Nedjib Sidi Moussa, Historiker und Autor, über die Revolte in Algerien

»Kampfgeist und Enthusiasmus«

Der Historiker Nedjib Sidi Moussa im Gespräch über die Massenprosteste in Algerien, den Einfluss der Islamisten und antifeministische Reflexe der Linken.
Interview Von

Sie waren kürzlich in Algier. Wie sieht die politische Lage dort aus?
Ich bin nach Algerien gefahren, um mit Freunden diesen historischen Moment zu erleben. Es gab viele Diskussionen, ich war auf der großen Demonstration am Freitag, aber auch auf anderen Demonstrationen unter der Woche. Es war eine außergewöhnliche Atmosphäre. Als ich im Jahr zuvor dort war, waren die Leute demoralisiert, insbesondere die Linken, die Intellektuellen, die Künstler. Nun herrschte eine Stimmung voller Kampfgeist und Enthusiasmus, es war eine wahre Freude, das zu sehen.

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Ein Hauch von Freiheit?
Ja, genau. Im Vergleich zum Jahr vorher gibt es eine große Veränderung. Die Leute diskutieren viel über Politik, in jedem Sinne, manchmal sehr staatsbürgerlich (citoyenniste), ohne das abwerten zu wollen, insbesondere über die repräsentative Demokratie.

Wer sind derzeit die Kräfte der gesellschaftlichen Emanzipation?
Zunächst die Jugend, und insbesondere die studentische Jugend, die jeden Dienstag auf die Straße geht. Vorige Woche hat die Polizei Wasserwerfer und auch eine Schallkanone gegen sie eingesetzt.
An den Universitäten gibt es bereits Formen der Selbstorganisation. An der Fakultät von Constantine, der drittgrößten Stadt Algeriens, gab es gemeinsame Vollversammlungen von Studierenden, Verwaltungspersonal und Lehrenden. Bei den Aktivsten, unter anderem Trotzkisten, existiert eine studentische Koordination, die alles, was sich bewegt, koordinieren soll; aber das ist noch ziemlich embryonal. Die letzte große studentische Bewegung in Algerien gab es 2011, bis 2019 folgte nichts nach. Viele Traditionen der Selbstorganisation auf dem Campus sind verlorengegangen.
Ein weiteres dynamisches Element bei den Jugendlichen sind die Fußballfans, meistens Typen, gewohnt an Konfrontationen mit der Polizei. Sie sind radikaler, wenn es darum geht, etwas anzupacken.
Lohnabhängige aller möglichen Ka­tegorien sieht man auch auf der Straße, Staatsangestellte, Personal aus dem Gesundheitssektor, Lehrer, Beschäftigte der Justiz, aber auch Anwälte und andere aus der Intelligentsia.

Wie sieht es mit Streiks aus?
Es gab einige Aufrufe, insbesondere zum Generalstreik, aber das war marginal und eher konfus; man hatte hier schon lange keinen mehr. Am Donnerstag voriger Woche hat die Confédération des syndicats algériens, ein nicht anerkannter Zusammenschluss autonomer Gewerkschaften, zum Streik im öffent­lichen Dienst aufgerufen; man muss abwarten, was sich ­daraus entwickelt.

Welche Rolle spielt die UGTA, die frühere Einheitsgewerkschaft, bei den Protesten?
Seit einiger Zeit gibt es innerhalb der UGTA Proteste gegen den Generalsekretär Abdelmadjid Sidi Saïd, ein Gewerkschaftsbürokrat par excellence, der die Kampagne für ein fünftes Mandat von Präsident Abdelaziz Bouteflika unterstützt hatte. Als die Protestbewegung das verhinderte, hat er sich sofort auf die Seite der Armee und des Generalstabs gestellt. Nun gibt es an der Basis der UGTA eine Protestbewegung von eher kämpferischen Sektionen, die einen außerordentlichen Kongress des Gewerkschaftsverbands fordern, um gegen die Politik des bürokratischen Apparats vorzugehen. In den letzten Tagen kam es auch zu Zusammenstößen vor dem nationalen Sitz der UGTA in Algier; demonstrierende Gewerkschafter wurden dort von Leuten mit Ketten und Messern attackiert, in der Woche darauf wurden diese Protestierenden von der Polizei angegriffen.

