Paula-Irene Villa, Soziologin, im Gespräch über Care-Arbeit in der Geschlechterforschung

»Was als Natur gilt, ist nicht gestaltbar«

»Wir haben eine Care-Krise, weil Care kaum oder skandalös schlecht bezahlt wird«, sagt Paula-Irene Villa, Sozialwissenschaftlerin und Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München, im Gespräch über den Zusammenhang zwischen Fürsorge und Geschlecht.
Interview Von

Derzeit forschen Sie zum Thema Fürsorge. Dabei fällt auch der Begriff »Care-Krise«. Was verstehen Sie ­darunter?
Unter dem Begriff Care verstehe ich die verbindliche Hinwendung zu den Bedürfnissen des Lebendigen, ob Mensch, Tier oder Umwelt. Konkret etwa leibliche Kinder, der Vater mit Kinderwagen an der kaputten Rolltreppe zur U-Bahn, die Vögel im Winter, der kranke Bruder oder man selbst. Die unter den Begriff Care gefassten Tätigkeiten betreffen also einen selbst ebenso wie andere, und sie sind so trivial wie über­lebenswichtig: versorgen, sich zuwenden, kochen, zuhören, putzen und so weiter. Das ist eine sehr lange Liste, die nie abgearbeitet ist. Care umfasst alle unbezahlten wie bezahlten Tätigkeiten des Kümmerns und ist einerseits Quelle von Lebenssinn, Glück, Lust und An­erkennung. Andererseits ist Care auch langwierige Arbeit. Care ist zudem nötig, um einer Erwerbsarbeit nachgehen zu können, also um Geld zu verdienen.

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Ohne Care keine Lohnarbeit. Care ist bedingt rationalisierbar, denn die Bedürfnisse des Lebendigen lassen sich nicht ganz takten, planen, beherrschen. Wenn das Kind Trost braucht, dann unmittelbar. Wenn ich nicht genug schlafe, streikt irgendwann der Körper.

»Im Bereich der bezahlten Care-Arbeit haben wir es auch mit einem ethnisierten Arbeitsmarkt zu tun. In diesem Bereich arbeiten überdurchschnittlich viele Migrantinnen. Die 24-Stunden-Pflegerin aus Osteuropa ist nicht nur ein stereotypes Klischee, sondern Teil der empirischen Realität von Care-Arbeit hierzulande.«

Ohne Care geht also nichts?
In der Tat – und darum haben wir eine Care-Krise. Weil Care kaum oder skandalös schlecht bezahlt wird und nicht gesellschaftlich angemessen organisiert ist, weil es keinen vorgesehenen Ort für sie gibt, weil sie bislang Privat­sache war. Die Care-Krise ist unmittelbarer Alltag: die verzweifelte Suche nach einem Krippenplatz in Ballungsgebieten, die Zustände in Pflegeheimen, die chronische Erschöpfung von

Alleinerziehenden und deren Armutsrisiko, der Personalmangel im Pflege­bereich. Dies sind alles Symptome des strukturellen Problems, dass die Erwerbstätigkeit parasitär von Care-Arbeit lebt und dass umgekehrt Care derzeit massiv ökonomisiert wird, also Profit abwerfen soll. Zugleich wird diese Krise in Deutschland inzwischen stärker wahrgenommen, hinterfragt und auch politisch thematisiert.

Wo zum Beispiel geschieht das?
Etwa durch die Bundesländer oder durch die Gewerkschaften. »Pflege am Boden« zum Beispiel ist ein unabhängiges Bündnis von Menschen aus Gewerkschaften, Berufsverbänden und der Praxis sowie anderen, die sich seit Jahren für konkrete Verbesserungen und für die politische Adressierung im Bereich der Pflege einsetzen. Da geht es um angemessene Ausbildungen, Entlohnung und mehr, im Sinne menschenwürdiger Pflege. Bei Verdi etwa gibt es inzwischen viele Aktivitäten, um Care stärker zum Thema zu machen. Andere Instrumente wie das Familiengeld in Bayern versuchen, Familien mit Kindern durch monatliche Zahlungen zu entlasten. Manche haben das als Herdprämie verspottet, und da ist ja auch was dran. Aber andererseits zahlt Bayern das monatliche Geld inzwischen auch dann, wenn die Kinder in Einrichtungen betreut werden. Das ist durchaus eine Anerkennung für Hausarbeit und Care, jedoch kein Lohn – wie feministische Positionen schon früh gefordert haben –, sondern ein eher klägliches Taschengeld. Aber immerhin. Letztlich ist das Problem strukturell mit dem Kapitalismus verwoben.

