zunächst für 90 Tage suspendiert. Die afghanische Staatsanwaltschaft hat ein Sonderkomitee »Kindesmissbrauch und Gewalt gegen Frauen« einberufen und Aufklärung versprochen. Es ist eines der größten Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs seit Bekanntwerden der Geschehnisse beim US-Turnverband USAG und der Taten von Teamarzt Larry Nassar. Und ebenso wie in den USA scheint auch in Afghanistan das Problem im System zu liegen. Über Jahre sollen Funktionäre die Fuß­ballerinnen systematisch belästigt, vergewaltigt, misshandelt und erpresst haben. Auch männliche Nachwuchsfußballer sollen in großer Zahl missbraucht worden sein, oft mit dem Versprechen, im Nationalteam zu landen. Einige neuere Aussagen deuten darauf hin, dass ein ähnlicher Missbrauch auch bei anderen Sportarten in dem asiatischen Land stattgefunden haben könnte.

Dass vieles davon jetzt öffentlich bekannt wurde, ist einer der Pionierinnen des afghanischen Fußballs zu verdanken: Khalida Popal, ehemalige Kapitänin des Nationalteams, die derzeit im Exil in Dänemark lebt. Popal hatte in langwierigen Kämpfen die Gründung des Nationalteams überhaupt erst erstritten. Vor einigen Jahren erzählte sie dem Magazin 11 Freunde, wie sie als Jugendliche mit dem Fußballspielen begonnen hatte, kurz nach dem Ende des Taliban-Regimes. Popal und einige andere Mädchen hätten heimlich hinter ­einer Mauer gekickt; seien sie entdeckt worden, seien sie beschimpft, belästigt oder mit Steinen beworfen worden.

Statt zurückzuweichen, wurde Popal zur feministischen Vorkämpferin. Sie brachte so viele fußballspielende Mädchen zusammen, dass der ­Verband sie nicht länger ignorieren konnte. 2007 gründete sie mit Hilfe des jetzt verdächtigten Keramuddin Karim die erste Frauenfußballnationalmannschaft Afghanistans.

Von Beginn an waren die Umstände schwierig. Und noch immer leisten konservative afghanische Gruppen heftigen Widerstand gegen den Frauenfußball. Nachdem die Morddrohungen gegen die Kapitänin und ihre Familie überhandgenommen hatten, flüchtete Popal, die zwischenzeitlich als erste Frau auch im Verband AFF tätig gewesen war, nach Dänemark. Dort gründete sie die »Girl Power Organisation«, die vor allem geflüchtete Frauen und Minderheiten unterstützen soll. Als Programmdirektorin des Nationalteams organisierte sie weiter Trainingscamps und brachte Trainerinnen und Spielerinnen aus dem Exil ins Team. »Die Frauen wollten etwas für ihr Land tun, ihre Schwestern in Afghanistan unterstützen und ein positives Image der afghanischen Frauen fördern«, sagte Popal dem britischen Guardian. »Aber leider haben Männer versucht, unser Programm zu zerstören.«

Zuerst informierten der Guardian und die BBC ausführlich über den Missbrauchsskandal. In Deutschland berichtete vor allem die Deutsche Welle. Popal erfuhr nach eigenen Angaben in einem Trainingslager in Jordanien zum ersten Mal von dem systematischen sexuellen Missbrauch. Zwei männliche Funktionäre, sagte sie dem Guardian, hätten das Team begleitet und vor allem die Spielerinnen, die in Afghanistan lebten, gemobbt und sexuell belästigt. »Weil sie wussten, dass das nicht an die Öffentlichkeit gelangen würde.« Popal habe die Funktionäre mit dem Vorwurf konfrontiert, das habe aber nichts genützt. »Sie haben die Mädchen zu sich aufs Zimmer geholt und mit ihnen geschlafen. Sie haben ­ihnen versprochen, sie in die Stamm­elf zu befördern und ihnen 100 Dollar monatlich zu bezahlen, wenn sie zu allem Ja sagen.« Popal gibt an, sie habe daraufhin mit dem Präsidenten Karim telefoniert. Der habe sie beschworen, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, er werde sich kümmern. Statt einer Strafe seien die Funktionäre nach dem Trainingslager befördert worden. Karim streitet das Telefonat ab.

Popal hat seither auf eigene Faust ermittelt – und war schockiert über das Ausmaß der Vorfälle. Sie habe von dutzendfachem körperlichem und sexuellem Missbrauch, von Todesdrohungen und Vergewaltigungen erfahren. Wegen der Stigmatisierung von Opfern in der afghanischen ­Gesellschaft und der mächtigen Position vieler Täter hätten sich die ­Betroffenen nie getraut, darüber zu sprechen. Auch Jungen seien unter den Betroffenen, vor allem aus armen Verhältnissen. »Um aus dem U17- oder U16-Team in die Nationalmannschaft aufzusteigen, gehören drei Dinge dazu: Als Erstes muss man gut aussehen. Dann sollte man aus ­einer armen Familie kommen. Und als Drittes muss man bereit sein, zu allen möglichen Dingen Ja zu sagen«, sagte die ehemalige Kapitänin der Deutschen Welle. Unterstützt von der derzeitigen Kapitänin Shabnam ­Mobarez, der Spielerin Mina Ahmadi und der Trainerin Kelly Lindsey trug sie die Vorwürfe und Beweisdokumente an die Fifa heran und ging an die Öffentlichkeit.

Für Betroffene, die es wagen, sich zu wehren, gibt es im afghanischen Fußballverband offenbar ein funktionierendes Abschreckungssystem. Nachdem auch andere Teammitglieder gedroht hatten, mit Medien zu sprechen, wurden neun Spielerinnen aus dem Nationalteam geworfen – unter dem Vorwurf, Lesben zu sein. In Afghanistan kann das für die Frauen und ihre Familien Lebensgefahr bedeuten. Die Spielerinnen blieben stumm. Und eine zentrale Figur in dem Skandal ist offenbar Keramuddin Karim, der vermeintlich so frauenfreundliche Präsident: Er soll den Berichten zufolge direkt hinter seinem Büro ein Schlafzimmer haben, in dem er Spielerinnen sexuell missbraucht habe. Da seine Bürotür nur mit seinem Fingerabdruck geöffnet werden könne, hätten die Betroffenen nicht fliehen können. Eine Spielerin, die an die Öffentlichkeit gehen wollte, soll er mit einem Billardqueue verprügelt haben.

Der Skandal ist ein heftiger Rückschlag für den afghanischen Fußball. Gerade in Afghanistan mussten die Frauen große Hemmnisse überwinden, über den Missbrauch zu sprechen. Einsichtig wirkt der Verband nicht: Seit der Gegenwehr im Trainingslager in Jordanien hat der Verband die Zügel angezogen. Mittlerweile müssen Nationalspielerinnen einen Vertrag unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, ein Kopftuch zu tragen und Presseinterviews nur noch mit Erlaubnis des Verbands zu geben. Einige Spielerinnen traten aus Protest dagegen zurück oder weigerten sich, den Kontrakt zu unterzeichnen – so auch Kapitänin Mobarez. Ihre Zukunft als Nationalspielerin ist nun ebenfalls ungewiss. Andere haben den Vertrag im Netz öffentlich gemacht. »Ich weiß, dass meine Stimme das System verändern kann«, sagte Popal kürzlich. Die Veränderung wird ihre Stimme brauchen. Es ist unwahrscheinlich, dass der afghanische Verband die Gegenwehr der Frauen einfach so hinnimmt.

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