Éduard Louis’ Roman »Wer hat meinen Vater umgebracht«

Ein Sittenbild aus der Provinz von heute

Édouard Louis’ neues Buch wird als Manifest der »Gelbwesten«-Bewegung gehandelt.

2016 war das Jahr, in dem die deutsche Linke lernen musste, einen französischen Namen korrekt auszusprechen. Phonetisch war von »Diddi Eribo« über »Dirdir Eribonn« bis hin zu »Dedir Eribong« jede mögliche Variante einer falschen Aussprache des Namens Didier Eribon dabei. Sein Buch »Rückkehr nach Reims«, das erst sieben Jahre nach der Erstveröffentlichung in Frankreich auf Deutsch erschien, musste man einfach ge­lesen haben. Eribon, der darin versuchte zu erklären, wieso seine einstmals linken Arbeitereltern plötzlich den Front National wählten, schien in Deutschland nicht nur wegen der AfD soviel Resonanz zu finden, sondern er kleisterte auch eine Leerstelle zu, die deutsche Linke nur zu lange offengelassen hatten: Die Klassenfrage. Diese firmierte einzig unter dem Label »Klassismus«, ein Begriff, der statt für Gesellschaftskritik nur für Diskursgequatsche gut ist. Worauf in den Feuilletons und Diskussionen verhältnismäßig wenig eingegangen wurde, waren Eribons soziologisch-autobiographische Schilderungen über sein schwules Leben in der Provinz, die eben nicht so glanzvoll daherkommen wie so manche queere Empowerment-Geschichte.

In gewissem Sinne ist das Buch eine Revision seines ersten Romans »Das Ende von Eddy«, in dem der Vater versucht, seine Vorstellung eines »echten Kerls« auf seinen Sohn zu übertragen, bis dieser eben seinen Namen Eddy ablegt und zu Édouard wird. Dass diese Männlichkeit seines Vaters brüchig ist (was nicht sonderlich überrascht), wird zum Thema im neuen Buch.

Was Eribon theoretisch versuchte, das machte sein Soziologie-Schüler Édouard Louis vollständig autobiographisch: In seinem 2014 in Frankreich erschienenen Debütroman »Das Ende von Eddy« schilderte er homophobe Begebenheiten in einem nordfranzösischen Dorf, in seinem neuen Buch »Wer hat meinen Vater umgebracht« schreibt er über seinen mittellosen Vater, der in der Provinz lebt.

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Anfang Dezember 2018, da gingen die sogenannten Gelbwesten in Frankreich gerade einmal seit zwei Wochen auf die Straße, veröffentlichte Édouard Louis einen Text mit dem Titel »Wer sie beleidigt, beleidigt meinen Vater«. Das Bild, dass er dort von den Protestierenden zeichnet, ist dystopisch: »Auf den Fotos zu den vielen Artikeln sah man Körper, die im medialen und öffentlichen Raum fast immer unsichtbar bleiben.

Leidende Körper. Körper, die von der Müdigkeit und der Arbeit, vom Hunger, von der andauernden Demütigung durch die Herrschenden verwüstet sind, die gezeichnet sind von räumlicher und sozialer Ausgrenzung. Ich blickte in ausgemergelte Gesichter, sah gebeugte, gebrochene Menschen, schaute auf erschöpfte Hände.« Dass er selber noch ein paar Jahren zuvor in seinem ersten Roman seine Verwandtschaft als fettleibig beschrieben hatte und dies ganz ­offensichtlich im Widerspruch zu ausgemergelten Gesichtern steht – geschenkt. Dass er aber den Beleidigern respektive Kritikern der Gelbwesten in bester Betroffenheitsmanier vorwirft, damit zugleich seinen Vater zu beleidigen, ist ein Kniff, um über die komplizierten und problematischen Implikationen von sozialen Bewegungen nicht sprechen zu müssen.

