»Exoterik«, das neue Album von der Band Die Türen

Tag der offenen Tür

Auf ihrem fast zweistündigen Krautrock-Album »Exoterik« erheben Die Türen Einspruch gegen eigene Ängste und soziale Unterschiede.

Während Esoteriker vermeintlich geheimes Wissen suchen oder dieses zu pflegen ­vorgeben, wendet sich der Exoteriker nicht von der Welt ab, sondern ihr zu und möchte sein Wissen teilen und es nicht auf einen kleinen, privilegierten Kreis beschränken. Maurice Summen ist ein solcher Exoteriker. Als er 2003 mit Gunther Osburg in Berlin das Musiklabel Staatsakt gründete, machte er es sich nebenbei zur Aufgabe, nicht nur seine ­eigene Band Die Türen, sondern auch andere, vor allem deutschsprachige Bands einem möglichst großen Zuhörerkreis nahezubringen.

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Soundtechnisch haben sich Die Türen für ihr fünftes Album, das ganz programmatisch »Exoterik« heißt, am Krautrock mit all seinen sphärischen und perkussiven Elementen orientiert, die auch in die spirituell-hippieske New-Age-Kultur Eingang fanden. Die Platte – genau ­genommen erscheint sie als Triple-LP – würde auch einen guten Soundtrack für ein sektenartiges Happening in einer abgeschotteten Kommune abgeben. Die Sekte bleibt lieber unter sich, von ihrer Party aber möchten Die Türen niemanden ausschließen, außer Spaßverderber wie Miethaie, Angstmacher und Faschisten.

Die Texte auf dem neuen Album sind alles andere als weltabgewandt: Sie bestehen aus absurden Gegenwartsbeobachtungen und verdichteten Visionen der Gegenwehr. In der ersten Single »Miete Strom Gas« beschränkt sich Sänger Maurice Summen, der ohnehin über ein großes Talent für präzise Slogans verfügt, auf eben diese drei Begriffe, die den Alltag von immer mehr Menschen hierzulande negativ prägen, zumindest in den Großstädten. Wenn man Monat für Monat nur noch irgendwie dafür sorgen muss, die Kosten für Miete, Gas und Strom aufzubringen – was ist das für ein Leben? Die Türen verwandeln diese triste Begriffsreihung in eine Parole gegen den existentiellen Zwang, den diese drei Worte beschreiben; musikalisch umgesetzt als ein repetitiver, treibender Rocksong, mit voller Absicht roh produziert, als handele es sich um den Live-Mitschnitt von einer Protestkund­gebung, zugleich mit Halleffekten angereichert, wie sie bei alten Dub-Aufnahmen zu finden sind.

Der auf dem Album direkt anschließende Song ist hingegen so wenig tanzbar wie die Zustände, die er mit unruhigem Flüstern andeutet: »Nothing’s well / stop the fiesta / antifa, antifa.« Da der Text hier von ­Andreas Spechtl stammt, bekannt auch als Sänger der österreichischen Band Ja, Panik, bezieht sich »Fiesta Antifa« vermutlich nicht nur auf die deutschen Verhältnisse. Eine düstere, angespannte Melodie passt zur Aufforderung, den Aufstieg der Rechten nicht passiv hinzunehmen. Die Produktion des Albums hat Spechtl sich mit dem Bassisten Ramin Bijan geteilt, der beim größeren Teil der 19 Stücke an den Reglern saß. Chris Imler am Schlagzeug vervollständigt das Quintett, denn Osburg ist wieder ­fester Bestandteil der Gruppe, nachdem er 2009 nicht nur bei Staatsakt, sondern auch bei den Türen ausgestiegen war. Währenddessen pausiert Keyboarder Michael Mühlhaus: »Exoterik« hat er nicht mit eingespielt, sei aber nur »beurlaubt«, wie die Band verlautbarte.

Der Mann, der Fußball und die Familie: Es sind sieben Jahre vergangen, seit die Gruppe ihr letztes reguläres Album, schlicht benannt nach dem Alphabet, veröffentlichten. Nach »ABC … XYZ« nahm der stets umtriebige Summen mit seinen Bandkollegen jedoch einige andere Musik­alben auf. Unter dem Namen Der Mann veröffentlichte er 2014 mit den weiteren Gründungsmitgliedern der Türen, seinen Westmünsterländer Jugendfreunden Bijan und Osburg, »Wir sind der Mann«, mit der herrlichen Ballade »Menschen machen Fehler« als Auskopplung. Und mit allerlei Gästen und Mitstreitern (etwa Jens Friebe und Christiane Rösinger) besorgten Die Türen einen Großteil des Soundtracks zum Fußballtheaterstück »Der Spielmacher – Ein Fussical« (2016), bei dem sie auch allesamt auf der Bühne des Berliner Theaters Hebbel am Ufer standen und Rollen übernahmen.

Vor anderthalb Jahren schrieb und produzierte Summen zusammen mit Mühlhaus sein erstes Soloalbum »Bmerica«, für das er eine fulminante Jazzfunkband um sich versammelte. Als Maurice & die Familie Summen kehrte er damit zu seinen Anfängen zurück, als er mit Bijan bei der Münsterländer Funkgruppe Crack Attack spielte, zwischenzeitlich sogar gemeinsam mit dem anderen ehemaligen Münsteraner Pop-Impresario Carsten »Erobique« Meyer. Summens Neigung zum Sprechgesang kommt auf »Bmerica« noch stärker zum Ausdruck als bei seiner Arbeit mit den Türen.

Reime gibt es auf »Exoterik« nur wenige, aber einige Referenzen auf Geistesverwandte aus dem Staatsakt-Netzwerk. Während es im Indie-Klassiker »Das Zelt« von Jeans Team, die inzwischen selbst bei Summens Label veröffentlichen, trotzig heißt »Kein Gott / kein Staat / keine Arbeit /kein Geld – mein Zuhause ist die Welt«, wird daraus bei den Türen die nüchterne Feststellung »Keine Zeit /kein Geld / kein Glück – ich bin eine Krise«. Optimistischer fallen die mantraartigen Gesänge bei »Keine Angst« und der zweiten Single »Information« aus: »Information ist der Unterschied, der soziale Unterschiede macht«, heißt es darin wiederholt, und Summen schließt an: »Gib mir Deine Information!« Es handelt sich um den poppigsten Song des Albums.

Daneben finden sich einige ausufernde Instrumentalstücke, mal dominiert von wabernden Synthesizern und Loops, mal mit stampfendem, ausdauernden Beat und schillernder Gitarre. Bei diesen verspielten Jams und psychedelischen Klang­teppichen scheint vordergründig nicht viel zu passieren, und doch sind sie schön anzuhören, wie sie so nach draußen, ins Freie, ins Offene schlendern. Ungeachtet der persönlichen Krisen und gesellschaftlichen Zustände, die Exoteriker der Türen mögen es lichtdurchflutet und farbenfroh.

 

Die Türen: Exoterik (Staatsakt)