Es heißt, es seien viele Frauen auf den Demonstrationen.
Ihre große Beteiligung an den Freitagsdemonstrationen ist beeindruckend und sie sind sehr präsent bei den studentischen Protesten. Aber man muss präzisieren: Es gab auf der Freitagsdemonstration vom 29. März einen Angriff auf einen feministischen Block.
Während Frauen bei den Demonstrationen im Allgemeinen wohlwollend akzeptiert werden, sind Feministinnen nicht unbedingt gut angesehen. Es gibt ein antifeministisches und machistisches Gefühl, das in der Gesellschaft präsent ist, und das findet sich auch auf den Demonstrationen. Es gab Grapschereien und Übergriffe, man muss nicht übertreiben, aber das findet statt, auch auf der großen Demonstration am 8. März, am Frauentag, kam es vor. Aus taktischen Gründen haben die Feministinnen es vorgezogen, nicht groß darüber zu reden, um nicht beschuldigt zu werden, die Bewegung zu spalten oder in ein schlechtes Licht zu rücken, und damit Ehegatten oder Brüder die Frauen nicht daran hindern zu ­demonstrieren. Diese Frage ist in Algerien sehr heikel, auch im linken Milieu.

Steht das im Zusammenhang mit der Frage der Religion?
Die Feministinnen werden von einigen Konservativen und Machisten beschuldigt, gegen den Islam zu sein, die algerischen Werte nicht zu respektieren et cetera. Das sind nichtssagende Argumente, die schon lange gegen die feministische Bewegung vorgebracht werden.

Wie verhalten sich die Islamisten?
Praktisch ganz Algerien ist auf der Straße, also auch die Islamisten. Sie haben in den vergangenen Jahren den kulturellen Kampf gewonnen und offensichtlich das Bewusstsein vieler ­Algerier geformt, aber ihr politisches Projekt wird nicht mehr als Alternative zum Regime gesehen. Das Regime hat im Gegenzug seine Sprache und seine Politik weitgehend islamisiert. Die Is­lamisten sind also da, aber sie sind in der Minderheit. In den vergangenen Jahren haben einige Islamisten hochrangige politische Positionen ausgefüllt, auch Ministerposten. Sie erschienen daher als Politiker wie alle anderen auch, auf der Seite der Macht und des Geldes.
Auch wenn es meiner Meinung nach keine islamistische Bedrohung als solche gibt, als klares politisches Projekt, das eine Alternative zum Regime darstellt, besteht die Gefahr, dass die Islamisten, wenn die Bewegung abflaut, wenn Repression einsetzt und Ressentiments entstehen, diese Ressentiments einfangen und ausnutzen. Das ist eine Möglichkeit. Mir scheint, die Leute, die heute auf die Straße gehen, wollen nicht unbedingt den Laizismus, aber jedenfalls keinen konfessionel­leren Staat.

Vorige Woche hat Generalstabschef Ahmed Gaid Salah einen Teil der Demonstranten beschuldigt, von ausländischen Kräften manipuliert zu sein, die das Land destabilisieren und Zwietracht unter den »Kindern das Volkes« säen wollten. Hat er von der berühmt-berüchtigten »Fitna« gesprochen, also einen religiös konnotierten Begriff benutzt?
Ja. Diese Beschuldigung ist klassisch, es ist eine Rhetorik, die schon immer eingesetzt wurde. Oppositionelle, insbesondere die linken, wurden immer als ausländische Agenten und potentiell vom Ausland manipuliert charakterisiert. Insofern greift Generalstabschef Gaid Salah nur das auf, was immer gesagt wurde. Aber nach allem, was ich in Algier gesehen habe, lehnen die Demonstrierenden jede Form der Einmischung ab. Sie haben die Erklärungen von Macron und der französischen Regierung zurückgewiesen, ebenso die russischen und chinesischen Erklärungen sowie die der arabischen Regime, die alle in den höchsten Tönen die »Stabilität« priesen.

Trotz der Ankündigung eines 90tägigen Übergangsprozesses durch die Armee gab es am Freitag voriger Woche erneut eine riesengroße ­Demonstration in Algier; die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein, Jugendliche warfen Steine. Ändert sich das Verhältnis zur Polizei?
Seit dieser Demonstration lassen sich jedenfalls weniger Slogans vernehmen, die zur Fraternisierung mit der Polizei aufrufen. Zumal bekannt geworden ist, dass am Samstag vier Aktivistinnen in Algier festgenommen wurden und sich auf dem Polizeirevier ausziehen mussten. Viele sind darüber empört.