Denen, die schon früh auf die rassistischen und homophoben Vorfälle bei den Gelbwesten aufmerksam machten, widerspricht Louis in der Sache zwar nicht, wirft jenen aber wiederum vor, sich doch eigentlich selbst gar nicht um diese Themen zu sorgen, sondern die rassistischen und homophoben Vorfälle nur als Begründung zu nutzen, um die neue Bewegung zu diskreditieren. Vom Antisemitismus sprach er gar nicht erst, obwohl auch dieser schon längst zu erkennen war. Als im Feb­ruar der Philosoph Alain Finkielkraut in Paris auf offener Straße beleidigt wurde (»Faschist«, »Geh dahin, wo du herkommst: nach Israel«) und die tatsächlichen Beleidiger, nämlich die Gelbwesten am Rande einer Demonstration, dabei an ihrer Gesinnung keinen Zweifel ließen (»Frankreich gehört uns«, »Du bist ein Hasser, du wirst sterben«, »Wir sind das Volk«), folgerte der frühe Unterstützer der Gelbwesten-Bewegung, Finkielkraut, daraus im Interview mit der Zeit: »Wir erleben einen anderen Antisemitismus, der umso gefährlicher ist, weil er sich nicht anklagen lässt. Denn er kommt im Namen der Unterdrückten, der Entrechteten und der leidenden Menschheit daher.« Das sind eben die Menschen, die Édouard Louis implizit vor Kritik schützen will, Salafisten inklusive. Aber ein Anliegen zu unterstützen – und gegen das Abwälzen der Kosten für die »Energiewende« auf den ärmeren Teil der Bevölkerung zu sein, ist ein sehr wichtiges Anliegen –, muss eben nicht damit einhergehen, die Träger dieser Bewegung in ihrer Gesamtheit in Schutz zu nehmen.

Louis’ offener Brief über die Gelbwesten war ganz nebenbei hervorragendes Marketing für sein neues Buch.

Zu welche Textgattung »Wer hat meinen Vater umgebracht« gehört, ist schwer zu sagen; manche sprachen auch hier von einem offenen Brief. Louis selbst macht auf den ersten Seiten zumindest klar, dass das, was er aufgeschrieben hat, »nicht den Erfordernissen der Literatur folgt, sondern denen der Notwendigkeit«. Mit vorangestellten Jahreszahlen erzählt er Geschichten über seinen Vater, ein Anekdotenbüchlein, wenn man so will. Sein Vater, ein ungelernter Arbeiter im Norden Frankreichs, unterliegt ständig seinem »Männlichkeitswahn«, wie Louis es nennt. Er macht keine Ausbildung, verbietet seinem Sohn zu weinen, macht sich über ihn vor Freunden lustig. In gewissem Sinne ist das Buch eine Revision seines ersten Romans »Das Ende von Eddy«, in dem der Vater versucht, seine Vorstellung eines »echten Kerls« auf seinen Sohn zu übertragen, bis dieser eben seinen Namen Eddy ablegt und zu Édouard wird. Dass diese Männlichkeit seines Vaters brüchig ist (was nicht sonderlich überrascht), wird zum Thema im neuen Buch: Louis beschreibt, wie er Fotos seines Vaters findet, auf denen er als Frau verkleidet ist, lässt sich von seiner Mutter erzählen, dass der Vater gerne tanzte. Rührseligkeit stellt sich ein, die bei Louis dazu führt, das inakzeptable Verhalten seines Vaters mit pseudosoziologischen Erklärunen zu relativieren: »Die Männlichkeit hat dich zur Armut verdammt, zum Geldmangel. Hass auf Homosexualität = Armut.« Mit diesen Worten versucht er, die Ablehnung seines Vaters, eine Ausbildung zu machen, nicht ihm und seiner ätzenden Vorstellung von männlicher Durchsetzungskraft zur Last zu legen, sondern die Welt an sich dafür verantwortlich zu machen, dass sein Vater reaktionär denke pflegt und sich damit selbst im Weg steht. Homophobie ist erst einmal ein Problem für Homosexuelle, die angegriffen werden und unter dem Homophoben leiden müssen, kein Problem des Homophoben selbst. Louis’ Mutter, die ihren Vater irgendwann verlässt und zum ersten Mal in die Stadt zieht, sich also im klassischen Sinne emanzipiert, kriegt dafür ihr Fett weg: sie sei »ein ganz anderer Mensch als vorher«, wird kursiv hervorgehoben, und in leicht anklagendem Ton wird ihr vorgeworfen, von da an den Satz »Ah, die Mentalität dieser Landeier« im Munde zu führen. Hätte Louis doch das Manifest der Kommunistischen Partei gelesen, wonach nämlich seine Mutter dem »Idiotismus des Landlebens« entrissen wurde, ein laut Marx und Engels wichtiger Schritt zur Durchsetzung der Zivilisation und nebenbei bemerkt ein wichtiger Schritt für das individuelle Glück eines jeden Einzelnen, nämlich sich aus Verhältnissen zu befreien, in denen der Verlauf des ganzen Lebens von vornherein schon feststeht. Louis hat es selbst getan, ist nach Paris gezogen und hat dort studiert, aber jeder Zeile seines Buches merkt man an, dass er sich insgeheim dafür schämt. Um diese Scham zu bewältigen, tut er das, was schon Eribon von einem Rezensenten in der NZZ vorgeworfen wurde: er betreibt eine »pessimistische Idealisierung« des Lebens auf dem Land.