Inwiefern?
Der Care-Arbeit liegt das Modell Frau als Mutter und Hausfrau zugrunde – eine idealtypische elitäre, bürgerliche Sozialfigur aus dem 19. Jahrhundert. Die mit der Hausfrau verbundene Besonderung von Hausarbeit, von Erziehung und Fürsorge als eigene, private Sphäre ist mit der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft überhaupt erst entstanden. Beides hat sich nicht nur gemeinsam entwickelt, sondern auch zugunsten des Kapitalismus gut ineinander gefügt. Die idealtypische Hausfrau bestimmt sich aus der Gebärmutter. Weiblichkeit ist Mütterlichkeit, das ist von Natur a priori gegeben. Die Natur selbst schreibe den Frauen den Beruf als Mutter und Hausfrau vor, sagte Max Planck 1897. Dagegen etwas einzuwenden, ist dann logischerweise widernatürlich. Im Effekt leistet diese Hausfrau-von-Natur-aus-Ideologie eine Immunisierung gegen die spezifisch moderne Idee der selbstgemachten Gesellschaftlichkeit beziehungsweise der selbstgemachten Geschichte, um mit Marx zu sprechen. Was als Natur gilt, ist so nicht gestaltbar, nicht verhandelbar. Das ist empirisch falsch – wirkt aber bis heute nach. In der Realität können sich das heute immer weniger Menschen hierzulande leisten. Das Hausfrauendasein war übrigens auch historisch nicht der weibliche Normalfall, die Erwerbstätigkeit Ende des 19. Jahrhunderts war im Deutschen Reich bei Frauen und Müttern keineswegs niedrig – schließlich haben proletarische Frauen ja in der Produktion oder in der Heimarbeit gearbeitet.

Und wie genau hängt die Sozialfigur der Hausfrau mit der zeitgenössischen Care-Arbeit zusammen?
Mit dieser Naturalisierung ist das Hausfrauen- und Mutterdasein als Schicksal »der Frau« ideologisch fixiert.

Die Tätigkeiten, die damit einhergehen, werden in den bürgerlichen Gesellschaften enorm romantisiert, etwa als Tugendhaftigkeit und Opferbereitschaft. Zugleich werden sie im kapitalistischen Kontext ökonomisch maximal ausgebeutet: sie werden privat ausgeübt und deshalb nicht oder kaum entlohnt. Sie wurden und werden exter­nalisiert, etwa an Migrantinnen. Heutzutage sind alle Berufe, die verbunden sind mit Care, sehr nah gebaut an dieser idealtypischen Figur der Hausfrau. Sie sind historisch auch als deren Verlängerung entstanden. So wurden Berufe wie Krankenschwester oder Erzieherin stark romantisiert, geradezu überhöht, aber eben auch ex­trem ausgebeutet. Prekäre Beschäftigung und schlechte Bezahlung sind auch heute weit verbreitet.

Auf welche Zahlen stützen sich diese Befunde?
Der Frauenanteil in Pflegeberufen liegt bei etwa 88 Prozent in der häuslichen und bei 85 Prozent in der stationären Pflege. Im sogenannten Dritten Sektor, dem gemeinnützigen Teil von Beschäftigung inklusive sozialem Bereich, arbeiten nicht nur überdurchschnittlich viele Frauen, sondern dort ist auch der Anteil prekärer Beschäftigung besonders hoch. 65 Prozent der Frauen arbeiten hier atypisch, deutlich mehr als in anderen Branchen und deutlich mehr als Männer in diesem Sektor. Die Weiterbildungs- und Aufstiegsoptionen sind überdies eingeschränkt. Geringqualifizierte Beschäftigte, Hilfskräfte in sozi­alen Dienstleistungsberufen verdienen etwa 65 Prozent weniger als alle anderen abhängig Beschäftigten in Deutschland. Insgesamt prägt auch in diesem Sektor das »Zuverdienstmodell« – die Frau verdient etwas dazu, aber eigentlich erwirtschaftet der Mann das Familieneinkommen – die Arbeit und deren Entlohnung.