Was steht nun politisch auf dem Spiel?
Bouteflika ist zurückgetreten und die Armee tritt für einen Übergangsprozess »im Rahmen der Verfassung« ein, der aber im Wesentlichen antidemokratisch und dessen Pate die Armee ist. Einige »Demokraten« haben an die Armee appelliert, sie solle der »Garant« des Übergangsprozesses sein. Das ist in meiner Sicht ein schwerer politischer Fehler. Man sollte der Armee keine politische Rolle einräumen. Andere Oppositionelle, eher linke, haben gesagt, die Armee solle an ihrem Platz und in den Kasernen bleiben. Oft treten sie dafür ein, eine Übergangsregierung mit »nationalen« Persönlichkeiten zu bilden und dann eine verfassunggebende Versammlung einzurichten – ein Szenario ähnlich dem in Tunesien (nach dem Sturz Ben Alis 2011, Anm. d. Red.). Extreme Linke treten, wie gesagt, für die Selbstorgani­sation ein, aber das ist ein Schlagwort und gerade eher abstrakt.

Gibt es auch eine radikalere Kritik, etwa angelehnt an die der Situationisten?
Nein. Die extreme Linke, die die Gesellschaftskritik trägt, ist seit Jahren auf dem Rückzug, wegen der Repression, der Demoralisierung und so weiter. Es gibt neue Gruppen und Kollektive, die sich aus den Diskussionen der vergangenen Wochen gebildet haben, aber nach meiner Kenntnis sind sie eher marxistisch-leninistisch oder trotzkistisch beeinflusst und kaum libertär oder marxistisch-unorthodox. Grundsätzlich ist die Linke in Algerien eher autoritär geprägt, nicht zuletzt vom Stalinismus.

Wie wird das Verhältnis zum sogenannten arabischen Frühling diskutiert?
2011 gab es in Algerien eine starke Propaganda des Regimes gegen den »ara­bischen Frühling«. Es warnte zunächst vor einem Rückfall in die neunziger Jahre, in die Zeit des algerischen Bürgerkriegs. Später spielte es, angesichts weitverbreiteter Ablehnung einer Einmischung, mit der Angst vor einer westlichen Intervention in Algerien zur Destabilisierung des Landes. Muammar al-Gaddafi, der in Algerien nicht sonderlich gut angesehen war, wurde für einige sogar zum Märtyrer. Auch vor diesem Hintergrund muss man die Einstellung der Leute in Algerien be­urteilen. Der »arabische Frühling« wird somit im Wesentlichen mit negativen Szenarien in Verbindung gebracht, insbesondere Libyen und Syrien dienen derzeit als Schreckgespenster.
Als ich in Algier war, gab es auch Diskussionen zwischen tunesischen und algerischen Aktivisten; ich hoffe, dass sie einige Lehren aus dem ziehen, was in Tunesien und Ägypten geschehen ist. Die Algerier und Algerierinnen sind also keineswegs blind für das, was in der Region vor sich geht. Im Übrigen nennen sie die derzeitige Bewegung Hirak, das ist dasselbe Wort, das für die Massenproteste im Rif in Marokko verwendet wurde.

Gab es in Algier auch Diskussionen über die Massenproteste im Sudan gegen den Diktator Omar al-Bashir?
Nur sehr wenige. Das ist ein bisschen paradox. Es muss nicht unbedingt repräsentativ sein, aber ich habe in Algier mehr Diskussionen über die »Gelben Westen« in Frankreich geführt als über die sudanesische Bewegung. Ich hoffe, dass sich das nun, nach dem Sturz Bashirs, ändern wird. Es gibt ja auch ­interessante politische Parallelen zwischen Algerien und dem Sudan.

Nedjib Sidi Moussa ist Politologe und Autor. Unter dem Titel »Wie Muslime erzeugt werden« erschien von ihm im vorigen Jahr in deutscher Übersetzung ein Essay über die Konfessionalisierung und »Rassialisierung« der sozialen Frage. Im März wurde in Frankreich sein Buch »Algérie, une autre histoire de l’indépendance« (Algerien, eine andere Geschichte der Unabhängigkeit) über die »revolutionären Laufbahnen der Parteigänger von Messali Hadj« veröffentlicht. Nedjib Sidi Moussas Blog findet sich unter sinedjib.com.