Louis’ »Herrschaftskritik« gegen Ende des Buches ist dann lediglich eine, die sich zwar völlig zu Recht gegen die tatsächlich Herrschenden richtet, das Prinzip selbst aber unangetastet lässt. Sein Vater hat im Jahr 2000 während der Arbeit in der Fabrik einen Unfall und ist von da an körperlich stark eingeschränkt und von Sozialhilfe abhängig. Louis zählt alle Staatspräsidenten Frankreichs seit 1995 auf und legt kurz dar, welche Gesetzesänderungen, die von ihnen ausgingen, negative Auswirkungen auf das Leben seines Vaters hatten.

Von Jaques Chirac über Nicolas Sarkozy und François Hollande bis zum derzeitigen Amtsinhaber Emmanuel Macron: Medikamente werden nicht mehr erstattet, die Sozialhilfe zwingt einen in schwerste und unterbezahlte Arbeit, wird dann unter Macron noch um fünf Euro gekürzt. Dass sich erst während Macrons Amtszeit die Wut Bahn gebrochen hat – immerhin haben die letzten vier Präsidenten der Republik Sozialabbau betrieben –, scheint aber nicht nur mit seiner tatsächlich arroganten Art und seinen Reformen zusammenzuhängen: das Geraune über seine angebliche Homosexualität (die sich auch in Memes von ihm zeigte, in denen er als Marie Antoinette dargestellt wurde) und auch seine Tätigkeit für die Rothschild-Bank waren oft Thema bei den Gelbwesten. Das Ressentiment hat hier also die Wut mit zum Ausbruch gebracht.

Dass das Schicksal von Louis’ Vater aber in der Fabrik seinen Anfang nahm, das ist seinem Sohn keinen einzigen populistischen Satz wert. Der Fabrikbesitzer kommt ungeschoren davon und in dem knapp 80seitigen Text kommt das Wort Kapitalismus kein einziges Mal vor. So musterschülerhaft, wie das Buch geschrieben ist, geht es kaum darüber hinaus, den Voyeurismus eines bildungsbürgerlichen Publikums zu bedienen.
»Diese Bewegung muss weitergehen«, schrieb Louis am Ende seines Textes im Dezember, »weil sie etwas Richtiges, Dringendes, Radikales verkörpert.« Bewegungen, so könnte man ihm antworten, müssen weitergehen, weil sie das Richtige wollen, nicht, weil sie es verkörpern. Die Gelbwesten sind in einer Zeit, in der Repräsentationsfragen so wichtig sind, eben nur so lange ein gelb reflektierender Ausdruck einer Krise, bis sie selbst Teil dieser werden. Eine Bewegung, die sich um Debatten zur Europawahl, Forderungen nach Steuererleichterungen und Prügeleien zwischen Linken und Rechten dreht, ist das Gegenteil von dem, was Louis’ übrigens nicht verstorbener Vater am Ende des Buches seinem Sohn sagt: »Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.«

 

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater ­umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Fischer, Frankfurt am Main 2019, 80 Seiten, 16 Euro