Im Bereich der bezahlten Care-Arbeit haben wir es auch mit einem ethnisierten Arbeitsmarkt zu tun. In diesem Bereich arbeiten überdurchschnittlich viele Migrantinnen. Die 24-Stunden-Pflegerin aus Osteuropa ist nicht nur ein stereotypes Klischee, sondern Teil der empirischen Realität von Care-Arbeit hierzulande.

Wie stellt sich die Vergeschlechtlichung von Care-Arbeit in der Verteilung der Hausarbeit bei Paaren dar?
Neben dem Gender-Pay-Gap wird auch ein Gender-Care-Gap berechnet, etwa im Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung 2017. Dieser gibt, hoch aggregiert, die relative Differenz zwischen Frauen und Männern hinsichtlich der täglich aufgewendeten Zeit für Care an. Diese Lücke ist immens, sie beträgt bei heterosexuellen Paaren mit Kindern über 80 Prozent, insgesamt etwa 52 Prozent.

Das heißt, Frauen übernehmen im Schnitt anderthalb Mal so viel unbezahlte Care-Aufgaben wie Männer, wenn Kinder im Haushalt leben deutlich mehr. Das hat meist gar nicht mit Absichten oder ausdrücklichen Einstellungen der Partner zu tun, sondern mit Habitus einerseits und mit ökonomischen Fakten sowie institutionellen Spurungen andererseits. Spätestens dann, wenn es Kinder gibt, setzt eine in der Forschung so genannte Retraditionalisierung ein. So arbeiten, statistisch gesehen, erwerbstätige Väter nach der Geburt des ersten Kindes sogar mehr, während Mütter ihre Erwerbsarbeit zugunsten unbezahlter Care-Tätigkeiten im Privaten deutlich reduzieren – mit den erwartbar negativen Konsequenzen hinsichtlich der Rente oder einer eventuellen Scheidung Jahre später. Akademische Milieus sind bemerkenswerterweise häufig besonders blind für die eigene Praxis – weil man es ja angeblich so viel besser weiß als die anderen.

Wie genau rationalisieren Männer und Frauen diese Ungleichheit?
Formal hochgebildete, gut situierte Paare betreiben einen ziemlichen rhetorischen Aufwand, um zu begründen, dass ihre interne Arbeitsteilung zwar ungleich wirke, es aber eigentlich gar nicht sei. Sie formulieren, zumindest in einschlägigen Studien, ziemlich eloquent das gemeinsame Paar- und Familien-Narrativ, das im Kern sagt: Wir haben das ganz autonom und individuell für uns so entschieden, wir verwirklichen uns in Familie und Beruf selbst. Das hat also alles mit Geschlecht oder der Gesellschaft nichts zu tun, und daher ist es auch nicht ungleich. Bei nichtakademischen Paaren stellt sich das anders da: In anderen Milieus und Schichten sind Frauen eher mehr, wenn auch vielfach prekär, erwerbstätig. Dort wird mit Geschlechterrollen pragmatisch umgegangen, ungleiche Belastungen werden auch durchaus so benannt.

Im ihrem Forschungsverbund »For Gender Care« reicht die Bandbreite der Projekte von historischen Arbeiten zu weiblich konnotierter Sozialarbeit über Paardynamiken bis hin zu philosophischer Forschung zu Care. Vieles davon hat auch eine materialistische Dimension. Wie passt das zusammen mit dem Bild von den Gender Studies als akademischem Ort für Kulturrelativismus und Identitätspolitik?
Nicht so gut. Wie generell ja die Behauptungen bizarr sind, Gender Studies seien Identitätsgedöns, Jammerstudien oder realitätsfernes Metapherngeklimper. Es hat in den Gender Studies immer schon eine Beschäftigung mit allen Sphären des sozialen und natürlichen Seins gegeben, ebenso mit dem kulturellen, medialen, auch identitätsrelevanten Schein. Ungleichheit und Anerkennung, materielle Bedingungen und diskursive Konstitution, alltägliche Praxis und historische Dynamiken, Körper und Politik, Privates und Öffentliches, Sprache und Materialitäten – in der Kombination dieser angeblich getrennten Sphären liegt eine der großen Stärken geschlechterwissenschaft­licher Forschung. Das gelingt nicht immer ideal. Aber das Gender-Studies-Bashing ödet mich an.